Notaufnahmen in Not

Schwer krank mit dem Rettungsdienst in die Notaufnahme - Alltag in deutschen Kliniken. Doch die Patientenklientel hat sich stark verändert, nicht einmal jeder Zweite hält seine Beschwerden für dringend behandlungsbedürftig. Um Notaufnahmen zu entlasten, sollen Patientenströme künftig besser gelenkt werden. Das UKE ist Vorreiter in diesem Prozess.

Krankenschwestern und Pfleger bei der Arbeit in der ZNA
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Rege Betriebsamkeit in der Aufnahme der ZNA

Der Rücken tut weh, der Hals schmerzt: Doch statt zum Hausarzt zu gehen, steuern viele Menschen gleich die Notaufnahme ihres nächstgelegenen Krankenhauses an. „Viele haben eine gewisse Affinität zum Krankenhaus, fühlen sich dort sicher und gut aufgehoben“, erläutert Prof. Dr. Martin Scherer, Leiter der Allgemeinmedizin im UKE. „Sie wissen, in der Notaufnahme ist immer jemand da, alle benötigten Geräte sind verfügbar. Dafür nehmen sie dann auch einige Stunden Wartezeit in Kauf.“ Zehn Millionen Patienten werden laut Gutachten des Sachverständigenrates im Gesundheitswesen jährlich in Notaufnahmen deutscher Kliniken versorgt. Zu Stoßzeiten sind Wartebereiche hoffnungslos überfüllt, das medizinische Personal ist bis an die Grenzen – und oft darüber hinaus – belastet.

Patientenaufnahme.
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Ein Patient wird eingeliefert

Scherer hat mit seinem Team 1175 Patienten in der Notaufnahme von drei Hamburger und zwei Schleswig-Holsteiner Kliniken nach ihren Beweggründen befragt. Keine Patienten, die „sofort“ oder „sehr dringend“ behandlungsbedürftig waren, sondern solche, die persönlich an der Anmeldung vorstellig wurden. 54,7 Prozent gaben eine niedere Behandlungsdringlichkeit vor allem mit Beschwerden am Bewegungsapparat und Hautproblemen an. 41,3 Prozent kamen aus eigenem Antrieb, nur jeder Vierte hatte eine Empfehlung vom Haus- oder Facharzt dabei. Die PiNo-Studie („Patienten in Notaufnahmen“) wurde 2017 im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht. „Niedrigdringliche Patienten sehen wir in der ganzen Woche“, schildert Dr. Ulrich Mayer-Runge, Ärztlicher Leiter der Zentralen Notaufnahme des UKE (ZNA), seine Erfahrungen. „Am Wochenende sind es dann noch einmal 20 bis 30 Patienten mehr, die sich nach dem Frühstück auf den Weg zu uns machen.“ Die Behandlungswünsche seien vielfältig und reichten bis zur Impfprophylaxe für bevorstehende Fernreisen. „Beim Erstkontakt am Tresen fragen wir solche Patienten, ob sie schon beim Hausarzt waren oder in ihrem Fall nicht eine hausärztliche Versorgung vorzuziehen sei. Einige Patienten nehmen das an und gehen wieder, die Mehrheit bleibt.“

 Prof. Dr. Martin Scherer und Dr. Ulrich Mayer-Runge stehen vor der Notaufnahme
Wollen die Notfallversorgung weiter optimieren:
Prof. Dr. Martin Scherer (l.) und Dr. Ulrich Mayer-Runge

Viele Patienten laut Studie schlecht informiert

Hier wird laut Prof. Scherer ein wesentliches Problem deutlich: Nicht einmal ein Drittel der zwischen Oktober 2015 und Juli 2016 befragten Patienten kannte den Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), der bundesweit unter 116 117 telefonisch erreichbar ist. Und mehr als die Hälfte wusste nicht, wo sich die für sie nächstgelegene ambulante Notfallpraxis befindet. „Wir müssen die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung stärken“, so seine Forderung. Dies gelte sowohl für die Einschätzung der eigenen Symptome als auch für die Kenntnis des ambulanten Versorgungsangebots.
„Viele Menschen wissen nicht, mit welchen Beschwerden sie wohin gehen müssen. Hier müssen wir mehr Aufklärung und Information betreiben.“
Die KV Hamburg, die die UKE-Studie finanziell gefördert hat, initiierte daraufhin ein Maßnahmenpaket, um die Öffentlichkeit besser zu informieren.

Frau kommt ins Arztzimmer

Jetzt haben UKE und KV die Notfallversorgung neu organisiert: Zum 1. Oktober wurde eine Notfallpraxis in unmittelbarer Nähe der ZNA eingerichtet. Sie soll Patientenströme besser lenken: schwerwiegende Fälle in die stationäre Versorgung überführen, dringend therapiebedürftige vom Praxisarzt vor Ort behandeln lassen und minderschwere Fälle zum niedergelassenen Arzt vermitteln. „Die Praxis wird von der KV betrieben, die behandelnden Ärzte gehören zum UKE“, erläutert Prof. Scherer. Die Allgemeinmediziner verrichten schon seit 2012 tagsüber Dienst in der ZNA, jetzt wird abends und an den Wochenenden aus der Hausarztpraxis des UKE die Notfallpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung, die im Ernstfall alle Strukturen der ZNA nutzen kann. Für ZNA-Leiter Mayer-Runge eine gute Lösung: „Damit sind wir Vorreiter bei der Einrichtung eines Integrierten Notfallzentrums; Kollegen aus ganz Deutschland fragen uns schon nach unseren Erfahrungen.“

Mehr Information, bessere Aufklärung, Eröffnung von Portalpraxen – Stellschrauben, mit denen sich das bundesweite Problem überfüllter Notaufnahmen nach Hoffnung aller Beteiligten in den Griff kriegen lässt. In Hamburg wollen die UKE-Wissenschaftler in einer Folgestudie jetzt untersuchen, ob die Maßnahmen greifen und sich die notfallbezogene Gesundheitskompetenz der Bevölkerung verbessert. Erste Ergebnisse sollen Ende 2020 vorliegen.

  • Auf einen Blick
  • Auf einen Blick

    Behandlung nach Dringlichkeit

    Im UKE wurden 2018 insgesamt 128 551 Patienten in der Notaufnahme versorgt. Die Dringlichkeit ihrer Behandlung wird bei der Ersteinschätzung, der sogenannten Triagierung, vorgenommen: Sie reicht von rot (Lebensgefahr, sofortige Behandlung) bis blau (niedrige Behandlungsdringlichkeit, bis zu vier Stunden Wartezeit). ZNA-Leiter Dr. Ulrich Mayer-Runge: „Seitdem wir die Patientinnen und Patienten offensiv über dieses System informieren, gibt es deutlich weniger Beschwerden über lange Wartezeiten.“

  • Behandlung nach Dringlichkeit

    Im UKE wurden 2018 insgesamt 128 551 Patienten in der Notaufnahme versorgt. Die Dringlichkeit ihrer Behandlung wird bei der Ersteinschätzung, der sogenannten Triagierung, vorgenommen: Sie reicht von rot (Lebensgefahr, sofortige Behandlung) bis blau (niedrige Behandlungsdringlichkeit, bis zu vier Stunden Wartezeit). ZNA-Leiter Dr. Ulrich Mayer-Runge: „Seitdem wir die Patientinnen und Patienten offensiv über dieses System informieren, gibt es deutlich weniger Beschwerden über lange Wartezeiten.“

Text: Uwe Groenewold
Fotos: Axel Kirchhof