„Die Heilung fängt im Kopf an“

Musik bereichert das Leben von Iris Bertgen (46) und hat ihr in schweren Zeiten geholfen. Dass die Intensivpflegerin aus dem UKE nach einer Krebserkrankung und weiteren Schicksalsschlägen heute wieder optimistisch in die Zukunft blickt, hat auch mit ihrer Liebe zur Musik zu tun.

Text: Monica Estévez, Fotos: Eva Hecht, Film: Niko Bünten

Iris Bertgen, Pflegeleitung im UKE
Iris Bertgen spendet Patient:innen im UKE Trost

„Als wenn irgendetwas in mir ist, das da nicht hineinpasst“, erinnert sich Iris Bertgen an ei-nen der Schlüsselmomente, als ihr klar wurde, dass etwas mit ihr nicht stimmte und es einen Grund für ihre unklaren Beschwerden geben musste. Die Stationsleitung einer Intensivstation im UKE stand 2018 mitten im Leben, hatte eine Familie und einen fünfjährigen Sohn, als sie die Diagnose Eierstockkrebs erhielt. „Ich habe viele einzelne Symptome gemerkt, jedes für sich separat, aber für mich nicht zusam-mengebracht, obwohl ich doch vom Fach bin.“ Bleierne Müdigkeit, dumpfes Ziehen im Unterleib, Schwierigkeiten beim Wasserlassen, nächtliches Schwitzen – bis es auf einer Geburtstagsfeier im Bauch gluckerte. Da wusste Iris Bertgen, dass es Zeit war, zum Arzt zu gehen und die Beschwerden abklären zu lassen. Der Termin stand zwei Wochen später an, ihr Bauch veränderte sich während dieser kurzen Zeit bereits, wurde zunehmend dicker. Ab diesem Moment fügte es sich für sie zusam-men, „es breitete sich eine innere Ruhe mit dem Bewusstsein in mir aus, jetzt bereitest du dich auf Krebs vor.“ Familiäre Auffälligkeiten und Vorbelastungen hinsichtlich Brust- und Eierstockkrebs waren vorhanden, nur wenige Wochen zuvor hatte sie einen Termin im Institut für Humangenetik im UKE, als noch alles scheinbar in Ordnung war.

Die Gynäkologin stellte viele Fragen – alle Puzzleteile fügten sich zusammen – und sah einen Tumor bei der Untersuchung. In diesem Moment, dem „Robotermoment“, wie Iris Bertgen ihn nennt, funktionierte sie nur, ohne Emotionen, im Schockzustand. Was dann al-lerdings folgte, war wahnsinnige Angst, eine Nahtoderfahrung, wie sie es beschreibt, in der sämtliche Emotionen hochkamen und die Gedanken in ihrem Kopf rotierten, was sie alles verlieren und wie das Ganze ausgehen könnte. „Ich bin Pflegefachkraft für Intensivpflege und ich habe damals in meiner Ausbildung noch gelernt, dass Eierstockkrebs häufig ein Todesurteil ist, da er sehr spät entdeckt wird und viel Platz zum Wachsen hat “, erzählt sie im Rückblick auf die Zeit ihrer eigenen Diagnose.


Iris Bertgen, Pflegeleitung im UKE
Mit ihrem Sohn...
Iris Bertgen, Pflegeleitung im UKE
...im heimischen Garten

„Es ist Krebs und es ist ernst“

Die Operation, die dann folgte, und von Prof. Dr. Barbara Schmalfeldt, Direktorin der Klinik für Gynäkologie, durchgeführt wurde, dauerte acht Stunden. Stunden, in denen Organe entfernt und andere nach Metastasen abgesucht wurden. Dass der Krebs bereits gestreut hatte, war Iris Bertgen vorher bewusst, das Bauchwasser war ein deutliches Indiz dafür. Die Operation verlief erfolgreich, sechs Wochen später bekam Iris Bertgen ihre erste Chemotherapie im UKE, sieben Stunden am Tropf, drei Wochen später begann der nächste Zyklus. „Schön ist etwas anderes, aber gleichzeitig sagte ich mir, es ist zu schaffen.“

Der Kopf spielte auch in dieser Phase der Krankheit eine entscheidende Rolle: Eine feste Struktur jeden Tag und der Dreiklang aus Essen, Ruhe und Bewegung trugen Iris Bertgen durch die Monate der Chemotherapie. Ihr Mann und ihr Sohn Hannes als große Stütze, weitere Familienmitglieder sowie Freunde und Bekannte trugen das Übrige dazu bei, wofür Iris Bertgen noch heute sehr dankbar ist. „Einfach mal ein gekochtes Mittagessen von einer Freundin zu erhalten, hat mir sehr geholfen, das war konkret, damit konnte ich etwas anfangen.“ Und eine klare Kommunikation von Anfang an sei ihr wichtig gewesen: „Es ist Krebs und es ist ernst.“ Mit dieser Offenheit habe sie die besten Erfahrungen gemacht, und es war für das Gegenüber leichter, in das Thema einzusteigen und auch Fragen zu stellen. Normalität und Selbstbestimmung waren für Iris Bertgen entscheidende Faktoren: Das Leben sollte weitergehen.

Ein langer Atem war gefragt, da die Therapie zunächst mit Infusionen und dann mit PARP-Inhibitoren, zielgerichteten Krebsmedikamenten, weitere zweieinhalb Jahre fortgesetzt wurde. Durch die genetische Vorbelastung sind auch heute noch alle drei Monate Kontrolltermine erforderlich, aber die Medika-mente konnte Iris Bertgen mittlerweile absetzen. Nebenwirkungen verspürt sie nach wie vor, Polyneuropathie an den Füßen und eine eingeschränkte Energie, aber „ich bin ein durch und durch positiver Mensch, empfinde unglaublich viel Dankbarkeit und ziehe mir daraus meine Kraft.“ Sie lerne immer besser, ihre Grenzen einzuschätzen – auch in beruflicher Hinsicht. Nach der Reha ist sie damals sehr schnell wieder ins UKE zurückgekehrt, hat im Rahmen des sogenannten Hamburger Modells eine Wiedereingliederung gemacht, die ihr mit Unterstützung der Kolleg:innen einen sanften und guten Einstieg ermöglichte. „Die Arbeit war und ist Therapie für mich, diese Sicherheit, Struktur zu haben und auch diese Sinnhaftigkeit zu erleben, ist ganz wichtig“, resümiert Iris Bertgen.

Iris Bertgen, Pflegeleitung im UKE
Aus der Musik schöpft Iris Bertgen viel Kraft

Mentale Heilung erst viel später

Die Überwindung der Erkrankung mithilfe von Therapien ist die eine Seite der Medaille. Die mentale Heilungsphase fing erst viel später an. Als sie die Mitteilung erhielt, sie könne wieder ganz gesund werden, war für sie der Punkt gekommen, sich mit der Sinnfrage im Allgemeinen auseinanderzusetzen: Was hat sich verändert, was bedeutet Lebenszeit eigentlich? Es folgte eine Orientierungsphase, sie hatte ein Gefühl von Aufbruch – beim Beruf ist sie geblieben, der ist auch „richtig und gut“, wie sie betont, aber es galt, etwas anderes zu finden. Mit Kreativität sollte es auf jeden Fall zu tun haben, vieles hat sie ausprobiert, diverse Kurse an der Volkshochschule besucht, ein Kinderbuch geschrieben, das noch in der Schublade liegt, bevor sie durch einen weiteren Kurs zur Musik und zu „ihrer“ Ukulele kam.

Einen Bezug zur Musik hatte sie bis dahin nicht, aber von dem Zeitpunkt an, als Iris Bertgen die Ukulele in der Hand hielt, war sie Feuer und Flamme. Sie begann, sich das Spielen selbst beizubringen, ohne Noten lesen zu können. Ein altes Gitarrenbuch ihrer Mutter aus den siebziger Jahren diente als Einstieg. Jeden Tag übte sie mehrere Stunden: „Ich bin regelrecht süchtig geworden“, berichtet sie voller Vergnügen. Nach einem Jahr folgten der erste Text und zunächst eine Aufnahme mit dem Handy. Musik und Text passten zusammen, es fügte sich plötzlich in diesem Schlüsselmoment. Sie erinnerte sich an das Angebot eines professionellen Musikers in der Nachbarschaft, schickte ihm ihr erstes Lied zu. Seine Begeisterung übertrug sich auf sie, sie nahmen es in einem kleinen Studio auf, und ein regelrechter Kreativschub überkam Iris Bertgen.

Diese glückliche Phase bekam einen plötzlichen Dämpfer durch die Nachricht, dass ihr 22-jähriger Neffe ein Krebsrezidiv und nicht mehr lange zu leben hatte. Die eigene Erkrankung, die familiäre Vorbelastung sowie der Verlust von vier krebskranken Kolleg:innen in der Klinik stellten Iris Bertgen erneut vor die Wahl: „Willst Du jetzt zusammenbrechen?“ Nein, das war keine Alternative! Sie entschied sich, ein ganzes Album aufzunehmen und daraus ein Spendenprojekt zu machen. Den Nachbarn gewann sie sehr schnell für diese Idee, und die Lieder flossen regelrecht aus ihr heraus. „authentIsCH“ lautet der Titel des Albums und weist auf die beiden Personen hin, die in ihr stecken: zum einen die Frau, die im Leben steht, Mutter und Führungskraft ist, aber auch die Frau, die eine schwere Krebserkrankung überlebt hat, kreativ ist und Texte schreibt.

Iris Bertgen, Pflegeleitung im UKE
Vorbereitung für den nächsten Auftritt

Sie verarbeitet in ihren Liedern all die Themen, mit denen sie sich in ihrer mentalen Heilungs-phase auseinandergesetzt hat, auch die Trauer über den Verlust der Weiblichkeit und die Rezidivängste gehören dazu. Mit ihrem Spendenprojekt für die Deutsche Krebshilfe möchte sie Geld für die allgemeine Krebsforschung sammeln. Gleichzeitig ist es ihr ein großes Anliegen, Kraft zu spenden, aufmerksam zu machen und Vertrauen zu schenken. „Dafür nutze ich meinen Mut, denn ich bin eine mutige Person“, fügt Iris Bertgen hinzu.

Offenheit und Enttabuisierung sind ihr wichtig in diesem Zusammenhang. Ein erstes Konzert im Dezember 2025 bestärkte sie in ihrem Vorgehen, proaktiv mit ihrer Geschichte nach draußen zu gehen und die Menschen zu erreichen. Der Krebs ist ein Teil ihres Lebens, er hat ihr auch schöne Momente beschert. „Ich wäre nicht ich, wenn ich nicht das Positive sehen würde, und das Positive hat mich dazu gebracht, meine iRIS in mir zu entdecken und meine künstlerische Kreativität ernst zu nehmen.“ Iris Bertgen hat noch viele Pläne, will Texte schreiben, weitere Konzerte organisieren. Was auch passiert, sie ist einfach nur dankbar, dass sie immer noch lebt.

Prof. Dr. Barbara Schmalfeldt

Prof. Dr. Barbara Schmalfeldt, Direktorin der Klinik für Gynäkologie

Erbliche Veranlagung ist häufig

Eierstockkrebs gehört zu den häufigen Krebserkrankungen, spielt in der Öffentlichkeit jedoch keine große Rolle. Daher ist es umso wichtiger, Symptome zu beachten und die mögliche familiäre Vorbelastung zu kennen, sagt die UKE-Expertin.

„Beim Eierstockkrebs gibt es keine Risikofaktoren, die die Patientin selber beeinflussen kann“, erklärt Prof. Dr. Barbara Schmalfeldt, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Gynäkologie, „sodass die Frauen nur wenig vorbeugend tun können.“ Wichtig sei jedoch zu wissen, dass bei 20 Prozent der Patientinnen, die fortgeschrittenen Eierstockkrebs haben, eine erbliche Veranlagung vorhanden ist. Bei wem also ganz früh ein Brustkrebs diagnostiziert wird oder wer mehrere Verwandte ersten Grades mit einer Erkrankung hat, sollte hellhörig werden. „Dann könnte ein familiäres Brust- und Eierstockkrebssyndrom vorliegen“, führt Prof. Schmalfeldt aus. Beide Erkrankungen sind in einem Zusammenhang zu sehen. Symptome treten in der Regel im Bauchraum auf, sind jedoch eher unspezifisch: Verstopfung oder Durchfall, genauso wie ein Völlegefühl oder Appetitlosigkeit können Anzeichen sein. Bei dauerhaften oder neu auftretenden Beschwerden ist daher stets ein Besuch in der Hausarztpraxis empfehlenswert.

Die Behandlung der Erkrankung stützt sich auf drei Säulen: Operation, Chemotherapie sowie eine Erhaltungstherapie, die ganz spezifisch auf die genetischen Veränderungen einwirkt. „Die Tumo-ren sind aufgrund ihrer genetischen Veränderung sehr instabil“, erläutert die Expertin, „und hier setzen spezielle Medikamente, die sogenannten PARP-Inhibitoren, an, die dazu führen, dass sich die Tumoren nicht weiter vermehren können, sondern in den Zelltod gehen.“ Da die Therapie sehr aufwendig und komplex ist, ist es entscheidend, dass die Behandlung in einem Zentrum erfolgt, das alle Disziplinen unter einem Dach bündelt und auch unterstützende Angebote wie beispielsweise eine Ernährungsberatung oder Maßnahmen zur Bewegung für die Patientinnen bereithält.