weibliche Genitalverstümmelung
Weibliche Genitalverstümmelung – auch als female genital mutilation/cutting (FGM/C) oder umgangssprachlich Beschneidung bei Frauen bezeichnet – umfasst verschiedene kulturell bedingte Praktiken, bei denen Teile der äußeren weiblichen Genitalien entfernt oder verletzt werden. Diese Eingriffe haben keinerlei gesundheitlichen Nutzen und sind mit erheblichen Risiken und schweren körperlichen wie seelischen Folgen verbunden. Weltweit sind Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge über 250 Millionen Mädchen und Frauen in rund 30 Ländern Afrikas, des Nahen Ostens und Asiens betroffen. FGM/C ist international als Verstoß gegen die Menschenrechte verurteilt und in vielen Ländern – darunter auch Deutschland – verboten.
Betroffene Frauen leiden häufig ein Leben lang unter den Folgen. Je nach Ausmaß der Verstümmelung können chronische Schmerzen, Infektionen, Narbenbildung oder Komplikationen beim Wasserlassen, der Menstruation und der Geburt auftreten. Auch sexuelle Funktionsstörungen sind verbreitet – viele der betroffenen Frauen empfinden beim Geschlechtsverkehr Schmerzen oder haben aufgrund der entfernten oder geschädigten Klitoris keine oder reduzierte sexuelle Empfindungen. Zusätzlich gehen die körperlichen Schäden oft mit schweren psychischen Belastungen einher: Viele Frauen entwickeln infolge des traumatischen Erlebnisses Angststörungen, Depressionen oder posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS). Das Gefühl, ihrer körperlichen Unversehrtheit beraubt worden zu sein, sowie Schwierigkeiten in Partnerschaft und Sexualität stellen einen ständigen Begleiter der betroffenen Frauen dar.
Unsere Klinik bietet betroffenen Frauen eine spezialisierte rekonstruktive chirurgische Therapie an, um die Folgen einer Genitalverstümmelung zu behandeln. Dabei handelt es sich insbesondere um die Wiederherstellung der entfernten oder verletzten Genitalstrukturen – vor allem der Klitoris und der kleinen Schamlippen – sowie die Lösung von Vernarbungen oder Öffnung einer verschlossenen Vaginalöffnung (Defibulation). Ziel ist es, Schmerzen zu lindern, das körperliche Erscheinungsbild zu verbessern und sexuelle Empfindungen bestmöglich wiederherzustellen. Auf Wunsch stehen auch Dolmetscherinnen zur Verfügung, um Sprachbarrieren zu überwinden und eine vertrauensvolle Kommunikation zu gewährleisten. Unser Angebot richtet sich an betroffene Frauen sowie an deren Angehörige und an Fachkräfte (z. B. aus Hilfsorganisationen), die Betroffene begleiten
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Klinische Symptomatik/Indikation
Eine chirurgische Rekonstruktionsoperation nach weiblicher Genitalverstümmelung kommt vor allem dann infrage, wenn folgende Symptome vorliegen:
- Dauerhafte Schmerzsyndrome (z. B. im Bereich der vernarbten Klitorisregion), Probleme beim Wasserlassen oder menstruelle Beschwerden infolge von Narbenstrikturen, wiederkehrende Infektionen oder Zystenbildungen können eine operative Behandlung notwendig machen. Insbesondere bei einer Infibulation (Typ III FGM), bei der die Vaginalöffnung weitgehend zugenäht wurde), besteht häufig eine Indikation zur operativen Öffnung (Defibulation), um normale Körperfunktionen wieder zu ermöglichen.
- Wenn eine Frau aufgrund der Beschneidung unter fehlender oder eingeschränkter sexueller Empfindungsfähigkeit leidet oder Geschlechtsverkehr nur unter Schmerzen möglich ist, kann eine Rekonstruktion der Klitoris und ggf. der Schamlippen angezeigt sein. Das Ziel ist, die anatomischen Voraussetzungen für sexuelle Lustempfindung zu verbessern und schmerzhafte Vernarbungen zu lösen.
- Viele Betroffene empfinden die Verstümmelung als körperliches und seelisches Trauma. Der starke Wunsch, den eigenen Körper wieder möglichst intakt zu erleben, kann ein wichtiger Grund für die Operation sein. Die Aussicht, ein Stück der körperlichen Selbstbestimmung zurückzugewinnen – etwa durch die Wiederherstellung sichtbarer Genitalstrukturen – trägt bei vielen Frauen zur psychischen Heilung bei. Eine Operation kann somit auch zur Traumaverarbeitung und Stärkung des Selbstwertgefühls beitragen.
Wichtig ist jedoch, dass der Entschluss zur Operation stets freiwillig und auf ausdrücklichen Wunsch der betroffenen Frau erfolgt. Wir beraten ergebnisoffen und respektieren jede Entscheidung der Patientin.
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Diagnostik und Vorbereitung
Vor einer geplanten Rekonstruktionsoperation findet eine gründliche Diagnostik und Beratung in unserer Sprechstunde statt. Zunächst erheben wir eine ausführliche Anamnese, in der wir behutsam mit der Patientin über ihre Vorgeschichte sprechen. Hierbei geht es u. a. darum, Art und Ausmaß der Beschneidung und die dadurch entstandenen eventuellen Komplikationen sowie aktuelle Beschwerden und Wünsche der Patientin zu erfassen. Auch die psychische Verfassung und die soziale Situation werden einfühlsam besprochen – auf Wunsch kann bereits in dieser Phase eine Psychologin oder Traumatherapeutin hinzugezogen werden. Selbstverständlich kann die Patientin für das Gespräch eine Vertrauensperson mitbringen, und falls nötig stellen wir eine Dolmetscherin, sodass alles in der entsprechenden Muttersprache erklärt und verstanden werden kann.
Anschließend erfolgt eine gründliche körperliche Untersuchung, welche auf Wunsch gerne durch eine weibliche Ärztin erfolgen kann. Im Rahmen der Untersuchung wird das Ausmaß der Beschneidung herausgestellt.
Auf Basis der Untersuchungen werden die möglichen Therapieoptionen mit der Patientin besprochen. Hier wird ausführlich erklärt, welche Operationstechniken infrage kommen und welche Ergebnisse realistisch durch den Eingriff erreicht werden können sowie welche Risiken bestehen. Insbesondere klären wir über die Erfolgsaussichten hinsichtlich einer möglichen Wiederherstellung von Empfindungen auf: Obwohl die Operation bei vielen Frauen Verbesserungen hervorbringt, sind die Ergebnisse individuell verschieden und es kann keine Garantie für das Wiedererlangen der Orgasmusfähigkeit gegeben werden. Die Patientin erhält zudem Informationen über den Ablauf des Krankenhausaufenthaltes, die Narkoseverfahren und die anschließende Nachbehandlung. Gemeinsam werden Erwartungen, Ängste und Fragen besprochen. Sobald die Patientin gut informiert ist und sich bewusst für die Operation entscheidet, wird ein Termin vereinbart.
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Prinzipien der operativen Therapie
Die chirurgische Rekonstruktion nach FGM richtet sich im Detail nach dem individuellen Befund, folgt aber meist einem ähnlichen Grundprinzip. Die Operation wird in der Regel unter Vollnarkose durchgeführt. Falls erforderlich, wird störendes Narbengewebe entfernt oder gelöst. Bei einer infibulierten Patientin erfolgt die vorsichtige Öffnung der verschlossenen Vaginalöffnung (Defibulation), um den natürlichen Ausgang wiederherzustellen. Ein zentraler Teil des Eingriffs kann die Rekonstruktion der Klitoris sein: Dabei wird – soweit anatomisch möglich – das unter der Narbe verborgene Klitorisgewebe freigelegt. Medizinisch ist bekannt, dass auch bei einer scheinbar vollständigen Klitorisentfernung ein Teil des Schwellkörpers und Schaftes unter der Haut erhalten bleibt. Dieses Gewebe wird chirurgisch präpariert und nach außen vorverlagert, sodass wieder ein kleiner äußerer Klitorisstumpf entsteht. Diese Technik kann in vielen Fällen die nervliche Versorgung teilweise reaktivieren. Dadurch berichten viele Frauen später von verbesserter Empfindungsfähigkeit. Zusätzlich können, falls die inneren Schamlippen vollständig entfernt wurden, aus dem umgebenden Haut- und Weichgewebe neue Schamlippen geformt werden (Labioplastik), um ein möglichst anatomisches Aussehen herzustellen. Alle Schnitte werden mit feinem selbstauflösendem Nahtmaterial vernäht. Am Ende der Operation wird ein steriler Verband angelegt. Während der gesamten Operation wird darauf geachtet, das verbleibende empfindliche Gewebe maximal zu schonen und die Schmerzbehandlung optimal zu gestalten. Bei Bedarf kann zusätzlich zur Vollnarkose ein Lokalanästhetikum verwendet werden, um die Region nach der OP länger schmerzfrei zu halten.
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Nachsorge
Nach der Operation bleibt die Patientin zunächst zur Überwachung und Erholung in unserer Klinik. In der Regel ist ein stationärer Aufenthalt von wenigen Tagen vorgesehen. Unmittelbar postoperativ sorgen wir für eine ausreichende Schmerztherapie. Der Wundbereich wird lokal gekühlt und regelmäßig kontrolliert. Ein Blasenkatheter ist meist nicht notwendig, da die Harnröhre in der Regel nicht betroffen ist – falls doch ein Katheter gelegt wurde (z. B. bei starker Schwellung), wird er nach kurzer Zeit wieder entfernt. Wichtig ist in den ersten Tagen eine schonende Intimhygiene: Die Wunde sollte sauber und trocken gehalten werden. Unser Pflegepersonal unterstützt die Patientin einfühlsam bei notwendigen Maßnahmen, ohne die Schamgrenze zu verletzen.
Vor Entlassung erfolgt eine ausführliche ärztliche Abschlussuntersuchung. Die Patientinnen erhalten genaue Anweisungen für die häusliche Wundpflege. In den ersten Wochen sollte körperliche Anstrengung vermieden werden. Wir empfehlen, zunächst lockere Kleidung zu tragen und Reibung im Intimbereich zu minimieren. Je nach Ausmaß des erfolgten Eingriffes, werden darüber hinaus individuelle Empfehlungen oder Übungen ausgesprochen.
Nach Entlassung bieten wir regelmäßige Kontrolltermine in unserer Sprechstunde an – der erste Termin liegt meist 1–2 Wochen nach der Operation, weitere in den folgenden Monaten. Dabei überprüfen wir die Wundheilung und das anatomische Ergebnis. Falls medizinisch sinnvoll, können in der Nachsorge auch weitere Korrektureingriffe erwogen werden (z. B. Narbenkorrekturen).