04.06.2026        AKTUELLES

UKE benennt Hörsaal nach der Augenärztin Dr. Emma Schindler

Ehrung und Gedenken

In Erinnerung an die Augenärztin Dr. Emma Schindler trägt der Hörsaal der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) künftig ihren Namen. Ein Schriftzug weist auf die Namensgeberin hin, die 1922 als einzige weibliche Augenärztin eine Praxis in Hamburg eröffnete. Von 1922 bis 1933 war sie zudem als Forscherin in der Eppendorfer Augenklinik tätig. 1933 entzogen ihr die Nationalsozialisten die Kassenzulassung, 1938 die Approbation. 1942 wurde sie ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie sich noch eine Zeit lang als Augenärztin für die Gesundheit der Insassen einsetzen konnte. 1944 wurde sie ins Vernichtungslager Auschwitz weiterdeportiert und ermordet.

„Emma Schindler war eine der ersten Augenärztinnen Deutschlands – sie hat sich ihren Weg erkämpft. Das tat sie in einer Zeit, in der Frauen nicht für diesen Beruf vorgesehen waren. Und nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 in einem menschenverachtenden System, das ihr den Beruf, die Freiheit und schließlich das Leben genommen hat. Mit der heutigen Benennung des Hörsaals ist ihr Name nun ein fester Teil des UKE und wir wollen ihr von Verantwortung und Mitmenschlichkeit geprägtes Wirken sichtbar weitertragen. Es bewegt mich besonders, dass die Initiative für die Umbenennung auch von den Studierenden am UKE kam, die sich der Erinnerung an Emma Schindler verpflichtet fühlen. In einer Zeit, in der antisemitische Stimmen wieder lauter werden, ist diese Hörsaalbenennung ein wichtiges Zeichen“, sagt Maryam Blumenthal, Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung der Freien und Hansestadt Hamburg.

„Dr. Emma Schindler war eine weibliche Pionierin der Augenheilkunde. Ihre vielversprechende Karriere als Augenärztin und Forscherin in der Klinik Eppendorf endete jäh, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen und ihre Verfolgung als Jüdin begann. Indem wir ihr den Hörsaal der Augenklinik des UKE widmen, können wir das Unrecht, dass ihr und so vielen anderen jüdischen Mediziner:innen im Nationalsozialismus widerfuhr, nicht rückgängig machen. Aber wir möchten auf diese Weise einen kleinen Beitrag dazu leisten, die Erinnerung an ihr beeindruckendes Wirken und ihr Schicksal zu bewahren. Ich danke allen, die sich dieser wichtigen Aufgabe der Erinnerung verpflichtet fühlen“, sagt Prof. Dr. Blanche Schwappach-Pignataro, Dekanin der Medizinischen Fakultät und Vorstandsmitglied des UKE.

Die im Jahr 1883 geborene Emma Schindler zog 1886 mit ihrer Familie nach Hamburg, wo sie im Stadtteil Harvestehude wohnten. Für sie war es nicht selbstverständlich, zum Abitur zugelassen zu werden. Nach dem Besuch der höheren Mädchenschule musste sie sich privat auf den Schulabschluss vorbereiten. Ihr Abitur legte sie als „Externe“ am Johanneum ab, das damals eine reine Jungenschule war. Für ihr Medizinstudium ging sie zunächst ins liberale Baden nach Freiburg im Breisgau, wo die Immatrikulation von Frauen möglich war, und besuchte im Folgenden die Universitäten von Kiel, Berlin, Heidelberg und München. 1919 promovierte sie über die Irisfarbe des Säuglings. Nach Hamburg zurückgekehrt bildete sie sich in der Augenheilkunde weiter und eröffnete im September 1922 eine augenärztliche Praxis. Sie war in dieser Zeit die einzige Frau unter den 37 Augenärzten in Hamburg.

Dr. Emma Schindler war nicht nur praktizierende Augenärztin, sondern auch eine vielversprechende Forscherin: Von 1922 bis 1933 war sie in der Eppendorfer Augenklinik tätig – zunächst unter dem Direktorat von Prof. Hermann Wilbrand, ab 1923 unter Prof. Carl Behr. Ihre neuroophthalmologischen Arbeiten, etwa zur „Dunkeladaptation“, zum „gliösen System des intrakraniellen Sehnerven“ oder zur „Neurogliafärbung“, erschienen in angesehenen Zeitschriften wie der Zeitschrift für Augenheilkunde oder den Klinischen Monatsblättern für Augenheilkunde.

Dr. Emma Schindlers überdurchschnittliches wissenschaftliches Engagement endete 1933 mit der Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Bereits im Sommer 1933, wenige Monate nach der Machtübernahme der NSDAP, wurde ihr die Kassenzulassung entzogen, im September 1938 – wie allen jüdischen Ärzt:innen – die Approbation. Von da an konnte sie lediglich mit einer jederzeit widerrufbaren Sondergenehmigung als „Krankenbehandlerin“ tätig sein, mit der sie „zur ärztlichen Behandlung ausschließlich von Juden“ berechtigt war. Als solche versorgte sie ab Dezember 1940 im Israelitischen Krankenhaus jüdische Patient:innen, die zunehmend in die Zwangsarbeit gezwungen wurden.

1942 wurde sie ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie sich unter den mangelhaften Zuständen dort als Augenärztin für die Gesundheit der Insassen einsetzte. 1944 wurde sie ins Vernichtungslager Auschwitz weiterdeportiert und ermordet.

Im Hamburger Stadtteil Rotherbaum ist in der Böttgerstraße 5, ihrer letzten Wohnadresse, ein Stolperstein für sie verlegt.

Zur offiziellen Einweihung des Emma Schindler Hörsaals waren neben Mitarbeitenden und Studierenden des UKE auch Mitglieder der Familie anwesend. Die Initiative zur Hörsaalbenennung war vom Fakultätsrat des UKE ausgegangen, der sich seit Langem mit Gedenkkonzepten beschäftigt, um sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit des UKE auseinanderzusetzen. 2023 war bereits der Rahel Liebeschütz-Plaut Hörsaal und ein Jahr später der Ingeborg Syllm-Rapoport Hörsaal auf dem UKE-Campus eingeweiht worden. Mit dem Emma Schindler Hörsaal der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde setzt das UKE nun einen weiteren Impuls für ein aktives Gedenken.

Literatur

Von Priv.-Doz. Dr. Rebecca Schwoch, Stellvertretende Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin im UKE, ist im Mai das Buch „Emma Schindler. Hamburgerin – Augenärztin – Wissenschaftlerin“ im Verlag Hentrich & Hentrich erschienen.


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