Aktuelle Ergebnisse aus der Versorgungsforschung

MuMi - Förderung der Mundgesundheitskompetenz und Mundgesundheit von Menschen mit Migrationshintergrund

  • Zusammenfassung
  • Zusammenfassung
    Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik (Gebäude O58)
    Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik (Gebäude O58)

    Verschiedene Studien zeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund eine signifikant schlechtere Mundgesundheit haben als der deutsche Durchschnittsbürger. Sie weisen eine höhere Kariesprävalenz und eine schlechtere Mundhygiene auf. Dies betrifft alle Altersgruppen von der Kindheit bis ins hohe Alter. Es ist nicht hinreichend bekannt, welche Mechanismen und Ursachen hierfür verantwortlich sind.

    Das Bewusstsein und die Kompetenz zur Mundgesundheit soll mit Hilfe eines Präventions-​ und Schulungsprogramms in Form einer App gesteigert werden.

    Das Projekt MuMi untersucht, ob diese App die Mundgesundheit von Patient*innen verbessert. Dafür werden 800 Personen mit Migrationshintergrund und 200 Personen ohne Migrationshintergrund, die mittels dieser App geschult werden, im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne eine App-Schulung untersucht. Das Projekt wird für drei Jahre mit insgesamt ca. 740.000 Euro gefördert.

    Das Projekt liefert Erkenntnisse zur Mundgesundheit und Mundgesundheitskompetenz der erwachsenen Bevölkerung mit Migrationshintergrund im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung ohne Migrationshintergrund. Im Erfolgsfall steht potentiellen Nutzer*innen ein Informations-, Beratungs- und Schulungsinstrument in Form einer App zur Verfügung.

  • Behandlungsangebot
    Das MuMi-Projekt kümmert sich um die Mundgesundheit u. -Kompetenz

    Hintergrund

    Im Vergleich mit der deutschen Mehrheitsbevölkerung bzw. mit Menschen aus dem westlichen Ausland zeigen verschiedene Studien eine signifikant schlechtere Mundgesundheit bei Menschen mit Migrationshintergrund jenseits der westlichen Industrienationen (insbesondere Mittlerer Osten, Osteuropa). Dies betrifft alle Altersgruppen von der Kindheit bis ins hohe Alter [1,2].

    Zur Verbesserung der Mundgesundheit kommt, - neben dem Zahn- und Mundpflegeverhalten (Mundhygiene) -, einer gesunden, zahnfreundlichen Ernährung sowie einer regelmäßigen Inanspruchnahme zahnärztlicher Untersuchungen eine wesentliche Rolle zu [3,4]. Die Mundgesundheit hat darüber hinaus einen messbaren Einfluss auf die Allgemeingesundheit, z.B. in Form von somatischen Folgeerkrankungen, insbesondere Herzerkrankungen, Schlaganfall und Infektionen [5].

    Studien weisen darauf hin, dass ein Migrationshintergrund einen unabhängigen Indikator sowohl für eine schlechtere Selbsteinschätzung der allgemeinen Gesundheit als auch für einen schlechteren Zahnstatus darstellt [6,7]. Es konnte zudem festgestellt werden, dass selbst in multivariaten Analysen unter Kontrolle des sozio-ökonomischen Status (SES) und weiterer Risikofaktoren der Migrationshintergrund als ein eigenständiger Risikofaktor bestehen bleibt, der nicht durch Sozialstatusunterschiede erklärt wird [5].

    Insgesamt betrachtet, sind die meisten Studien jedoch auf Kinder und Jugendliche limitiert [8,9,10]. Es ist darüber hinaus nicht bekannt, welche Mechanismen und Ursachen für die Unterschiede der Mundgesundheit zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund verantwortlich sind.


    Ziele

    Ein übergeordnetes Ziel der Studie besteht in der Erhöhung der (mund-)gesundheitlichen Chancengleichheit und in der Verbesserung der Mundgesundheit insbesondere von gering integrierten Menschen mit Migrationshintergrund ab dem 18. Lebensjahr. Mit Hilfe eines Präventionsprogramms (Schulungsprogramms) in Form einer App für Menschen mit Migrationshintergrund soll die Mundgesundheitskompetenz dieser Gruppe gesteigert (proximales Ziel) und darüber hinaus ihre Mundgesundheit verbessert werden (distales Ziel).

    Im Einzelnen werden folgende Ziele verfolgt:

    • die Exploration der Hintergründe für eine mangelnde Mundgesundheit und Mundgesundheitskompetenz,
    • eine repräsentative Erhebung des Mundgesundheitsstatus in Kombination mit sozialen und psychologischen Merkmalen in verschiedenen Bevölkerungsgruppen,
    • die Operationalisierung und Messung der Mundgesundheitskompetenz und des Mundgesundheitsverhaltens sowie
    • die Entwicklung und Implementierung bedarfsgerechter Präventionsmaßnahmen.

    Methoden

    Untersucht werden

    a) die Mundgesundheit und die Mundgesundheitskompetenz von 2.000 zahnärztlichen Patient*innen mit und ohne Migrationshintergrund in Hamburg und

    b) die Wirkungen eines kultursensiblen Beratungs- und Schulungsprogramms in Form einer App, welches in diesem Projekt entwickelt, implementiert und evaluiert wird.

    1.000 Patient*innen von 20 Hamburger Zahnarztpraxen erhalten eine Erstbefundung, den Zugang zur App und eine Nachbefundung nach 6 Monaten. Die Patient*innen beantworten zu beiden Erhebungszeitpunkten einen Fragebogen zur Mundgesundheitskompetenz, Soziodemografie und mundgesundheitsbezogenen Lebensqualität, der ebenfalls in diesem Projekt entwickelt wird.

    Eine Kontrollgruppe durchläuft das identische Prozedere, erhält jedoch nicht das Schulungsangebot. Die Wirkungen der App sollen im Gruppenvergleich zum zweiten Erhebungszeitpunkt mit wiederholter Befundung evaluiert werden.

    Mit Subgruppenanalysen zwischen Zuwanderergruppen und einer ebenfalls zu untersuchenden nativdeutschen Stichprobe sollen migrationsspezifische Risikofaktoren identifiziert und Unterschiede im Mundgesundheitsstatus analysiert werden.

  • Erste Ergebnisse

    1. Expert*inneninterviews und Fokusgruppe

    Auf Basis von Expert*inneninterviews und einer Fokusgruppe wurden migrationsspezifische Faktoren identifiziert, die Einfluss auf die Mundgesundheit und Mundgesundheitskompetenz von Menschen mit Migrationshintergrund haben können.

    Es wurden Personen aus verschiedenen Bereichen befragt, die berufliche oder private Schnittpunkte mit den Themenfeldern „Migration und Mundgesundheit“ haben. Dazu zählen Patient*innen mit Migrationshintergrund, Vertreter*innen zahnärztlicher Verbände, Wissenschaftler*innen, Zahnärzt*innen sowie Prophylaxeassistent*innen. Mit diesen wurden leitfadengestützte themenzentrierte Expert*inneninterviews (N=9) sowie eine Fokusgruppe (N=7) durchgeführt. Die Interviews und Fokusgruppendiskussion wurden aufgezeichnet, transkribiert und anschließend inhaltsanalytisch ausgewertet.

    Die Ergebnisse konnten in die Hauptkategorien „Erfahrungen mit Mundgesundheit“ und „Migration“ sowie „Empfehlungen für das Schulungsprogramm“ unterteilt werden. Darunter finden sich Kategorien wie „Barrieren“ und „förderliche Faktoren“ sowie „kulturelle Einflüsse auf die Mundgesundheit“. Aus einigen dieser Ergebnisse lassen sich gezielte Maßnahmen für die Gestaltung des digitalen Schulungsprogramms in Form der MuMi-App ableiten. Sprachbarrieren, Gesundheitssozialisation, Informationsquellen, Ess- und Mundhygienegewohnheiten sowie der Stellenwert von Mundgesundheit sind Faktoren, die thematisiert werden sollen.

    Die Untersuchung liefert Erkenntnisse über migrationssensible Risikofaktoren und ist richtungsweisend für den präventiven Schulungsansatz. Da die untersuchte Gruppe eine hohe Heterogenität aufweist, gestaltet es sich jedoch schwierig, alle Ergebnisse in das Schulungsprogramm einfließen zu lassen.

    2. App-Entwicklung

    Basierend auf

    (1) den qualitativen Ergebnissen der Expert*inneninterviews und Fokusgruppe,

    (2) Ergebnissen eines, innerhalb des MuMi-Projekts erarbeiteten, Reviews „Mundgesundheitskompetenz von Menschen mit Migrationshintergrund“ und

    (3) einer Selektion bereits bestehender evidenzbasierter, zahnmedizinischer Präventionsprogramme und neuster Studienergebnisse wurde ein digitales migrationssensibles Schulungsprogramm zur Förderung der Mundgesundheitskompetenz entwickelt.

    Dieses Programm trägt den Namen MuMi-App. Es ist inhaltlich in den drei Säulen „Was sollte ich tun?“, „Was sollte ich wissen?“ und „Wer kann mir helfen?“ aufgebaut. Die Migrationssensibilität zeigt sich unter anderem in der Mehrsprachigkeit (Deutsch, Englisch, Türkisch, Arabisch und Russisch) und stellenweisen sprachungebunden Informationsvermittlung (Videos und Bilder) der App. Außerdem werden Themen, die in der qualitativen Datenerhebung (Expert*inneninterviews, Fokusgruppe) als bedeutsame Aspekte genannt wurden, wie z.B. mangelndes Wissen über das deutsche Gesundheitssystem, Ernährungsbeispiele und Kommunikation in der Zahnarztpraxis, in der App aufgegriffen.

    Was sollte ich tun?

    • Ernährung
    • Mundhygiene
    • Fluorid
    • Inanspruchnahme

    Was soltte ich wissen?

    • Wissenswertes
    • Risikofaktoren
    • Anatomie

    Wer kann mir helfen?

    • Gesundheitssystem
    • Fachärzte
    • In der Zahnarztpraxis
    • Informationsquellen

    Die Inhaltliche Entwicklung der App erfolgte durch das MuMi-Team und wurde technisch durch eine externe Programmierungsfirma sowie grafisch durch eine externe Grafikdesignerin unterstützt. Sie dient als Schulungsprogramm, durch welches sich die Nutzer*innen nach Wunsch spielerisch oder systematisch bewegen können und dabei im Wechsel auf Wissensfragen oder Wissensinhaltes stoßen. Zusätzlich enthält die MuMi-App eine Erinnerungsfunktion, die z.B. an den nächsten Zahnarzttermin oder die regelmäßige Nutzung von Zahnseide erinnert. Zudem beinhaltet die MuMi-App eine Kalenderfunktion zur Eintragung der Mundhygienegewohnheiten sowie eine Fortschrittsanzeige.

    Ausblick

    Das MuMi-Projekt befindet sich aktuell in der finalen Planungsphase der dargestellten Haupterhebung, welche mit Beginn des Jahres 2020 starten wird. Mitte 2020 werden erste Ergebnisse der T0-Erhebung, Anfang 2021 erste Ergebnisse der T1-Erhebung und der App-Evaluation erwartet.

  • Kontakt

    Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik (O58)

    Dr. Ghazal Aarabi
    Projektleiterin

    Institut für Medizinische Soziologie (W37)

    Dr. Christopher Kofahl
    Projektleiter

    Martinistraße 52
    20246 Hamburg

    Telefon: +49 (0) 40 7410-55332
    mumi@uke.de
    www.uke.de/mumi

    Literatur

    1. Aarabi G, Reissmann DR, Farhan D, Heydecke G, Kofahl C (2013) Die Mundgesundheit von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland - eine kritische Betrachtung der vorliegenden Studien. Dtsch Zahnärztl Z 68: 280-287.

    2. Aarabi G, Reissmann DR, Seedorf U, Becher H, Heydecke G, Kofahl C (2017) Oral Health and Access to Dental Care of Elderly Migrants and Non-Migrants in Germany. Ethnicity and Health [Epub ahead of print]

    3. Schäfer T, Schneider A, Hussein R, Schwartz F (2012) BARMER GEK Zahnreport. Siegburg: Asgard Verlagsservice GmbH.

    4. Pieper K, Momeni A (2006) Grundlagen der Kariesprophylaxe bei Kindern. Dtsch Ärztebl 103:849- 55.6. Marmot M (2005) Social determinants of health inequalities. The Lancet 365(9464):1099-1104.

    5. RKI (2008): Schwerpunktbericht der Gesundheitsberichterstattung des Bundes: Migration und Gesundheit, Robert Koch- Institut, Berlin

    6. Sundquist J (1995) Living conditions and health: A population-based study of labour migrants and Latin American refugees in Sweden and those who were repatriated. Scand J Prim Health Care 13:128-34.

    7. Mariño R, Schofield M, Wright C, Calache H, Minichiello V (2008) Self-reported and clinically determined oral health status predictors for quality of life in dentate older migrant adults. Community Dent Oral Epidemiol 36:85-94.

    8. Knopf H, Rieck A, Schenk L (2008) Mundhygiene. Daten des KiGGS zum Karies-präventiven Verhalten. Bundesgesundheitsbl 51:1314-20.

    9. Ugur ZA, Gaengler P (2002) Utilisation of dental services among a Turkish population in Witten, Germany. Int Dent J 52:144-50.

    10. Schenk L, Knopf H (2007) Mundgesundheitsverhalten von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Bundesgesundheitsbl 50:653-8.

IDOMENEO – Ist die Behandlung der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit leitliniengerecht? Eine Qualitätsinitiative von GermanVasc.

  • Zusammenfassung
  • Zusammenfassung
    GVS

    Patientinnen und Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK) stellen eine zentrale Patientenpopulation verschiedener Fachdisziplinen dar. Die Patienten leiden an einer eingeschränkten Lebensqualität, haben eine kürzere Lebenserwartung im Vergleich mit der nicht betroffenen Bevölkerung und ihre Behandlung verursacht eine enorme Belastung für das deutsche Gesundheitssystem.

    Vor diesem Hintergrund erscheint es überraschend, dass etwa die Hälfte aller Leitlinienempfehlungen auf der Basis von Konsensusempfehlungen festgelegt wurde, weil keine empirische bzw. hochwertige Evidenzbasis zur Verfügung steht. So bleibt es in der Regel der individuellen Expertise des Behandlers und anderen Faktoren überlassen, ob und mit welchem Verfahren therapiert wird.

    Die zahlreichen Risikofaktoren, Krankheitsausprägungen und Behandlungsmöglichkeiten in der PAVK-Behandlung erschweren die Planung und Durchführung randomisierter und kontrollierter Studien (RCT) deutlich. Die IDOMENEO-Studie ( www.idomeneo.de ) entwickelt vor diesem Hintergrund geeignete Qualitätsindikatoren zur validen Nutzung von Routinedaten- und Registerdatenquellen, um eine Verbesserung der Behandlungsqualität zu erreichen.

  • Für die evidenzbasierte Behandlung der symptomatischen peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK) stehen nicht-invasive konservative Therapiealternativen (Best-Medical-Treatment), endovaskuläre Verfahren und offen-chirurgische Optionen zur Verfügung. Die Wahl der jeweils geeigneten Verfahren erfolgt auf der Basis zahlreicher Faktoren, wobei die Evidenzbasis in den verfügbaren Praxisleitlinien oft nicht ausreicht.

    Hochwertige und kontrollierte Studien zum Vergleich der Behandlungsmöglichkeiten liegen oft nicht vor oder deren Ergebnisse sind bereits veraltet. Außerdem werden patientenberichtete Outcomes in den verfügbaren Studien selten berücksichtigt, obwohl die Verbesserung der krankheitsbezogenen Lebensqualität insbesondere in den elektiven Behandlungssituationen ein wesentliches Therapieziel sein sollte.

  • Bücherstapel

    Ein wichtiges Fundament des Gesamtprojektes stellt die Identifizierung und Entwicklung von Qualitätsindikatoren der PAVK-Behandlung durch ein systematisches Review sowie durch ein Delphi-Verfahren mit Experten dar. Erstmals konnten hierdurch in der interdisziplinären Fläche akzeptierte Indikatoren entwickelt werden, die zur Analyse von Primär- und Sekundärdaten geeignet sind. Für die sekundäre Nutzung von Routinedaten steht das Wissenschafts-Data Warehouse der BARMER zur Verfügung. Das Konsortium hat außerdem eine innovative datenschutzkonforme und datensichere Registerplattform (GermanVasc) entwickelt, die allen Anforderungen der EU Datenschutzgrundverordnung gerecht werden kann und darüber hinaus ein neuartiges Sicherheits- und Verschlüsselungskonzept einführt, das die Nutzung von Pseudonymisierungsdiensten bzw. Vertrauensstellen überflüssig macht.

    In der retrospektiven Auswertung der Routinedaten des Konsortialpartners BARMER konnten etwa 650 Gefäßzentren der stationären Versorgung identifiziert werden, die eine zunehmende Anzahl an invasiven Revaskularisationen bei etwa 20.000 Patientinnen und Patienten in Deutschland durchführten (2016). Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede in der Patientenselektion und in der Verfahrenspräferenz.

    Weiterführende Analysen haben ergeben, dass es -entgegen der oft beschriebenen Verbreitung der PAVK- zwar keine epidemische Verbreitung der PAVK-Diagnosen in den Routinedaten gab, trotz stabiler Krankenhausinzidenz jedoch eine deutliche Zunahme an invasiven Revaskularisationen an dieser stabilen Patientenkohorte nachgewiesen werden konnte. Außerdem zeigte sich im Zeitverlauf eine deutliche Veränderung der Patientenselektion. So wurden 2016 deutlich ältere und multimorbide Patientinnen und Patienten im Vergleich zu 2008 invasiv behandelt.

    Behandlungsunterschiede zeigten sich auch bei den Geschlechtern. So führen erste Analysen zu der Annahme, dass es eine Unterversorgung von Frauen im ambulanten sowie stationären Setting beim Best-Medical-Treatment gibt.

    Die derzeit laufende prospektive Registererhebung über das GermanVasc-Register ( www.germanvasc.de ) wird in Kürze eine qualitätsgesicherte Datenbasis mit einem 12-monatigen Follow-up liefern, um die Routinedaten mit den Registerdaten abzugleichen und zu validieren. Hierzu wurden im Projekt innovative Validierungsmethoden entwickelt, die kein Crossmatching bzw. direktes Verknüpfen von personenbezogenen Daten erfordern.

    Kontakt:

    Dr. med. Christian-Alexander Behrendt
    Wissenschaftliche Projektleitung und Konsortialführung
    Arbeitsgruppe GermanVasc
    Klinik und Poliklinik für Gefäßmedizin
    Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
    Martinistr. 52
    20246 Hamburg
    Telefon: 040-7410-18087
    Telefax: 040-7410-54840
    E-Mail: ch.behrendt@uke.de

    Publikationen:

    • Behrendt CA, Schwaneberg T, Hischke S, Müller T, Petersen T, Marschall U, Debus ES, Kriston L. Data Privacy Compliant Validation of Health Insurance Claims Data – The IDOMENEO Approach. Gesundheitswesen. 2019;In Press.
    • Behrendt CA, Debus ES, Mani K, Sedrakyan A. The Strengths and Limitations of Claims-based Research in Countries with Fee-for-Service Reimbursement. Eur J Vasc Endovasc Surg. 2018;56:615-616.
    • Behrendt CA, Rieß HC, Debus ES. [Big data and real-world evidence in interdisciplinary treatment of PAOD - A critical stocktaking] Gefässchirurgie. 2019;In Press.
    • Debus ES, Kriston L, Schwaneberg T, Hischke S, Rieß HC, Härter M, Marschall U, Federrath H, Behrendt CA. Rationale and Methods of the IDOMENEO Health Outcomes of Peripheral Arterial Disease Revascularisations Study in the GermanVasc Registry. VASA. 2018;47:499-505.
    • Rieß HC, Debus ES, Schwaneberg T, Hischke S, Maier J, Bublitz M, Kriston L, Härter M, Marschall U, Zeller T, Schellong SM, Behrendt CA. Indicators of Outcome Quality in Peripheral Arterial Disease Revascularisations - A Delphi Expert Consensus. VASA. 2018;47:491-497.
    • Behrendt CA, Bertges D, Eldrup N, Beck AW, Mani K, Venermo M, Szeberin Z, Menyhei G, Thomson I, Heller G, Wigger P, Danielsson G, Galzerano G, Lopez C, Altreuther M, Sigvant B, Rieß HC, Sedrakyan A, Beiles B, Björck M, Boyle JR, Debus ES, Cronenwett J. International Consortium of Vascular Registries Consensus Recommendations for Peripheral Revascularization Registry Data Collection. Eur J Vasc Endovasc Surg. 2018;56:217-237.
    • Behrendt CA, Rieß HC, Härter M, Kriston L, Federrath H, Marschall U, Debus ES. [Guideline recommendations and quality indicators for invasive treatment of peripheral arterial disease in Germany : The IDOMENEO study for quality improvement and research in vascular medicine] Bundesgesundheitsblatt. 2018;61:218-223.
    • Behrendt CA, Pridöhl H, Schaar K, Federrath H, Debus ES. [Clinical registers in the twenty-first century - balancing act between data protection and feasibility?] Chirurg. 2017;88:944-949. Behrendt CA, Härter M, Kriston L, Federrath H, Marschall U, Straub C, Debus ES. [IDOMENEO – Does treatment reality in vascular medicine conform to guidelines and treatment?] Gefässchirurgie. 2017;22:41-47.

Gibt es Versorgungsunterschiede zwischen gesetzlich und privat Versicherten? Eine Übersicht der Evidenz aus Deutschland

  • Zusammenfassung
  • Zusammenfassung
    Versorgung abhängig vom Versicherungsstatus?
    Gibt es eine "Zweiklassenmedizin"?

    Es lässt sich zusammenfassen, dass in Deutschland Versorgungsungleichheiten in Abhängigkeit vom Versichertenstatus bestehen. Diese variieren jedoch nach Versorgungsbereich und -aspekt, so dass unterschiedliche Interpretationen und Interventionsmaßnahmen zum Tragen kommen.

    Im Hinblick auf den Zugang bleibt die Gesundheitsrelevanz zum Teil unklar, während ungleiche Inanspruchnahme Ausdruck unterschiedlicher Präferenzen oder Möglichkeiten (z.B. Informiertheit, Zugangsbarrieren) sein kann.

    Lässt die Anzahl der Studien zu Zugang und Inanspruchnahme einige Schlussfolgerungen zu, ist die Evidenz bezüglich der Versorgungsqualität noch vergleichsweise gering.

    Zudem ist weiterhin zu untersuchen, ob Ungleichheiten in der Versorgung zu den gesundheitlichen Unterschieden zwischen gesetzlich und privat Versicherten sowie zur Erklärung des sozialen Gradienten von Morbidität und Mortalität beitragen.

    Eine Auflösung des PKV/GKV-Systems würde nach gegenwärtiger Studienlage einige der nachgewiesenen Versorgungsungleichheiten reduzieren. Allerdings zeigen Studien, dass auch innerhalb der großen Gruppe der GKV-Versicherten starke Versorgungsunterschiede bestehen.

    Ein auf Wartezeiten fokussierter Diskurs und eine Verengung von Versorgungsungleichheiten auf den Versichertenstatus greifen demnach zu kurz. Große soziale Ungleichheiten außerhalb des Gesundheitssystems spielen aller Voraussicht nach weiterhin eine entscheidende Rolle für Ungleichheiten in der Gesundheit und der Versorgung.

  • Die Debatte um Ungleichheiten in der Gesundheitsversorgung ist häufig geprägt durch unzureichende Differenzierungen.

    Insbesondere in den Diskussionen zu ungleichen Wartezeiten, Zuzahlungen, unzureichenden Versorgungsangeboten in bestimmten Stadt- oder Landesteilen sowie zu der weiterführenden Ökonomisierung des Gesundheitssystems kommen die verhärteten Fronten zum Ausdruck.

    Nicht selten fällt in diesem Diskurs der Begriff einer „Zweiklassenmedizin“, welcher eine unterschiedliche Versorgung von privat und gesetzlich versicherten Patienten umschreiben soll.

    Allerdings liegt bislang keine aktuelle analytische Übersicht zum tatsächlichen Forschungsstand vor.

  • Bücherstapel
    Die Ergebnisse sind heterogen

    Begriffsklärung:

    Für eine systematische Analyse ist es sinnvoll, zwischen verschiedenen Versorgungsbereichen (u.a. ambulante und stationäre Versorgung sowie weiteren Ausdifferenzierungen wie Diagnostik, Therapie, Prävention und Gesundheitsförderung, Pflege und Nachsorge) und Versorgungsaspekten (Zugang, Inanspruchnahme, Qualität) zu differenzieren.

    Während Indikatoren des Zugangs (u.a. Wartezeiten, Erreichbarkeiten, Zuzahlungen sowie der darin begründete Verzicht auf eine Behandlung) eher einen Systembezug aufweisen, wird Inanspruchnahme durch individuelles Patientenverhalten erfasst (u.a. Häufigkeiten von Arztkonsultationen oder Teilnahmeraten an Vorsorge- oder Rehabilitationsmaßnahmen).

    Im Hinblick auf die Qualität der geleisteten Versorgung ist zwischen Struktur- (u.a. Ausbildung des Personals, technische Ausstattung), Prozess- (u.a. Arzt-Patienten-Interaktion, Durchführung präventiver, diagnostischer und therapeutischer Verfahren) und Ergebnisqualität (u.a. Überlebensraten, Therapieerfolge, Lebensqualität) zu unterscheiden.

    Ergebnisse:

    Im Hinblick auf den Zugang dokumentieren verschiedene Studien, dass gesetzlich versicherte (GKV) Patienten signifikant länger auf einen Termin bei Haus- und Fachärzten warten als privat versicherte (PKV) Patienten.

    Auch deuten sich Ungleichheiten in der Erreichbarkeit von Angeboten zuungunsten von GKV-Patienten an, während sich bezüglich des Verzichts auf eine medizinische Behandlung aufgrund von Zugangsbarrieren keine Disparitäten zeigen.

    Unterschiede in der Inanspruchnahme weisen auf erhöhte Facharztkonsultationen bei PKV-Patienten hin. Des Weiteren nehmen privat Versicherte häufiger physiotherapeutische Leistungen, Check-Ups in der Zahnmedizin, Heilpraktiker und z. T. Vorsorge- und Früherkennungsuntersuchungen in Anspruch. Keine nennenswerten Unterschiede zeigen sich bei der Inanspruchnahme von Rehabilitationsmaßnahmen, akutstationärer Versorgung, Physiotherapie, verhaltenspräventiven Maßnahmen und den Früherkennungsuntersuchungen U3-U9 bei Kindern und Jugendlichen. Erhöhte Impfraten und Hausarztkontakte treten bei GKV-Versicherten vermehrt auf.

    Die vereinzelten Studien zur Qualität der Versorgung deuten auf Ungleichheiten zuungunsten der GKV-Patienten bei Struktur- und Prozessqualität (u.a. Arzt-Patienten-Interaktion, Verabreichung neuerer Medikamente) hin. Studien zu Ungleichheiten bei Ergebnisqualität liefern bisher inkonsistente Ergebnisse. Allerdings ist die Patientenzufriedenheit bei gesetzlich Versicherten geringer.

    Zusammenfassung & Fazit:

    Es lässt sich zusammenfassen, dass in Deutschland Versorgungsungleichheiten in Abhängigkeit vom Versichertenstatus bestehen. Diese variieren jedoch nach Versorgungsbereich und -aspekt, sodass unterschiedliche Interpretationen und Interventionsmaßnahmen zum Tragen kommen.

    Im Hinblick auf den Zugang bleibt die Gesundheitsrelevanz zum Teil unklar, während ungleiche Inanspruchnahme Ausdruck unterschiedlicher Präferenzen oder Möglichkeiten (z.B. Informiertheit, Zugangsbarrieren) sein kann.

    Lässt die Anzahl der Studien zu Zugang und Inanspruchnahme einige Schlussfolgerungen zu, ist die Evidenz bezüglich der Versorgungsqualität noch vergleichsweise gering. Zudem ist weiterhin zu untersuchen, ob Ungleichheiten in der Versorgung zu den gesundheitlichen Unterschieden zwischen gesetzlich und privat Versicherten sowie zur Erklärung des sozialen Gradienten von Morbidität und Mortalität beitragen.

    Eine Auflösung des PKV/GKV-Systems würde nach gegenwärtiger Studienlage einige der nachgewiesenen Versorgungsungleichheiten reduzieren. Allerdings zeigen Studien, dass auch innerhalb der großen Gruppe der GKV-Versicherten starke Versorgungsunterschiede bestehen.

    Ein auf Wartezeiten fokussierter Diskurs und eine Verengung von Versorgungsungleichheiten auf den Versichertenstatus greifen demnach zu kurz. Große soziale Ungleichheiten außerhalb des Gesundheitssystems spielen aller Voraussicht nach weiterhin eine entscheidende Rolle für Ungleichheiten in der Gesundheit und der Versorgung.

  • W37
    Institut für Medizinische Soziologie

    Kontakt:

    Dr. Jens Klein
    Institut für Medizinische Soziologie
    Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
    Martinistr. 52
    20246 Hamburg
    Telefon: 040 7410-51617
    j.klein@uke.de

    Publikation:

    Klein J, von dem Knesebeck O (2018) Medizinische Versorgung – gleiche Behandlung für alle? Hamburger Ärzteblatt 9 , 12-16.

Die BELLA-Studie zur psychische Gesundheit und Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen in Deutschland

  • Zusammenfassung
  • Zusammenfassung
    Logo BELLA Studie
    Die BELLA-Studie läuft seit 2003.

    Für ein gesundes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen sind nicht nur die körperliche Gesundheit, sondern auch das seelische Wohlbefinden und die Lebensqualität von großer Bedeutung.

    In der BELLA-Studie werden in der Forschungssektion „Child Public Health“ umfassende Informationen zum seelischen Wohlbefinden und Verhalten von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland erhoben. Die BELLA-Studie ist ein Zusatzmodul der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KIGGS), welche im Rahmen der Bundesgesundheitsberichterstattung am Robert Koch-Institut erhoben wird.

    Seit 2003 wird die BELLA-Studie bundesweit in regelmäßigen Abständen durchgeführt.

  • Psychische Störungen gehören heute zu den häufigsten Krankheitsbildern im Kindes- und Jugendalter. Die BELLA-Studie (BEfragung zum seeLischen WohLbefinden und VerhAlten) wurde als Modul der bundesweit repräsentativen KiGGS-Studie konzipiert und ist eine der größten und wichtigsten epidemiologischen Kohortenstudien zur psychischen Gesundheit und Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen in Deutschland.

    Ziel der Studie ist es, Erkenntnisse über die psychische Gesundheit und gesundheitsbezogene Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen zu gewinnen. Die Studie erfasst dabei auch Informationen zur Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen sowie mögliche Risiko- und Schutzfaktoren für die Entwicklung psychischer Auffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter.

    KiGGS sowie die BELLA-Studie befragen wiederholt die gleichen Teilnehmer/innen (Längsschnitt) und gewinnen zu jedem Messzeitpunkt neue Teilnehmer/innen hinzu (Querschnitt). Sie bieten damit die Möglichkeit von Trend- und Längsschnittanalysen. Befragt werden sowohl die Eltern (von Kindern bis 17 Jahre) als auch die Kinder selbst (ab 11 Jahre). Die Datenerhebung erfolgt mittels Fragebogen, computer-gestützter Telefoninterviews und Onlinebefragung.

    Die Erhebungszeitpunkte umfassen:

    die Basiserhebung (2003 – 2006, N=2.863),

    Welle 1 (2004 – 2007, N=2.423),

    Welle 2 (2005 – 2008, N=2.190),

    Welle 3 (2009 – 2012, N=3.840), und

    Welle 4 (2014 – 2017, z.Zt. in Auswertung).

  • Ergebnisse der BELLA-Studie zeigen, dass bei etwa jedem fünften Kind oder Jugendlichen (ca. 18% bis 20%) im Alter von drei bis 17 Jahren ein Abklärungsbedarf besteht, was das Vorliegen einer psychischen Auffälligkeit betrifft. Bei etwa 10 % bestehen deutliche Hinweise auf psychische Auffälligkeiten. Dabei stellen psychische Auffälligkeiten in der Kindheit und Jugend keine passageren Probleme dar. Insgesamt waren 40,7 % der auffälligen Kinder auch nach 6 Jahren noch auffällig.

    Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer: Lediglich 30 Prozent der sehr wahrscheinlich psychisch auffälligen Kinder und Jugendlichen kommen in der fachspezifischen Versorgung an.

    Nur etwa jedes dritte Kind mit klinisch relevanten Symptomen ist auch in einer fachspezifischen Behandlung. Für die Nicht-Inanspruchnahme von psychologischer oder psychotherapeutischer Hilfe können sowohl strukturelle als auch individuelle Gründe verantwortlich sein. Auf der einen Seite wird eine nach wie vor unzureichende fachärztliche Versorgung (besonders in ländlichen Gebieten) bemängelt, auf der anderen Seite besteht vor allem bei den Eltern oft eine große Unsicherheit, ob das Problem ernsthaft genug sei, oder es fehlt an Wissen darüber, an wen man sich wenden kann. Darüber hinaus stellt die Angst vor Stigmatisierung eine Hemmschwelle für das Aufsuchen von Hilfe dar.

    Für viele Familien ist der Kinder- oder Allgemeinarzt die wichtigste Anlaufstelle, welche von 88 % der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Auffälligkeiten in den letzten 12 Monaten aufgesucht wurde. Die dortige Identifikation psychisch auffälliger Kinder und Jugendlicher sowie eine anschließende gezielte Weiterleitung an psychiatrisch-psychotherapeutische Versorger könnte eine Schlüsselrolle in der Verbesserung der Inanspruchnahme spielen. So könnte die fachgerechte Versorgung psychischer Auffälligkeiten erhöht werden und eine gleichzeitige Entlastung der Kinder- und Allgemeinärzte erfolgen.

    Ein Überblick über die Ergebnisse der BELLA-Studie findet sich u.a. in zwei Themenheften der Zeitschrift European Child & Adolescent Psychiatry (erschienen 2008 und 2015).

  • Projektleitung:

    Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer
    Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik
    Forschungssektion "Child Public Health"
    Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
    ravens-sieberer@uke.de

    Weitere Informationen: www.bella-study.org

    Eine Publikationsliste ist auf Anfrage erhältlich ( f.reiss@uke.de ).

    Publikationen (Auswahl):

    Plass-Christl, A., Klasen, F., Otto, C., Barkmann, C., Hölling, H., Klein, T., . . . Ravens-Sieberer, U. (2017). Mental Health Care Use in Children of Parents with Mental Health Problems: Results of the BELLA Study. Child Psychiatry & Human Development, 1-10.

    Hintzpeter, B., Klasen, F., Schön, G., Voss, C., Hölling, H., & Ravens-Sieberer, U. (2015). Mental health care use among children and adolescents in Germany: Results of the longitudinal BELLA study. European Child & Adolescent Psychiatry, 24(6), 705-713.

    Ravens-Sieberer, U., Otto, C., Kriston, L., Rothenberger, A., Döpfner, M., Herpertz-Dahlmann, B., . . . Klasen, F. (2015). The longitudinal BELLA study: Design, methods and first results on the course of mental health problems. European Child & Adolescent Psychiatry, 24(6), 651-663.

Rauchen und Tinnitus - Besteht ein Zusammenhang?

  • Zusammenfassung
  • Zusammenfassung
    Sozialer Rückzug
    Die Folgen eines schweren Tinnitus können weitreichend sein.

    Rauchen und Tinnitus - Besteht ein Zusammenhang? Ein systematischer Review mit Metaanalyse und Abschätzung des Effekts in Deutschland

    Rauchen ist der zentrale Risikofaktor für zahlreiche Erkrankungen.

    Zahlreiche epidemiologische Studien haben den Zusammenhang zu Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen überzeugend nachgewiesen.

    Weniger gut untersucht ist der Zusammenhang mit Tinnitus.

    Im Rahmen eines Dissertationsvorhabens, das abschließend im Institut für Medizinische Biometrie und Epidemiologie betreut wurde, konnte ein um 22 Prozent erhöhtes Risiko nachgewiesen werden.

  • Tinnitus kann als die Wahrnehmung eines Geräusches in Abwesenheit einer externen Geräuschquelle definiert werden. Die Intensität, Tonhöhe, Dauer des Phänomens sowie der dadurch empfundene Leidensdruck, der bis zum Suizid führen kann, können dabei erheblich variieren.

    Die in Studien ermittelten Prävalenzen variieren je nach zugrunde liegender Fragestellung erheblich. Neben unterschiedlicher Definitionen und Erhebungsarten lässt sich diese Diskrepanz durch verschiedene Eingrenzungen nach Schweregrad oder Dauer der Symptomatik begründen.

    Die Prävalenz von Tinnitus steigt mit zunehmendem Alter. Dies ist wahrscheinlich auf die Assoziation von Tinnitus mit einem im Alter steigenden Hörverlust zurückzuführen (Presbyakusis).

    Es wird angenommen, dass in der Bundesrepublik Deutschland derzeit 1,95 % der Bevölkerung an einem mittelschwer bis unerträglichem Tinnitus leiden. Die Folgen eines schweren Tinnitus reichen von einer Hörminderung, Kommunikations- und Konzentrations-, und Schlafstörungen bis hin zu depressiver Symptomatik, sozialem Rückzug und Arbeitsunfähigkeit. Therapeutisch existieren kaum Optionen, denen eine Evidenz-basierte Wirksamkeit nachgewiesen werden konnte. Daher kommt der Prävention des Tinnitus eine wichtige Bedeutung zu.

  • In den in der Metaanalyse eingeschlossenen Studien war eine substantielle Heterogenität zu beobachten, die mit den unterschiedlichen Definitionen des Tinnitus, variierenden Einteilungen des Raucherstatus und verschieden Charakteristika der Studienpopulationen erklärbar ist.

    In einer Analyse, die nur Studien mit einem niedrigeren Risiko eines systematischen Fehlers (Bias), einer hohen methodischen Qualität und einer guten Vergleichbarkeit einschloss, konnte mit einem OR von 1,22 (95% KI: 1,09 – 1,37) gezeigt werden, dass ein Raucherstatus deutlich mit dem Vorhandensein eines Tinnitus korreliert.

    Anhand der Effektstärke der ersten Subgruppenanalyse wurde das Bevölkerungsspezifische attributable Risiko eines Tinnitus infolge eines Rauchverhaltens für die Bundesrepublik Deutschland mit einem Wert von 5,11 % berechnet.

  • Die Studie wurde im Jahr 2013 am Universitätsklinikum Heidelberg begonnen und mit der Veröffentlichung im Jahr 2018 am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf abgeschlossen.

    Prof. Dr. Heiko Becher
    Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
    Institut für Medizinische Biometrie und Epidemiologie
    Martinistr. 52
    20246 Hamburg

    h.becher@uke.de

    Publikationen:

    Veile A, Zimmermann H, Lorenz E, Becher H. (2018) Is smoking a risk factor for tinnitus? A systematic review, meta-analysis and estimation of the population attributable risk in Germany. BMJ Open. Feb 22;8(2):e016589. doi: 10.1136/bmjopen-2017-016589.

Bevölkerungspräferenzen für Langzeitpflege

  • Hintergrund
  • Hintergrund
    Pflege einer Patientin
    Pflege einer Patientin

    Bevölkerungspräferenzen für Langzeitpflege

    Rund 3 Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig, zwei von drei Pflegefällen werden zu Hause betreut, meist durch Angehörige oder Freunde.

    In einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Forschungsprojekt wurde untersucht, wie Menschen im Falle einer Pflegebedürftigkeit leben wollen.

    Hierfür wurden eine telefonische Befragung von Senioren zu den Präferenzen für das Pflegesetting und Eigenschaften professionell Pflegender sowie eine schriftliche Befragung von Personen im Alter zwischen 45 und 64 Jahren zu Aspekten ambulanter Pflegedienste durchgeführt.

  • Die Präferenzen für das Pflegesetting und Eigenschaften professionell Pflegender wurden über Telefoninterviews ermittelt. Rund 1.000 Seniorinnen und Senioren einer bevölkerungsrepräsentativen Stichprobe im Alter von mindestens 65 Jahren beurteilten Aussagen auf einer mehrstufigen Skala von „Trifft voll und ganz zu“ bis „Trifft überhaupt nicht zu“.

    In den eigenen vier Wänden alt werden, das wünschen sich fast 90 Prozent der Befragten. Mehr als jeder Zweite könnte sich alternativ eine Einrichtung für Betreutes Wohnen vorstellen. Nur für jeden Dritten ist dagegen das Wohnen bei Angehörigen oder ein Pflegeheim eine Option. Abgeschlagen mit nur rund fünf Prozent liegt die Pflege im Ausland.

    Dabei gibt es verschiedene Einflussfaktoren: Menschen mit höherer Bildung entscheiden sich eher für Betreutes Wohnen, männliche Senioren bevorzugen den Wohnort der Angehörigen, während heute noch eher jüngere Menschen sich später eher eine Auslandspflege vorstellen können. Am wichtigsten an den Pflegepersonen ist den Befragten Empathie, Zuverlässigkeit und ein ordentliches Auftreten.

    Allerdings gibt es auch hier einige Besonderheiten: So wünschen sich Frauen im Pflegefall eher eine Pflegerin, Einwohner aus den neuen Bundesländern schätzen eine Pflegekraft mit dem gleichen kulturellen Hintergrund.

  • Die Aspekte ambulanter Pflegedienste – Pflegezeit, Leistungsumfang, Pflegequalität, Zahl der Pflegepersonen und die Bereitschaft, für diese Leistungen Zuzahlungen zu erbringen – analysierten die Wissenschaftler mit einer komplexen Befragungstechnik, einem „Discrete Choice Experiment“.

    Der Fragebogen umfasste 16 Auswahlszenarien. In jedem entschieden sich die Befragten für eines von zwei Pflegepaketen, beispielsweise zwischen einem Pflegepaket mit befriedigender Qualität, langer Pflegezeit und hoher Zuzahlung oder einem Alternativ-Paket mit guter Qualität, aber geringerer Pflegezeit und weniger Zuzahlung pro Monat. So konnten die Forschenden ermitteln, wie viel den Befragten beispielsweise eine bessere Qualität oder eine zusätzliche Stunde Pflegezeit wert ist. 1.200 Personen einer bevölkerungsrepräsentativen Stichprobe im Alter zwischen 45 und 64 Jahren füllten diese Fragebögen aus.

    Dabei zeigte sich, dass die Qualität der Pflege für die Befragten das wichtigste Merkmal ist, während ein größeres Leistungsangebot (beispielsweise mehr Service und Flexibilität) von den Befragten nicht eindeutig bevorzugt wurde. Auch gibt es für zusätzliche Pflegestunden nur eine relativ geringe Zahlungsbereitschaft: im Durchschnitt liegt diese bei neun Euro pro zusätzlicher Pflegestunde und damit nur knapp über dem aktuellen Mindestlohn.

    Die Bevölkerungspräferenzen zu kennen ist wesentlich für künftige Reformen der Pflegeversicherung und führt letztendlich zu einer Verbesserung der Versorgung, so Prof. Dr. Hans-Helmut König, der die Studie leitete.

  • Projektleitung:
    Prof. Dr. Hans-Helmut König
    Institut für Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung
    Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

    Publikationen:

    Lehnert T, Günther OH, Hajek A, Riedel-Heller SG, König HH. Preferences for home- and community-based long-term care services in Germany: a discrete choice experiment. Eur J Health Econ 2018 Apr 6. [Epub ahead of print]

    Hajek A, Lehnert T, Wegener A, Riedel-Heller SG, König HH. Correlates of preferences for autonomy in long-term care: results of a population-based survey among older individuals in Germany. Patient Prefer Adherence 2018;12:71-78.

    Hajek A, Lehnert T, Wegener A, Riedel-Heller SG, König HH. Who should take care of me? Preferences of old age individuals for characteristics of professional long-term caregivers: an observational cross-sectional study. BMC Res Notes 2017;10:382.

    Hajek A, Lehnert T, Wegener A, Riedel-Heller SG, König HH. Langzeitpflegepräferenzen der Älteren in Deutschland - Ergebnisse einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage. Gesundheitswesen 2017 [Epub ahead of print]

    Hajek A, Lehnert T, Wegener A, Riedel-Heller SG, König HH. Factors associated with preferences for long-term care settings in old age: evidence from a population-based survey in Germany. BMC Health Serv Res 2017;17:156.

    Hajek A, Lehnert T, Wegener A, Riedel-Heller SG, König HH. Informelles Pflegepotenzial bei Älteren in Deutschland: Ergebnisse einer bevölkerungsrepräsentativen Befragung. Z Gerontol Geriatr. 2017 [Epub ahead of print]

    Lehnert T, Heuchert M, Hussain K, König HH. Stated preferences for long-term care: a literature review. Ageing and Society 2018 April 17 [Epub ahead of print]

Förderung von informierter und gemeinsamer Entscheidungsfindung für Menschen mit Typ 2 Diabetes – informed shared decision making programme (ISDM-P)

  • ISDM-P
  • ISDM-P
    Arzt im Gespräch mit einer Patientin
    Förderung von informierter und gemeinsamer Entscheidungsfindung

    Förderung von informierter und gemeinsamer Entscheidungsfindung für Menschen mit Typ 2 Diabetes – informed shared decision making programme (ISDM-P)

    Die Gesundheitswissenschaften der Universität Hamburg haben zusammen mit dem Universitätsklinikum Jena ein Programm zur informierten und gemeinsamen Entscheidungsfindung (informed shared decision making programme – ISDM-P) bei Typ 2 Diabetes entwickelt und in zwei randomisiert-kontrollierten Studien evaluiert.

    Diabetesberaterinnen vermitteln verständliche evidenzbasierte Informationen und helfen Patienten persönliche Therapieziele zu formulieren. Das ISDM-P stellt sicher, dass Ärzte und Patienten die Ziele besprechen, sich auf gemeinsame Ziele einigen und diese auf einem patienteneigenen Bogen dokumentieren. Damit werden Leitlinienempfehlungen sowie das Patientenrechtegesetz umgesetzt.

  • In nationalen und internationalen Leitlinien wird eine informierte und gemeinsame Entscheidungsfindung in der Therapie des Typ 2 Diabetes empfohlen, bisher jedoch nicht umgesetzt.

    Ziel dieses Projekts war daher die verstärkte Einbeziehung von Patienten mit Typ 2 Diabetes in Entscheidungen zu ihren individuellen Therapiezielen und -maßnahmen.

    Zudem sollte die Qualität der Entscheidungen verbessert werden, indem Patienten eine informierte und gemeinsame Entscheidungsfindung auf Basis evidenzbasierter Informationen und eigener Präferenzen ermöglicht werden.

    Das ISDM-P umfasst folgende Komponenten:

    1) eine Entscheidungshilfe zur primären Herzinfarktvorbeugung für Patienten und

    2) eine 90-Minuten Gruppenschulung durchgeführt von Diabetesberatern oder Medizinischen Fachangestellten mit Weiterbildung zur Diabetesberatung.

    Später folgte 3) ein strukturiertes Arzt-Patienten-Gespräch zur Festlegung gemeinsamer Therapieziele. Zusätzlich wurden Diabetesberater und Ärzte zur Umsetzung des ISDM-P trainiert.

  • Pilotierung:

    Randomisiert-kontrollierte Studie im Universitätsklinikum Jena.

    Von März 2013 bis März 2015 nahmen 154 Patienten mit Typ 2 Diabetes an der Studie teil; In der Interventionsgruppe erhielten 77 Patienten die Entscheidungshilfe und anschließend die ISDM Gruppenschulung; 77 Patienten erhielten eine strukturgleiche Kontrollintervention. Am Ende der Schulung haben alle Teilnehmer ihre Therapieziele festgelegt.

    ISDM-Patienten zeigten besseres Verstehen zum Thema Herzinfarktvorbeugung und Vorbeugung anderer Diabeteskomplikationen. Sie konnten das eigene Herzinfarktrisiko sowie den Nutzen und Schaden von Präventionsmaßnahmen besser einschätzen als die Kontrollgruppe. Nach sechs Monaten erreichten in der ISDM-Gruppe mehr Patienten ihren selbst festgelegten HbA1c-Zielwert.
    Auf Basis der Ergebnisse wurde zur besseren Implementierung des Programms zusätzlich das strukturierte Arzt-Patienten-Gespräch sowie ein spezieller Therapiezielbogen für die Konsultation entwickelt.

    Evaluation:

    Cluster randomisiert-kontrollierte Studie mit Hausarztpraxen unter Implementierungsbedingungen.

    Von Dezember 2014 bis März 2017 nahmen 22 Arztpraxen und 279 Patienten an der Studie teil; 11 Praxen mit 151 Patienten erhielten das ISDM-P und 11 Praxen mit 128 Patienten die Standardbehandlung mit einer Zusammenfassung der Empfehlungen der Nationalen Versorgungsleitlinie.

    Wie in der RCT zuvor hatte die ISDM-Gruppe mehr Wissen und eine realistischere Einschätzung zum Nutzen und Schaden der Therapieoptionen. Mehr Patienten der ISDM-Gruppe trafen informierte Entscheidungen. Die priorisierten Ziele der Patienten und Ärzte der ISDM Gruppe stimmten häufiger überein als in der Kontrollgruppe.

    Eine Hypothese war, dass Patienten adhärenter zu ihren Therapiemaßnahmen sind, wenn sie ihre Ziele auf Basis von evidenzbasierten Informationen und gemeinsam mit ihrem Behandlungsteam festlegen. Nach sechs Monaten war die Adhärenz in beiden Gruppen sehr hoch, sodass ein Unterschied nicht festzustellen war.

    Implikation für die Praxis:

    Informierte Entscheidungen sind in der Standardbehandlung nicht möglich. Die Implementierung des ISDM Konzepts entspricht den Leitlinien und dem Patientenrecht.

  • Projektleitung:
    Dr. phil. Susanne Buhse,
    Arbeitskreis Univ.-Prof. Dr. med. Ingrid Mühlhauser,
    Universität Hamburg, Gesundheitswissenschaften,
    susanne.buhse@uni-hamburg.de

    Kooperationspartner:
    Arbeitskreis Prof. Dr. med. Ulrich Alfons Müller, Universitätsklinikum Jena

    Förderung:
    European Foundation for the Study of Diabetes

    Laufzeit:
    01. Oktober 2011 – 31.Dezember 2017

    http://www.diabetes-und-herzinfarkt.de

    Publikationen (Auswahl):

    Buhse S, Kuniss N, Liethmann K, Müller UA, Lehmann T, Mühlhauser I (2018): An informed shared decision making programme for patients with type 2 diabetes in primary care: cluster randomised controlled trial. BMJ Open 8(12):e024004. doi: 10.1136/bmjopen-2018-024004.

    Buhse S, Mühlhauser I, Heller T et al. (2015) Informed shared decision making programme on the prevention of myocardial infarction in type 2 diabetes: a randomised controlled trial. BMJ Open 5:e009116

    Buhse S, Mühlhauser I, Kuniss N et al. (2015) An informed shared decision making programme on the prevention of myocardial infarction for patients with type 2 diabetes in primary care: protocol of a cluster randomised, controlled trial. BMC Fam Pract 16:43

Themenschwerpunkte des CHCR

Patientenversorgung
Interdisziplinäre Zusammenarbeit im CHCR

Die Forschungsaktivitäten des CHCR sind nicht auf spezifische Erkrankungen oder Versorgungsbereiche im Gesundheitswesen begrenzt.

Allerdings beschäftigen sich zahlreiche Projekte mit chronischen Krankheiten (z.B. Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Multiple Sklerose) und neuropsychiatrischen sowie psychischen Erkrankungen (z.B. Demenz, Depression, Suchterkrankungen).

Schwerpunktthemen:

  • Gesundheitsförderung, Prävention und Rehabilitation
  • Gesundheitssysteme
  • Gesundheitsökonomie
  • Kinder und Jugendliche
  • Chronische Erkrankungen und Sucht
  • Psychische Gesundheit

Versorgungsforschung

  • Ziele
  • Ziele

    Das Ziel der Versorgungsforschung ist, die Kranken- und Gesundheitsversorgung als ein System zu entwickeln, das durch das Leitbild der "lernenden Versorgung" gekennzeichnet ist und das dazu beiträgt, Optimierungsprozesse zu fördern und Risiken zu vermindern. Dabei ist die Versorgungsforschung den Zielen Humanität, Qualität, Patienten- und Mitarbeiterorientierung sowie Wirtschaftlichkeit gleichermaßen verpflichtet.

    Die Ergebnisse der Versorgungsforschung werden genutzt, um die Akteure im Gesundheitswesen, insbesondere die Politik auf der Basis valider wissenschaftlicher Erkenntnisse in größtmöglicher Objektivität und Transparenz zu unterstützen und zu beraten. Hierzu entwickelt die Versorgungsforschung Verfahren und Standards für eine angemessene Kommunikation der Ergebnisse mit dem Ziel, letztere wirksam in die Praxis umzusetzen ("science- ,practice- and policy-impact").

  • Überwachung
    Versorgung verbessern

    Gegenstand der Versorgungsforschung ist die wissenschaftliche Untersuchung der Versorgung von Individuen, spezifischen Patientengruppen und der Gesamtbevölkerung mit gesundheitsrelevanten Maßnahmen, Produkten und Dienstleistungen unter Alltagsbedingungen. Dies umfasst sowohl die Krankenversorgung (Betreuung, Pflege, Diagnose, Behandlung und Nachsorge von Patienten) als auch die Gesundheitsversorgung (Prävention und Gesundheitsförderung).

    Versorgungsforschung fokussiert in Ergänzung zur klinischen Forschung die Beschreibung und Analyse der Kranken- und Gesundheitsversorgung und ihrer Rahmenbedingungen, die Entwicklung innovativer und die kontinuierliche Verbesserung vorhandener Versorgungskonzepte sowie die Untersuchung, Erprobung und Evaluierung der Umsetzung unter Routinebedingungen.

    Versorgungsforschung beschreibt und analysiert den Weg von Patienten durch das Gesundheitssystem mit dem Ziel, in allen Versorgungsbereichen und von der Mikro- bis zur Makro-Ebene Einflussfaktoren zu identifizieren für die Qualität von Strukturen und Ressourcen, Behandlungsmaßnahmen und Prozessen sowie Ergebnissen und Resultaten.

    Versorgungsforschung besteht aus Grundlagenforschung und Anwendungsforschung. Dabei zielt die Grundlagenforschung darauf ab, fundamentale Erkenntnisse über individuelles und institutionelles Verhalten im Versorgungssystem zu gewinnen, die kurzfristig nicht praktisch verwertbar sein müssen und / oder die von krankheits- und versorgungsübergreifender Bedeutung sind. Die anwendungsorientierte Versorgungsforschung dagegen geht Fragen nach, die von sofortigem praktischen Interesse sind.

  • Studium
    Definitionen

    Die Versorgungsforschung des CHCR orientiert sich am Verständnis der Bundesärztekammer.

    "Versorgungsforschung ist die wissenschaftliche Untersuchung der Versorgung von Einzelnen und der Bevölkerung mit gesundheitsrelevanten Dienstleistungen und Produkten unter Alltagsbedingungen. Dazu studiert die Versorgungsforschung wie Finanzierungssysteme, soziale und individuelle Faktoren, Organisationsstrukturen und -prozesse und Gesundheitstechnologien den Zugang der Patienten und Versicherten zur Kranken- und Gesundheitsversorgung sowie deren Ergebnisse (outcome), Qualität und Kosten beeinflussen."

    Die folgende Definition wurde 2004 vom 'Arbeitskreis Versorgungsforschung' beim Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer verabschiedet. Mitglieder der Redaktionsgruppe waren: Prof. Dr. Hofmann, Greifswald, Frau Prof. Dr. Kurth, Berlin, Prof. Dr. Ohmann, Köln, Prof. Dr. Pfaff, Köln, Prof. Dr. Schwartz, Hannover (Federführender), und Prof. Dr. von Troschke, Freiburg.

    • Methodische / funktionale Definition
    • Inhaltliche Definition
    • Systematik / Komponenten

    Methodische / funktionale Definition

    "Versorgungsforschung ist ein grundlagen- und anwendungsorientiertes fachübergreifendes Forschungsgebiet, das:

    • die Inputs, Prozesse und Ergebnisse von Kranken- und Gesundheitsversorgung, einschließlich der auf sie einwirkenden Rahmenbedingungen mit quantitativen und qualitativen, deskriptiven, analytischen und evaluativen wissenschaftlichen Methoden beschreibt,
    • Bedingungszusammenhänge soweit möglich kausal erklärt sowie
    • zur Neuentwicklung theoretisch und empirisch fundierter oder zur Verbesserung vorhandener Versorgungskonzepte beiträgt,
    • die Umsetzung dieser Konzepte begleitend oder ex post erforscht und
    • die Wirkungen von Versorgungsstrukturen und -prozessen oder definierten Versorgungskonzepten unter Alltagsbedingungen mit validen Methoden evaluiert.

    Die fünfte Funktion der Versorgungsforschung erweist sich sowohl als notwendige Ergänzung zur experimentellen Grundlagenforschung, die Potenziale für klinische Innovationen erzeugt, als auch als Ergänzung zu einer epidemiologischen und klinischen Forschung, in der ätiologische (auf das Verständnis kausaler Mechanismen oder die Wirksamkeit von Interventionen unter idealen Studienbedingungen [efficacy] gerichtete) Forschungsansätze die Schwerpunkte bilden. Unter dem Versorgungsforschungs-Paradigma werden Hypothesen zur Wirksamkeit unter Alltagsbedingungen (effectiveness, relative Wirksamkeit) und im Hinblick auf die Effizienz in der realen Versorgungswelt getestet.

    Inhaltliche Definition

    Versorgungsforschung ist die wissenschaftliche Untersuchung der Versorgung von Einzelnen und der Bevölkerung mit gesundheitsrelevanten Produkten und Dienstleistungen unter Alltagsbedingungen.

    Zu diesem Zwecke studiert die Versorgungsforschung, wie Finanzierungssysteme, soziale und individuelle Faktoren, Organisationsstrukturen und -prozesse und Gesundheitstechnologien den Zugang zur Kranken- und Gesundheitsversorgung sowie deren Qualität und Kosten und letztendlich unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden beeinflussen. Die Beobachtungseinheiten umfassen Individuen, Familien, Populationen, Organisationen, Institutionen, Kommunen etc.

    Systematik / Komponenten

    In der amerikanischen health services research hat sich zur Untersuchung des Gesundheitssystems das "input - throughput - output - outcome"-Modell bewährt. Im Rahmen dieser Systematik lassen sich verschiedene Forschungsgebiete unterscheiden:

    • Die Input-Forschung untersucht alle Einflussfaktoren, die den Eintritt in das System bedingen (z. B. Versorgungsbedarf, Inanspruchnahmeverhalten und dessen Barrieren [z. B Compliance, Patiententypen]) oder die Voraussetzungen für die Versorgung darstellen (z. B. Weiterbildung der Ärzte).
    • Die Throughput-Forschung untersucht die organisatorischen, diagnostischen und therapeutischen Strukturen und Prozesse (z. B. Wartezeiten, Schnittstellen, OP-Management, Implementierung und Anwendung von Leitlinien, partizipative Entscheidungsfindung, Einfluss der Arzt-Patient-Beziehung auf das Versorgungsgeschehen, Versorgungsketten und Klinische Pfade).
    • Die Output-Forschung untersucht die unmittelbar erbrachten Versorgungsleistungen (z. B. Diagnosen, Eingriffe), unabhängig von ihrer Wirkung auf das Outcome.
    • Die Outcome-Forschung untersucht das Erreichen des eigentlichen gesundheitlichen Zieles. Hierzu gehören kurzfristige Ziele (z. B. Wundheilung) ebenso wie langfristige Ziele (z. B. Lebenserwartung, Lebensqualität).

    Quelle: Bundesärztekammer