Neuer Therapieansatz wird in klinischer Studie geprüft

In virtueller Realität Zwänge behandeln

Habe ich die Haustür abgeschlossen, den Herd wirklich ausgestellt? Für Menschen mit Zwangsstörungen sind dies elementare Fragen, die tief in ihre Leben eingreifen. Einen neuartigen Behandlungsansatz mit dem Einsatz von virtueller Realität erforschen jetzt Wissenschaftlerinnen der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie.


Zwangsstörungen oder -erkrankungen gehören zu den häufigsten psychischen Störungen. Erkrankte Personen haben sich aufdrängende Gedanken und Impulse. Die Betroffenen wehren sich zwar dagegen und erleben den Zwang als übertrieben und sinnlos, können ihm willentlich jedoch meist nicht widerstehen. Die Störung bringt in aller Regel deutliche Belastungen und Beeinträchtigungen des Alltagslebens mit sich.

„Kognitive Verhaltenstherapie mit Expositionstherapie ist eine der effektivsten Methoden zur Behandlung eine Zwangsstörung“, sagen Franziska Miegel und Lara Bücker aus der Arbeitsgruppe Klinische Neuropsychologie. „Doch viele Patienten haben Angst, sich dem gefürchteten Stimulus auszusetzen, und auch eine hohe Anzahl Therapeuten scheuen sich, die Methode anzuwenden –
mit der Folge, dass die Zwangsstörung oft nicht adäquat behandelt wird.“

Realitätsnah mit einer Situation konfrontieren

Die Exposition in virtueller Realität könnte ebenfalls eine wirksame Therapiemethode sein, sagt Studienleiterin Franziska Miegel. „Das Prinzip entspricht grundsätzlich der Exposition in physischer Realität“, erläutert die Wissenschaftlerin. Die Patienten mit einer Zwangsstörung tauchen mit Hilfe einer VRBrille in eine virtuelle Realität ein, die ihrer angstbesetzten Situation entspricht und im Alltag einen Zwang auslösen würde: Beim Waschzwang ist es eine stark verschmutzte Toilette; beim Kontrollzwang eine Wohnung mit geöffneten Fenstern, eingesteckten elektrischen Geräten, laufendem Wasserhahn oder brennenden Kerzen. Mit Hilfe virtueller Realität könne die Exposition besser auf die Bedürfnisse der Beteiligten zugeschnitten werden; durch Auslagerung relevanter Stimuli in die künstliche VR-Welt könne es den Patienten gelingen, die oft hohen Hürden zu nehmen, so Miegel.

Studien: Patienten profitieren von VR

„Durch den Einsatz von VR-Brillen kann eine zeitsparendere, für Therapeuten und Patienten weniger aversive sowie niedrigschwellige Anwendung der Exposition gewährleistet werden“, erläutert Psychologin Lara Bücker. Eine Metaanalyse habe gezeigt, dass Patienten mit einer spezifischen Phobie nach einer Expositionstherapie in virtueller Realität signifikante Verbesserungen erreichten. Nun sollen in einer Studie Akzeptanz und Wirksamkeit dieser neuartigen Therapiemethode für Patienten mit Wasch- und/oder Kontrollzwang untersucht werden. Psychologin Bücker erwartet, „dass sich die Zwangssymptomatik bei der Interventionsgruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe stärker reduziert.“ Da bisher noch keine Forschungsergebnisse über Expositionstherapien in VR bei Patienten mit Zwangsstörungen vorliegen, hoffen die beiden Wissenschaftlerinnen, mit ihrer Untersuchung eine Forschungs- und Versorgungslücke zu schließen.

Text: Ingrid Kupczik
Foto: Axel Kirchhof