Lebensbedrohliche „Schaufensterkrankheit“

Wenn es nicht mehr weitergeht

Mehr als 4,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK) – doch nur etwa die Hälfte weiß davon.
Wie es um die Versorgungslage der nur selten diagnostizierten und behandelten Erkrankung steht, wird in gleich drei vom Innovationsfonds geförderten Projekten im UKE geprüft.


Schmerzende Beine beim Gehen? Das kennen insbesondere ältere Menschen und pausieren vor dem nächsten Schaufenster, bis die Symptome abklingen. „Das sind typische Anzeichen einer bereits bestehenden arteriellen Verschlusskrankheit“, sagt Dr. Christian-Alexander Behrendt, Arbeitsgruppenleiter im Herz- und Gefäßzentrum. PAVK geht auf eine Durchblutungsstörung in den Extremitäten zurück. Hauptursache hierfür sind Kalkablagerungen an den Gefäßwänden, die zur Verengung oder zum Verschluss von Blutgefäßen führen können. Anfangs sichern noch parallele Gefäße die Sauerstoff- und Nährstoffversorgung der betroffenen Gliedmaßen. Ist das Gefäß zum großen Teil verschlossen, macht sich die Erkrankung bemerkbar, anfangs nur bei Belastung, in späteren Stadien bereits in Ruhe. Rauchen, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck und Diabetes wirken begünstigend. „Da oft auch hirnversorgende Schlagadern oder Herzkranzgefäße von den Ablagerungen betroffen sind, erleiden vor allem PAVK-Patienten ohne optimale Therapie einen möglicherweise tödlichen Herzinfarkt oder Schlaganfall“, warnt der Gefäßmediziner.

Zwei Ärzte
Dr. Behrendt (l.) und Klinikleiter Prof. Dr. Eike Debus

Zunahme minimalinvasiver Operationen

Wie steht es um die Versorgung bei kardiovaskulären Erkrankungen? Zur Klärung dieser Frage wertet die Arbeitsgruppe GermanVasc des UKE Routinedaten von Krankenversicherungen (KV) sowie Registerdaten aus. Dies geschieht im Rahmen von zwei vom Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses geförderten Konsortialprojekten namens IDOMENEO und RABATT. „Hintergrund von IDOMENEO ist die Erkenntnis, dass PAVK in Deutschland sehr heterogen behandelt wird“, erläutert Dr. Behrendt. Um herauszufinden, welches der zahlreichen Therapieverfahren bessere Ergebnisse erzielt, wurden PAVK-Patienten deutschlandweit in eine Registerstudie eingeschlossen und über zwölf Monate verlaufskontrolliert. „Es zeigte sich, dass weniger als 60 Prozent die bestmögliche Behandlung – eine konservative Therapie aus Medikamenten, körperlicher Bewegung und gesunder Ernährung – erhielten. Stattdessen beobachteten wir eine Zunahme minimalinvasiver Operationen, um verschlossene Gefäße wieder zu öffnen“, so der Spezialist.

Frau wird untersucht

Apps ermitteln individuelles Risiko

Wie Daten genutzt werden können, um die Versorgung bei PAVK zu verbessern, zeigt die RABATTStudie. „Es geht darum, Algorithmen zu entwickeln, die vom Arzt unabhängige, objektive Therapieempfehlungen zulassen“, erklärt Dr. Behrendt. Diese sogenannten selbstlernenden Risikoscores sollen Patienten künftig auch im privaten Umfeld nutzen können – durch mobile Apps, die ihr individuelles Risiko ermitteln und konkrete Tipps zu Gehsportgruppen oder Raucherentwöhnungsprogrammen ausgeben. Das dritte Innovationsfondsprojekt zum Thema ist bei Priv.-Doz. Dr. Jörg Dirmaier in der Medizinischen Psychologie beheimatet. Hier wird ein neues Versorgungskonzept evaluiert, das sich aus verschiedenen Bausteinen (u. a. Präventionsangebote, Kurse, Gesundheitscoaching) zusammensetzt. Der PAVKTeGeCoach wird von verschiedenen Krankenkassen und Medizintechnik-Anbietern implementiert.

Text: Nicole Sénégas-Wulf
Foto: Ralf Niemzig