Arbeitsgruppe Migration und Gesundheit

Leitung: Dr. Nico Vonneilich

Die AG entstand aus dem seit 1994 bestehenden Projekt "Migrantenversorgung im UKE, Sprach- und Kulturmittlung". Sie ist bundesweit auf kommunaler, politischer und wissenschaftlicher Ebene vernetzt. Auf internationaler Ebene wurden Strukturen insbesondere mit Einrichtungen der Migranten-Versorgung ausgebaut. Die Ergebnisse der AG-Projekte und -Veranstaltungen werden u. a. in den Wissenstransfer zwischen Forschung, Praxis und Politik eingebracht. Hierzu zählen u.a. Beratungs- und Evaluierungsaufgaben bei der Etablierung des Berufsbildes Sprach- und Integrationsmittler, Konzeption von migrantenorientierter Gesundheitsversorgung und Lehre und Ausbildung in kooperierenden Universitäten.

  • Ungleichheiten in der Diagnose und Therapie bei Frauen und Männern mit Herzinsuffizienz (DISPAR-HF)

    Laufzeit: 07/2017 - 12/2019
    Projektträger: BMBF

    Ernährung, Gesundheit und soziale Ordnung in der Moderne: USA und Deutschland

    Laufzeit: 10/2015 - 10/2018
    Projektträger: VW-Stiftung
    weitere Informationen

    Diabetesberatung auf Rädern - Früherkennung und Beratung zum Thema Diabetes für türkischstämmige Bürgerinnen und Bürger und die ländliche Bevölkerung

    Laufzeit: 07/2014-06/2018
    Projektträger: Bundesministerium für Gesundheit

  • Interkulturelle Öffnung und Willkommenskultur (IKÖ-WK) im Rahmen der sprachlichen Qualifizierung internationaler Studierender der Medizin

    Laufzeit: 01/2015 - 12/2016

    Förderer:

    • Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS)
    • Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
    • Bundesagentur für Arbeit (BA)

    Das Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung“ zielt auf die nachhaltige Verbesserung der Arbeitsmarktintegration von Erwachsenen mit Migrationshintergrund ab. Das Programm wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) gefördert. Partner in der Umsetzung sind das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und die Bundesagentur für Arbeit (BA).
    Weitere Infos unter www.nobi-nord.de

    Projektbeschreibung:
    Seit 2011 wurde ein Projekt zur sprachlichen Qualifizierung internationaler Studierender der Medizin konzipiert und in den Jahren 2012-2014 umgesetzt und geleitet (vgl. abgeschl. Projekte, BISS). Die Erfahrungen dieses Projektes fliessen in IKÖ-WK als Folgeprojekt ein.

    Als Hauptschwierigkeit zum Studienbeginn nennen die ca. 12% ausländischen Medizinstudierenden der Medizinischen Fakultät Hamburg die mangelhafte Beherrschung der deutschen Sprache. Sie erleben häufig die Isolierung und das Fehlen einer Teilhabe an den Strukturen und einer Beziehung zu deutschen Studierenden als sehr belastend. Sprachliche Hürden sind ein zentraler Faktor für Misserfolge im Studium, u.a. auch in der fachsprachlichen Kompetenz selbst bei flüssiger Beherrschung der Alltagssprache. Um dem entgegen zu wirken, werden in diesem Projekt studienbezogene Kurse für Deutsch als Zweitsprache im Medizinstudium (DaZmed) angeboten und durch ein studentisches Tutorenangebot flankiert.

    Dieses nachhaltige Unterstützungsangebot für ausländische Studierende ist gleichzeitig ein Beitrag für die Entwicklung und Etablierung einer interkulturellen Öffnung und Willkommenskultur an der Medizinischen Fakultät. Die Sprachkurse orientieren sich eng an den Studieninhalten der Semester und werden semesterbegleitend und in der vorlesungsfreien Zeit als Kompaktkurs offeriert. Parallel stehen den Studierenden Tutoren als Ansprechpartner rund um das Studium sowie Leben und Arbeiten in Hamburg zur Verfügung. Weiterhin bieten die Tutoren Lerngruppen an, um Inhalte der Grundlagenfächer zu wiederholen und Prüfungssituationen zu simulieren, unter besonderer Berücksichtigung des Vertiefens der deutschen Sprache.

    Das Konzept versteht sich als integraler Bestandteil einer Willkommenskultur, die Teil eines in die Fakultäts- und Klinikstrukturen zu implantierenden interkulturellen Öffnungskonzeptes ist. Hierfür wurde ein viersemestriger Arbeitsplan entwickelt, um das Projekt in den Gremien der Medizinischen Fakultät, in der Klinik wie z.B. dem Ethik-Komitee und in der UKE-Verwaltung zu kommunizieren. Dabei werden bestehende Kooperationen genutzt, um u.a. Dozententrainings für Lehrende anzubieten. Das Thema Willkommenskultur wird auch durch die studentischen Tutoren in die Fachschaft Medizin eingebracht. Es begleitet von Studienbeginn an Semesterveranstaltungen wie Orientierungseinheit und naturwissenschaftliche Crashkurse.
    In der AG Studierendenzulassung werden Prüfungsaufgaben zum Test interkultureller Kompetenz entwickelt, damit mehr deutsche Studierende mit Kompetenz für interkulturelle Kommunikation und internationales Engagement zugelassen werden.

    Ein didaktischer Schwerpunkt im DaZmed-Unterricht besteht im Angebot des Lernens mit elektronischen Medien.
    Medienkompetenz spielt immer häufiger eine zentrale Rolle bei Konzeption und Durchführung eines gehaltvollen Unterrichts. Insbesondere im Bereich elektronischer Medien bringt sie sowohl Unterrichtenden selbst als auch für Studierende im Sinne einer „Mehrwerterzielung“ entscheidende Vorteile. Eingesetzt werden bei DaZmed audiovisuelle Medien wie z.B. DVDs als Träger authentischer audiovisueller Texte, ebenso aber auch Medien für das rechnergestützten Lernen.

    Einen Schwerpunkt bildet dabei die kontinuierlich weiterentwickelte Lernplattform, die den Studierenden zusätzliche Lernressourcen bietet. Dieses Konzept spricht ein breiteres sensorisches Spektrum an und wird als flankierendes Angebot genutzt, um die Präsenzphasen des Sprachunterrichts dadurch zu effektivieren, dass Inhalte zeit- und ortsungebunden wiederholt werden können.
    Darüber hinaus werden Lernszenarien online konzipiert, die zusammen mit den Präsenzphasen des Unterrichts Studierenden die Möglichkeit geben, durch die Präsentation und methodische Aufarbeitung authentischen Sprachmaterials Redemittel zu erwerben, Wissen in interaktiven Übungsformaten zu üben und zu vertiefen.

    Die Lernplattform ermöglicht auch die Bearbeitung von Fallbeispielen, die z.B. als MP3-Dateien eingestellt werden, um zunächst das Hörverstehen zu schulen. Darüber hinaus werden Arrangements entwickelt, innerhalb derer Studierende authentische Texte medizinischer Fachsprache abrufen können, die sowohl Wissenschafts- und Praxis- als auch Transfersprache umfassen. Diese werden innerhalb verschiedener Aufgabenstellungen bearbeitet, um anschließend in fallbasierten szenariendidaktischen Anordnungen kommunikative Anwendung zu finden.
    Diese szenariendidaktische Aufarbeitung authentischen Sprachmaterials ist u.a. im Kontext zu studienrelevanten Prüfungsformaten zu sehen, wie z.B die sog. OSCEs (Objective Structured Clinical Examinations), die in humanmedizinischen Studiengängen ein gängiges Prüfungsformat sind. Da internationale Studierende in Hamburg bereits im 3. Semester mit diesem Prüfungsformat konfrontiert sind, wird diese transfersprachliche Ebene in ein sprachliches Unterstützungsangebot einbezogen, um davon ausgehend weitere fachsprachliche Kompetenzen zu etablieren.

    Erste Ergebnisse des Tandem Teachings und des DaZmed-Lernens mit elektronischen Medien werden in nationale und internationale Fachtagungen eingebracht, mit Partner-Universitäten diskutiert wie auch in eigenen Lehrkonferenzen vorgetragen. Mit den o.a. Maßnahmen werden neue Konzepte in der Studierendenförderung eröffnet, wobei das UKE eine koordinierende Funktion für weitere Universitätsklinika einnimmt. Ein enger Austausch findet mit den Projekten an den Medizinischen Fakultäten in Berlin, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Würtemberg statt. Über diese Kooperation wird die Validität der Ergebnisse verstärkt. Dies ist die Grundlage für den weiteren nationalen Transfer an die Medizinischen Fakultäten in Deutschland, um eine interkulturell offene und sensible Universität zu gestalten.

    BISS - Berufliche Integration, Sprachqualifizierung und Studienerfolg für ausländische Studierende in der Medizin.

    Projektleitung: Niels-Jens Albrecht, Institut für Medizinische Soziologie
    Jennifer Kurré, Dipl.-Psych., Prodekanat für Lehre

    Laufzeit: 2013/01 - 2014/12

    1. Hintergrund
    Das Studium der Humanmedizin stellt komplexe Anforderungen an zukünftige Ärztinnen und Ärzte. Für die erfolgreiche Absolvierung ihres Studiums müssen Studierende sich zum einen mit studien- und leistungsbezogenen Themen auseinandersetzen. Zum anderen befinden sie sich häufig in einer persönlichen Entwicklungsphase, in der der Aufbau eines neuen Netzwerks eine zentrale Rolle spielt. Studierende mit ausländischer Herkunft sind zusätzlich häufig mit sprachlichen Schwierigkeiten konfrontiert, die Auswirkungen auf beide Bereiche haben können.

    Die Medizinische Fakultät der Universität Hamburg nimmt pro Jahr ca. 10-12% Studierende ausländischer Herkunft zum Studium der Humanmedizin auf. Hauptschwierigkeit für viele ausländische Medizinstudierende in den ersten Semestern ist die mangelhafte Beherrschung der deutschen Sprache. Als Konsequenz kommt es bei dieser Studierendengruppe häufiger zu schlechteren Studienleistungen, Studienverzögerungen und Studienabbruch, was durch aktuelle Ergebnisse der internationalen Forschung bestätigt wird. -Zusätzlich sind ausländische Medizinstudierende häufig mit hohen Belastungen durch Isolation und Beziehungslosigkeit konfrontiert.

    Sprachkurse und Tutorien, die sich speziell an die Bedürfnisse Studierender mit Migrationshintergrund richten, stehen an deutschen Universitäten bislang kaum zur Verfügung. Zimmermann et al. (2006) stellten zu den Erfolgsraten des schriftlichen Teils des ersten Abschnitts der ärztlichen Prüfung an medizinischen Fakultäten in Deutschland fest, dass die 4-Semester-Erfolgsrate mit steigendem Ausländeranteil sinkt. Die Unterschiede in der 4-Semester-Erfolgsrate wurden vor allem durch den Ausländeranteil an den Fakultäten erklärt, nicht jedoch die Gesamterfolgsrate. Vermutlich brauchen die Prüflingskohorten in Fakultäten mit einem hohen Anteil nicht-deutscher Studierender länger, um den 1. Abschnitt der Ärztlichen Prüfung (früher: Physikum) zu bestehen.

    2. Zielsetzung
    Diese Situation nimmt die Medizinische Fakultät der Universität Hamburg zum Anlass, um mit dem NOBI-Teilprojekt BISS ausländische Studierende mit Sprachbarrieren von Anfang an optimal zu unterstützen. Um der vorab geschilderten Situation zu begegnen, sollen für ausländische Medizinstudierende mit Sprachbarrieren bedarfsgerechte Nachqualifizierungsangebote entwickelt werden. Primäre Zielsetzung ist die Entwicklung, Implementierung und Evaluation eines integrierten Ansatzes, der aus studienbezogenen Sprachmodulen und einem Tutorenprogramm besteht. Die studentischen Tutoren mit eigenem Migrationshintergrund stehen als Rollenmodell und Ansprechpartner für Fragen rund ums Studium und den Studienalltag in Hamburg ausländischen Medizinstudierenden zur Seite. Die Projektleitung und eine Fachlehrerin für Deutsch als Zweitsprache mit medizinischer Expertise (DaZmed-Lehrerin) entwickeln modular aufgebaute Deutschmodule für die Semester 1, 2 und 3 (Modul I, II, III), die auf die jeweiligen Lerninhalte des integrierten Modellstudiengangs iMED abgestimmt sind. Weiterhin soll ein Intensiv-Modul (Modul INT) für die vorlesungsfreie Zeit entwickelt werden sowie ein Kompakt-Modul für prüfungsrelevante Sprachkompetenzen (Modul PRÜF). Die entwickelten Module werden als DaZmed-Module bezeichnet.

    Das Curriculum soll sprachliche und fachliche Inhalte verknüpfen und beinhaltet die Vermittlung von medizinischer Terminologie, Arzt-Patient-Kommunikation und schriftlicher Sprachkompetenz. Die sprachliche Förderung ist modular aufgebaut, um bedarfsgerecht auf die zeitlich und inhaltlich höchst anspruchsvollen Stundenpläne von Medizinstudierenden abgestimmt zu werden.

    3. Evaluation
    Das gesamte Projektvorhaben soll fortlaufend wissenschaftlich evaluiert werden. Ziel des wissenschaftlichen Monitorings ist die systematische Überprüfung der Prozess- und Ergebnisqualität und die Generierung von handlungsrelevantem Wissen. Die so erprobten DaZmed-Module können anschließend als Modell für akademische Institutionen und Einrichtungen im Gesundheitssystem dienen. Es kommen qualitative und quantitative Methoden der sozialwissenschaftlichen Forschung zum Einsatz.
    Eine initiale Bedarfsanalyse unter den Lehrenden des UKEs und den Studierenden soll den spezifischen Sprachbedarf von Studierenden mit Migrationshintergrund in der medizinischen Ausbildung ermitteln und als empirische Grundlage für die Entwicklung der DaZmed-Module dienen. Der Erfolg der Implementierung der DaZmed-Module wird anhand der Parameter Bekanntheit, Akzeptanz (Inanspruchnahme) innerhalb der Zielgruppe und Zufriedenheit der Teilnehmer formativ evaluiert. Die Ergebnisevaluation soll zum einen den Erfolg der fachsprachlichen Qualifizierung anhand des Zuwachses der Sprachkompetenzen der Teilnehmerberücksichtigen. Zum anderen soll als Outcome die Studienleistung nach drei bzw. vier Semestern gemessen werden im Vergleich zu Studierenden mit Migrationshintergrund, die nicht an der Sprachqualifizierungsmaßnahme teilnehmen.
    Im Rahmen der formativen Evaluation werden alle DaZmed-Module von den Teilnehmern im Hinblick auf die Erreichung der Lernziele, Verständlichkeit und subjektivem Nutzen für das Medizinstudium evaluiert. Die Ergebnisse dienen ggfs. als empirische Grundlage für die didaktische Überarbeitung der DaZmed-Module im Sinne eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses.

    4. Kooperationen und Nachhaltigkeit
    Es sind Kooperationen mit folgenden Institutionen geplant:

    • Gesellschaft für Medizinische Ausbildung (GMA)
    • DAAD (Verstetigung durch berufsbezogene Sprachkurse vor Studienbeginn)
    • Universitäre Bildungsakademie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
    • Zentrum für Studienberatung und Psychologische Beratung, Universität Hamburg (migrationssensible Beratung) (Kooperationsabsicht)
    • Welcome Center Hamburg
    • Norddeutsche Universitäten (Kooperationsabsicht)
    • Access (NOBI) (Kooperationsabsicht)
    • Medizinischer Fakultätentag

    Neben dem Abschlussbericht und wissenschaftlichen Publikationen wird angestrebt, ein Manual zu erstellen und zu veröffentlichen, das anderen Institutionen (insbesondere medizinischen Fakultäten) als praktischer Handlungsleitfaden für die Entwicklung, Implementierung und Evaluation von DaZmed-Modulen als berufsbezogene Sprachqualifizierung dienen kann. Damit werden die im Projekt erzielten Ergebnisse nachhaltig für eine breite Fachöffentlichkeit verfügbar gemacht.

    5. Förderung
    Das Projekt BISS ist ein Teilprojekt im IQ Netzwerk Hamburg - NOBI im Rahmen des Förderprogramms Integration durch Qualifizierung (IQ). Das Förderprogramm Integration durch Qualifizierung (IQ) zielt auf die nachhaltige Verbesserung der Arbeitsmarktintegration von Erwachsenen mit Migrationshintergrund ab. Es wird aus Mitteln des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS), des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) und der Bundesagentur für Arbeit (BA) finanziert.

    Konzeptentwicklung für ein klinisches Wahlfach: "Pädiatrie, Gynäkologie, Geburtshilfe und Infektiologie als Fach- und Lehrgebiete für Interkulturelle Kompetenz" gleichzeitig Erprobung eines theoretischen und praktischen Moduls für die Zusatzqualifikation "Psychosoziale Medizin"

    Projektleitung: Niels-jens Albrecht

    Ausbildungsverantwortliche: Prof. Dr. Hans-Helmut König MPH, Institut für Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung
    Niels-Jens Albrecht, Institut für Medizinische Soziologie

    Kooperationspartner:
    Prof. Dr. Olaf von dem Knesebeck, Dr. Christopher Kofahl
    Institut für Medizinische Soziologie
    Prof. Dr. Heinz-Peter Schmiedebach, Institut für Geschichte und Ethik in der Medizin
    Prof. Dr. Hendrik van den Bussche, Institut für Allgemeinmedizin
    Asklepiosklinik Barmbek, Abt. für Geburtshilfe und Pränatalmedizin, Abt. für Gynäkologie und Brustzentrum
    Prof. Dr. Bernd-Joachim Hackelöer, Prof. Dr. Andree Faridi
    Asklepiosklinik St. Georg, Abt. für Innere Medizin, Institut für Interdisziplinäre Medizin
    Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland, Prof. Dr. Andreas Plettenberg, Prof. Dr. Jörg Petersen
    Kinderkrankenhaus Wilhelmstift, Abt. für Kinder- und Jugendmedizin
    Prof. Dr. Peter Höger
    Asklepiosklinik Nord, Abt. für Kinder- und Jugendmedizin
    PD. Dr. Norbert Veelken

    1. Hintergrund

    In Deutschland leben derzeit ca. 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, die etwa 19 % der Wohnbevölkerung der Bundesrepublik repräsentieren (in Hamburg: 26%, davon Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: 48%). Häufig wird diese Gruppe durch das Gesundheitswesen unseres Landes nicht ausreichend und angemessen versorgt. Informationsbedingte kulturelle und kommunikative Barrieren führen zu den seit langem bekannten Problemen von Unter-, Über- und Fehlversorgung von Migrantinnen und Migranten mit dadurch erhöhten Kosten für die stationäre Therapie und Pflege.
    Der Wunsch nach einer kompetenten und respektvollen Betreuung aller Patienten ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die mehr bedarf, als alleinige medizinische Fachkompetenz, sondern auch das Wissen um andere Konzepte von Gesundheit und Krankheit, die Fähigkeit unvoreingenommen zu kommunizieren und die Bereitschaft zur kritischen Selbstreflexion eigener Verhaltensweisen.

    Die Vermittlung von Interkultureller Kompetenz in der studentischen Ausbildung trägt dazu bei, sowohl die Regelversorgung von Menschen mit Migrationshintergrund zu verbessern, als auch auf etwaige Tätigkeiten der Studierenden im Ausland vorzubereiten, die von immer größerer Bedeutung sind. Dies wird sowohl durch die Erweiterung von Fachkenntnissen und praktische Erfahrungen sowie durch die Sensibilisierung für den Umgang mit Personen mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund erreicht.
    Wie Erfahrungen auf internationaler Ebene zeigen, werden durch mit interkulturellen Modulen erweiterte Curricula Kompetenzen vermittelt, die für eine humane, am Individuum orientierte Gesundheitsversorgung relevant sind. Hierzu gehören z. B. Kommunikationsstörungen in der Arzt-Patienten-Beziehung, die Bedeutung subjektiver Sichtweisen auf Krankheit, Gesundheit und medizinische Maßnahmen, sowie der Einfluss sozialer und biographischer Faktoren auf Seiten von Patienten und medizinischem Fachpersonal. Vor dem Hintergrund der EU-Förderprogramme wie "mobility" wird damit auch den internationalen Aufgabenfeldern, aber auch dem "mobilen Arbeitnehmer" und "europäischem Patienten" Rechnung getragen.

    Darüber hinaus orientiert sich dieses Lehrangebot an den praktischen Anforderungen und institutionellen Bedingungen ärztlichen Handelns in konkreten institutionellen und lokalen Kontexten. Die globale Dimension wird mit lokalen Problemkonstellationen und Ressourcen in Verbindung gebracht ("think global, teach local"). Insbesondere erfolgt neben der Vermittlung von theoretischen Inhalten die Umsetzung in praxisnahen Skilltrainings, wobei durch ausgewählte praktizierende Ärzte Handlungsspielräume und Verantwortlichkeiten aufgezeigt und reflektiert werden. Interkulturelle Kompetenz wird medizinisch interdisziplinär vermittelt und stellt Querverbindungen zu anderen Themen- und Kompetenzbereichen her, z. B. Kommunikation und Interaktion, psychosoziale Grundlagen von Krankheit, psychosomatische Medizin, klinische Disziplinen, Ethik, Recht.
    Eine zentrale Qualitätsanforderung an eine Lehrveranstaltung zur Förderung von Interkultureller Kompetenz besteht in der Vermittlung eines adäquaten, kultur- und sozialwissenschaftlich fundierten und für medizinische Kontexte angepassten Konzepts von "Kultur", sowie einer kritischen Analyse grundlegender Begriffe wie "Ethnizität" und "Migration". Die oftmals unreflektierte Verwendung dieser begrifflichen Kategorien ist nicht nur dem akademischen Kontext der medizinischen Ausbildung unangemessen, sondern auch aus sachlichen Gründen kontraproduktiv.

    2. Ziele des Wahlfachs "Pädiatrie, Gynäkologie, Geburtshilfe und Infektiologie als Fach- und Lehrgebiete für Interkulturelle Kompetenz"

    Das Wahlfach soll Grundkenntnisse zum Thema Migration und Gesundheit als Basiswissen für Interkulturelle Kompetenz vermitteln und die in der Migrantenversorgung der beteiligten Fachgebiete häufigsten Symptome und Krankheitsbilder, sowie deren Diagnostik und Therapie näher bringen.
    Die Studierenden sollen die Grundstrukturen und Probleme von in Deutschland lebenden Migranten kennen lernen, wobei medizinische Differenzen berücksichtigt, aber auch psychische und soziale Aspekte einbezogen werden sollen. Somit sollen die Studierenden befähigt werden, in Zukunft auf die speziellen Bedürfnisse von Migranten kompetent einzugehen und Lösungswege für problematische Situationen zu beherrschen. Hierfür werden Theorie und Praxis der Interkulturellen Kommunikation und Interaktion im Gesundheitswesen vermittelt.

    Das Wahlfach umfasst neben 109 strukturierten Unterrichtsstunden (vgl. Anlagen 3 u. 4), klinische Tätigkeit sowie die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Themengebiet.
    Mit diesem Lehrkonzept zum Themenkomplex "Migration und Gesundheit" wird für die klinische Ausbildung eine neue Thematik in die Curricula der deutschsprachigen medizinischen Fakultäten eingebracht.

    3. Struktur des Wahlfachs "Pädiatrie, Gynäkologie, Geburtshilfe und Infektiolo-gie als Fach- und Lehrgebiete für Interkulturelle Kompetenz"

    Einführung und Theorie
    Die Vermittlung von Grundkenntnissen zum Thema Migration und Gesundheit erfolgt als Basiswissen für Interkulturelle Kompetenz in den ersten zwei Wochen. Es schließt sich ein einwöchiger Unterrichtszyklus an, der jeweils einen halben Tag in den kooperierenden klinischen Institutionen stattfindet. Hier werden von mehreren Dozenten pro Fachgebiet die in der Migrantenversorgung häufigsten Symptome und Krankheitsbilder, sowie deren Diagnostik und Therapie vorgestellt. Die Studierenden vertiefen den Unterrichtsstoff in eigenständiger Arbeit.

    Hospitation und Praxis
    In der 4.-9. Woche erfolgen Hospitationen in vier Kliniken mit unterschiedlichen Fachgebieten. Die Studierenden rotieren in einem zweiwöchigen Zyklus in der Hospitationsphase und lernen dabei die drei Fachgebiete in unterschiedlichen Institutionen kennen. Dort begleiten sie die Stationsärzte bei Visiten und Patientengesprächen sowie bei Diagnostik und Therapie.
    Hauptsächlich haben die Studierenden die Aufgabe, vertiefende Anamnesen zu erheben (Migrationsanamnesen) und die Ergebnisse mit den Stationsverantwortlichen zu diskutieren. In Einzelfällen machen sich die Studierenden mit dem sozialen Umfeld von Patienten vertraut und begleiten dabei ggf. auch den Sozialdienst oder erarbeiten sich vertrauensvoll die Möglichkeit (bei den Patienten), einzelne Patienten zuhause zu besuchen. Hierbei erhalten die Studierenden exemplarisch einen Einblick in das familiäre und soziale Wohnumfeld der Patienten.
    Den Studierenden ist die Teilnahme an Fortbildungsveranstaltungen (Famuli, PJ, Ärzte) gegeben, so dass sie einzelne Themen der Fachgebiete vertiefen können.

    Während jeder zweiwöchigen Hospitation erfolgt durch die Studierenden eine Befragung aller Patienten mit Migrationshintergrund und als Vergleichsgruppe auch aller "deutschen" Patienten auf den Stationen, für die die Studierenden eingeteilt werden. Schwerpunkte der Erhebung können z.B. sein: Patientenzufriedenheit, Gesundheitswissen (der Patienten) etc. Die Erhebungen erfolgen anonym unter Einhaltung wissenschaftlicher und ethischer Kriterien; die Ergebnisse werden den beteiligten Institutionen zur Verfügung gestellt. Die Auswertung der erhobenen Daten wird nach der Hospitationsphase als wissenschaftliche Aufgabe des Wahlfaches fortgesetzt.

    Auswertung und wissenschaftliches Arbeiten
    Das Wahlfach schließt mit einer dreiwöchigen Auswertungsphase der Patientenbefragung und einer Evaluierung des gesamten Unterrichtes ab. Eingeschlossen ist hierbei eine Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten, sowie eine Einführung in Statistik und Epidemiologie. Die Ergebnisse der Patientenbefragung werden von den Studierenden als Abschlussarbeit vorgetragen. Eine Veröffentlichung der Daten erfolgt nur mit Zustimmung der beteiligten Institutionen.

    "Migrantensensible Gesundheitsversorgung" Entwicklung und Erprobung einer ergänzenden Lehrveranstaltung

    Projektleitung: Niels-Jens Albrecht

    Laufzeit: 2009/1 - 2010/4

    Mitarbeiterinnen/ Mitarbeiter:
    Prof. Dr. Dr. Alf Trojan, IMSG
    Christopher Kofahl, IMSG
    Dr. med. Helga Steinmüller, Zentrale Beratungsstelle, Casa blanca
    Marina Krawtschenko, Kodrobs Wilhelmsburg
    Dr. med Bernd Kalvelage, Internist und Diabetologe
    Marion Schneider, UKE, Flüchtlingsambulanz
    Prof. Dr. med. Andreas Plettenberg, Institut für interdisziplinäre Medizin
    Dr. med. Michael Sabranski, Institut für interdisziplinäre Medizin
    Dr. med. Emine Cetin, Institut für Praenatale Diagnostik

    Beirat:
    Dr. med. Michael Knipper, Institut für Geschichte der Medizin, Gießen
    Thomas Spang, Abteilung Migration, Bundesamt für Gesund-heit, Bern
    Prof. Dr. Theda Borde MPH, Alice-Salomon-Fachhochschule, Berlin
    Prof. Dr. Monika Habermann, Universität Bremen

    Methodik

    Das Seminar soll 28 Unterrichtsstunden (2 SWS) umfassen. Es werden enger Praxisbezug und forschendes Lernen miteinander verknüpft: Die Studierenden machen Hospitationen, über die ein Bericht (nach zu entwickelnden Beschreibungs- und Analyse-Kriterien) zu verfassen ist. Weiterhin werden als Leistungsnachweise verlangt ein Interview zu ausgewählten Aspekten der Patienten-Wahrnehmung von Kranksein und Krankenversorgung (mit strukturiertem Bericht) sowie eine Ausarbeitung zu einer bestimmten Migrantengruppe oder zur Epidemiologie bestimmter Krankheiten bei Migranten.
    Das forschende Lernen besteht einerseits in dem selbstständigen Arbeiten für die Leistungsnachweise und wird abgeschlossen durch Präsentation und Diskussion der Ergebnisse im Seminarrahmen.
    Die Einbindung von Gastdozenten aus verschiedenen Institutionen führt zusammen mit den Hospitationen zu größerer Praxisnähe. Für die genaue Ausgestaltung gibt es mehrere Optionen, die in Fokusgruppen von Studierenden und Fachleuten diskutiert werden sollen.
    Die Evaluationsmethodik orientiert sich mit ihren qualitativen/formativen und quantitativen/summativen Elementen an den im UKE üblichen Vorgehen, um möglichst große Ver-gleichbarkeit zu gewährleisten.

    Stand der Literatur

    Die Recherche hat ergeben, dass es nur wenige publizierte Curricula zur Thematik gibt und nicht alle Institutionen, die bekannterweise das Thema behandeln, hiermit im Internet vertreten sind.
    Die Ärztekammer Hamburg unternimmt seit einigen Jahren nicht sehr erfolgreich den Versuch, das Thema als kontinuierlichen Kurs in der Fortbildung zu verankern. Für 2008 ist im Fortbildungsprogramm ein Kurs mit dem Titel "Islam am Krankenbett" vertreten. www.aerztekammer-hamburg.de/fortbildung/index_aerztlichefortbildung.htm#programm
    An der Universität Bremen wird im Rahmen des Studiengangs Pflegewissenschaften das Thema Migration pro Semester mit 1,5 SWS behandelt (Prof. Dr. Monika Habermann haberman@fbsw.hs-bremen.de ). Als Grund wird genannt, den Studierenden den Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt zu ermöglichen.
    Große Beachtung erzielte der internationale Studiengang "Health and Society" an der Berliner Charité. Ein Schwerpunkt ist das Thema "Reproduktive Gesundheit im interkulturellen Kontext", das fast 20% des einjährigen Studienganges einnimmt. www.charite.de/health-society/index_0.html
    Am Institut für Geschichte der Medizin der Universität Gießen besteht seit einigen Semestern das Wahlfach "Migrantenmedizin" (15 Studierende; 1 SWS) www.med.uni-giessen.de/tkmmg/wf.html
    Ein weiterer Studiengang "The European MA in Migration, Mental Health and Social Care" wird von der University of Kent in Canterbury und als "The MA in Migration Studies" in Brüssel angeboten www.kent.ac.uk/masc/postgraduate/index.html. Der Studiengang wird mit Partnerinstitutionen aus Griechenland, den Niederlanden und Deutschland durchgeführt und befähigt die Absolventen, kompetent im europäischen Gesundheitssystem zu arbeiten.

    Ein wesentlicher Teil der für die Unterrichtsthemen zur Anwendung kommenden Literatur ist in dem Tagungsband einer Veranstaltung der Ärztekammer Hamburg enthalten:
    Ch. Dettmers, N.-J. Albrecht, C. Weiller (Hg., 2002): Gesundheit, Migration, Krankheit. Sozialmedizinische Probleme und Aufgaben in der Nervenheilkunde. Hippocampus Verlag, Bad Honnef.

    Erwarteter Output und praktische Umsetzung im UKE

    Das Angebot trägt allgemein zur Profilbildung der Lehre des UKE bei. Durch ein Projekt aus der Medizinischen Psychologie (Andreas, Bullinger, Petersen) wird eine Zusatzqualifikation "Psychosoziale Medizin - Psycho-Med." aufgebaut. Das zu konzipierende zusätzliche Angebot von 2 SWS bzw. ca. 60 Std. Workload, entsprechend 2 Creditpoints, bildet einen weiteren Baustein dieser Zusatzqualifikation.
    Als unmittelbarer Output entsteht mit dem Projekt ein sowohl von Lernenden als auch von Lehrenden/Experten evaluiertes Unterrichtskonzept, das aktuelle Entwicklungen in Praxis und Lehre aufgreift.

    Kooperanden aus dem UKE:

    Medizin I: Institut für Medizinische Psychologie, Projekt "Zusatzqualifikation Psychosoziale Medizin: Grundlagen kommunikativer Fertigkeiten und Sozialwissenschaftlicher Forschungsmethodik" (Sylke Andreas, Monika Bullinger, Corinna Petersen)

    Medizin II:
    Institut für Allgemeinmedizin, Projekt "Entwicklung und Erprobung einer ergän-zenden Lehrveranstaltung" interkulturelle Kompetenz für den ärztlichen Berufsalltag" (Hend-rik van den Bussche, Juliette Maggu, Marion Eisele, Claudia Mews).

    Studiendekanat, Studienberatung für Studierende aus dem Ausland und für Medizin I (Claudia Kiessling, Susanne Falkenhof) Studentische MitarbeiterInnen
    Gruppen von Studierenden mit unterschiedlichem Migrationshintergrund werden als Informanten/"Expertengruppe" (sowohl für die Inhalte als auch für das Lehrkonzept) im Rahmen von Fokusgruppen einbezogen.

    Mitarbeiterqualifizierung - Qualitätssicherung - Marketing (MQM)

    Projektleitung: Niels-Jens Albrecht

    Laufzeit: 2005/7 - 2007/12

    Mitarbeiterinnen/ Beraterinnen und Mitarbeiter:
    Dr. Sebnem Bahadir
    Prof. Dr. Theda Borde
    Maren Böhmert
    Carolina Butto
    Prof. Dr. Dilek Dizdar
    Silke Ettling
    Dr. Stefan Nickel
    Prof. Dr. Carla Rosendahl
    Kirsten Svanström
    Prof. Dr. Dr. Alf Trojan

    1. Interkulturelle Öffnung

    Im Rahmen der europäischen Gemeinschaftsinitiative EQUAL wurde von dem Teilprojekt "Mitarbeiterqualifizierung - Qualitätssicherung - Marketing" (MQM) der Entwicklungspartnerschaft "Transkulturelle Kommunikation, gesund & sozial" (TransKom) neben diversen Querschnittsaufgaben ein neues Qualifizierungskonzept zur Interkulturellen Öffnung erarbeitet, durchgeführt und evaluiert.
    Fachkräfte des Gesundheits- und Sozialwesens sind mit Migrantinnen und Migranten und deren oft als "fremd" empfundenen Werten, Normen und Verhaltensweisen konfrontiert. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle für die Arbeit im interkulturellen Kontext gewinnt daher zunehmend an Bedeutung.
    Entspricht die Strukturqualität einer Einrichtung nicht den Anforderungen der gewachsenen soziokulturellen Vielfalt, kann dies zu erheblichen Beeinträchtigungen der Versorgungsqualität für Migrantinnen und Migranten und der Arbeitszufriedenheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter führen. Wenn adäquate Versorgungskonzepte fehlen und Migrantinnen und Migranten vernachlässigt, ausgegrenzt oder gar nicht erreicht werden, kann der Versorgungsauftrag nur eingeschränkt erfüllt werden. Um diesem Problem zu begegnen, wurden - basierend auf nationalen und internationalen Erfahrungen - die auf spezifische Zielgruppen ausgerichteten Qualifizierungskonzepte erarbeitet.
    Die ersten Ausschreibungen der Veranstaltungen haben gezeigt, dass ausreichend Interesse bei den Professionellen im Gesundheits- und Sozialwesen vorhanden ist; die Durchführungen ließen jedoch erkennen, dass auf eine homogene Gruppe der Teilnehmenden geachtet werden muß. Aus den Evaluierungen hat sich ergeben, dass bei einer heterogen zusammengesetzten Gruppe die Erwartungshaltungen der einzelnen Berufsgruppen sehr divergieren und die Dozentinnen den inhaltlichen Bogen zu weit spannen müssen, wobei die Wissensvermittlung nicht mehr die geplante inhaltliche Tiefe erreicht.
    Für später durchgeführte Veranstaltungen wurden Teilnehmende in einzelnen Institutionen zu Seminargruppen zusammengefasst, so dass eine nachhaltigere Inhaltsvermittlung erfolgen konnte.
    Die Erprobung mehrerer Varianten und die Durchführung an unterschiedlichen Institutionen in der Gesundheitswirtschaft und im Sozialwesen, sowie die detaillierte Evaluierung jeder Veranstaltung haben zu umfangreichen Daten geführt, deren Auswertung - insbesondere die qualitative Bearbeitung bzgl. Patientinnen- und Patientenzufriedenheit - noch nicht komplett abgeschlossen werden konnte. Das Qualifizierungskonzept hat sich aus Sicht der Teilnehmenden bewährt: Die Evaluation zeigte eine hohe Zufriedenheit mit der Seminarqualität, eine Nützlichkeit für den Arbeitsalltag wie auch individuelle Kompetenzzuwächse. Darüber hinaus wurden erste Schritte zur weiteren Verankerung des Themas in der jeweiligen Einrichtung durch die systematische Integration von weiteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erreicht.

    2. Sprach- und Kulturmittlung

    Ein zweiter Aufgabenbereich lag im Rahmen einer 30monatigen Qualifizierungsmaßnahme für Flüchtlinge, Asylbewerberinnen und Asylbewerber zu Sprach- und Kulturmittlerinnen und -mittlern im Gesundheits- und Sozialwesen. In zwei Praktika sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erste Dolmetschsituationen üben und die eigenen Fähigkeiten im Umgang mit auftretenden Schwierigkeiten überprüfen. Die Praktika sollten darüber hinaus den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ermöglichen, die Aufgaben, Strukturen und Arbeitsabläufe von Krankenhäusern, Beratungseinrichtungen, Arztpraxen etc. kennen zu lernen. Dabei sollte die Beobachtungsgabe der Praktikantinnen und Praktikanten geschult und der sozialemphatische Umgang mit Menschen mit einem anderen Verständnis und kultureller Prägung sensibilisiert werden.
    Begleitend durchgeführte Befragungen des Personals in den anfordernden Einrichtungen dienten dazu, die Qualität der Sprach- und Kulturmittlungskompetenz der Auszubildenden einzuschätzen und Verbesserungspotenziale aufzuzeigen. Dabei wurden Unterschiede zwischen verschiedenen Teilkompetenzen und Einrichtungen ebenso sicht- und messbar wie Veränderungen im Zeitverlauf.
    Die Evaluierungsergebnisse jeder einzelnen Befragung wurden zeitnah zu den Dozentinnen und Dozenten in das Ausbildungsprojekt zurückgespiegelt, so dass sie umgehend - im laufenden Praktikum - mit den Auszubildenden besprochen wurden und ggf. Maßnahmen für die weitere Qualifizierung ergriffen werden konnten.
    Die mit dem Ausbildungsprojekt Sprach- und Kulturmittlung (SpraKuM) abgestimmte Befragung war so aufgebaut, dass in einem hierfür entwickelten Kurzfragebogen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Einrichtungen, die an den Gesprächen mit den Praktikantinnen und Praktikanten beteiligt waren, die Qualität der Sprach- und Kulturmittlung bewerten konnten. In einem separaten Auftrags- und Nachbereitungsformular haben die Praktikantinnen und Praktikanten zudem die Rahmendaten der Einsätze (inkl. soziodemografische Merkmale der Patientenschaft/Klientel) dokumentiert sowie eine nachträgliche Bewertung der Gesprächssituation und der dort aufgetretenen Schwierigkeiten vorgenommen. Den Schwerpunkt der Evaluation im engeren Sinne bildeten verschiedene Kompetenzen der Dienstleistung "Sprach- und Kulturmittlung". Darüber hinaus konnten das Einfühlungsvermögen den Patientinnen und Patienten bzw. Klientinnen und Klienten wie dem Personal gegenüber sowie die Pünktlichkeit und das Auftreten der angehenden Sprach- und Kulturmittlerinnen und Sprach- und Kulturmittler eingeschätzt werden. Eine Frage nach der Gesamtzufriedenheit mit dem Dolmetscheinsatz und der kulturellen Vermittlung rundete den Erhebungsbogen ab.
    Die Evaluation erfolgte schriftlich, wobei die ausgefüllten Erhebungsbögen direkt an das auswertende Institut gesandt und dort mit den Daten aus den Auftrags- und Nachbereitungsformularen der Sprach- und Kulturmittlerinnen und Sprach- und Kulturmittler verknüpft wurden.

    3. Berufsbild

    Um die in diesem Projekt erworbenen Kompetenzen und Erfahrungen dauerhaft in das Gesundheits- und Sozialsystem integrieren zu können, wurde in Kooperation mit weiteren EU-Projekten ein neues Berufsbild "Sprach- und Integrationsmittler/in" konzipiert. Sprach- und Integrationsmittler/innen verfügen über das notwendige sprachliche und soziokulturelle Hintergrundwissen sowie das fachliche Grundlagenwissen in den Bereichen Bildung, Soziales und Gesundheit. Sie sind in der Lage, sowohl im Falle der "Sprach- und Kulturmittlung" professionell zu dolmetschen als auch im Falle der "Integrationsassistenz" die Fachkräfte der Sozialen Arbeit zu unterstützen. Um die Vermittlungstätigkeit qualitätsgerecht durchführen zu können, eignen sich die Sprach- und Integrationsmittler/innen verschiedene Kompetenzen in einer zweijährigen Fortbildung an.
    Zur Etablierung des neuen Berufsbildes sind in 2007 regionale Workshops und ein bundesweites Fachgespräch durchgeführt worden. Im Rahmen der regionalen Workshops in Düsseldorf, Darmstadt, Berlin und München sind insbesondere die Bedarfe im Gesundheits- und Sozialwesen näher beleuchtet als auch Modelle der Finanzierung des Einsatzes von "Sprach- und Integrationsmittlern" erarbeitet und diskutiert worden. Das Curriculum und Qualitätsstandards standen bei Konferenzen mit wissenschaftlichen Expertinnen und Experten im Mittelpunkt.
    Am 14. November 2007 wurde im ehemaligen Bundestag in Bonn das Berufsbild Vertretern von Politik, Bundesministerien, Kommunalverwaltungen, Standesorganisationen und der Wissenschaft vorgestellt. Das Grußwort des Vizepräsidenten der Bundesärztekammer unterstreicht den Bedarf und die Notwendigkeit ebenso wie der Migrationsbericht 2007 der Bundesregierung, in dem die Staatsministerin im Kanzleramt die Umsetzung als Ziel festschreibt.

    Analyse der Dolmetschereinsätze für die Kommunikation mit fremdsprachigen Patienten

    Projektleitung: Niels-Jens Albrecht

    Laufzeit: 1995/4 - 2003/10

    Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter:

    Raoua Allaoui
    Rukiye Cankiran
    Sevda Öncül
    Stefan Nickel
    Marlies Ulrich
    Stanislava Zartcheva

    Während des UKE-Dolmetscher-Projektes (April 1995 - Mai 2002) entstanden als Dokumentation zu den Dolmetscher-Einsätzen über 9000 Datensätze, die über eine Million Einzeldaten enthalten (Auftragsdatum und -zeit, Einsatzdatum und -zeit, Abrechnungsmodus, Klinik/ Abteilung/ Station/ Ambulanz/ Institut/ Anrufer als Aufraggeber, Auftragnehmer, angeforderte Sprache, Nationalität des Patienten, Gesprächsform und -grund bzw. -ziel, Kommentare der deutschsprachigen Teilnehmer etc.).
    Das Projekt wurde institutionalisiert und im Februar 2002 einem externen Dienstleister übertragen.Während der siebenjährigen Projektlaufzeit wurden die Modalitäten für die Datengewinnung mehrfach den Anforderungen angepasst. Als erstes mussten daher alle Datensätze in ein einheitliches Format übertragen werden (Mai - Dezember 2002).
    Im Rahmen einer Sekundär-Analyse erfolgte eine quantitative Auswertung der gewonnenen Daten. Die Auswertungsstrategie sah vor, die Ergebnisse der Gesamtpopulation in einem definierten Zeitraum zu untersuchen, so dass eine Trendanalyse erfolgen konnte. Dieses Vorgehen ermöglichte eine Subgruppenanalyse nach einzelnen Merkmalen. Eine Erstellung und Evaluierung der Erfahrungsbilanz des Dienstes erfolgte vor dem Hintergrund, Konzepte für Qualitätserhaltung und Qualitätsverbesserung für die beteiligten Institutionen des Hamburger Gesundheits- und Sozialwesens zu erarbeiten. Unterstützt wurde diese Zielsetzung durch eine qualitative Datenerhebung bei beteiligten Ärzten und Dolmetschern. Die Auswertung gab Aufschluss sowohl über die Rollenerwartung der Professionellen im Gesundheitswesen an Dolmetscher als auch über das Rollenverständnis der Dolmetscher selbst.
    Teil der Projektaufgabe war die Erstellung einer Verfahrensanweisung für das Handbuch Qualitätssicherung zum Einsatz von Dolmetschern bei fremdsprachigen Patienten unter Berücksichtigung des aktuellen Standes der Gesetzgebung und der institutionsspezifischen Ziele von Qualitätssicherung und Prozessoptimierung (VA 07DIE19 Dolmetschen und Übersetzen).

  • 2015

    Albrecht, N.-J. (2015) DaZmed - Deutsch als Zweitsprache in der medizinischen Ausbildung. Ein Leitfaden für die Sprachqualifizierung von internationalen Studierenden der Medizin und Fachkräften im Gesundheitswesen. Hamburg: Verlag Dr. Kovač [in Druck].

    2013

    Albrecht NJ, Nickel S (2013) Notwendigkeit und Akzeptanz von medizinischen Laien als Dolmetscher in der Arzt-Patient-Kommunikation. In: Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis (VPP). 45. Jahrgang 2013, Heft 1, S.73-89.

    2005

    Albrecht, N.-J. (2005) AG 3: Sprache und Kultur: Wege zur interkulturellen Sensibilisierung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Gesundheits- und Sozialversorgung. Martektingprobleme des Medizinisch Sozialen Dolmetschens (MSD). In: Albrecht, N.-J., Borde, Th., Durlanik, L. (Hg.): Migration - Gesundheit - Kommunkation Sprach- und Kulturmittlung Cuvillier Verlag Göttingen ISBN 3-86537-454-9 , 148-160.

    Albrecht, N.-J., Borde, Th., Durlanik, L. (2005) Migration - Gesundheit - Kommunikation. Sprach- und Kulturmittlung Cuvillier Verlag Göttingen ISBN 3-86537-454-9 , 1-182.

    Allaoui, R. (2005) Dolmetschen im Krankenhaus. In: Migration - Gesundheit-Kommunikation. Interdisziplinäre Reihe, Bd. 1. (Hg.): Albrecht, N.-J., Borde, Th. Durlanik L. Cuvillier Verlag, Göttingen ISBN 3-86537-439-5 , 1-200.