Ein Blick zurück: Die Geschichte der Pavillons O53 und O55

108 Jahre alt ist die Postkarte. Sie zeigt die damaligen Pavillons 25 bis 31. Die Postkarte gehört zum Fundus von Prof. Dr. Adolf-Friedrich Holstein, langjähriger Leiter des Freundes- und Förderkreises des UKE. Im Namen des Medizinhistorischen Museums hat Prof. Holstein zusammen mit dem früheren UKE-Mitarbeiter Klaus Pinker die Vergangenheit der nun vor dem Abriss stehenden Gebäude recherchiert.

Hier ihr Bericht:

„Für den Neubau der Martini-Klinik müssen die Pavillons 27 (heute O53) und 29 (heute O55) weichen. Sie wurden in der ersten Bauphase des Neuen Allgemeinen Krankenhauses in Eppendorf 1886 bis 1888 errichtet. Obwohl sie nebeneinander stehen, tragen sie die ungeraden Nummern 27 und 29. Wo ist Pavillon 28? Der stand auf der linken Seite der zentralen Achse des Klinikums, wo alle Pavillons mit geraden Nummern gezählt wurden. Diese Besonderheit ist auf die Gründungszeit zurückzuführen, in der es eine Männerseite (rechts) und eine Frauenseite (links) der Klinik gab.

Der große Krankenpavillon 27 (O53)

Entwurf und Ausführung: Baudirektor Carl Zimmermann. Großer Krankenpavillon mit 33 Betten, zuerst Medizinische Klinik. 1934 Errichtung eines Zwischenbaus zu Pavillon 29 als Operationsraum der Kieferklinik. 1939 Nordwestdeutsche Zahn-, Mund- und Kieferklinik. 1947 im hinteren Teil Belegung durch die I. Medizinische Klinik. Bis 1953 Bettenabteilung der Zahnklinik mit zehn Betten. 1953 Chirurgische Poliklinik der Zahnklinik. 1958 Poliklinik der Zahn-Mund-Kieferklinik. 1959 Umbau für die Kieferorthopädie. Bis 2012 Poliklinik für Kieferorthopädie, anschließend war der Pavillon bis 2014 an das Sanitätshaus Carepoint vermietet.

Der große Krankenpavillon 29 (O55)

Der Pavillon entstand zur selben Zeit wie Pavillon 27 und erfuhr auch die gleiche wechselhafte Nutzung. 1946 II. Medizinische Klinik mit 27 Betten; 1950 wurde der Klinik der gesamte Pavillon zur Verfügung gestellt. 1962 war er Ausweichstation der Chirurgie wegen des dritten Bauabschnitts der Medizinischen, Radiologischen, Chirurgischen Klinik (MRC). 1964 gehörte er der I. Medizinischen Klinik und 1967 wurde er Möbellager. Von 2010 bis 2018 befand sich in Pavillon 29 das HanseMerkur Zentrum für Traditionelle Chinesische Medizin am UKE.

Die Pavillons 27 und 29 standen in einer Reihe mit den Pavillons 23 und 25 vorne und 31 und 33 hinten. Der mit einer seitlichen Liegehalle versehene Pavillon 25 wurde am 27./28. Juli 1942 durch den Bomben-Notabwurf eines von der Flak getroffenen Bombers vollkommen zerstört und nicht wieder aufgebaut. Die benachbarten Pavillons waren alle beschädigt, konnten aber repariert werden. Zwischen den Pavillons 29 und 31 gibt es noch heute einen unterirdischen Röhrenbunker von 1943. Auf den Fundamenten des zerstörten Pavillons 25 wurde eine Baracke errichtet, die ab August 1945 der Arbeitsgruppe Dr. Heinrich Netheler zur Verfügung gestellt wurde. Hier stand die Keimzelle für die spätere Weltfirma EPPENDORF AG.

Park-Krankenhaus Erholungsort für Hamburger

Ein großer Krankenpavillon mit etwa 30 Betten, zwei Krankenschwestern, einem Arzt und eigener technischer Versorgung war zur Zeit der Erbauung Vorbild für Schutzmaßnahmen gegen Krankenhausinfektionen. Mit etwa 70 einzelnen Pavillons bot das Krankenhaus das klassische Bild der Zerstreuungsbauweise. Die Pavillons lagen an Straßen, die mit großem Sachverstand gepflanzte Bäume und Begrünung aufwiesen. Für die Patientinnen und Patienten aus der engen und ungesunden Altstadt Hamburgs war dieses Park-Krankenhaus auf dem Eppendorfer Feld wie ein Erholungsparadies. Tiefgreifende Veränderungen waren bereits Ende der 30er Jahre vorgesehen, wie ein Entwurfsplan aus dem Jahr 1939 zeigt. Damals sollten alle Pavillons im Mittelfeld des Klinikgeländes entfernt werden und an ihrer Stelle fünf große Klinikbauten nach Art eines Korridorkrankenhauses entstehen. Der Zweite Weltkrieg verhinderte eine Realisierung dieses Plans. Nur die Klinik für Chirurgie wurde gebaut, aber kein dazu gehöriges Bettenhaus.

Wunsch: Historisches Bauelement sichern

Bis heute ist diese Pavillonstraße aus der Gründungszeit des Klinikums noch gut erkennbar. Die moderne Medizin stellt ständig neue Anforderungen an Klinikbauten. So muss die alte Bausubstanz Neubauten weichen. Um nicht zu vergessen, welche Innovation seinerzeit große Krankenpavillons in einem Parkkrankenhaus waren, haben wir das Modell eines Pavillons für das Medizinhistorische Museum Hamburg anfertigen lassen. Daran kann die Situation der Krankenversorgung in der Gründungszeit unseres Universitätsklinikums erläutert werden. Sehr schön wäre es, wenn die gut erhaltene Fensterfront des Pavillons O55 zur Erinnerung an vergangene Zeiten in einen Neubau des UKE integriert und dadurch als historisches Bauelement gesichert werden könnte. Geschichte zu kennen ist notwendig, um richtig einzuschätzen, wo wir heute stehen.“

Adolf-Friedrich Holstein, Klaus Pinker, Medizinhistorisches Museum Hamburg



Fotos: Medizinhistorisches Museum Hamburg, Axel Kirchhof (1)

Lageplan von 1915
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Ausschnitt aus dem Lageplan der Hamburger Feuercasse von 1915. Die Pavillons 25, 27 und 29 sind durch Zahlen markiert.
Bauplan von 1939
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Planungsentwurf für gravierende bauliche Veränderungen: Die Pavillons sind nur schemenhaft dargestellt; darüber die Grundrisse von fünf großen Klinikgebäuden
Ärzte vor Krankenpavillons
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Um 1900: Ärzte genießen die frische Luft und den Park; rechts eine typische Essenskarre. Blick von der Nordseite auf den Pavillon 29.
Pavillon im heutigen Zustand
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Blick auf den Pavillon 29 im Juli 2018. Inzwischen steht hier ein Bauzaun und die Entkernungs- bzw. Rückbauarbeiten laufen.
Pavillontür hinter Bauzaun
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Gut erhaltenes Tür-Fenster-Element eines Pavillons, davor die elegant geschwungenen Begrenzungen der Eingangsrampe aus Sandstein.