Spielend lernen

Demenz – allein der Begriff löst bei vielen Menschen Ängste aus. Ein Wundermittel gegen das große Vergessen gibt es nicht. UKE-Experten untersuchen, wie Videospiele das Gehirn älterer Menschen trainieren können. Erste Ergebnisse sind erstaunlich.

Erika Hink, die Probandin aus der gesunden Kontrollgruppe, mit dem Team aus der Gedächnisambulanz
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Erika Hink mit dem Team aus der Gedächnisambulanz

Mit wachsender Begeisterung navigiert Erika Hink den Postboten durch die Straßen der virtuellen Stadt, liefert hier ein Paket aus, holt dort eine Warensendung ab. Den Joystick nutzt die agile Seniorin intuitiv; sie lernt schnell, sich im dreidimensionalen Raum zu orientieren, und hat viel Spaß dabei. „Beste Voraussetzungen, damit das Training einen positiven Effekt auf bestimmte Hirnregionen hat", sagt Wissenschaftlerin Prof. Dr. Simone Kühn.

Das für eine neue Studie im UKE entwickelte Spiel erfordert strategisches Planen, eine große Merkfähigkeit und die Fokussierung auf ein Ziel – alles Hirnleistungen, die insbesondere im Hippocampus und im präfrontalen Kortex ihren Ursprung haben. Der Hippocampus, maßgeblich für Gedächtnis, Erinnerung und Orientierung, ist die Region, die bei bestimmten Demenzerkrankungen als Erstes degeneriert. Dass dieser Abbauprozess nicht nur gestoppt, sondern umgekehrt werden kann, hat das Team um Simone Kühn aus der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in einer ersten Studie gezeigt. Jetzt gehen die Forscher einen Schritt weiter: In der neuen Untersuchung prüfen sie, ob videospielbasiertes Training bei leichten kognitiven Störungen zu einer Steigerung der Hirnleistung und einem verzögerten Ausbrechen der Demenz führen kann. 80 ältere Frauen und Männer nehmen an der Studie teil. Die eine Hälfte liest zwei Monate täglich eine halbe Stunde auf einem digitalen Lesegerät, einem E-Book; die andere trainiert genauso lange mit dem virtuellen Postboten Orientierungssinn und Merkfähigkeit. Im Magnetresonanztomographen (MRT) und mit der Magnetenzephalographie (MEG) werden anschließend Hirnvolumen und -struktur untersucht. Insbesondere die Frage, ob die Kopplung zwischen Hippocampus und präfrontalem Kortex sich verbessert, interessiert die Wissenschaftler.

Übungen zur Kognition gehören zum diagnostischen Repertoire der Gedächnisambulanz
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Diagnostik in der Gedächnisambulanz
Übung zur Kognitation

Weltweit leiden rund 50 Millionen Menschen an einer Demenz, jährlich kommen 7,7 Millionen dazu. In Hamburg sind über 31 000 Menschen von dem großen Vergessen betroffen, Tendenz stark steigend. „Die vorhandenen therapeutischen Möglichkeiten sind sehr begrenzt, deshalb suchen wir nach Interventionsmöglichkeiten, mit denen wir Gedächtnisleistungen verbessern und andere kognitive Verhaltensstörungen therapieren können", erläutert Prof. Dr. Jürgen Gallinat, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie.
Frühere Forschungen von Kühn und Gallinat haben bei gesunden Probanden gezeigt, wie stark veränderbar die Struktur des Gehirns durch Videospieltraining ist. Neuronale Plastizität wird das Phänomen genannt; es ist Voraussetzung für lebenslanges Lernen. Auch im Alter, so legen es aktuelle Studien nahe, bleibt das Gehirn anpassungsfähig und flexibel. „Eine gute Nachricht für ältere Menschen", so der Klinikdirektor. Maßgebliche Voraussetzung für den Volumenzuwachs: Spaß beim Spiel! Die Begeisterung vor dem Monitor führt zur vermehrten Ausschüttung von Dopamin, einem Neuromodulator, der wichtig für Lernvorgänge im Gehirn ist. „Dopamin ist wie Treibstoff für das Empfinden von Spaß", sagt Gallinat. „Wer Spaß hat, lernt besser. Spaß führt dazu, dass man gerne und immer wieder spielt. Wird viel Dopamin freigesetzt, lernt der Proband schneller, die neuronale Plastizität wird gesteigert."

Riechtests gehören auch zum diagnostischen Repertoire der Gedächnisambulanz
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Riechtest zur Diagnostik in der Gedächnisambulanz

Im MRT sehen die Wissenschaftler dies insbesondere an einer Volumenzunahme der Grauen Substanz, also den Anteilen im Zentralen Nervensystem, die vor allem aus Nervenzellkörpern bestehen. Mehr Graue Substanz könnte mit einer größeren kognitiven Leistungsfähigkeit zusammenhängen. Doch was bedeutet das für den Alltag? Schneiden Videospieler bei neuropsychologischen Tests besser ab? Bewältigen sie komplexe Dinge wie Autofahren oder Essen kochen besser? Für Menschen, die Anzeichen von kognitiven Störungen bei sich bemerken, sind dies entscheidende Fragen, so Gallinat. „Ob wir Demenzen ausbremsen und älteren Menschen spezielle Computerspiele empfehlen können, lässt sich noch nicht sagen", erklärt Simone Kühn. „Wie sich Videospieltraining auf Alltagsfähigkeiten auswirken kann, ist Gegenstand weiterer Untersuchungen, etwa mit speziellen Fahrsimulatoren."

  • Auf einen Blick
  • Auf einen Blick

    Die Gedächtnisambulanz

    Die Spezialambulanz für Gedächtnisstörungen in der Klinik für Psychiatrie bietet eine umfassende diagnostische Abklärung sowie gegebenenfalls die Therapieeinleitung und Hilfe bei der Vermittlung in weiterführende Therapien. Auch Forschungsfragen etwa zu Früherkennungsparametern oder möglichen therapeutischen Interventionen werden gemeinsam von behandelnden Ärzten und Wissenschaftlern unter die Lupe genommen. Die Klinik hat eine Datenbank angelegt, in der anonymisiert Diagnosen und Krankheitsverläufe gespeichert sind. 2016 wurden mehr als 600 Patienten untersucht, die Kapazitäten werden jetzt erweitert. Terminvereinbarung telefonisch unter 040 7410-53210.

Text: Uwe Groenewold
Fotos: Axel Kirchhof