Lern- und Gedenkort

Medizinverbrechen im Nationalsozialismus

Der als Teil der Dauerausstellung im Medizinhistorischen Museum konzipierte Lern- und Gedenkort geht insbesondere auf zivilgesellschaftliche Initiativen in Hamburg zurück. Bereits seit einigen Jahren hatten sich verschiedene Akteure, für die Etablierung eines öffentlichen Ortes zur Erinnerung an die Opfer von Euthanasie und Zwangssterilisationen und für die Auseinandersetzung mit den Medizinverbrechen im Nationalsozialismus engagiert.

Im Jahr 2015 entschied der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg, neben einer künstlerischen Arbeit am Ort der früheren Staatskrankenanstalt Langenhorn einen informierenden Lern- und Gedenkort zu schaffen. Zusätzlich sollten ein Gedenkbuch sowie eine Web-Datenbank an die Opfer erinnern. Das Gesamtprojekt wurde durch die ZEIT-Stiftung, die Joachim Herz-Stiftung und aus Mitteln der Senatskanzlei finanziert. Mit der Ausgestaltung und Umsetzung des Lernorts wurde schließlich 2016 das Medizinhistorische Museum betraut, in dem zwei Räume der bestehenden Dauerausstellung umgestaltet wurden.

Die Räume widmen sich eingehend auch den sich vor 1933 entwickelnden ideologische Grundlagen und Diskursen (Eugenik, Sozialdarwinismus), um verschiedene Kontinuitäten über die politischen Systeme hinaus aufzuzeigen. So widmet sich ein Ausstellungsteil unter dem Titel "Fortschritt und Erfassung" insbesondere der Medizin und Sozialhygiene der Weimarer Republik, deren Gesundheitspolitik ein ambivalentes Bild zwischen dem Ausbau staatlicher Wohlfahrt und Gesundheitsüberwachung und der fortschreitenden bürokratischen Erfassung und Kontrolle der Bevölkerung darstellt.

Der zweite Raum fokussiert auf die konkreten Verbrechen, ausgehend vom "Hungersterben" in den Psychiatrien des Ersten Weltkriegs über die Kinder-"Euthanasie", die T4-Mordaktionen, Patientenversuche in Konzentrationslagern und den Zwangssterilisationen. Dabei werden Opferbiographien ebenso wie verschiedene Täter anhand von Objekten beleuchtet. Die räumliche Verortung ist anhand einer wandgroßen Übersichtskarte nachvollziehbar. Anhand verschiedener Beispiele wird die juristische, gesellschaftliche und erinnerungskulturelle Aufarbeitung ersichtlich - im privaten wie im öffentlichen Raum.

Als größtes Exponat prägt den Raum eine bis zur Decke reichende Bücherwand mit medizinisch-wissenschaftlichen Titel von 1900-1970 - auf beinahe bedrohliche Weise symbolisiert sie die Mittäterschaft der vermeintlich "reinen" Wissenschaften als ideologische Basis für die Greueltaten. Die Bücherwand bietet jedoch zugleich das Material für eine vertiefende Auseinandersetzung und weitere Recherchen. So umfasst ein Abteil auch eine Sammlung aktueller Sekundärliteratur zur Medizin und Gesellschaft im Nationalsozialismus.

In einem direkt anschließenden kleinen Raum, der ehemaligen Dunkelkammer des Institutsgebäudes, steht ein Datenbankterminal für die Recherche der Opferbiographien zur verfügung. Die Website ist auch unter www.hamburger-euthanasie-opfer.de zugänglich.
Die Räume sind barrierefrei zugänglich. Eine Broschüre in einfacher Sprache hilft bei der Orientierung. Die Ausstellungstexte sind durchgehend zweisprachig (deutsch und englisch).