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Die „Welle der Emotion“ surfen

Zwänge können das Leben enorm belasten. Mit einer Expositionstherapie, bei der sich Patient:innen den auslösenden Faktoren bewusst aussetzen, lässt sich die psychische Störung wirksam behandeln. Doch viele Betroffene scheuen davor zurück, und Therapeut:innen bieten sie nur selten an. Können diese Hemmschwellen durch den Einsatz „Gemischter Realität“ gesenkt werden?

Text: Ingrid Kupczik, Fotos: Axel Kirchhof

DIE VISION: MENSCHEN VON QUÄLENDEN ZWÄNGEN BEFREIEN

Wissen: Zwangsstörungen, vor allem Waschzwang, sind weit verbreitet

Forschen: Wie wirkt sich Mixed Reality auf die Bereitschaft zur Therapie aus?

Heilen: Niederschwelliger Zugang zu negativen Gefühlen hilft, den Zwang zu bezwingen

Diese Frage steht im Mittelpunkt einer Studie der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. „Unser Ziel ist, das bestehende Therapieangebot zu verbessern“, sagt Prof. Dr. Lena Jelinek, Leiterin der Arbeitsgruppe Angst- und Zwangsstörungen in der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Am Beispiel des Waschzwangs, eine der häufigsten Zwänge, untersucht sie mit ihrem Team, ob und inwieweit eine kognitive Verhaltenstherapie mit Exposition in Mixed Reality (MR) machbar, umsetzbar und wirksam ist.

Patient:innen werden mit zwangsauslösenden Reizen konfrontiert

Bei dieser Therapie werden die Patient:innen mit den individuell zwangsauslösenden Reizen konfrontiert, etwa einem blutigen Pflaster, einer stark verschmutzten Toilette oder einer OP-Maske. Die Stimuli sind jedoch nicht physisch präsent, sondern mit einer neuartigen, technisch anspruchsvollen Software als virtuelle Objekte in den realen Therapieraum integriert – und für die Patient:innen mit einer Spezialbrille sichtbar. „Unsere Pilotstudie hat gezeigt, dass das Verfahren von den Teilnehmenden akzeptiert und mit Interesse angewendet wird“, erklärt Luzie Lohse, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projekts, das durch die Hamburgische Investitions- und Förderbank gefördert wird.

In der aktuell laufenden Hauptstudie wird die Wirkung auf die Zwangssymptomatik untersucht. Prof. Dr. Jelinek: „Wir erwarten, dass die Effekte der Expositionstherapie durch die hohe Individualisierbarkeit sowie Kontrollierbarkeit über die Anwendung von Mixed Reality noch gesteigert werden.“

Waschzwang der am weitesten verbreitete Zwang

Das Thema Zwangsstörungen geht viele an: In Deutschland leiden rund zwei Millionen Menschen darunter; am häufigsten ist der Waschzwang. Der Gedanke, dass der Türgriff am Eingang mit gefährlichen Viren kontaminiert, die Toilette in der Firma verschmutzt, der Sitzplatz im Zug bakteriell verseucht sein könnte, erzeugt Ekel, Anspannung, Angst. Gegen die starken Emotionen hilft – vermeintlich – eine Zwangshandlung. „Diese Handlungen sind ritualisiert, sie folgen einem festen Ablauf: Jeder Finger muss zum Beispiel einzeln gewaschen werden. Wenn man dabei gestört wird, beginnt das Ritual nochmal von vorn“, berichtet die UKE-Expertin. „Das kostet sehr viel Zeit und Kraft.“

Die Betroffenen entwickeln Vermeidungsstrategien, um ihren Zwang nicht „abwickeln“ zu müssen: Die Tür wird mit dem Ellenbogen geöffnet; den Müll muss ein Familienmitglied raustragen. Man trägt nur noch Schuhe ohne Schnürsenkel, da diese den verschmutzten Boden berühren könnten. „Ein Waschzwang erfordert eine komplexe Planung“, betont Prof. Jelinek. Und er führt häufig zu Problemen auch mit den Angehörigen, etwa wenn die ganze Familie im Eingangsbereich der Wohnung in einer Art Schleuse alles, was draußen getragen wurde, gegen Bekleidung für drinnen tauschen muss.

„Unser Ziel ist, das bestehende Therapieangebot zu verbessern“, sagt Prof. Dr. Lena Jelinek, Leiterin der Arbeitsgruppe Angst- und Zwangsstörungen in der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie.

Patient:innen lernen, auf starken Reiz anders zu reagieren

Die „kognitive Verhaltenstherapie mit Exposition“ ist der Goldstandard bei Zwangsstörungen. Dabei stellen sich die Patient:innen gezielt ihren Ängsten. Sie lernen, auf einen starken Reiz, anders als bisher, nicht mit Vermeidung oder einer Zwangshandlung zu reagieren. „Durch den Reiz baut sich eine starke Anspannung, Angst und Ekel auf. Die betroffene Person spürt: Jetzt kommen diese quälenden Gefühle, aber ich lasse sie zu – und stelle fest, dass sie von allein wieder abnehmen. Ich kann diese Welle der Emotion surfen.“

Viele Patient:innen haben allerdings Schwierigkeiten, sich auf die Exposition in der Realität einzulassen, sie fühlen sich dazu nicht in der Lage, so Prof. Jelinek. „Zugleich scheuen viele Therapeut:innen die Durchführung wegen des organisatorischen Aufwands und aus Sorge um unkontrollierbare Reaktionen.“ Mit Mixed Reality könnten die Vorbehalte auf beiden Seiten entschärft und die Versorgungslücken geschlossen werden: durch niedrigschwelligen Zugang mit virtuellen Auslösereizen in den Räumlichkeiten der Therapeut:innen. Dies könnte dann auch die Bereitschaft für die Exposition in der Realität steigern. Für Betroffene wäre es eine Befreiung, weiß Prof. Jelinek: „Menschen mit Waschzwang sind durchschnittlich sechs bis acht Stunden am Tag mit Zwangsgedanken und -handlungen beschäftigt.“

Prof. Dr. Lena Jelinek
Prof. Dr. Lena Jelinek

leitet die Arbeitsgruppen Klinische Neuropsychologie sowie Angst- und Zwangsstörungen in der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie.

Luzie Lohse
Luzie Lohse

ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team von Prof. Jelinek.


Weitere Informationen?

Weitere Infos, auch zur Teilnahme an der Studie: www.uke.de/zwang_mr



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