Objektsammlungen

Messen, Zählen und Wiegen, die statistische Erfassung und Einordnung von Befunden und die Visualisierung mit technischen Methoden bilden die wissenschaftlichen Voraussetzungen für die Entstehung der klinischen Medizin. Sammlungen spielen im Kontext dieses ständigen Prozesses des Vergleichens und Neu-Bestimmens eine Schlüsselrolle.

Im Unterschied zu den Naturalienkabinetten des frühen 18. Jahrhunderts, in denen das spektakuläre Einzelobjekt im Vordergrund stand, dienen sie in der Periode der Protoklinik der Vergewisserung und der Kontrolle im Sinne einer Bestandsaufnahme. An Objekten schult sich ein diagnostischer Blick, der immer feinere Unterschiede immer komplexeren Krankheitsmodellen zuordnet.

Das Medizinhistorische Museum Hamburg hat in den vergangenen Jahren zahlreiche wissenschaftliche Sammlungen akquiriert. Zugänglich sind vor allem Teile der Moulagensammlung. Von großem historischem Wert sind darüber hinaus die Sammlungen aus der Hals-Nasen-Ohren-Klinik, aus der Zahnprothetik, aus der Neuropathologie, aus dem Bereich der Medizintechnik und aus der Dermatologie.

Als Gegenstück zu den naturwissenschaftlichen Objekten sammelt das Museum Zeugnisse aus der Sozialgeschichte der Medizin. Erst durch sie werden die Entwicklungen der Heilkunde erfahrbar.

Bedeutende Teilsammlungen

  • Moulagendepot im Museum
    Wachsmoulagen im Depot

    Die Moulagensammlung

    Moulagen sind Wachsnachbildungen von Krankheitszeichen auf dem Körper. Seit dem 19. Jahrhundert wurden sie insbesondere in der Dermatologie und Venerologie als Lehrmittel genutzt. Anders als verallgemeinernde Modelle bilden Moulagen individuelle Krankheitsbilder ab. Sie beruhen auf Gipsabdrücken von Patientinnen und Patienten. Die so gewonnenen Negativformen wurden mit einer speziellen Wachsmischung ausgegossen und in Anwesenheit der Patienten koloriert. Nach dem Zweiten Weltkrieg verloren die Moulagen in der Lehre gegenüber der Farbfotografie an Bedeutung.

    Mit 600 Moulagen gehört die Hamburger Sammlung zu den umfangreichsten noch erhaltenen Sammlungen im deutschsprachigen Raum. Sie setzt sich im Wesentlichen aus zwei größeren Konvoluten zusammen: Etwa 175 Moulagen der Sammlung entstammen der um die Wende zum 20. Jahrhundert berühmten Moulagensammlung des in Berlin wirkenden Dermatologen Oscar Lassar (1849-1907), der seine über 1800 Moulagen umfassende Sammlung seiner Geburtsstadt Hamburg vermachte. Der zweite große Sammlungsbestand ist in der Zeit zwischen 1924 und 1945 an der Universitäts-Hautklinik Eppendorf unter dem Dermatologen Paul Mulzer (1880 – 1947) entstanden. Mulzer, der als überzeugter Nationalsozialist galt, wurde 1945 von den Militärbehörden entlassen. Unter seiner Leitung waren mit Paul von der Forst und Ary Bergen zwei Moulagenbildner für die Hautklinik tätig. Ergänzt wird die Sammlung durch etliche kleinere Bestände, die zum Teil als Ankäufe von Lehrmittelwerkstätten bezogen wurden.

    Die Moulagensammlung Oscar Lassars wurde nach dessen Tod 1907 auf Wunsch der Witwe seiner Geburtsstadt Hamburg übergeben. Dort wurde sie unter Eduard Arning (1855 - 1936) im Allgemeinen Krankenhaus St. Georg untergebracht, wo 1919 die erste universitäre Abteilung der Dermatologie in Hamburg entstand. Begleitet wurde die Sammlung durch Lassars Mouleur Heinrich Kasten. Kasten und sein Nachfolger Max Broyer erweiterten die Sammlung auf über 2.000 Stücke. Der größte Teil dieser Sammlung wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bombeneinwirkung zerstört. Die erhaltenen etwa 200 Moulagen sind nach dem Krieg mit der Sammlung der Eppendorfer Dermatologie vereinigt und 1958 in neuen Vitrinen unter dem Hörsaalgestühl des Dermatologieneubaus untergebracht worden.

    Seit 2008 befindet sich die Moulagensammlung im Medizinhistorischen Museum. In den vergangenen Jahren wurde sie vollständig inventarisiert und in einer Datenbank erfasst. Im Forschungsprojekt ‚Naturgetreue Objekte’ im Spannungsfeld zeitgenössischer medizinischer Wissenschaft und Repräsentationsformen wurde die Entstehung und Nutzungsgeschichte der Sammlung rekonstruiert.

    Ansprechpartner:
    Henrik Eßler M.A. ( h.essler@uke.de )

  • Bögen mit Felsenbeinschnitten
    Felsenbeinschnitte aus der Sammlung

    Die Wittmaack-Sammlung

    Eine der bis heute bedeutendsten Forschungssammlungen der Hals-Nasen-Ohren-Medizin baute der Hamburger Prof. Dr. Karl Wittmaack zwischen 1926 und 1945 am Universitätskrankenhaus Eppendorf auf. Die Sammlung umfasst rund 102.000 histologische Serienschnitte des menschlichen Innenohres, das in der Felsenbeinpyramide des Schädels sitzt, sowie etwa 50.000 Schnitte von Felsenbeinen tierischer Herkunft. Auf Grundlage der WiIttmaack-Sammlung wurden zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten erstellt. Bis heute wird sie gelegentlich zu Forschungszwecken herangezogen. Inzwischen sind die Schnitte in sechs historischen Eichenschränken im Depot des Medizinhistorischen Museuems untergebracht.

  • Zahntechnische Objekte
    Zahntechnik aus vier Generationen

    Die zahnärztlich-zahntechnische Sammlung Stemmann

    Als Dauerleihgabe betreut das Medizinhistorische Museum seit 2010 die Privatsammlung Hartmut Stemmanns (1932-2014). Der Zahntechniker der hatte 1956 das Inventar seines Großvaters übernommen. Auf dieser Grundlage entstand eine umfangreiche Sammlung von Zahnprothesen, Artikulatoren und zahntechnischen Geräten aus den Jahren 1850 bis 2007. Ergänzt wird diese durch verschiedene zahnärztliche Einrichtungen seit dem 17. Jahrhundert sowie eine Epithesensammlung. Der Gesamtbestand umfasst mehrere komplette Arbeitsplätze und nimmt rund 200 Quadratmeter ein.

  • Wachsmodelle von Zähnen
    Wachsmodelle aus der Sammlung

    Die Fabian-Sammlung

    Eine umfangreiche Lehr- und Forschungssammlung richtete Prof. Dr. Heinrich Fabian (1889-1970) seit den 1920er Jahren in der Zahnklinik des Universitätskrankenhauses Eppendorf ein. Fabian, Leiter der Abteilung für konservierende Zahnmedizin, setzte besonderes Augenmerk auf die vergleichende Anatomie. Er galt als überzeugter Nationalsozialist und wurde 1945 von seinem Amt suspendiert, 1949 jedoch wieder eingestellt. Bis 2009 wurde die Fabian-Sammlung in ihrem ursprünglichen Arrangement in zwölf Glasschränken in einem Seminarraum der Zahnklinik aufbewahrt. Mit dem Abriss des Gebäudes wurde die Sammlung dokumentiert und durch das Medizinhistorische Museum übernommen. Derzeit läuft eine wissenschaftliche Erschließung und Aufarbeitung des Bestandes.

  • Objekte der Leitner-Sammlung
    Objekte der Sammlung

    Die internistische Fachartzpraxis von Leitner

    Das einheitliche Ensemble einer internistischen Facharztpraxis der 1950er Jahre wurde dem Museum durch Gudrun von Leitner als Dauerleihgabe zur Verfügung gestellt. Die Tochter des Internisten Dr. Hans-Joachim von Leitner hatte das Inventar nach der Schließung der Eppendorfer Praxis mitsamt aller Geschäftsunterlagen und Korrespondenz erhalten. Neben dem zeittypischen Inventar wurden unter anderem auch die EKG- und Röntgeneinrichtungen, Schreib-, Rechen und Laborgeräte übernommen. Heute bietet die Sammlung einen Einblick in eine typische Arztpraxis dieser Dekade.