Pflegeausbildung mit Live-Übertragung

Eine neue Form der Pflegeausbildung, gepaart mit einer unberechenbaren Pandemie: Diese spezielle Mischung hat die Lehrkräfte der Pflegeschule in der UKE-Akademie für Bildung und Karriere (ABK) vor große Herausforderungen gestellt, und auch die Auszubildenden mussten sich erheblich umstellen. Lehrerin Janine Hannweg und Pflegeschülerin Antonia Brüser berichten über ihre besonderen Lernerfahrungen.

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Unterricht mit Laptop: Medizinpädagogin Janine Hannweg
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Die examinierte Pflegerin macht alle Handgriffe vor

Janine Hannweg unterrichtet seit 2018 an der Pflegeschule. Sie hat einschlägige Erfahrung: Vor dem Studium der Medizinpädagogik und auch währenddessen arbeitete sie mehrere Jahre als examinierte Pflegerin in der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des UKE. Als Anfang 2020 bundesweit die generalistische Pflegeausbildung eingeführt wurde, war sie gleich angetan von dem neuen Konzept, das die traditionell getrennten Bereiche Alten-, Gesundheits- und Krankenpflege sowie Kinderkrankenpflege in einem gemeinsamen Berufsfeld zusammenführt. Der Paradigmenwechsel bedeutete für das Team der rund 30 Lehrenden der ABK eine weit reichende Umstellung der Methodik und Didaktik. „Wir unterrichten nicht mehr in Fächern oder an spezifischen Themen, sondern in beruflichen Handlungsfeldern“, erklärt die 31-Jährige. Zu ihrem Lehrangebot gehören nun beispielsweise die Felder „In Notfallsituationen angemessen handeln“ und „Den Pflegeberuf gesund erlernen und erleben“.

Und in alle Neuerungen platzte die Pandemie. Als im März 2020 bekannt gegeben wurde, dass die allgemeinbildenden Schulen in Hamburg schließen und in den online-Unterricht wechseln würden, habe auch die Pflegeschule schnell reagiert. „Wir haben in sehr kurzer Zeit unsere Inhalte und Methoden auf digitale Vermittlung umgestellt“, berichtet Janine Hannweg. „Der Arbeitsaufwand war enorm. Erst einmal mussten wir unsere eigene digitale Kompetenz weiterentwickeln.“ Wertvolle Unterstützung leisteten IT-versierte Kolleg:innen der Akademie für Bildung und Karriere (ABK). „Wir haben viele verschiedene und sehr kreative Methoden der Vermittlung ausprobiert und die besten Varianten gewählt, um den Lernerfolg zu sichern.“

Die Webex-Konferenz ersetzt seitdem das Klassenzimmer, und statt Praxisvermittlung vor Ort bietet Lehrerin Hannweg nun Live-Übertragungen aus den Übungsräumen, Skills Labs genannt: Vor der Kamera erklärt sie etwa die Handhabung der Trachealkanüle, die nach einem Luftröhrenschnitt für die Beatmung von Patienten eingesetzt wird. Die Auszubildenden sind online dabei, stellen Fragen, diskutieren. „Vieles von dem, was wir an digitalen Formaten eingesetzt haben, hat sich in der Pandemie bewährt und könnte auch danach genutzt werden“, hofft Janine Hannweg. Dass Lehre und Lernen unter den Pandemiebedingungen nicht gelitten haben, belegen die sehr guten Ergebnisse der ersten Jahreszeugnisse.

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Antonia Brüser lernt die meiste Zeit am Laptop
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Nur fürs Foto: Ein Praxistest im Simulationszentrum

Nur ein Tag vor Ort

Antonia Brüser hatte sich den Start ihrer Pflegeausbildung im April 2020 anders vorgestellt. „Na, da hast du dir ja den perfekten Zeitpunkt für die Ausbildung ausgesucht“, hieß es ironisch aus dem Familien- und Bekanntenkreis. Nicht witzig, die Pflegeschülerin war enttäuscht: „Nur der erste Tag war in Präsenz, da haben wir jeweils in kleinen Gruppen unsere Ordner und Bücher abgeholt.“ Den gesamten Kurs hat sie bisher überwiegend am Bildschirm kennengelernt, durch Kleingruppenarbeit habe sich aber mittlerweile ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickelt. „Wir sitzen alle im gleichen Boot, das schweißt zusammen.“

Online-Unterricht sei manchmal eine Herausforderung für die Motivation, „aber ich lerne ja für mich und weiß, wie wichtig die Theorie für die Praxis ist.“ Wenn der innere Schweinehund sich mal besonders stark macht, hilft ihr eine feste Zeitstruktur. Den Lehrenden zollt sie Anerkennung: „Die machen das super, sie unterstützen und motivieren uns.“ Ihre ersten Praxiseinsätze im UKE und in der Altenpflege hat die 21-Jährige bereits absolviert – und ist sich „absolut sicher“, die richtige Ausbildung gewählt zu haben. „Schon im ersten Jahr habe ich so viel mehr gelernt als erwartet – auch über mich selbst. Ich bin über mich hinausgewachsen.“

Viermal im Jahr bietet das UKE den Ausbildungskurs Generalistische Pflege für jeweils 25 bis 30 Auszubildende an. Mit der Pandemie sei die Nachfrage deutlich gestiegen, sagt Medizinpädagogin Janine Hannweg. Sie vermutet zwei Gründe: zum einen die neue Ausbildungsform, die eine hohe Flexibilität bei Berufswahl und -wechsel ermögliche, und zum anderen die Pandemie. „Das Thema Pflege ist gegenwärtig, das Interesse und Verständnis für den Beruf ist durch die Pandemie gewachsen.“

Für ihre nächsten beiden Ausbildungsjahre wünscht sich Antonia Brüser die Chance auf direkte Begegnungen. „Ich habe das Wunschbild von einer ganz normalen Pflege: Ich gehe morgens ins Zimmer der Patienten und lächle sie an, ohne dass die Maske mein Gesicht verschließt.“ Lehrerin Janine Hannweg blickt zurück auf eine „spannende Zeit, in der ich viel gelernt und meine digitale Kompetenz enorm erweitert habe.“ Und sie weiß: „Wir werden alle dankbar sein, wenn wir uns irgendwann wieder direkt in die Augen sehen können.“

Text: Ingrid Kupczik, Fotos: Axel Kirchhof (Stand: Mai 2021)