Zurück im Leben

Als Merlin Schelhas die Diagnose Darmkrebs erhält, ist er 17 Jahre alt. Im UKE wird er erfolgreich behandelt und gilt inzwischen, drei Jahre nach der Diagnose, als gesund. Sein Leben nach dem Krebs bewältigt er problemlos – auch wegen der Unterstützung, die er im Tumor-Nachsorgeprogramm „CARE for CAYA“ erhält. Jetzt will er Medizin studieren.

Seine Mutter Cordula gab ihm während der Erkrankung Kraft
Seine Mutter Cordula gab ihm während der Erkrankung Kraft

Im Mai 2014 bekommt Merlin Schelhas plötzlich starke Bauchschmerzen. Sein Kinderarzt geht zunächst von einem Magen-Darm-Infekt aus. Doch die Schmerzen klingen nicht ab, werden stärker. Seine Mutter ist verzweifelt, fährt ihn in ein Kinderkrankenhaus. Dort gehen die Ärzte nach einer Darmspiegelung von einem Morbus Crohn, einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung, aus. Erst zwei Wochen später – für die Familie eine unerträglich lange Wartezeit – liegen die vollständigen Laborergebnisse vor und es steht fest: Merlin hat Darmkrebs; eine ungewöhnliche Diagnose für einen 17-Jährigen. „Nachdem ich erfahren hatte, was ich habe, war ich wie benommen, stand völlig neben mir“, erinnert er sich. Auch für seine Mutter Cordula war die Erkrankung ein Schock. „Ich bin zusammengebrochen, habe einfach nur noch funktioniert und alles gemacht, damit es meinem Kind gut

Merlin wird ins Universitäre Cancer Center Hamburg (UCCH) des UKE überwiesen. Hier wird eine Computertomographie gemacht und sein Fall wird im interdisziplinären Tumorboard von Ärzten verschiedener Fachdisziplinen beraten. Die Spezialisten empfehlen, ihn bereits am nächsten Tag zu operieren. Während des Eingriffs wird ihm ein Stück Darm entfernt; alles verläuft ohne Komplikationen. „Ich hatte zwar ziemlich starke Schmerzen, aber nach wenigen Tagen konnte ich schon wieder mit einer Gehhilfe laufen.“ Seine Eltern und sein Bruder Moritz besuchen ihn täglich. „Meine Familie und Freunde haben mir Kraft gegeben, meine Krebserkrankung durchzustehen.“

 Sein jüngerer Bruder Moritz ist eine große Stütze in seinem Leben

Sein jüngerer Bruder Moritz ist eine große Stütze in seinem Leben

Erfolgreiche Behandlung

Zwei Wochen später wird Merlin Schelhas aus dem UKE entlassen und darf nach Hause gehen. Doch weil die Ärzte während der Operation festgestellt haben, dass auch die Lymphknoten befallen sind, bekommt er eine ambulante Chemotherapie. Alle drei Wochen erhält er im UKE eine Infusion mit einem Krebsmedikament. Ein weiteres Medikament nimmt er oral zu Hause ein. „Während der Chemotherapie war ich einfach nur schlapp, habe viel geschlafen“, sagt er.

Im Dezember 2014, ein halbes Jahr nach der Diagnose, gilt Schelhas schließlich als gesund. Nach der Chemotherapie macht er eine Reha für junge Erwachsene, trifft erstmals Krebspatienten in seinem Alter, mit denen er sich austauschen kann. „Hier habe ich noch mal bestätigt bekommen, wie gut ich im UKE aufgehoben bin. Die UKE-Ärzte haben mich zum Beispiel vor der Chemotherapie gefragt, ob ich meine Spermien einfrieren lassen möchte“, sagt er. Das sei gleichaltrigen Patienten in anderen Kliniken nicht angeboten worden, weiß er nun.

Merlin Schelhas möchte Medizin studieren, am liebsten in Hamburg

„Junge Krebspatienten haben andere Bedürfnisse als ältere Krebspatienten. Sie stehen gerade am Anfang ihres Lebens, denken über ihre Berufs- und Familienplanung nach und müssen ihre Vorstellungen aufgrund der Erkrankung gegebenenfalls umwerfen“, erklärt die Internistin Barbara Koch. Eine Krebserkrankung oder eine Chemotherapie kann zum Beispiel Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit haben. Bei Männern können die Spermien geschädigt werden. Frauen können früher in die Menopause kommen, weil sich ihr Hormonhaushalt verändert. Merlin geht nach der Reha wieder zur Schule, in seine alte Klasse. „Ich hatte in der elften Klasse 200 Fehlstunden. Aber meine Lehrer haben mich nur bis zu dem Tag benotet, an dem ich zuletzt da war“, sagt er. Als seine Klasse mit den Abiturvorbereitungen beginnt, wechselt er die Jahrgangsstufe. Ein Jahr später als geplant macht er sein Abitur – mit einem Notendurchschnitt von 1,6. Parallel dazu absolviert er eine Ausbildung zum Chemisch-Technischen Assistenten, ein Angebot seines Gymnasiums.

Das Tumor-Nachsorgeprogramm „CARE for CAYA“

Während seiner Abiturvorbereitungen und bis heute kommt Merlin alle drei Monate zur Nachsorge ins UKE. Er wird seit Ende vergangenen Jahres im Tumor-Nachsorgeprogramm „CARE for CAYA“ betreut und besucht die CAYA-Sprechstunde der Internistin Koch. „CAYA“ steht für Children, Adolescents und Young Adults – also Kinder, Heranwachsende und junge Erwachsene. Die Ärzte untersuchen ihn im Wechsel mittels Ultraschall und Computertomographie. Halbjährlich geht er zur Darmspiegelung. Auch sein Bruder kommt regelmäßig zur Vorsorge. Die Ärzte schließen zwar einen familiär bedingten Darmkrebs aus, wollen aber kein Risiko eingehen.

Merlin fühlt sich in der CAYA-Sprechstunde gut aufgehoben. Hier bekommt er unter anderem Tipps zur richtigen Ernährung und Bewegung. „Verbesserungen des Lebensstils haben nachweislich einen positiven Effekt auf Langzeitfolgen. Wir beraten die Patienten daher, was sie tun können, um so auch das Risiko einer erneuten Krebserkrankung positiv zu beeinflussen“, sagt Koch. So versucht auch Merlin auf eine gesündere Ernährung zu achten und isst inzwischen zum Beispiel nur noch selten Fleisch.

„Unsere CAYA-Sprechstunde basiert auf dem Anspruch, dieser besonderen Patientengruppe eine umfassende Nachsorge mit festen Ansprechpartnern in einem interdisziplinären Team anzubieten“, sagt Priv.-Doz. Dr. Alexander Stein, stellvertretender Direktor des UCCH. Gerade in den ersten fünf Jahren nach der Therapie ist eine lückenlose Betreuung notwendig. Denn zwei Drittel dieser Patienten entwickeln therapiebedingte Folgeerkrankungen wie chronische Schmerzen, Erschöpfungszustände, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Depressionen. Auch soziale Probleme wie ein schwieriger Wiedereinstieg in Schule oder Beruf treten auf. Zum CAYA-Team gehören daher Ärzte, Sporttherapeuten, Ernährungsberater und Psychoonkologen. Inzwischen wird das vor drei Jahren ins Leben gerufene Programm vom Innovationsfonds gefördert.

Der 20-Jährige arbeitet als Pflegepraktikant auf der Krebsstation
Der 20-Jährige arbeitet als Pflegepraktikant auf der Krebsstation

Folgeerkrankungen hat Merlin bislang glücklicherweise nicht. „Ich bin vielleicht weniger fit als früher. Aber eine Einschränkung ist das nicht.“ Dennoch bleibt die Erkrankung stets im Hinterkopf. „Ich habe noch immer Angst, sobald er krank wird. Auch wenn ich weiß, dass er zur Vorsorge geht“, sagt seine Mutter. Ihr Sohn hat unterdessen für sein Leben nach dem Krebs ehrgeizige Pläne: Er will Medizin studieren. „Ich möchte mit Menschen arbeiten. Das erfüllt mich“, sagt der 20-Jährige. Außerdem könne er als Arzt davon profitieren, dass er selbst einmal Patient war. „Ich weiß, worauf es auf Patientenseite ankommt.“ Ein Pflegepraktikum hat er bereits erfolgreich absolviert – auf der Krebsstation im UKE.

Das interdisziplinäre Team des Tumor-Nachsorgeprogramms „CARE for CAYA“ trifft sich regelmäßig zur Fallbesprechung

Das interdisziplinäre Team des Tumor-Nachsorgeprogramms „CARE for CAYA“ trifft sich regelmäßig zur Fallbesprechung



Text: Berit Waschatz

Fotos: Axel Kirchhof