Posterbeiträge zur Jahrestagung der deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie (09/2021)

  • J. L. Delfs1, B. Kahl-Nieke1, T. Köhne2

    1 Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Poliklinik für Kieferorthopädie
    2 Universitätsklinikum Leipzig, Poliklinik für Kieferorthopädie

    Einleitung: Durch 3D-Druck und Tiefziehtechnik lassen sich heutzutage Alignerbehandlungen mit Attachments selbstständig durchführen. Von besonderer Bedeutung für die Effektivität dieser selbsthergestellten (Do-It-Yourself) Aligner ist die Planungssoftware, die den Kieferorthopäden bei der Planung der Schienenanzahl (Staging) und der Attachments unterstützt. Ziel dieser Studie war es, die Effektivität von Alignerbehandlungen nachzuuntersuchen, die mit der Software SureSmile® (Dentsply Sirona) geplant wurden.

    Material und Methoden: Es wurden 21 Kiefer von 14 Patienten nachuntersucht, bei denen eine Behandlung mittels SureSmile® durchgeführt wurde. Das digitale Set-up wurde an Hand eines intraoralen Scans durch eine Fachzahnärztin erstellt. Mittels SureSmile® wurden das Staging und die Attachmentspositionierung berechnet. Die ausgedruckten Modelle (Form 2, Formlabs) wurden für die Herstellung von Tiefziehschienen (EssixAce, Dentsply Sirona) verwendet. Nach Abschluss der Behandlung wurden die posttherapeutischen Scans mit den Set-ups überlagert, um die Effektivität der Behandlung zu analysieren (Onyxceph3TM). Um ausschließlich klinisch relevante Bewegungen zu berücksichtigen, wurden Bewegungen von > 0,3mm bzw. > 5° analysiert.

    Ergebnisse: Insgesamt wurden geringe Frontzahnbewegungen durchgeführt. Oro-vestibuläre Bewegungen konnten am effektivsten umgesetzt werden (100,93 ± 63,86%) während Mesial-/Distal-Bewegung (68,16 ± 29,94%), Rotation (43,81 ± 33,29%) und Mesial-/Distal-Angulationen (43,81 ± 33,29%) eine geringere Effizienz aufwiesen. Die geringste Effizienz zeigte die Intrusion/Extrusion (51,12 ± 76,32%). Zwischen Ober- und Unterkiefer konnten bzgl. der Effizienz keine signifikanten Unterschiede beobachtet werden.

    Schlussfolgerung: Do-it-yourself-Aligner sind eine interessante Alternative für die Durchführung einfacher Alignertherapien. Es sind weitere Studien notwendig, um die Effektivität der zu Verfügung stehenden Planungssoftware vergleichend zu untersuchen.

  • Leonie Berger, Vera Fuhrmann

    Poliklinik für Kieferorthopädie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

    Ziel: Die juvenile idiopathische Arthritis (JIA) ist eine chronische Gelenkentzündung, die vor dem 16. Lebensjahr beginnt und mindestens sechs Wochen andauert. In der Literatur variiert die Beteiligung des Kiefergelenks zwischen 17% und 87%. Durch Beeinflussung des kondylären Wachstums können milde bis schwerwiegende Skelett- bzw. Gesichtsasymmetrien verursacht werden, wie z.B. eine Kinnabweichung. Ziel dieser Studie ist, die Prävalenz von Destruktionen und Skelettasymmetrien im Kiefergelenk bei Kindern und Jugendlichen mit JIA mit der Häufigkeit bei einer Kontrollgruppe ohne JIA zu vergleichen.

    Material und Methode: Die Studiengruppe umfasste 57 Kinder und Jugendliche im Alter von 5 bis 17 Jahren mit diagnostizierter JIA, die sich im Rahmen der Rheumasprechstunde in der Poliklinik für Kieferorthopädie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) vorstellten. Die Panoramaröntgenschichtaufnahme (PSA), die im Rahmen der Erstvorstellung bei dysfunktionellen Hinweisen in der Funktionsanalyse angefertigt wurde, wurde als Untersuchungsgrundlage verwendet. Für die Kontrollgruppe wurden die PSA alters- und geschlechtsgleicher Kinder und Jugendlicher der Poliklinik für Kieferorthopädie des UKE zugrunde gelegt. Zur Auswertung der Kondylusveränderungen diente die morphologische Einteilung nach Schweregrad 0-3 der Destruktion; Die Rheumapatienten und die Kontrollgruppe wurden in Bezug auf die Schweregrade mit Hilfe eines Chi-Quadrat- bzw. Fisher-Tests miteinander verglichen. Dabei galt eine Abweichung als signifikant, wenn die Irrtumswahrscheinlichkeit (p) < 0,05 betrug. Des Weiteren wurden die Asymmetrien des Unterkiefers mittels des Asymmetrieindex nach Kjellberg ermittelt und gegenübergestellt.

    Ergebnisse: Chi-Quadrat- und Fisher-Test ergaben für die JIA-Patienten eine signifikant stärkere Ausprägung der Destruktion als für die Kontrollgruppe (p<0,001). Innerhalb der Rheumagruppe konnten bei den weiblichen Kindern und Jungendlichen häufiger Destruktionen vom Grad 2 und 3 gefunden werden als bei den männlichen (p=0,052).

    Bei der Auswertung nach Kjellberg ergaben sich keine signifikanten Unterschiede in Bezug auf die Asymmetrien zwischen Rheuma- und Kontrollgruppe.

    Schlussfolgerung: Die juvenile idiopathische Arthritis kann eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Destruktionen im Kiefergelenk spielen, insbesondere bei Mädchen und Teenagerinnen. Der Entdeckung auffälliger OPG-Befunde sollten stets eine interdisziplinäre Diagnostik und Therapieschritte folgen.

  • Kristina Erhardt1, Carmen U. Schmid-Herrmann1, Daniel R. Reißmann2, Bärbel Kahl-Nieke1

    1 Poliklinik für Kieferorthopädie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
    2 Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

    ZIEL: Lippen-Kiefer-Gaumenspalten (LKGS) sind mit einer Inzidenz von 1:500 Geburten die häufigsten angeborenen kraniofazialen Fehlbildungen. Kieferorthopädisch relevante Befunde sind Nichtanlagen, Zahnform- und Strukturanomalien sowie sagittale und transversale Unterentwicklung der Maxilla. Ziel der Studie war zu untersuchen, inwiefern LKGS die mundgesundheitsbezogene Lebensqualität (MLQ) beeinträchtigen und welchen Einfluss intraorale Befunde haben.

    MATERIAL UND METHODE: Insgesamt 37 LKGS-Patienten (8-17 Jahre) wurden konsekutiv in diese Querschnittsstudie einbezogen. Als Kontrollgruppe dienten Daten aus der Allgemeinbevölkerung mit 313 Kindern und Jugendlichen (Sierwald et al. 2016). Die MLQ wurde mittels der 19 Fragen des Child Oral Health Impact Profile (COHIP-19) erfasst, wobei höhere Summenwerte (Bereich: 0-76 Pkt.) weniger Beeinträchtigungen und eine bessere MLQ anzeigen. Außerdem wurden bei den LKGS-Patienten kieferorthopädisch relevante Befunde sowie die Indikation für eine spätere kieferorthopädisch-kieferchirurgische Therapie beurteilt.

    ERGEBNISSE: Insgesamt war die MLQ bei den LKGS-Patienten erheblich beeinträchtigt (53,5 ± 11,7 COHIP-19 Pkt.) und signifikant niedriger als in der Kontrollgruppe (62,0 ± 7,8 COHIP-19 Pkt.; p<0,001). Die Ergebnisse hinsichtlich negativem Overjet, negativem Overbite, Kreuzbissen, Hypodontien, Klasse III-Okklusion, schlechter Mundhygiene und späterer kieferorthopädisch-kieferchirurgischer Therapie deuten auf einen klinisch relevanten negativen Effekt auf die MLQ hin, für eine statistische Signifikanz bedarf es jedoch weiterer Studienteilnehmer. Mikrodontien und Strukturanomalien scheinen keinen Einfluss zu haben.

    SCHLUSSFOLGERUNGEN: LKGS-Patienten haben im Vergleich zu Gleichaltrigen ohne Spalte eine reduzierte MLQ, wobei ein negativer Overjet und Overbite, Hypodontien, Kreuzbisse, Klasse III-Okklusion, schlechte Mundhygiene und spätere OP-Indikation verstärkend auf die Beeinträchtigung zu wirken scheinen.

  • Schmid-Herrmann, Carmen U.1; Mahaini, Luai2; Delfs, Jesper1; Köhne, Till3; Kahl-Nieke, Bärbel1

    1 Poliklinik für Kieferorthopädie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
    2 Kieferorthopädische Praxis ortho effect, Ehingen
    3 Poliklinik für Kieferorthopädie, Universitätsklinikum Leipzig

    Ziel: Neben Headgear, Pendulum und Distalslider stellt die Carriere Motion 3D™ appliance (CMA; ODS GmbH) eine Möglichkeit zur Distalisierung bzw. zur Korrektur einer Klasse II-Okklusion dar. Ziel unserer retrospektiven Studie war es, die 3D-Effekte der CMA durch Überlagerung von digitalen Modellen und Fernröntgenseitenbildern (FRS) zu untersuchen.

    Material und Methode: 16 mit CMA behandelte Patienten wurden retrospektiv untersucht. Hierzu wurden Modelle und FRS von T1 (Befund vor der Therapie) und T2 (Befund nach Entfernung der CMA) verglichen. Die Gipsmodelle wurden mit einem Modellscanner digitalisiert und anhand der Rugae palatinae überlagert, um das Ausmaß der Distalisierung sowie die vertikalen und transversalen Bewegungen der ersten Molaren, Eckzähne und ersten Prämolaren zu beurteilen. Die FRS wurden ausgewertet um skelettale und dentoalveoläre Veränderungen zu evaluieren.

    Ergebnisse: Die Klasse-II-Okklusion wurde bei einer Tragedauer der Apparatur von 11,85 ± 4,70 Monaten um 3,45 ± 2,33 mm korrigiert. Die Modellanalyse ergab eine durchschnittliche Distalisierung der oberen ersten Molaren um 0,96 ± 0,80 mm und der oberen Eckzähne bzw. ersten Prämolaren um 1,06 ± 0,84 mm. Die Eckzähne bzw. ersten Prämolaren wurden gering extrudiert (0,78 ± 0,79 mm). Die Überlagerung der FRS bestätigte eine Distalisierung der oberen ersten Molaren mit Kippung nach distal und zeigte eine Mesialisierung der unteren ersten Molaren um 1,91 ± 1,72 mm. Die CMA führte zu einer geringen Korrektur der Klasse II-Bisslage (ANB: -0,71 ± 0,77°; Wits: -1,99 ± 1,74 mm) und zu einer signifikanten Protrusion der Unterkieferinzisivi (1-GoMe: +2,94 ± 2,52°).

    Schlussfolgerung: Die CMA ist eine effiziente Methode zur Behandlung von Klasse-II-Malokklusionen. Allerdings erfolgt die Klasse-II-Korrektur nur teilweise durch eine Distalisierung der oberen Molaren. Vielmehr müssen bei der Anwendung dieser Apparatur auch die dentoalveolären Nebenwirkungen der Klasse-II-Gummizüge berücksichtigt werden.

Posterbeiträge zum Kongress der European Orthodontic Society (2020, Pandemie bedingte Absage), publiziert in Eur J Orthod 5/2020

  • Nico Maximilian Jandl1, Florian Barvencik1, Till Koehne2, Bärbel Kahl-Nieke2, Carmen Ulrike Schmid2

    1Department of Osteology and Biomechanics
    2Department of Orthodontics, Center for Dental and Oral Medicine
    University Medical Center Hamburg-Eppendorf, Germany

    Aims
    Caries and trauma are typical causes of premature loss of primary teeth. However, hypophosphatasia (HPP) – a metabolic disorder characterized by reduced alkaline phosphatase activity – should not be overlooked as cause, which is illustrated in the following case report.

    Subject and Methods
    A four-year-old patient presented in our department of orthodontics due to a premature loss of primary teeth after early start of dentition and facial asymmetry. The diagnosis of HPP was made at the age of three years based on clinical signs of rickets, short stature, proximal muscle weakness, characteristic laboratory values and was genetically confirmed. Due to bone manifestation and muscular weakness, the patient is being treated with the enzyme replacement Asfotase alfa since nine months. For further investigation, mineralization of two exfoliated primary teeth (one before and one after nine months of Asfotase alfa therapy) was determined by quantitative backscattered electron imaging and compared to healthy control teeth.

    Results
    After the loss of four deciduous teeth at the age of three years, five additional teeth were lost within the next two years. Two of those teeth exfoliated under enzyme replacement therapy. Cement thickness was reduced and pulp area increased in HPP teeth. The HPP tooth before Asfotase alfa therapy showed altered mineralization of the cement and dentin in comparison to the HPP tooth after nine months of Asfotase alfa.

    Conclusion
    Dentists/orthodontists should include HPP as a differential diagnosis of premature tooth loss. One can distinguish between odonto-HPP, only affecting the teeth, and other forms of HPP, namely infantile, childhood or adult HPP. These forms are associated with typical musculoskeletal (e.g. rickets, short stature, muscle pain, weakness) and neuropsychiatric symptoms (e.g. cephalgia, depression). If HPP is suspected, serum alkaline phosphatase activity should be determined and if conspicuous, further clarification in a clinic for bone diseases is recommended. In general, HPP is associated with cement hypoplasia. Asfotase alfa therapy may improve mineralization in dentin and cement.

  • Kristina Erhardt1, Carmen U. Schmid1, Daniel R. Reissmann2, Bärbel Kahl-Nieke1

    1 Department of Orthodontics, University Medical Center Hamburg-Eppendorf, Hamburg, Germany
    2 Department of Prosthetic Dentistry, University Medical Center Hamburg-Eppendorf, Hamburg, Germany

    AIM With an incidence rate of 1:500 births, cleft lip and palate are the most common congenital craniofacial malformations. Negative effects on the orofacial appearance, hearing, articulation and the psychosocial environment are characteristic. Relevant orthodontic ailments include agenesis, tooth shape and structure anomalies as well as sagittal and transversal dysplasia of the maxilla. Aim of this study was to investigate whether cleft lip and palate impacts oral health-related quality of life (OHRQoL), development of speech and orofacial aesthetics in children and adolescents.

    MATERIAL AND METHOD
    36 study participants with cleft lip and palate (7-17 years) completed the 19-item version of the Child Oral Health Impact Profile (COHIP-19) and responded to three questions concerning the development of speech with the same 5-point ordinal response scale of the COHIP-19 ranging from 0 (“almost all of the time”) to 4 (“never”) with higher summary scores indicating less impairments and better OHRQoL. Furthermore, speech quality and upper lip aesthetics were assessed by external raters on a scale ranging from 0 (“considerable limitations”) to 4 (“very good”). Findings of OHRQoL were compared to general population data of 313 children and adolescents (Sierwald et al. 2016).

    RESULTS Overall, OHRQoL was substantially impaired in participants with cleft lip and palate (50.8 ± 11.6 COHIP-19 points) and significantly lower than in the control group (61.8 ± 7.9 COHIP-19 points; p<0.001). Even though girls with cleft lip and palate were more affected by impaired quality of life than boys, this difference was not statistically significant. There was also no significant difference between age groups (7-11 vs. 12-17 years). External ratings of speech quality and upper lip aesthetics of the study participants indicated on average only moderate impairments (2.1 ± 1.0 points). This was confirmed by patients’ self-report of their speech development with only low restrictions (3.0 ± 3.0 points).

    CONCLUSIONS Cleft patients have poorer OHRQoL than comparable subjects without clefts. However, limitations in both speech and upper lip aesthetics were only moderate to low. Nevertheless, an early intervention by an interdisciplinary team consisting of oral and maxillofacial surgeons, otorhinolaryngologists, phoniatricians, orthodontists, pediatricians and psychologists seems to be essential.

  • Carmen U. Schmid1, Natascha Bruhn1, Daniel R. Reissmann2, Till Koehne1, Baerbel Kahl-Nieke1

    1 Department of Orthodontics, University Medical Center Hamburg-Eppendorf, Hamburg, Germany
    2 Department of Prosthetic Dentistry, University Medical Center Hamburg-Eppendorf, Hamburg, Germany

    AIM Mucopolysaccharidoses (MPS) are a group of rare metabolic diseases caused by a defect of different lysosomal enzymes. The accumulation of non-digested glycosaminoglycans in tissues and organs leads to a wide spectrum of symptoms including dental and craniofacial abnormalities. The objective of this study was to assess oral health-related quality of life (OHRQoL) of MPS patients and the association to their craniofacial and oral findings.

    MATERIAL AND METHODS The MPS patient cohort (MPS I, II, III, IV, VI) consisted of a consecutively recruited sample of 29 children and adolescents aged 7 to 17 years (mean age: 11.7 years). All patients underwent a physical examination with an assessment of craniofacial and dental anomalies. For the investigation of OHRQoL, MPS patients completed the short version of the Child Oral Health Impact Profile (COHIP-19). Findings were compared to general population data of 313 children and adolescents (Sierwald et al. 2016). Subgroups of MPS patients were compared according to gender, age (7-11 vs. 12-17 years), and MPS subtype.

    RESULTS The craniofacial appearance of MPS patients was characterized by a convex profile, mouth breathing, macroglossia, limited mouth opening, anterior open bite and condyle resorptions. Bone marrow transplanted MPS I patients additionally exhibited agenesis, microdontia, retained teeth and cysts. Specific dental findings of MPS IV patients were pointed cusps, enamel hypoplasia and pitted buccal surfaces. However, concerning OHRQoL there was no significant difference between mean COHIP scores of MPS patients (60.7 ± 14.0 COHIP-19 points) and control group (61.8 ± 7.9 COHIP-19 points; p=0.558). The COHIP score of MPS patients did not differ substantially with regard to gender, age, and MPS subtype.

    CONCLUSIONS Despite having severe craniofacial and oral findings, children and adolescents with MPS do not have poorer OHRQoL than children and adolescents of the general population. Dental and orthodontic therapy of MPS patients therefore requires an individualized, interdisciplinary concept with special consideration of the often serious general medical symptoms.

Posterbeiträge zur Jahrestagung der deutschen Gesellschaft für Kieferorthopädie (09/2019)

  • E. Vahle-Hinz, B. Kahl-Nieke

    Poliklinik für Kieferorthopädie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

    Einleitung: Amelogenesis imperfecta ist eine genetisch bedingte Erkrankung, die auf einer Fehlfunktion der Proteine während der Zahnschmelzbildung beruht. Die Prävalenz beträgt je nach Population und Typ zwischen 1:700 bis 1:20 000. Die mit der ausgeprägten Schmelzhypoplasie einhergehende skelettale Anomalie erfordert eine interdisziplinäre Planung und nach kieferorthopädischer Therapie anspruchsvolle ästhetische Behandlungsaufgaben.

    Material und Methode: Eine 17-jährige Patientin mit Amelogenesis imperfecta aller bleibenden Zähne sowie einer extremen skelettalen und dentalen Anomalie weist skelettal eine Klasse II bei vertikalem Wachstumsmuster sowie vergrößertem Overjet und frontal offenem Biss bei bilateralem Kreuzbiss auf. Extraoral zeigt sich ein fliehendes Profil mit vergrößertem unteren Gesichtsdrittel sowie ausgeprägtem gummy smile. Vor der prächirurgischen orthodontischen Ausformung der Zahnbögen mittels festsitzenden Apparaturen wurden die Zähne 17, 26, 37 und 47 aufgrund Nichterhaltungswürdigkeit extrahiert.

    Ergebnisse: Im Alter von 21 Jahren erfolgte nach interdisziplinärer Reevaluation eine unimaxilläre Umstellungsosteotomie zur Korrektur der komplexen skelettalen Dysgnathie. Im Anschluss ist eine prothetische Versorgung zur okklusalen Rehabilitation geplant, welche ein während der Retentionsphase eingetretenes Compliance-bedingtes transversales Rezidiv nach Gaumennahterweiterung kompensieren soll.

    Schlussfolgerung: Bei Amelogenesis imperfecta ist aufgrund der komplexen dentalen und skelettalen Anomalie für ein erfolgreiches und langzeitstabiles Behandlungsergebnis ein umfangreiches rekonstruktives Therapiekonzept (Kieferorthopäde, MKG-Chirurg und Zahnarzt) nach interdisziplinärer Planung bei ausreichender Compliance des Patienten unumgänglich.

  • K. Köppen, K. Erhardt, B. Kahl-Nieke

    Poliklinik für Kieferorthopädie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

    Einleitung: Bei der juvenilen idiopathischen Arthritis (JIA) handelt es sich um eine chronische Gelenkentzündung, die bereits vor dem 16. Lebensjahr beginnt und mindestens sechs Wochen dauert. Der Manifestationsgipfel liegt zwischen dem 2. bis 4. Lebensjahr und dem 8. bis 12. Lebensjahr. In der Literatur wird eine Beteiligung der Kiefergelenke von 17 bis 87 Prozent der JIA-Patienten angegeben. Intraoral dominieren aufgrund der Kondylenresorption häufig eine eingeschränkte Mundöffnung und eine Unterkieferrücklage, was an einem Patientenbeispiel dargestellt werden soll.

    Material und Methode: Die Panoramaröntgenschichtaufnahme (PSA) einer siebenjährigen Patientin mit eingeschränkter Mundöffnung, morgendlicher Hypomobilität und druckdolenten Kiefergelenken zeigt ausgeprägt abgeflachte Kondylen. Die Magnetresonanztomographie der Kiefergelenke bestätigte eine synoviale Kontrastierung beidseits, sodass therapeutisch die Kiefergelenke zunächst durch eine Protrusionsschiene entlastet wurden. Nach Entzündungsfreiheit der Kiefergelenke wurde die Therapie bei der inzwischen Zehnjährigen mit einem Aktivator fortgesetzt um das Wachstum des Unterkiefers zu unterstützen. Nach Durchbruch aller bleibenden Zähne erfolgte die Ausformung des Oberkiefers mit einer Multiband-Multibracket-Apparatur, im Unterkiefer wurde weiterhin die Entlastungsschiene getragen.

    Ergebnis: Der Vergleich der PSA über 10 Jahre zeigt, dass im Behandlungs- und Wachstumsverlauf eine Remodellierung der Kondylen stattgefunden hat. Es beginnt in der aktiven Entzündungsphase mit einer Aufbissschiene zur Entlastung und in der Remissionsphase erfolgt die Stimulation des Gelenkwachstums durch ein funktionskieferorthopädisches Gerät. Nach Therapieabschluss und fünfjähriger Retention zeigt sich ein stabiler extra- und intraoraler Befund ohne Hinweise auf eine akute Entzündung.

    Schlussfolgerungen: Das duale Therapiekonzept bei wachsenden JIA-Patienten dient der Schmerzreduktion, Wachstumsstimulation und Verbesserung von Funktion und Ästhetik und hat sich als langfristig effektive Behandlungsmethode erwiesen.

  • Schmid, CU¹; Muschol², N; Köhn², A; Kahl-Nieke¹, B; Köhne, T¹

    ¹ Poliklinik für Kieferorthopädie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
    ² Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

    Einleitung: Mukopolysaccharidose Typ I (MPS I) ist eine seltene Stoffwechselerkrankung, deren kraniofaziale Leitsymptomatik durch ausgeprägte Kondylusresorptionen und eingeschränkte Mundöffnung gekennzeichnet ist. Die Erkrankung, der ein Defekt der lysosomalen α-Iduronidase zugrunde liegt, wird in eine milde (Morbus Scheie), eine intermediäre und eine schwere Verlaufsform (Morbus Hurler) eingeteilt. Morbus Scheie-Patienten erhalten eine Enzymersatztherapie, während Morbus Hurler-Patienten im 1. oder 2. Lebensjahr knochenmarktransplantiert werden. Neben den gravierenden allgemeinmedizinischen Befunden zeigen diese Patienten intraoral Auffälligkeiten. Ziel dieser Studie war es diese systematisch zu untersuchen.

    Material u. Methoden: Retrospektiv wurden Panoramaschichtaufnahmen von 8 Morbus Hurler- (Ø 10,97 Jahre) und 3 Morbus Scheie-Patienten (Ø 11,53 Jahre) ausgewertet. Die Beurteilung erfolgte anhand folgender Kriterien: Dentitionsalter vs. chronologisches Alter, Nichtanlagen, Mikrodontie, taurodonte Molaren, Molaren mit Hakenwurzeln, retinierte Zähne, weite Keimlage, Zysten und Kondylusresorptionen.

    Ergebnisse: Die Auswertung des Dentitionsalters ergab eine altersentsprechende Entwicklung aller Patienten. Nichtanlagen konnten bei 6 der 8 Morbus Hurler-Patienten diagnostiziert werden. Die beiden spät knochenmarktransplantierten Morbus-Hurler-Patienten sowie alle Morbus Scheie-Patienten hatten keine Nichtanlagen. Mikrodontien waren bei 7 der 8 Morbus Hurler-Patienten zu finden, während die Morbus Scheie-Patienten keine Zahngrößenanomalien aufwiesen. Die Hälfte der Morbus Hurler-Patienten hatte odontogene Zysten. Ein Morbus Hurler- und ein Morbus Scheie-Patient hatten taurodonte Molaren. Auch Molaren mit Hakenwurzeln und retinierte Zähne waren bei beiden Subtypen häufig. Weitere Befunde in beiden Gruppen waren weite Keimlagen sowie ausgeprägte degenerative Kondylusresorptionen.

    Schlussfolgerungen: MPS I-Hurler-Patienten zeigen regelhaft Mikrodontien und Nichtanlagen der Prämolaren in Folge der Knochenmarktransplantation im 1. bis 2. Lebensjahr. Kondylusresorptionen, odontogene Zysten und Hakenwurzeln sind weitere typische zahnärztliche Befund bei MPS I.

  • P. Pütz¹, M. Briegleb², B. Kahl-Nieke¹

    ¹ Poliklinik für Kieferorthopädie; Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf;

    ² Gemeinschaftspraxis Dr. Briegleb und Dr. Verweyen, Köln

    Einleitung: Die Gingivaduplikatur ist eine lineare Invagination des interproximalen Gewebes mit einer Sondierungstiefe von >1 mm und unklarer Ätiologie, welche zu 35-100 % beim orthodontischen Lückenschluss zu beobachten ist. Die Hyperplasie des interdentalen Gewebes verzögert oder verhindert teilweise den vollständigen Lückenschluss. Ferner kann die interdentale Knochenhöhe reduziert und die Stabilität des Lückenschlusses gefährdet werden.

    Material Methode: Ein 14-jähriger männlicher Patient stellte sich mit einem frontal offenen Biss, negativem Overjet, bialveolärem Platzmangel, konservierend primärversorgten ersten Molaren mit apicaler Ostitis an 46 und einer asymmetischen Klasse III Verzahnung bei skelettaler Klasse III mit maxillärer Retrognathie und Anlage aller Weisheitszähne vor. Die Therapie umfasste eine initiale Suturenstimulation mittels Gaumennahterweiterung und Grummonsmaske sowie Extraktion aller ersten Molaren. Mit einer anschließenden Multiband-Multibracketapparatur wurden die Lücken geschlossen und mittels intermaxillären Gummizügen eine alternierende Verzahnung eingestellt.

    Ergebnisse: Während der Finalisierung des Lückenschlusses wurden orovestibulär durchgängige Gingivaduplikaturen in regio 036 und 046 befundet, welche den Lückenschluss moderat verzögerten, aber nicht verhinderten. Mangels Compliance in der Retentionsphase mit Retentionsplatten zeigte sich jedoch früh das „Reopening"-Phänomen. Die Verzahnung in den Stützzonen und der positive Overjet und Overbite blieben dennoch stabil.

    Schlussfolgerung: Um die Stabilität des kieferorthopädischen Lückenschluss zu sichern, empfiehlt sich zusätzlich zu Retentionsplatten die frühzeitige Entfernung des überschüssigen Gewebes und ein lateraler fixed Retainer.

  • V. Fuhrmann¹ , S. Pies ², I. Saure ², B. Pies ², B. Kahl-Nieke¹

    ¹ Poliklinik für Kieferorthopädie, Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Hamburg

    ² Kieferorthopädische Fachpraxis Dres. Pies, Remscheid

    Einleitung: Die von Prof. Fränkel 1957 entwickelten funktionskieferorthopädischen Geräte stellen eine wichtige und einzigartige Behandlungsoption dar. Eines dieser Geräte ist der Funktionsregler Typ FR-2 (FR-2), der zur Behandlung einer Distalbisslage eingesetzt wird. Der FR-2 ist weitestgehend schleimhautgetragen. Lediglich Auflagen und durch die Approximalräume verlaufende Drahtelemente sorgen für einen direkten Halt und verhindern ein Absinken der Apparatur. Die interdentalen Elemente liegen im Oberkiefer zwischen dem zweiten Milchmolaren und dem ersten bleibenden Molaren sowie dem Milcheckzahn und dem ersten Milchmolaren. Um eine bessere Abstützung zu gewährleisten, müssen der zweite Milchmolar und der Milcheckzahn distal sowie der erste Milchmolar mesial radiert werden. Die Radierungen müssen tief genug sein, damit sich die Eckzahnschlaufe und der Palatinalbügel gut einlagern können. Da die Präparation solcher Einlagerungsrillen in den Milchzähnen von Patienteneltern oftmals nicht gewünscht wird, wird im Praxisalltag häufig auf den Einsatz des FR-2 verzichtet.

    Modifikation des FR-2 und Fallbeispiele: Das Präparieren von Einlagerungsrillen kann durch eine Modifikation des FR-2 vermieden werden. Statt des interdental verlaufenden Drahtelements zwischen dem zweiten Milchmolaren und dem ersten bleibenden Molaren wird eine Adamsklammer mit Auflage am ersten bleibenden Molaren im Oberkiefer verwendet. Die Retentionen dieser Klammer werden mit Hilfe von Abschirmelementen aus Kunststoff am Palatinalbogen befestigt. Diese Modifikation sorgt für eine sehr gute intraorale Fixation des FR-2, sodass für den interdentalen Verlauf der Eckzahnschlaufe eine Radierung nicht mehr notwendig ist. Drei Fallbeispiele zeigen Patienten mit einer Distalbisslage im Wechselgebiss. Bei den Patienten wurde der modifizierte FR-2 für mindestens ein Jahr eingesetzt. Die Tragezeit der Apparatur betrug laut Patientenaussagen circa 16 ­– 18 Stunden pro Tag. Zusätzlich wurden Lippenschlusstraining, Zungentraining und Atemübungen mit der Apparatur durchgeführt.

    Ergebnisse: Bei allen Fallbeispielen konnte die Distalbisslage deutlich verbessert werden. Außerdem konnte eine Retrusion der Front sowie bei einem Patienten mit Tiefbiss eine Extrusion der Sechsjahrmolaren beobachtet werden.

    Schlussfolgerungen: Die Fallbeispiele zeigen, dass der modifizierte FR-2 eine mögliche Alternative zum klassischen FR-2 darstellt. Die vorhandenen skelettalen und dentalen Anomalien konnten verbessert werden. Auch ein Tiefbiss konnte mit dem modifizierten FR-2 verbessert werden, obwohl die Adamsklammer eine größere Retention an den ersten bleibenden Oberkiefermolaren hat als das interdental verlaufende Element des klassischen FR-2.

  • T. Köhne¹, T. Schwieder², B. Kahl-Nieke¹

    ¹ Poliklinik für Kieferorthopädie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf;

    ² Smile & Function, Kieferorthopädische Praxis, Bingen

    Einleitung: CAD/CAM-Retainer sind aufgrund der hohen Passgenauigkeit und des digitalen Workflows eine interessante Alternative zu konventionellen Retainern. Bisher sind jedoch nur CAD/CAM-Retainer verfügbar, bei denen sowohl die digitale Planung (CAD) als auch Fertigung (CAM) von Drittanbietern durchgeführt werden. Ziel dieser Studie war es CAD/CAM-Retainer, die vom Kieferorthopäden selber geplant wurden und bei denen nur die Fertigung industriell erfolgte, klinisch nachzuuntersuchen.

    Material & Methode: Das Untersuchungskollektiv bestand aus 20 Patienten (Smile & Function, Bingen), bei denen nach Abschluss der aktiven kieferorthopädischen Behandlung (Alter 14,8±2,1 Jahre) ein Retainer im Unterkiefer eingegliedert wurde. Die Retainer wurden an Hand eines Modellscans digital geplant (Onyxceph3TM) und aus einem 0,5-mm starken Blech aus Reintitan mittels Wasserstrahl ausgeschnitten (Teeth&Tech GmbH). Die Komplikationsrate wurde an Hand der Karteikarten retrospektiv nachuntersucht. Für die Bewertung der Stabilität wurden die digitalen Planungsmodelle mit den mindestens 1 Jahr später angefertigten Abschlussmodellen im Best Fit-Verfahren überlagert (Onyxceph3TM). Folgende Messparameter wurden dabei verglichen: Interkanine Distanz, Eckzahnposition und anteriore Zahnbogenform.

    Ergebnisse: Im durchschnittlichen Beobachtungszeitraum von 13±1 Monaten wurde bei keinem Patienten ein Bruch des Retainers festgestellt. Bei 35% der Patienten musste mindestens eine Klebestelle im Retentionsjahr repariert werden. Die Überlagerung der Planungs- und Abschlussmodelle zeigte nur geringe Unterschiede. Die interkanine Distanz veränderte sich um durchschnittlich -0,2±0,4 mm und die Eckzahnposition um durchschnittlich 0,58±0,4 mm. Die anteriore Zahnbogenform zeigte eine Winkelveränderung von 3,1±2,43° an den Eckzähnen und 2,7±2,8° an den seitlichen Schneidezähnen.

    Schlussfolgerungen: Der in dieser Studie untersuchte CAD/CAM-Retainer konnte den anterioren Unterkieferzahnbogen im einjährigen Beobachtungszeitraum erfolgreich retinieren. Durch die Planung der Retainer durch den Kieferorthopäden könnte die Qualität und Wirtschaftlichkeit von CAD/CAM-gefertigten Retainern entscheidend verbessert werden.