Wenn das Klima krank macht

Während die Erde sich immer mehr erwärmt, Überschwemmungen, Dürreperioden sowie Temperaturen über 40 Grad auch in Nordeuropa verstärkt auftreten, nehmen Forschende des UKE die Wechselbeziehungen von Klimawandel und Erkrankungssymptomen in den Blick. Das Ziel: steigenden Gesundheitsrisiken fundiert entgegenzutreten.

Text: Katja Strube, Fotos: Axel Kirchhof

Erschöpfung, sich verschlimmernde Atemwegserkrankungen, durch Mücken und Zecken übertragene Infektionskrankheiten wie Lyme-Borreliose, Dengue-Fieber oder Leishmaniose, in extremen Fällen Herzinfarkte und Hitzschläge: Dass die Auswirkungen des Klimawandels Menschen krank machen können, wird immer deutlicher. „Forschungsvorhaben an der Schnittstelle zwischen Gesundheit und Klima sind immens wichtig, um Patient:innen im Bedarfsfall exzellent versorgen zu können“, sagt Prof. Dr. Blanche Schwappach-Pignataro, Dekanin der Medizinischen Fakultät und UKE-Vorstandsmitglied.

(v.l.): Dr. Claudia Mews, Priv.-Doz. Dr. Ingmar Schäfer und Dr. Heike Hansen, Institut für Allgemeinmedizin
Dr. Mews, Priv.-Doz. Dr. Schäfer und Dr. Hansen (v.l.)

Schutz für chronisch Erkrankte

Welche Auswirkungen die steigenden Temperaturen auf die Gesundheit von Menschen mit Vorerkrankungen haben, untersucht Priv.-Doz. Dr. Ingmar Schäfer aus dem Institut für Allgemeinmedizin in der sogenannten CLIMATE-Studie. Im vergangenen Jahr sind die Forscher:innen aus Hamburg gemeinsam mit Kolleg:innen aus Rostock eine Kooperation mit der Landesfachhochschule Claudiana in Bozen eingegangen. „Südtirol liegt zwar in Norditalien, Bozen gehört aber zu den heißesten Städten Italiens“, erklärt Dr. Schäfer. Patient:innen aus Hausarztpraxen in Deutschland und Südtirol berichten in der dritten Erhebungswelle der CLIMATE-Studie über ihren Gesundheitszustand an besonders heißen Tagen und geben Auskunft darüber, welche Schutzmaßnahmen sie ergriffen haben.

„Bereits ab Temperaturen von etwa 27 Grad Celsius sind Verschlechterungen im Gesundheitszustand unserer Stichproben messbar, die bis zu Temperaturen von etwa 40 Grad kontinuierlich größer werden. Die berichteten Gesundheitsprobleme bei Hitze reichen dabei von Beeinträchtigungen des Allgemeinzustands wie Schwindel, Kopfschmerzen oder Muskelkrämpfen bis zu Atemnot und Bewusstseinsverlust“, so Dr. Schäfer. „Besonders betroffen sind schwerer erkrankte Personen und Patient:innen, die wenig soziale Unterstützung erfahren, wenig zuversichtlich sind, sich selbst helfen zu können, oder Schwierigkeiten haben, sich im Gesundheitssystem zu orientieren.“ Dagegen gingen etwa eine gute Gesundheitskompetenz und soziale Unterstützung mit weniger Beschwerden durch die Hitze einher.

Mit der CLIMATE-Studie wollen die Wissenschaftler:innen auch herausfinden, wie wirksam die gängigen Empfehlungen zum Schutz von Risikopatient:innen vor möglichen Hitzefolgen tatsächlich sind, zum Beispiel das Vermeiden von Sonnenlicht, reduzierte körperliche Aktivität oder gezielte Abkühlung, etwa durch Fußbäder. Die Ergebnisse der Untersuchung, so die Hamburger Forschenden, können Hausärzt:innen dabei helfen, chronisch Kranke in Hitzeperioden besser zu betreuen, indem mehr Wissen über den Nutzen von Schutzverhalten bereitgestellt wird.

Leitfaden für Hausärzt:innen

Bei der Versorgung von Patient:innen sind behandelnde Ärzt:innen schon jetzt mit den Auswirkungen von Klimawandel und Umweltveränderungen konfrontiert – und das, obwohl viele Folgen noch gar nicht absehbar sind. Dr. Claudia Mews, Fachärztin für Allgemeinmedizin im UKE, hat deshalb gemeinsam mit ihrer Kollegin Dr. Heike Hansen in Kooperation mit dem Institut für Allgemeinmedizin der Universität Würzburg und weiteren assoziierten Partner:innen einen „Leitfaden zur klimasensiblen Gesundheitsberatung für die hausärztliche Praxis“ verfasst. Er kann Hausärzt:innen Wissen vermitteln, Handlungstipps zur Verfügung stellen und sie für die klimasensible Gesundheitsberatung sensibilisieren.

Neben gesundheitlichen Auswirkungen durch beispielsweise zu hohe Temperaturen, Luftverschmutzung und psychische Belastung macht der Leitfaden auch auf bisher weniger bekannte Folgen des Klimawandels aufmerksam – wie die Lärmverschmutzung durch Verlust natürlicher Schallschutzmechanismen durch Abholzung von Wäldern oder durch wetterbedingte Lärmquellen wie starke Winde. „Lärm kann sowohl zu körperlicher als auch zu seelischer Anspannung und Belastung führen und die Gesundheit kurz- und langfristig schädigen“, sagt Dr. Mews. Anhaltende Lärmbelästigung kann dauerhafte Gehörschäden wie Lärmschwerhörigkeit und Tinnitus verursachen, erhöht unter Umständen das Risiko für die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und kann die Lebensqualität und die mentale Gesundheit beeinflussen, verdeutlichen die Autor:innen des Leitfadens. Wichtig sei es auch, die Symptome und Behandlungsmöglichkeiten von Infektionskrankheiten zu kennen, die durch den Anstieg der globalen Temperaturen auch hierzulande vermehrt auftreten könnten, wie zum Beispiel West-Nil-Fieber, Dengue-Fieber und Leishmaniose sowie durch Zecken oder Vibrionen übertragbare Erkrankungen.

Forschung für die Gesellschaft

Die Wechselwirkungen zwischen Klima und Gesundheit sind vielfältig, komplex und noch nicht ausreichend ergründet. Ziele der Forschenden sind ein besserer Hitzeschutz für besonders stark gefährdete Gruppen und die Unterstützung von Ärzt:innen im Umgang mit den gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels in Diagnostik, Therapie und Kommunikation. Die Wissenschaftler:innen arbeiten dabei eng mit unterschiedlichsten Institutionen – insbesondere auch mit vielen Hamburger Forschungseinrichtungen – zusammen. „Ihre Ergebnisse kommen uns allen zugute“, so Dekanin Prof. Schwappach-Pignataro.