SOMA.PRU.2
Hintergrund
Chronischer Pruritus (d.h. Pruritus, der länger als 6 Monate anhält, CP) ist ein häufiges persistierendes somatisches Symptom (PSS). Er ist in vielen medizinischen Fachrichtungen relevant. CP betrifft bis zu 22% der Bevölkerung im Laufe des Lebens und stellt daher eine bedeutende sozioökonomische Belastung dar. Unabhängig von seiner Ätiologie, führt CP zu erheblichen Einschränkungen der Lebensqualität, des Schlafs, der sozialen Teilhabe und der Arbeitsfähigkeit und geht mit relevanter psychischer Belastung einher.
Es gibt erhebliche Wissenslücken hinsichtlich der aufrechterhaltenden physiologischen und psychologischen Mechanismen von CP. Entsprechend steht für die Mehrzahl der CP-Entitäten nur eine begrenzte Zahl zugelassener pharmakologischer Therapien zur Verfügung, mit häufig insuffizienter Symptomlinderung. Bemerkenswert ist zudem, dass Stress und CP gemeinsame pathophysiologische Mechanismen teilen und in einer bidirektionalen Beziehung zueinanderstehen, wobei Stress sowohl als Auslöser als auch als Verstärker fungieren kann. Dennoch wurden Stressfaktoren sowie stressreduzierende Interventionen im Kontext der meisten CP-Diagnosen bislang nicht systematisch untersucht.
Ergebnisse 1. Förderphase
In der 1. Förderperiode von SOMA.PRU untersuchten wir das Zusammenspiel von psychosozialen und biologischen Faktoren in der Aufrechterhaltung von CP bei atopischer Dermatitis (AD) und CP auf nicht-läsionaler Haut (CPNL). Insgesamt nahmen 166 Personen teil: akute AD (aAD; n=15), chronische AD (cAD; n=50), CPNL (n=45) und gesunde Hautkontrollen (n=56). Die Patientengruppe mit CP (56 % weiblich) wies ein mittleres Alter von 54,3 Jahren auf (SD 21,7; 18–88 Jahre). Unsere Ergebnisse zeigen eine insgesamt unzureichende Wirksamkeit der Standardversorgung: Nach 6 Monaten (6M) erreichten 72% der Patient:innen keine klinisch relevante Verbesserung (definiert als eine Reduktion von ≤3 NRS-Punkten; stabil 64%, verschlechtert 8%). Nach zwölf Monaten (12M) reduzierte sich dieser Anteil nur geringfügig auf 63 %. Die Persistenz war nach 6M bei CPNL ausgeprägter als bei AD (81 % vs. 64 %), während sich die Werte nach 12M annäherten (64 % vs. 60 %). Hinsichtlich psychologischer Faktoren zeigte sich über alle CP-Entitäten hinweg eine hohe Stressbelastung, die zusätzlich mit der Schwere somatischer Symptome assoziiert war. Dies weist auf einen substantiellen ungedeckten Bedarf an zusätzlichen, mechanismusbasierten psychologischen Interventionen hin.
Bezüglich biologischer Faktoren der Persistenz von CP legen unsere Daten eine stressinduzierte Anfälligkeit der Hautbarriere sowie der intraepidermalen Nervenfasern nahe. Mittels hochauflösender Rasterkraft-Mikroskopie (Atomic force microscopy; AFM) von Haut-Klebefilmabrissen wurde die mittlere Korneozytenfläche im Stratum corneum ermittelt, die als Maß der Schädigung der Barrierefunktion herangezogen wird. Bei cAD zeigte sich bei Patient:innen mit hoher stressbezogener Hilflosigkeit eine signifikant reduzierte Korneozytenfläche (937 ± 239 µm²) im Vergleich zu Patient:innen mit geringerer Hilflosigkeit (1.304 ± 226 µm²; Abbildung 1). Kleinere Korneozyten waren zudem mit einem erhöhten transepidermalen Wasserverlust assoziiert (p < 0,001; R² = 0,65). AFM-basierte Korneozytenmessungen eignen sich damit als quantitative Marker für stressassoziierte Veränderungen der epidermalen Barriere. Ergänzend zeigte die Analyse der intraepidermalen Nervenfaserdichte (IENFD), dass Patient:innen mit erhöhtem Stressniveau (PSS-10 und SSD-12) eine stärkere Reduktion epidermal innervierender Nervenfasern aufwiesen als solche mit geringerer wahrgenommener Belastung (Abbildung 2).
Während frühere Studien stressbedingte endokrine und immunologische Mechanismen hervorgehoben haben, weisen unsere Daten auf weitere stressbedingte Schlüsselmechanismen innerhalb der Hauthomöostase hin, insbesondere auf die Integrität und Funktionalität der epidermalen Barriere und der intraepidermalen Nervenfasern.
Ziele
Die aktuelle Forschung über die Beziehung zwischen Stress und CP weist wesentliche Limitationen auf, darunter eine Fokussierung auf ausgewählte Populationen, die bestimmte hochbelastete CP-Entitäten bislang vernachlässigt hat. In der 2. Förderperiode (SOMA.PRU.2) soll das Verständnis des biopsychosozialen Zusammenspiels bei Patient:innen mit hoher Krankheitslast gezielt erweitert werden, wie z. B. bei AD, CPNL und chronischer Prurigo (CPG, Syn.: Prurigo nodularis).
Darüber hinaus zielt das Vorhaben darauf ab, das komplexe Zusammenspiel zwischen Stress und CP und die zeitlichen Zusammenhänge aufzuklären. Es soll untersucht werden, ob eine mechanismusbasierte psychologische Intervention, die sowohl pruritusbezogenen als auch generischen Stress adressiert, die Pruritusintensität unabhängig von der zugrunde liegenden Ursache modifizieren kann. Hierzu werden relevante stress- und pruritussensitive Biomarker erfasst, darunter die Herzratenvariabilität, AFM-basierte Parameter der Hautbarrierefunktion, die intraepidermale Nervenfaseranatomie sowie ausgewählte Marker in Blut und Speichel.
Unter Berücksichtigung eines transdiagnostischen Ansatzes werden wir dieses Zusammenspiel zudem bei Patienten mit chronischen Leber- und Nierenerkrankungen validieren, die ebenfalls von CP betroffen sind.
Unser Hauptziel ist es, ein evidenzbasiertes Versorgungskonzept zu etablieren, das psychische Versorgung in das Management von CP integriert, um die psychische Belastung zu reduzieren und die Lebensqualität der Patienten nachhaltig zu verbessern.
Arbeitsprogramm
In einer prospektiven Beobachtungsstudie werden Patient:innen mit AD, CPG und CPNL (N=120) entweder einer zusätzlichen mechanismusbasierten psychologischen Intervention (SOMA.SYMP = pruritusbezogener Stress, SOMA.COPE = genereller Stress) oder der Standardversorgung zugeteilt. Stresssensitive Biomarker werden parallel zur Selbsteinschätzung an drei Messzeitpunkten (Baseline (BL), 6M und 12M) erhoben (Abb. 1). Biomarker umfassen modifizierte sensorische Tests (neuronale Sensibilisierung), Hautklebefilmproben (zur Analyse von Hautbarrierenveränderungen mittels AFM-Bildgebung), Hautbiopsien (BL und 12M; zur Analyse der intraepidermalen Nervenfaseranatomie durch Immunfärbung, Proteinexpressionsanalyse durch Pikosekunden-Infrarotlaser (PIRL) und Massenspektrometrie) und Blut- und Speichelproben (proinflammatorische Zytokine; stressbezogene neuroendokrine Biomarker). Zur Abbildung zeitdynamischer Zusammenhänge zwischen Pruritus, Stress und Herzratenvariabilität kommen Ecological Momentary Assessment (EMA) sowie wearablebasierte Messverfahren zum Einsatz.
Erwartete Auswirkungen
SOMA.PRU.2 zielt darauf ab, den Einfluss stressassoziierter Mechanismen auf CP systematisch zu untersuchen. Im Detail untersuchen wir die longitudinale Auswirkung von pruritusbezogenem und generischem Stress auf die Hautfunktion, insbesondere auf die Veränderung der Hautbarriere und der sensorischen Nerven. Durch die kombinierte Analyse von Biomarkern, EMA und Wearable-Daten zur Verfolgung, wie psychologische Interventionen die Symptome lindern, legen wir den Grundstein für neue CP-Behandlungsstrategien. Unser Ziel ist es, die wahrgenommene Belastung zu reduzieren und folglich die allgemeine Lebensqualität zu verbessern. Durch die Zusammenarbeit innerhalb von SOMACROSS.2 wird die transdiagnostische Relevanz von CP demonstriert.