Enddarmkrebs: „Die Spezialisten geben mir Sicherheit“
Nach wie vor zählt Darmkrebs zu den häufigsten bösartigen Erkrankungen. Rechtzeitigere Vorsorge und bessere Behandlung aber konnten die Sterblichkeitsrate in den vergangenen Jahren senken. Das ist auch Sophie Wulff, Medizinstudierende aus Jena, bewusst, als sie ihre Eltern zu einer Darmspiegelung Anfang letzten Jahres drängt. Diese erweist sich als Glück im Unglück für Vater Carsten, bei dem ein Tumor im Dickdarm entdeckt und zügig entfernt werden kann.
Text: Kathrin Thomsen | Fotos: Axel Kirchhof, Kathrin Thomsen | Film: Riverside
„Wir haben unangenehme Untersuchungen vor uns hergeschoben“, erinnert sich Carsten Wulff. Schon seit acht Jahren hätte der 58-Jährige zur Darmkrebsvorsorge gehen sollen. Doch der in der Transportlogistik selbstständige Unternehmer, Chef von fünf Angestellten und Vater dreier erwachsener Kinder, hat, wie er sagt, „immer andere Dinge auf dem Zettel gehabt“. Seine jüngste Tochter Sophie, die aktuell in der Famulatur ihres Medizinstudiums in Jena steht, rückt schließlich die Prioritäten zurecht, bucht kurzerhand online für ihre Eltern Untersuchungstermine bei einem wohnortnahen Hamburger Gastroenterologen. Dank Sophies Nachdruck unterziehen sich Alexandra und Carsten Wulff im Januar letzten Jahres einer Darmspiegelung.
Darmspiegelung brachte schnellen Befund
„Meine Frau bestand darauf, die Termine einzuhalten“, berichtet Wulff. Beide hätten die nötige Darmwäsche und Einnahme des Abführmittels zur Vorbereitung der Untersuchung gemeinsam hinter sich bringen wollen. „Bei der Spiegelung selbst war sie unmittelbar vor mir dran.“ Im Gegensatz zu seiner Frau habe er eine Narkose für die Dauer der Koloskopie gewählt, bei der ein dünnes Endoskop mit Kamera in den After eingeführt wird. Unmittelbar im Anschluss daran erhalten beide Rückmeldung vom Arzt: Während sich bei Alexandra Wulff kein auffälliger Befund ergeben hatte, habe er bei Carsten Wulff eine Geschwulst im Dickdarm entdeckt, die sich jedoch nicht habe entfernen lassen. Um sicherzugehen, ob diese Geschwulst gut- oder bösartig ist, habe er daher eine Gewebeprobe für die histologische Analyse entnommen. Auch dieses Ergebnis lässt nicht lange auf sich warten, schon am nächsten Tag wird Wulff erneut in die Praxis zum persönlichen Gespräch bestellt. „Ab dann stand die Diagnose Enddarmkrebs fest“, sagt Wulff, der sich davon jedoch nicht aus der Ruhe bringen lässt, „ich weiß nicht, warum ich so gefasst bleiben konnte – eigentlich ist meine Frau die stärkere von uns beiden.“
Die Diagnose schweißt Familie zusammen
Ganz unterschiedlich hätten seine Lieben auf die plötzliche Erkrankung des Vaters reagiert, schildert Wulff, vor allem für seine Frau und seinen Sohn sei eine Welt zusammengebrochen. Frau und Kinder, zu denen beide Elternteile ein enges Verhältnis pflegen, sorgen sich um das Familienoberhaupt, stehen fest an dessen Seite. Mit Tochter Sophie telefoniert Wulff mehrmals wöchentlich – als angehende Medizinerin kann sie als erste aus der Familie auch fachlich einordnen, was die Diagnose für ihren Vater bedeutet. „Mögliche Konsequenzen haben wir offen auf den Tisch gelegt“, so Wulff. Wer Carsten Wulff zuhört, merkt ganz deutlich: Die Diagnose Enddarmkrebs rüttelt an alten Grundsätzen. „Die Generation unserer Eltern hat weniger offen über Krankheiten miteinander geredet“, gibt Wulff zu. Und genau das möchte er ab jetzt bewusst anders handhaben: „Ich habe nirgendwo ein Geheimnis aus meiner Diagnose gemacht, zu Hause wie auf der Arbeit erzählt, dass ich Enddarmkrebs habe.“ Es scheint genau diese aufgeschlossene, lebensbejahende Art zu sein, die den ansonsten zurückhaltenden Hanseaten mit seinem Umfeld neu verbindet – und dabei Bemerkenswertes offenbart: „Überraschenderweise hat Sophie herausgefunden, dass schon meine Mutter an Darmkrebs erkrankt war – was wir alle bis dato nicht gewusst hatten“, schildert Wulff. Und: Auch seine Schwägerin erkrankt dieses Jahr an Darmkrebs. „Sie ist erst mit anhaltenden Beschwerden beim Arzt vorstellig geworden, der Krebs ist weiter fortgeschritten als bei mir.“ Vor diesem Hintergrund wird Wulff einmal mehr klar: Ohne seine Tochter hätte er keine so frühzeitige Diagnose erhalten. Und er muss sich seiner Erkrankung und dem, was diese mit sich bringt, aktiv stellen.
OP mit Robotik und Schlüssellochtechnik
Für die Behandlung des Enddarmkrebses gibt sich Wulff in die gemeinsamen Hände seines Gastroenterologen und der Darmkrebschirurgie des UKE. „Die Spezialisten haben mir Sicherheit gegeben. Ich wusste sofort: Ihnen kann ich vertrauen. Mein Arzt war früher selbst im UKE beschäftigt, hat noch heute engen Kontakt zum Team von Prof. Hackert. Mir wurde unmissverständlich klar gemacht: Der Darmtumor muss sofort operiert werden, und zwar von erfahrenen Experten, die sich mit der Robotik und der Schlüssellochtechnik gut auskennen“, erzählt Wulff.
Im Februar wird Wulff für sechs Tage auf die chirurgische Station aufgenommen. Die OP verläuft reibungslos – allerdings stellt sich bei der zeitgleichen Entnahme von 15 Lymphknoten heraus, dass drei von ihnen ebenfalls bereits von Krebszellen befallen sind. Nach einer mehrwöchigen Ruhepause schließt sich der OP deshalb eine Chemotherapie an, bei der Wulff in einem Intervall von drei Wochen intravenös Medikamente verabreicht werden. „Das war ein Albtraum“, so Wulff, „es hieß, dass zwei Wochen lang die Medikamente wirken, und ich mich danach eine Woche lang erholen kann. Aber diese Erholungsphasen sind bei mir ausgeblieben.“ Wulff leidet an diversen Nebenwirkungen der Chemotherapie, hat ein gestörtes Kälte- und Geschmacksempfinden. Bis heute werde Wulff übel, sobald er auch nur an die Zeit zurückdenke.
Zurück in den Alltag finden
Erst im Oktober letzten Jahres darf Wulff bis dato nötige Medikamente einstellen und stundenweise seine Selbstständigkeit wieder aufnehmen. Ein Schlag für den Macher, der klar äußert: „Ich fand mein Leben ganz gut so, wie es vor meiner Erkrankung war.“
In seinem Leben vor der Diagnose Enddarmkrebs gibt der gelernte Karosseriebauer gern selbst die Taktzahl vor: „Nicht nur in meinem Job, auch in meiner Familie mit drei Kindern, Hund und Pferden kümmere ich mich jeden Tag um etwas Neues.“ Wulff läuft regelmäßig Ski, fährt Fahrrad, geht Wandern, verreist mit dem Wohnwagen. Jetzt ist er gezwungen, kürzerzutreten, Aktiv-Urlaube zu stornieren – und mit einem Kreuzfahrtschiff vor Madeira und Fuerteventura im Hafen zu ankern, statt die Inseln selbst zu Fuß zu erschließen. Halt gebe ihm seine Familie, die auch in schwierigen Zeiten für genug Gemeinschaft, Leichtigkeit und Lachen sorge – und die Aussicht darauf, bald Großvater für den Nachwuchs der mittleren Tochter Sarah zu werden.
Engmaschige Nachsorge
Alle drei Monate kommt Wulff zum Ultraschall oder zu einer Computertomografie ins UKE. Die behandelnden Ärzte stellen dann Brustkorb, Bauchraum und Organe bildgebend dar und überwachen ein mögliches Wiederauftreten oder Verbreiten des Tumors. „Herrn Wulff geht es heute recht gut“, fasst Priv.-Doz. Dr. Nathaniel Melling das aktuelle Untersuchungsergebnis zusammen. Und Wulff gesteht: „Diese Kontrollen sind schon sehr beruhigend für mich.“
Psychologische Hilfe und die Unterstützung einer Lotsin aus dem Onkologischen Zentrum hat Wulff bisher noch nicht in Anspruch nehmen wollen. „Momentan möchte ich lieber Distanz zu den kräftezehrenden letzten Monaten gewinnen. Es geht mir relativ gut dabei. Statt in ein Jammertal zu versinken, denke ich nach vorn und erobere ich mir mein altes Leben schrittweise zurück. Mit meinem Schicksal habe ich noch nie gehadert“, betont Wulff.
Mittlerweile hat Wulff seine Arbeit wieder aufnehmen können. „Die Kraft ist zwar nicht mehr so da wie früher“, gibt er zu, „aber, sobald ich auf dem Bock im LKW sitze, bin ich einfach nur glücklich.“