Kurzbeiträge wissen + forschen 2019
zum Thema "Versorgungsforschung"

Weitere Kurzbeiträge auf einen Blick finden Sie hier

  • Silke Pawils
    Priv.-Doz. Dr. Silke Pawils
    begleitet das Babylotsen-Projekt

    Vorsorge verbessert Entwicklungschancen

    Babylotsen leisten Starthilfe

    Das UKE ist externer Partner eines Projekts, das Familien in belastenden Lebensumständen unterstützt. Gesucht werden Wege, um Hilfe bestmöglich zu den Familien zu bringen.

    Die meisten Eltern wollen das Beste für ihr Kind, doch nicht immer gelingt dies. Das Programm „Babylotse“ der Stiftung SeeYou bietet Familien in schwierigen Lebensumständen seit 2007 Beratung und Vermittlung von Hilfen an, damit das Baby gute Entwicklungschancen erhält. In sieben Bundesländern sind Babylosten aktiv, allein in Hamburg an zehn Geburtskliniken. Hinzu kommt die ambulante Hilfe: Schwangere können bei ihrem Frauenarzt oder nach der Geburt im Rahmen der Früherkennungsuntersuchungen beim Kinderarzt Unterstützung durch Babylotsen erhalten. Auch die Ärzte und Medizinischen Fachangestellten profitieren: „Sie erfahren eine deutliche Entlastung in einem für sie ungewohnten Aufgabengebiet“, erklärt Priv.-Doz. Dr. Silke Pawils, Leiterin der Forschungsgruppe Prävention am Institut für Medizinische Psychologie, die das Babylotsen-Projekt wissenschaftlich begleitet.

    Soziales Frühwarnsystem

    Mit dem Folgeprojekt „Kid-Protekt“ wird das soziale Frühwarnsystem erweitert: Im Rahmen der Schwangerenvorsorge und bei den U-Untersuchungen soll eine psychosoziale Belastungsanamnese erstellt werden, um frühzeitig passgenaue Hilfe anbieten zu können. In einer begleitenden Studie untersucht Pawils mit ihrem Team, „wie es am besten gelingt, belastete Familien über Unterstützungsangebote zu informieren und zur Inanspruchnahme zu motivieren.“ Dabei werden die Effekte des Lotsenmodells mit einer auf Qualifizierung des Praxispersonals basierenden Variante verglichen und Empfehlungen für eine Überführung der neuen Versorgungsform in die Regelversorgung erarbeitet.

  • Trans Menschen oft psychisch belastet

    Videosprechstunde und Live-Chat als Therapie

    Manche Menschen erleben ihre Geschlechtszugehörigkeit nicht im Einklang mit ihrem körperlichen Geschlecht. Das Interdisziplinäre Transgender Versorgungszentrum (ITHCCH) ist als eines von wenigen Zentren auf die Behandlung von trans (früher: transsexuellen) Menschen spezialisiert. „Betroffene, die nicht in der Nähe solcher Zentren oder von spezialisierten Fachkräften leben, werden oft gar nicht oder falsch behandelt und sind dadurch häufig psychisch belastet“, sagt Dr. Timo Nieder vom Institut für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie. Er leitet das vom Innovationsfonds der Bundesregierung geförderte Projekt „i²TransHealth“, das Betroffenen unabhängig vom Wohnort eine medizinische Versorgung ermöglichen soll, die ihren Transsexualismus berücksichtigt.

    Bessere Lebensqualität ist das Ziel

    Im Rahmen des Projekts werden ein Ärztenetzwerk sowie eine Internet-Plattform aufgebaut. Ärzte werden für eine spezifische Behandlung transsexueller Menschen geschult. Für Betroffene ist das Portal frei zugänglich. Wer teilnehmen möchte, sucht einen Arzt des Netzwerks auf, nimmt am ITHCCH am Erstgespräch teil und wird randomisiert einer Interventions- oder einer Wartegruppe zugewiesen. Die Teilnehmer der Interventionsgruppe können sich per Live-Chat mit Spezialisten austauschen und besuchen alle zwei Wochen eine Videosprechstunde. Die Wartegruppe nimmt nach vier Monaten ebenfalls an der Versorgung teil. Im Anschluss wird ermittelt, ob i²TransHealth dazu beiträgt, die Lebensqualität von trans Menschen zu verbessern.

  • Wie sich Wohnbedingungen auswirken

    Neue Studie: Was macht eine Stadt gesund?

    Für Erkrankungen können meist Risikofaktoren benannt werden, die sich vermeiden lassen. Was aber führt dazu, dass Menschen gesund sind und bleiben? In einer groß angelegten Studie untersuchen Wissenschaftler, wie verschiedene Gesundheitsfaktoren sich gegenseitig beeinflussen. Denn dafür, dass ein Mensch gesund ist, gibt es unterschiedliche Gründe – zum Beispiel, über welche körperliche Disposition er verfügt, ob er mit seinen Lebensumständen zufrieden ist oder wie viel Lärm er an seinem Wohnort ausgesetzt ist. In der Studie „Was macht eine Stadt gesund“, in der Daten der Hamburg City Health Studie (HCHS) sowie weitere urbane Forschungsprojekte ausgewertet werden, untersuchen Wissenschaftler in 15 Arbeitsgruppen, welche Faktoren besonders wichtig sind und wie sich diese untereinander verstärken oder neutralisieren können.

    Einflüsse auf das Wohlergehen untersuchen

    „Gesundheit ist nicht einfach nur Schicksal“ sagt Prof. Dr. Matthias Augustin, Leiter des Instituts für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen. Zusammen mit seinem Team will er herausfinden, wie körperliche Verfassung, individuelle Lebensweise, Umweltfaktoren und Arbeitsbedingungen auf das Wohlergehen einwirken. „Wir entwickeln Hypothesen wie zum Beispiel die, dass schlechte Wohnbedingungen bestimmte Atemwegserkrankungen zur Folge haben können“, erläutert Augustin. „Im nächsten Schritt prüfen wir, was das genau bedeutet – wie etwa Belastung der Atemluft, Baumaterial der Wohnung oder Zugang zu ärztlicher Versorgung zusammenspielen.“

  • Wie Familie Pflege organisiert
    Pflegewissenschaftlerin Lydia Neubert untersucht
    die Auswirkung häuslicher Pflege auf das Leben in der Familie


    Studie: Angehörige mit Demenz zu Hause versorgen

    Wie Familie Pflege organisiert

    Wer einen Angehörigen mit Demenz pflegt, kann großen Belastungen ausgesetzt sein. Wie Familien die häusliche Pflege mit ihrem Familien- und Berufsleben unter einen Hut bringen, ist Gegenstand einer Untersuchung am Institut für Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung.

    „Bisherige Studien befragten ausschließlich die Hauptpflegeperson. In unserer Studie aber kamen aus jeder Familie weitere Verwandte sowie nicht-familiale Personen zu Wort, die in Einzelinterviews zudem frei erzählen konnten“, erklärt Pflegewissenschaftlerin Lydia Neubert das Vorgehen ihres Teams.

    Aufgabenverteilung ein wichtiges Kriterium

    Ein wesentliches Ergebnis: Die Aufgabenverteilung hängt eng mit den Beziehungen innerhalb der Familie zusammen. Aufgaben werden entweder gleich, ungleich oder auch gar nicht geteilt. Beispielsweise gibt es Geschwisterpaare, die sich gemeinsam um die Mutter mit Demenz kümmern und auch welche, in denen sich einer trotz Bitte des anderen nicht an der Pflege beteiligt. Die Beziehungen zwischen den Verwandten werden dementsprechend als „harmonisch“, „unverändert“ oder „konfliktbeladen“ wahrgenommen. „Wenn gemeinsam gepflegt wird, bestanden schon vor der Pflege harmonische Beziehungen. Wohingegen in konfliktbeladenen Beziehungen die Konflikte zwar oberflächlich um die Pflege ausgetragen werden, sie aber nicht nur auf der aktuellen Pflegesituation beruhen, sondern auch auf früheren Ereignissen“, sagt Lydia Neubert. Wie gut Job und Pflege dementer Angehöriger zusammenpassen, kann die UKE-Wissenschaftlerin noch nicht abschließend sagen. Bisher lasse sich erkennen, dass die Befragten mit der Vereinbarkeit kaum Schwierigkeiten haben. „Der Beruf wird teilweise sogar als willkommene Ablenkung erlebt.“

  • Mehr als Juckreiz und Hautrötungen

    Psoriasis: Patienten sind krank und stigmatisiert

    In Deutschland leben etwa zwei Millionen Menschen mit Psoriasis, einer chronisch-entzündlichen Hauterkrankung, die Juckreiz und Hautrötungen hervorruft, aber auch Gelenke und Organe befallen kann. „Bei Patientinnen und Patienten mit Schuppenflechte ist der subjektive Leidensdruck oft immens hoch – gerade, wenn sichtbare Hautpartien wie das Gesicht betroffen sind“, erläutert Prof. Dr. Matthias Augustin, Dermatologe und Leiter des Instituts für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen. „Denn obwohl die Erkrankung nicht ansteckend ist, gehören negative Reaktionen anderer Menschen zusätzlich zu den krankheitsbedingten Symptomen oft zum Alltag der Psoriasispatienten.“

    Schlechte Versorgung verstärkt Leidensdruck

    In der bereits seit 2005 laufenden Studie „PsoHealth“ wurde unter der Leitung von Prof. Augustin eine umfassende Versorgungsanalyse zur Behandlung von Schuppenflechte vorgenommen. Unter anderem die Auswertung eines Fragebogens zeigte einen alarmierenden Zustand: „Die Lebensqualität vieler Patienten mit Schuppenflechte ist sehr stark eingeschränkt“, so Prof. Augustin. 2007 entwickelte sein Team eine rechtlich bindende Leitlinie für die Versorgung von Psoriasis-Patienten. Unter anderem regelt sie, auf welche Weise gemessen wird, wie schwer ein Patient von Schuppenflechte betroffen ist und was beim Verschreiben von Medikamenten beachtet werden muss. In der Folge hat sich die Zahl der Patienten mit einer besonders schweren Belastung der Lebensqualität halbiert.

  • Positive Auswirkungen belegt

    Selbsthilfe macht klug: Von Erfahrungen profitieren

    Von A wie Asthma bis Z wie Zöliakie: In Deutschland sind rund 3,5 Millionen Menschen mit chronischen Erkrankungen in 100 000 Selbsthilfegruppen aktiv. Doch welche Wirkung hat eigentlich Selbsthilfe? Das ist eine Kernfrage der SHILD-Studie, der ersten Untersuchung zur gesundheitsbezogenen Selbsthilfe in Deutschland, die im vergangenen Jahr abgeschlossen wurde. Das UKE hat in Zusammenarbeit mit Forschern aus Hannover und Köln Struktur, Ziele und Aktivitäten von Selbsthilfeorganisationen und -gruppen erforscht.

    Das Gefühl, nicht allein zu sein

    „Selbsthilfe setzt dort an, wo professionelle Hilfe endet“, erklärt Dr. Christopher Kofahl, Institut für Medizinische Soziologie, der das SHILD-Projekt koordinierte. „Wenn Patienten entlassen werden, erhalten sie oft keine Informationen, wie sie im Alltag mit Wunden oder Verbänden umgehen sollen, wie sie mit Einschränkungen zurechtkommen, auf welche Hilfen sie Anspruch haben.“ Eine Selbsthilfegruppe könne diese Lücke füllen: Dort geben Schicksalsgenossen ihr Wissen weiter, liefern alltagspraktische Tipps. „Selbsthilfe macht klug“, sagt Dr. Kofahl. 80 Prozent der Mitglieder lernen mithilfe der Gruppe, die Krankheit besser zu bewältigen, 90 Prozent profitieren von den Erfahrungen der anderen, 96 Prozent haben das Gefühl, nicht allein zu sein, ergab die Studie. SHILD-Koordinator Kofahl würde es begrüßen, wenn mehr Ärzte als bisher über Selbsthilfeangebote aufklärten. „Auch für Stationsärzte ist es entlastend, dem Patienten eine Empfehlung zu geben, wie es weitergehen kann.“

  • Zahlen lesen können
    Werten unterschiedlichste Daten aus
    Prof. Dr. Zapf, Prof. Dr. Wegscheider und Prof. Dr. Becher (v.l.)

    Medizinische Biometrie und Epidemiologie

    Zahlen lesen können

    Eine umfassende Auswertung statistischer Daten liefern Expertinnen und Experten des Instituts für Medizinische Biometrie und Epidemiologie. Sie sind für Versorgungsforscher von großer Bedeutung.

    In der Versorgungsforschung werden Strukturen und Prozesse der Gesundheitsversorgung untersucht. „Dabei können grob zwei Forschungsziele unterschieden werden“, erläutert Prof. Dr. Antonia Zapf, stellvertretende Leiterin des Instituts für Medizinische Biometrie und Epidemiologie. Einerseits könne es Ziel sein, die Versorgungssituation zu erforschen und Missstände zu identifizieren. Andererseits sei denkbar, bestehende Versorgungsformen zu vergleichen und neue zu evaluieren. Prof. Zapf: „Aus statistischer Sicht haben beide Forschungsbereiche ihre Besonderheiten.“ Bei epidemiologischen Studien mit Fragen der Versorgungsforschung, wie zum Beispiel der NAKO Gesundheitsstudie, werden Sekundärdaten mit den direkt erhobenen Daten kombiniert, um Versorgungsketten darzustellen und zu analysieren. Dabei müsse dem unterschiedlichen Evidenzgrad der Datenquellen Rechnung getragen werden, so die Biometrikerin.

    Kooperationspartner und ihre Expertise

    In Studien zur Evaluation neuer Versorgungsformen werden häufig komplexe Interventionen auf der Ebene der Einrichtungen evaluiert, für die ein cluster-randomisiertes Design optimal ist. Cluster- Randomisierung bedeutet, dass komplette Einrichtungen wie zum Beispiel Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen oder Teilpopulationen wie Dörfer oder Regionen zufällig bestimmten Interventionen zugeteilt werden. Diese Struktur müsse bei Planung und Auswertung entsprechend berücksichtigt werden. Prof. Zapf: „Kooperationspartner aus Biometrie und Epidemiologie können mit ihrer Expertise dazu beitragen, valide Forschungsergebnisse zu erzielen.“


  • Versorgung bei Multimorbidität

    Behandlungsstandards für ältere Patienten benötigt

    Multimorbidität ist eine der größten Herausforderungen der Gesundheitsversorgung: Bis zu zwei Drittel der älteren Bevölkerung leiden gleichzeitig an drei oder mehr chronischen Erkrankungen. Doch bislang gibt es keine Behandlungsstandards. Mit dem Projekt MULTIqual soll diese Lücke geschlossen werden. Ziel ist es, Qualitätsmerkmale zu definieren, Behandlungsstandards zu etablieren und Unter-, Über- oder Fehlversorgungen zu reduzieren.

    Auch Betroffene werden befragt

    „Uns ist es wichtig, auch die Betroffenen einzubinden, da die Versorgung immer vor dem Hintergrund individueller Krankheitskombinationen und Präferenzen erfolgt“, erklärt Prof. Dr. Martin Scherer, Leiter des Instituts und der Poliklinik für Allgemeinmedizin. Multimorbide Patientinnen und Patienten und deren Angehörige wurden daher zu ihren Bedürfnissen und Erfahrungen hinsichtlich der gesundheitlichen Versorgung befragt. Die Ergebnisse flossen in die Identifizierung von Qualitätsmerkmalen ein. Fachleute aus haus- und fachärztlicher Versorgung, Pharmakologie und Pflege sowie Patientenvertretung wählten 25 Indikatoren aus, darunter ein Depressionsscreening, das Ermitteln von Patientenpräferenzen, die partizipative Entscheidungsfindung sowie Fortbildungsmaßnahmen. Im nächsten Schritt werden die Indikatoren auf ihre Ausprägung, Machbarkeit und Aussagekraft geprüft, ihr Einfluss auf Lebensqualität und funktionellen Status untersucht. Dazu werden unter anderem 350 multimorbide Patienten sowie 50 Ärzte an Studienzentren in Hamburg und Heidelberg befragt.

  • Studienmodul soll Stigmatisierung entgegenwirken

    Unverstellter Blick auf psychisch Erkrankte

    Menschen mit psychischen Erkrankungen begegnen der Medizin nicht nur in der Psychiatrie: Hausärzte sind oft die Ersten, die bei Veränderungen der Befindlichkeit auch psychische Aspekte bedenken müssen. Der Chirurg hat mit den Folgen von Selbstverletzungen zu tun, die Gynäkologin mit denen von Magersucht. Umgekehrt kann die psychiatrischeDiagnose den Blick auf andere Erkrankungen verstellen. „Vorurteile und Stigmatisierung gibt es auch bei Medizinstudierenden“, erklärt Prof. Dr. Thomas Bock, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie.

    Eigene Vorurteile erkennen, Ängste relativieren

    Das „Trialogische Antistigma-Modul für Medizin- Studierende“ soll Vorurteilen entgegenwirken. Das Modul wurde in Kooperation mit dem Verein „Irre menschlich Hamburg“ entwickelt. Nach einer Erprobung im Rahmen des Wahlfachs ermöglichte eine Spende der Warburg Bank 2018 die Durchführung für einen ganzen Studienjahrgang, ein achtes Semester am Anfang des Blockpraktikums. Ziel war, sich mit der eigenen „Vorurteilsfähigkeit“ und den Folgen von Vorurteilen im Medizinbetrieb auseinanderzusetzen, durch die Begegnung mit Psychiatrie- Erfahrenen Ängste zu relativieren, die Person hinter der Diagnose stärker wahrzunehmen und die Konsequenzen für die eigene berufliche Perspektive zu diskutieren. „Die aktuelle Auswertung hat gezeigt, dass es gelingen kann, die soziale Distanz sowie die Neigung zu Stereotypen und negativen Gefühlen zu verringern“, erklärt Prof. Bock. Ab dem Wintersemester 2019/20 gehört das ambitionierte Lehrprojekt zum regelhaften Studiengang.

  • Hilfe finden, Hürden meistern
    Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer
    fordert eine bessere Aufklärung


    Psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen

    Hilfe finden, Hürden meistern

    Psychische Erkrankungen sind kein Phänomen der Erwachsenenwelt. Viele Kinder und Jugendliche leiden,
    oft ohne dass ihnen geholfen wird. Eine UKE-Studie
    sucht nach Gründen und Lösungen.

    Rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind psychisch auffällig, doch nur jedes dritte Kind mit klinisch relevanten Symptomen wird adäquat versorgt. Das ist das Ergebnis der im UKE durchgeführten BELLA-Studie, der europaweit größten Langzeitstudie zur psychischen Gesundheit und medizinischen Versorgung von Kindern. Seit 2003 untersucht die Forschungssektion „Child Public Health“ der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik gemeinsam mit dem Robert-Koch-Institut bundesweit an über
    18 000 Familien regelmäßig die Gesundheit sowie die Barrieren bei der Inanspruchnahme fachspezifischer Versorgung von psychisch auffälligen Kindern und Jugendlichen.

    Viele Eltern sind verunsichert

    Wo liegen die Hürden für eine fachspezifische Versorgung und wie kann man sie überwinden? „Einen entscheidenden Einfluss haben die Eltern, da sie häufig den ersten Kontakt zu Fachärzten und Therapeuten herstellen“, betont Forschungsleiterin Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer. Viele Eltern seien verunsichert: Ist mein Kind überhaupt krank und benötigt Hilfe? Wenn ja, wo finde ich diese?
    Die Studie zeigt: Eltern und Kinder benötigen eine bessere Aufklärung über psychische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter und klare Informationen über Wege in die Versorgung. Auch die Angst vor Stigmatisierung hindert Eltern und Jugendliche häufig daran, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Daneben spielen aber auch die soziale Herkunft der Familien und die Größe des Wohnortes eine entscheidende Rolle bei der Inanspruchnahme der erforderlichen Versorgungsleistungen.


  • Eltern-Kind-Bindung stärken

    Präventionsprogramm für benachteiligte Familien

    Benachteiligte Familien haben es schwer. „Obwohl Forschungsarbeiten eine beeinträchtigte Lebensqualität, weniger funktionale Beziehungen sowie geringere berufliche und schulische Chancen belegen, gibt es kaum Untersuchungen, wie diesen Familien wirksam geholfen werden kann“, sagt Psychologin Dr. Julia Quitmann, Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie.

    Kurs für Eltern: „Sicherer Hafen“

    Gemeinsam mit ihrem Team der AG Lebensqualitätsforschung begleitet die Psychologin das Hamburger Modellprojekt „Sicherer Hafen“ (von der BerndtSteinKinder Stiftung in Kooperation mit der Babyambulanz – Von Anfang an). Die Forscherinnen wollen die Wirksamkeit der im Kurs angebotenen Unterstützungsmaßnahmen prüfen und Verbesserungsansätze identifizieren. Der Kurs begleitet werdende Eltern bis zum 18. Lebensmonat ihres Kindes. Ziel ist es, ihren Blick für das eigene Bindungsverhalten, ihre Rollenbilder und Vorstellungen von Familie und Partnerschaft zu schärfen und die Eltern- Kind-Bindung zu stärken. Die Eltern sollen in die Lage versetzt werden, empathisch und feinfühlig auf die Bedürfnisse ihres Kindes eingehen zu können. Erste Ergebnisse belegen Julia Quitmann zufolge bereits signifikante Verbesserungen der Lebensqualität der Kinder. Aber auch die Eltern profitieren: „Zeigen sie zu Beginn des Kurses noch deutlich niedrigere Lebensqualitätswerte als die Norm, haben sie ein Jahr später keinerlei Einschränkungen ihrer körperlichen und psychischen Lebensqualität mehr."

  • Wenn ein Kind an Krebs erkrankt, leidet die Familie

    Zurück in den Alltag: Wer benötigt welche Hilfe?

    Eine Krebserkrankung bei Kindern und Jugendlichen bedeutet eine extreme Belastung – für die Patientinnen und Patienten, aber auch für Eltern und Geschwister. „Wenn ein Kind an Leukämie oder einem Hirntumor erkrankt, ist für die gesamte Familie eine intensive psychosoziale Nachsorge erforderlich“, erklärt Prof. Dr. Corinna Bergelt, Leiterin der Forschungsgruppe Psychoonkologie, Institut und Poliklinik für Medizinische Psychologie. In Deutschland unterstützt die „Familienorientierte Rehabilitation“ mit einem vierwöchigen Klinikprogramm pädiatrische Krebspatienten sowie deren Angehörige, nach der Akutbehandlung in den Alltag zurückzufinden.

    Starke Ängste und Depressivität bei den Eltern

    Zu Beginn der Reha weisen 70 Prozent der Eltern grenzwertige bis auffällige Angstwerte, 47 Prozent hohe Depressivitätswerte auf, ermittelte die Forschungsgruppe in einer Pilotstudie. Welche Effekte hat die Reha-Maßnahme? Hält die positive Wirkung an? Wird weitere Unterstützung benötigt und wenn ja, welche? Antworten soll die Langzeitstudie „Zurück zur Normalität“ von Prof. Bergelt und ihrem Team liefern. Es handelt sich um eine Bestandsaufnahme zur Wiedereingliederung und Reintegration in den Alltag von Patientinnen und Patienten mit Hirntumoren und Leukämien, aber auch von deren Eltern und Geschwistern, aus Eltern- und aus Kindersicht. Die Ergebnisse sollen helfen, spezifische Unterstützungsbedürfnisse von Familien nach dem Ende der Intensivbehandlung zu identifizieren
    und Unterstützungsangebote zu optimieren, die bei der Rückkehr in die Normalität helfen.

  • Dr. Christian Wolfram
    Priv.-Doz. Dr. Christian Wolfram
    möchte die empirische Datenbasis für Augenerkrankungen verbessern

    Aufbau eines Registers für weitverbreitete Augentherapie

    Wissenslücken schließen

    Injektionen in den Glaskörper gehören zu den häufigsten Therapien der Augenheilkunde. Im UKE wird jetzt ein Register aufgebaut, das Aufschluss über die Versorgung geben soll.

    Ein weit verbreitetes Gesundheitsproblem in der Augenheilkunde ist die Entwicklung von Ödemen an der Netzhautmitte. Sie entstehen bei Altersbedingter Makula-Degeneration (AMD), Diabetes oder infolge von Gefäßverschlüssen an der Netzhaut. Seit mehr als zehn Jahren werden Makula-Ödeme mit Injektionen in den Glaskörper behandelt. Diese intravitrealen Injektionen (IVOM) gehören mittlerweile zu den häufigsten medizinischen Eingriffen überhaupt und werden rund 1,2 Millionen Mal pro Jahr in Deutschland durchgeführt. „Trotz der weiten Verbreitung wissen wir relativ wenig über die Versorgungspraxis“, erklärt Priv.-Doz. Dr. Christian Wolfram, der neben seiner Tätigkeit als niedergelassener Augenarzt in der Klinik für Augenheilkunde des UKE den Bereich der Ophthalmologischen Versorgungsforschung vertritt.

    Wie zufrieden sind die Patienten?

    „Zentrale Parameter wie die Injektionsfrequenz pro Jahr oder die Häufigkeit von Therapieabbrüchen oder -wechseln sind uns weitgehend unbekannt.“ Auch gebe es kaum empirische Daten zur Patientenperspektive und Behandlungszufriedenheit bei IVOM-Therapien, so Wolfram.
    An der Augenklinik des UKE soll daher in Kürze ein Register über die Versorgung der Hamburger Bevölkerung mit intravitrealen Injektionen aufgebaut werden. Ziel ist es, die Inanspruchnahme und die Versorgungswege in der IVOM-Versorgung zu analysieren, bestehende Wissenslücken zu schließen und daraus relevante Informationen für Patientinnen und Patienten, Behandler und Entscheidungsträger im Gesundheitswesen bereitzustellen.


  • „Prähabilitation“ für ältere Patienten

    Gezieltes Training macht fit für die Operation

    Das Risiko von Komplikationen bei und nach einer Operation ist für ältere Patienten deutlich höher als für jüngere. Im Rahmen des Forschungsprojekts „PeriAge“ entwickelt die Arbeitsgruppe Gerontoanästhesie, Zentrum für Anästhesiologie und Intensivmedizin, praktikable Konzepte, um den postoperativen Verlauf bei Patienten ab 65 Jahre zu verbessern. Dazu gehört „Trailty“, ein einfaches Trainingsprogramm für zu Hause, bei dem sich altersgebrechliche Patienten fit für eine Operation machen. „Wir setzen auf Prähabilitation“, sagt Dr. Cynthia Olotu vom PeriAge-Forschungsteam.
    Wer vor der OP Ausdauer, Muskelkraft und Atemmuskulatur gezielt trainiere, komme schneller wieder auf die Beine. „Diese Patienten stürzen seltener und mindern ihr Risiko einer Lungenentzündung oder anderer postoperativer Komplikationen“, so die Anästhesiologin.

    Mit Brille und Prothese in den OP

    Im Projekt „PeriAge“ wird ein Bündel praktischer Maßnahmen untersucht: ergänzende Trinknahrung für mangelernährte Patienten, kohlenhydrathaltige Getränke zur Vermeidung von präoperativem Stress und unnötiger Nüchternheit sowie eine systematische Aufklärung über Delirprophylaxe und die Einbindung der Angehörigen. Und die Aufforderung, Brille, Hörgerät und Zahnprothese in den OP mitzunehmen. Dadurch soll das Gefühl des Ausgeliefertseins vermieden und das Risiko einer postoperativen Verwirrtheit gemindert werden. Da die Interventionen in Arbeitsabläufe des Klinikalltags eingreifen, wird auch die Akzeptanz bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern evaluiert.



  • Langzeiteinnahme gefährdet Gesundheit

    Viele ältere Frauen abhängig von Schlafmitteln

    In Deutschland sind 1,2 bis 1,5 Millionen Menschen von schlafanstoßenden Medikamenten, insbesondere Benzodiazepinen und sogenannten Z-Substanzen, abhängig. Zum großen Teil sind ältere Frauen betroffen, die durch die Einnahme auch gesundheitlich, zum Beispiel im Hinblick auf vermehrte Stürze, gefährdet sind. Im Rahmen eines vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) geförderten Projekts hat das Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung zusammen mit dem Institut und der Poliklinik für Medizinische Psychologie Hintergründe und Ursachen der Langzeiteinnahme untersucht.

    Ärztliche Schulung und Selbsttest für Patienten

    Außerdem wurde eine ärztliche Schulung zur Risikokommunikation auf Basis der Partizipativen Entscheidungsfindung (PEF) beim Verschreiben dieser Medikamente entwickelt. „Das Training wurde durch die Ärzte positiv bewertet und lieferte wichtige Hinweise im Hinblick auf Versorgungslücken – beispielsweise zur Überforderung im Umgang mit älteren Patienten oder über fehlendes Wissen zu pharmakologischen Alternativen“, erläutert Medizinpsychologe Prof. Dr. Dr. Martin Härter. Schließlich wurden Gesundheitsinformationen und Entscheidungshilfen für die Risikokommunikation mit Patienten entwickelt und evaluiert. Im Rahmen eines ab Herbst 2019 laufenden zweijährigen Folgeprojektes, das erneut vom BMG gefördert wird, werden die Informationen zielgruppenspezifisch weiterentwickelt.

    Diese und einen neu entwickelten Selbsttest zur Gefährdung wird es kostenlos unter:

    www.patienteninformation.de und www.psychenet.de geben.

  • Silke Wiegand-Grefe vor einem Bücherregal
    Prof. Dr. Silke Wiegand-Grefe
    Leitet das bundesweite Projekt zur psychosozialen Versorgung

    Psychosoziale Versorgung bei seltenen Erkrankungen

    Kinder im Ausnahmezustand

    Wenn Kinder eine seltene Erkrankung haben, leidet die ganze Familie. Ein vom UKE geleitetes bundesweites Projekt soll die Versorgungssituation der belasteten Familien verbessern.

    Als selten gilt eine Krankheit, wenn höchstens fünf von 10 000 Menschen betroffen sind. In Deutschland leben rund vier Millionen Menschen mit einer seltenen Erkrankung, mehr als die Hälfte von ihnen sind Kinder und Jugendliche. Sie selbst, ihre Eltern und Geschwister sind durch Sorgen, Ängste und den hohen Aufwand, den das Krankheitsmanagement mit sich bringt, oft körperlich und psychisch sehr belastet. So entwickeln bis zu 40 Prozent der Eltern eine Angsterkrankung oder werden depressiv. „Aus Zeitmangel aufgrund der hohen Belastung können die Familien aber kaum die herkömmlichen Angebote an Psychotherapie nutzen“, sagt Prof. Dr. Silke Wiegand-Grefe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und –psychosomatik.

    Reden und Schreiben hilft

    Die Versorgungslücke soll das CARE-FAM-NET schließen, ein Verbund aus Forschungseinrichtungen, Krankenkassen, Selbsthilfeorganisationen in Kooperation mit Kinderkliniken in zwölf Bundesländern. Das vom Innovationsfonds geförderte Projekt schafft psychosoziale Versorgungsstrukturen „mit dem Ziel, Kindern mit seltenen Erkrankungen und ihren Familien frühestmöglich psychosoziale Hilfe anzubieten, um die Krankheitsbewältigung zu erleichtern und die Lebensqualität zu erhöhen“, erläutert Projektleiterin Wiegand-Grefe. Zwei Ansätze werden erprobt: eine Familienintervention mit acht Sitzungen sowie eine Onlineintervention, bei der Teilnehmer in einer Schreibtherapie mit Unterstützung geschulter Fachkräfte Schreibaufgaben ausführen. 1000 Familien sind an der Studie beteiligt. Bei erfolgreicher Evaluation sollen die neuen Unterstützungsangebote in die Regelversorgung übernommen werden.

  • Arbeitspsychologen evaluieren Beratungsstelle

    Ziel: Psychisch gesund und arbeitsfähig bleiben

    Durch die Zunahme psychischer Belastungen in der Arbeitswelt gewinnen der Erhalt und die Förderung der Gesundheit von Erwerbstätigen eine besondere Bedeutung. Informationen und Beratung in Bezug auf belastende Arbeitssituationen oder der betrieblichen Gestaltung von Arbeitsbedingungen erhalten Beschäftigte und betriebliche Akteure in speziellen Beratungsstellen. Priv.-Doz. Dr. Stefanie Mache vom Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin des UKE untersucht mit ihrer Arbeitsgruppe Nutzen und Wirkung einer kostenlosen Beratungsstelle für Beschäftigte und Betriebsvertreter.

    Beratungsstelle hat Lotsenfunktion für Betroffene

    „Unser Ziel ist es, das Arbeits- und Wirkungsfeld der Beratungsstelle zu analysieren. Dabei untersuchen wir Beratungsanlässe und -umfänge und prüfen, ob die Beratungsstelle die angestrebte Lotsenfunktion erfüllt“, erläutert Psychologin Mache. Im Fokus steht dabei die 2016 gestartete Hamburger Beratungsstelle „Perspektive Arbeit & Gesundheit“ (PAG). Ziel von PAG ist es, die psychische Gesundheit und Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten und zu fördern. Beraten werden Beschäftigte in psychisch belastenden Arbeitssituationen und Betriebsvertreter, die mit der gesundheitsgerechten Gestaltung der Arbeitsbedingungen beauftragt sind. „Insgesamt weisen die Evaluationsergebnisse erste positive Nutzentendenzen auf“, sagt die Forscherin. Für Beschäftigte sind Dr. Mache zufolge die sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz von besonderer Relevanz, Unternehmensvertreter suchten häufig Informationen zur Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungsfaktoren.

  • Berufsrisiko im Gesundheitswesen

    Hepatitis-C-Infektionen effektiv behandeln

    Beschäftigte im Gesundheitswesen haben ein erhöhtes Risiko für eine Hepatitis-C-Infektion.

    Da eine schützende Impfung fehlt, kommt es darauf an, eine Infektion zu verhindern oder effektiv zu behandeln. Beides gelingt immer besser. „Wir konnten belegen, dass die neuen Therapien auch bei Betroffenen mit fortgeschrittener Infektion sehr erfolgreich und gut verträglich sind“, sagt UKE-Arbeitsmediziner Prof. Dr. Albert Nienhaus vom Competenzzentrum Epidemiologie und Versorgungsforschung bei Pflegeberufen (CVcare). Mitarbeiter des CVcare hatten in den vergangenen Jahren Behandlungsdaten der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) ausgewertet. Die Forscher wollten wissen, wie gut neue, direkt gegen das Hepatitis- C-Virus gerichtete Medikamente für die Behandlung von im Gesundheitswesen Beschäftigten geeignet sind. Ergebnis: Die Mehrzahl der Therapien verlief ohne Nebenwirkungen. Und: Eine früh einsetzende Therapie der Infektion ist sinnvoll.

    Nadelstichverletzungen oft erst nach Prozedur

    Wie eine Analyse von Unfällen durch die Hamburger Arbeitsmediziner zeigt, können vor allem Schulungen zur sicheren Entsorgung von spitzen Instrumenten – Injektionsnadeln und Autoinjektoren – helfen, das Infektionsrisiko für Beschäftigte im Gesundheitswesen zu senken. Denn etwa die Hälfte aller Nadelstichverletzungen ereignet sich nicht bei der invasiven Prozedur, sondern erst im Anschluss daran bei der Entsorgung der Geräte. Insgesamt, so Nienhaus, ist die Zahl der blutübertragbaren Virusinfektionen im Gesundheitswesen rückläufig.