Ausgefragt?! – Prof. Dr. Markus Graefen: Prostatakrebs: individuell behandeln


Interview mit Prof. Dr. Markus Graefen


50.000 Prostatektomien, individuelle Therapieentscheidungen und ein konsequenter Fokus auf Qualität: Die Martini-Klinik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) steht für eine differenzierte, qualitätsgesicherte Behandlung des Prostatakarzinoms. Im Video erläutert Prof. Dr. Markus Graefen, Ärztlicher Leiter und Mitglied der Faculty der Martini-Klinik, welche Therapieoptionen heute zur Verfügung stehen und wie sie auf die Erkrankung und die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt werden.

  • Mein Name ist Markus Graefen. Ich bin einer der leitenden Ärzte der Martini-Klinik, dem Prostatakrebszentrum am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

    An der Martini-Klinik wurde die 50.000. Prostatektomie durchgeführt. Welche Bedeutung hat diese Zahl für Sie und Ihr Team?

    Diese Zahl hat eine große Bedeutung. Gar nicht so sehr die Zahl als solches, sondern vielmehr als eine Bestätigung dessen, was wir jeden Tag dort machen – wie wir Patienten beraten, wie wir operieren, wie wir therapieren. Und die Tatsache, dass wir so viele Patienten haben und sehen dürfen und beraten dürfen, das ist schon eine tolle Bestätigung für uns.

    Die Martini-Klinik gilt als Pionier der roboterassistierten Prostatektomie. Welche Vorteile bietet das Verfahren heute?

    Die roboterassistierte Operation hat sich mehr und mehr zum Standard entwickelt in den letzten sicherlich fast 20 Jahren. Wir waren von Anfang an mit dabei. Wir haben die Entwicklung mitbegleitet. Wir haben Anstöße gegeben, wir haben viele Dinge auch gestalten können dabei. Wichtig ist mir zu betonen, dass grundsätzlich die Erfahrung des operierenden Teams noch mal wichtiger ist als das Instrument als solches. Aber sehr wohl gelingt es mit der roboterassistierten Operation, mit etwas weniger Blutverlust, mit einer etwas schnelleren Genesung die Patienten wieder fit zu bekommen.

    Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei Prostatakrebs neben der Operation?

    Neben der operativen Therapie, die sehr häufig angewendet wird, gibt es die Möglichkeit der aktiven Überwachung. Dabei werden Patienten zunächst einmal bei sehr frühen Tumoren begleitet mit einem MRT, mit einer Kontrollbiopsie im Verlauf, um zu schauen, ob der Tumor wirklich behandlungsbedürftig ist. Wenn lokal therapiert werden soll, wie zum Beispiel bei einer Operation, gibt es alternativ die Bestrahlung. Da haben sich die Techniken auch deutlich weiter verbessert, muss man klar sagen. Und zuletzt auch die sogenannte Fokale Therapie. Dabei werden nur einzelne Tumorherde behandelt. Beides oder alle drei Optionen haben so ihre Vor- und Nachteile. Und das ist genau der Punkt unseres Beratungsgespräches, wo man miteinander entscheidet, beschließt, in welche Richtung es geht: Eher etwas Definitiveres wie zum Beispiel die Operation und Bestrahlung oder etwas, wo man etwas mehr Nachsorge machen muss, wie zum Beispiel eine Fokale Therapie. Das hängt von den Tumorcharakteristika, aber auch von den Erwartungen ab, die der Patient an die Therapie hat.

    Ist die Strahlentherapie für manche Patienten eine gleichwertige Alternative zur Operation?

    Diese Frage kann ich klar mit Ja beantworten. Es ist eine wichtige Therapiesäule. Die Strahlentherapie hat vergleichbar gute Ergebnisse, was Tumorheilung, aber auch funktionelle Ergebnisse – Kontinenz, Potenz – angeht. Wichtig ist, dass wir andere Faktoren auch berücksichtigen bei einer Therapiewahl, zum Beispiel, wie ist das Wasserlassen. Also, viele Patienten, Männer im mittleren Alter von Mitte 60 ungefähr, das ist so unser typisches Patientenklientel, hat häufiger auch Probleme mit dem Wasserlassen, den Urin loszuwerden. Da ist eine Strahlentherapie nicht so gut. Der andere wichtige Punkt ist auch immer die Frage: Was würde passieren, wenn der Tumor noch mal wiederkommt? Und da ist es immer günstiger, wenn man primär erst einmal operiert hat. Man kann den Tumor sehr einfach verfolgen und hat die Strahlentherapie noch in der Hinterhand. Andersrum ist es etwas schwieriger. Ist erst einmal bestrahlt, ist dann das Operieren deutlich komplikationsträchtiger.

    Für welche Patienten eignen sich fokale, organerhaltende Therapien und was sind ihre Vorteile?

    Bei der Fokalen Therapie wird nur ein Teil der Prostata behandelt, das heißt nicht wie bei den üblichen anderen Therapien, dass man das Organ als solches komplett therapiert, sondern nur eben den diagnostizierten Tumorfokus. Das hat zum einen den Vorteil, dass potenzielle Nebenwirkungen, die allerdings auch bei Strahlentherapie und Operation heutzutage gut beherrschbar sind oder selten auftreten, dass die noch mal in einer geringeren Wahrscheinlichkeit auftreten. Andererseits, der Nachteil ist: Man hat das Organ eben nicht komplett behandelt und es kann an anderen Stellen noch mal Tumor wieder auftreten oder auch an der behandelten Stelle, sodass man da doch etwas mehr am Ball bleiben muss und auch die sogenannten Wiederbehandlungsraten dann auch höher sind.

    Warum ist die konsequente Erfassung von Langzeitergebnissen für die Behandlung so wichtig?

    Die Erfassung von Langzeitergebnissen ist für uns enorm wichtig. Es ist eine Besonderheit an der Martini-Klinik. Viele Kliniken machen das sonst auch, aber in dem Stil und in der Historie darf ich wirklich sagen, ist das einmalig. Wir haben daraus viel gelernt für die Patienten, die wir heutzutage behandeln. Wir haben teilweise OP-Techniken verändert, weil wir gesehen haben, dass durch kleine Nuancen, zum Beispiel der Präparation des Schließmuskels, verbesserte Kontinenzergebnisse erreicht werden können. Wir wollen unsere Patienten realistisch informieren und dazu ist es wichtig, dass wir unsere Ergebnisse kennen. Zum anderen wollen wir eine gleichbleibende gute Qualität liefern und das im gesamten Team. Und auch da ist es eben wichtig, dass wir die Ergebnisse der einzelnen Operierenden kennen. Wir vergleichen uns alle sechs Monate untereinander. Wir haben viel voneinander gelernt, uns viel gegenseitig geholfen, uns verbessert. Und das kommt unsere Patienten zugute. Und das können wir nur tatsächlich durch das Feedback, das wir von den Patienten bekommen.

    Haben Sie noch eine Botschaft für uns?

    Ich habe noch eine Botschaft. Die Botschaft lautet: Nutzen Sie die Möglichkeiten der Vorsorge. Wir haben heutzutage viele, viele gute Möglichkeiten zu therapieren, sehr schonende Möglichkeiten. Das Wichtigste ist, dass man den Tumor früh erkennt, um auch all diese Möglichkeiten nutzen zu können.