Heike Krüger, stationäre Physiotherapie
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Mehr als 20 Jahre im UKE
Heike Krüger hat auf einer COVID-19-Station gearbeitet

Der lange Weg zurück

Acht Wochen arbeitete Physiotherapeutin Heike Krüger während der ersten Pandemiewelle auf den COVID-19-Stationen des UKE. Dort erlebte sie täglich, wie krank das Corona-Virus machen kann und wie die Atemnot Patientinnen und Patienten in Panik versetzte. Mit Geduld und Empathie half sie ihnen auf ihrem Weg zurück ins Leben.

Manche Patienten und ihre Geschichten sind Heike Krüger besonders in Erinnerung geblieben. Wie zum Beispiel die des Mannes Anfang 50: durchtrainierter Triathlet, groß und kräftig, Inhaber eines eigenen Fitnessstudios. „Er hatte sich beim Skifahren in Tirol mit dem Corona-Virus infiziert und war mit schwerer Atemnot ins UKE eingeliefert worden“, erzählt Krüger. Hier konnte er sich nur mit Mühe und Not auf der Bettkante halten und traute sich nicht einmal, für einen kurzen Moment die Sauerstoff-Brille abzunehmen. „Er hatte panische Angst, nicht genug Luft zu bekommen, und fing sofort an zu hyperventilieren, sodass er noch kurzatmiger wurde.“ Ein Teufelskreis, den die Physiotherapeutin bei vielen Patienten beobachtet hat. Was sie in diesen Situationen tat? „Ich begleite die Menschen verbal und taktil, um sie zu beruhigen und ihnen die Sicherheit zu vermitteln, wieder auf ihren Körper zu vertrauen“, erzählt sie.

Eigentlich ist Heike Krüger als stationäre Physiotherapeutin seit mehr als 20 Jahren im UKE in der Klinik für Neurologie im Einsatz und arbeitet dort vor allem mit Patientinnen und Patienten nach Schlaganfall oder mit Parkinson. Insgesamt 80 Physiotherapeutinnen und -therapeuten sind im UKE in unterschiedlichen stationären Bereichen tätig. Als im März Gesundheitsfachpersonal für die COVID-19-Stationen in der zum UKE gehörenden tropenmedizinischen Station (Bernhard-Nocht-Klinik, BNK) und auf Station 4A gesucht werden, ist sie sofort dabei. „Ich habe mich schon vor langer Zeit in der Reflektorischen Atemtherapie fortgebildet und wusste, dass ich COVID-19-Patienten mit dieser Behandlung würde helfen können“, sagt Krüger.

Atemtherapie zu Der lange Weg zurück
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Atemtherapie
Mit speziellen Grifftechniken werden die Atemwege aktiviert
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Verspannungen lösen
Damit die Atemmuskulatur wieder eigenständig arbeiten kann

Mischung aus Angst und Zuversicht

In der BNK und auf Station 4A liegen Junge und Alte, Menschen mit Vorerkrankungen und solche, die noch wenige Tage zuvor vollkommen fit waren, Skipisten hinuntersausten und mit beiden Beinen im Leben standen. Andere haben bereits einen Aufenthalt auf der Intensivstation hinter sich und sind jetzt zurückverlegt worden. Nahezu alle sind sauerstoffpflichtig, einige an Monitoren zur Überwachung ihrer Vitalfunktionen angeschlossen. „Allen gemeinsam war die Angst vor akuter Atemnot“, erzählt die Physiotherapeutin. Täglich trainiert sie mit ihren Patientinnen und Patienten das eigenständige Atmen. Hierfür nutzt sie die Funktion des Atemzentrums, das auf spezielle Grifftechniken an Muskeln und Bindegewebe reflektorisch reagiert und tiefe Atemzüge initiiert – ein erster wichtiger Schritt, um den Hauptatemmuskel, das Zwerchfell, zu aktivieren. Darüber hinaus soll die Therapie Verspannungen lösen und die Durchblutung anregen, um die Atemmuskulatur mit neuer Energie zu versorgen, damit sie wieder eigenständig und ökonomisch arbeiten kann.

Ganz frei von Sorge ist auch Heike Krüger bei ihrem Einsatz nicht. „Gerade zu Beginn der Pandemie herrschte noch viel Unsicherheit. Auch ich hatte Angst, mich anzustecken und vor allem, das Virus weiterzugeben.“ Die Physiotherapeutin hört ständig in sich hinein, versucht jedes Brennen in der Brust, jeden Kopfschmerz zu deuten und lässt sich, wie ihre Kolleginnen und Kollegen, einmal die Woche auf Corona testen. Heute fühlt sie sich sicher. „Gerade auf den COVID-19-Stationen sind wir durch Schutzanzüge, FFP2-Masken und Schutzbrillen sehr gut abgesichert und können mit gutem Gefühl mit den Patienten arbeiten.“

Mit kleinen Trainingszielen motivieren

Für viele Kranke ist es ein langer Weg zurück ins Leben mit nur winzigen Schritten nach vorn. „Ich versuchte, sie mit kleinen Trainingszielen zu motivieren. Für den Triathleten zum Beispiel war es ein Riesen-Erfolg, als es ihm gelang, viermal an einem Tag vom Bettrand aufzustehen“, erinnert sich Heike Krüger. Besonders hart trifft es auch einige ältere Menschen, die zusätzlich zu ihrer Corona-Infektion zunehmend die Orientierung verlieren. „Durch die fremde Umgebung und den bedingt durch das Besuchsverbot fehlenden Kontakt zu Familie und Freunden erlebten wir, wie manche noch tüdeliger wurden – wir nennen es medizinisches Delir. Doch wir alle – Pflege, Ärzte, Therapeuten, Reinigungspersonal – nahmen uns stets die Zeit für ein freundliches Wort, um auch diesen Patienten etwas Halt zu geben.“

Trotz der schweren Zeit hat Heike Krüger auch Erfreuliches in der Pandemie erlebt. Wie zum Beispiel die Dankbarkeit und Freude von genesenen Patienten. Oder die gute interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Pflege, den Ärztinnen und Ärzten und den anderen Gesundheitsfachberufen. „Wir sind aufeinander zugegangen, haben uns ausgetauscht und einander unterstützt. Dieses enge kollegiale Miteinander ist ausgesprochen wichtig für die gemeinsame Arbeit.“ Gerade hat sich die 54-Jährige wieder freiwillig gemeldet, um auf den COVID-19-Stationen zu unterstützen. Sie will helfen, wo sie kann – wie so viele andere im UKE auch.

Text: Nicole Sénégas-Wulf, Fotos: Axel Kirchhof (Stand: 5. Januar 2020)