Globetrotterin aus Süditalien

Prof. Dr. Lidia Bosurgi ist in ihrer wissenschaftlichen Laufbahn viel herumgekommen. Nach ihrem Studium in Mailand führten sie Stationen an die Harvard University in Boston und an die Yale University in New Haven, bevor sie 2017 ans UKE nach Hamburg kam. Hier erforscht sie mit ihrem Team, wie sich spezielle Immunzellen, sogenannte Makrophagen, gezielt programmieren lassen, um zerstörtes Gewebe zu reparieren.

Text: Nicole Sénégas-Wulf, Fotos: Axel Kirchhof

Eigentlich wollte Lidia Bosurgi Archäologin werden. Wäre da nicht ihr Biologielehrer im Gymnasium gewesen, der ihr Interesse für Naturwissenschaften und Medizin entfachte. „Obwohl mein Vater Arzt war, konnte ich mir diesen Job für mich schwer vorstellen, weil ich nicht so gern Blut sehe und Sorge hatte, dass mir das Schicksal der Patient:innen zu sehr zu Herzen geht,“ sagt sie. „Aber zu erfahren, was hinter den Krankheiten steckt, ihre molekularen Mechanismen zu verstehen und dazu beizutragen, bestehende Therapien zu verbessern, fand ich total spannend.“

Gesagt, getan. Nach dem Abitur verlässt sie ihre süditalienische Heimat Kalabrien, um in Mailand Medizinische Biotechnologie zu studieren. Bereits während ihres Studiums erhält sie die Chance, zweimal als Gast-Studentin – im Master und später als PhD – an die Harvard University in Boston zu gehen und in einer der größten Forschungsgruppen für Transplantationsimmunologie mitzuarbeiten. „Es war eine unglaubliche Erfahrung für mich und im Grunde der Beginn meiner wissenschaftlichen Laufbahn“, sagt sie. Lidia Borsurgi folgt in ihrer Karriere keinem festen Fahrplan. „Nein, wirklich nicht“, lacht sie. „Ich bin gern auf den Zug aufgesprungen, wenn sich eine spannende Gelegenheit bot.“ Bereits während ihrer Promotion in Mailand beginnt sie, Makrophagen zu erforschen – spezielle Immunzellen, die im Körper patrouillieren und Eindringlinge sowie abgestorbene Zellen beseitigen. Ihre Neugier und Offenheit treiben sie voran – und verschlagen sie als Postdoc für fünfeinhalb Jahre an die Yale University in New Haven, wo sie in der Abteilung für Immunologie arbeitet und 2017 schließlich ans UKE in Hamburg.

Prof. Lidia Bosurgi
Prof. Dr. Lidia Bosurgi, I. Medizinische Klinik des UKE

„Du bist, was du isst“

Während ihrer Zeit in Yale nimmt Prof. Bosurgi das Thema Makrophagen genau unter die Lupe. „Ich wollte herausfinden, ob diese Immunzellen nicht nur sterbende Zellen aus dem Gewebe entfernen, sondern das Gewebe auch aktiv dazu bringen können, sich selbst zu heilen“, erklärt sie. Die Vision: Makrophagen, die absterbende Zellen aufnehmen, als eine Form der Zelltherapie bei chronisch entzündlichen Erkrankungen einzusetzen, zum Beispiel der Leber oder des Darms. Mit dieser Idee im Gepäck landet Lidia Bosurgi 2017 in Hamburg. Wie es dazu kam? „Das war wieder eine tolle Chance, die ich ergriffen habe“, antwortet sie lachend. Mit ihrer Arbeitsgruppe, die an die I. Medizinische Klinik des UKE sowie ans Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) angedockt ist, gelingt ihr und dem Team der entscheidende Durchbruch: Prof. Bosurgi entdeckt, dass Makrophagen, je nachdem, welche Zellen sie aufnehmen, ganz unterschiedliche Funktionen im Körper erfüllen können. „Makrophagen sind tatsächlich die großen Fresser des Immunsystems, weil sie wirklich alles verspeisen, was um sie herum ist: Krankheitserreger wie Bakterien, aber auch Erreger infizierter oder sterbender Zellen“, erläutert die Wissenschaftlerin. „Füttert“ man sie mit der entsprechenden „Mahlzeit“, werden sie programmierbar und erwerben die Fähigkeit, zerstörtes Gewebe zu erneuern.

Ihre wissenschaftlichen Untersuchungen konzentrieren sich derzeit auf chronische Erkrankungen, die Leber und Darm angreifen. „Wir gehen davon aus, dass chronische Entzündungen dieser Organe mit zuvor in-vitro präparierten, also speziell „gefütterten“ Makrophagen, gut behandelbar sein könnten.“ Wie der ideale „Speiseplan“ für Makrophagen aussehen kann, erforscht Prof. Bosurgis Team in enger Zusammenarbeit mit Kliniker:innen der Gastroenterologie des UKE sowie mit den Kolleg:innen aus dem BNITM. Ihr großer Wunsch? Erste Therapieansätze mit „fressenden“ Makropagen in den nächsten zehn Jahren in den klinischen Alltag übertragen zu können.

Mit italienischem Touch

Auch wenn die sonnenverwöhnte Süditalienerin zeitweise mit dem hamburgischen Klima hadert, fühlt sie sich sehr wohl in der Stadt. „Meine beiden Kinder, die hier geboren sind, sehen sich als waschechte Hamburger, sind überzeugte St. Pauli Fans und lassen auch auf die Deutsche Fußballnationalmannschaft nichts kommen“, erzählt sie schmunzelnd. Was sie ihnen zumindest aus ihrer Heimat Italien vermacht hat, ist neben der Sprache die Vorliebe für gutes italienisches Essen. „Wenn es Lasagne gibt, laden die Kinder gern ein paar Freunde zu uns ein.“ Und auch am Campus Forschung II hat die Wissenschaftlerin für den nötigen italienischen Touch gesorgt. „Natürlich haben wir eine gute Espressomaschine“, sagt sie augenzwinkernd. „Ich bin eine absolute Kaffee-Liebhaberin und mehrmals täglich an der Maschine anzutreffen.“ Stark und schwarz muss er sein. Denn Cappuccino und Latte Macchiato kommen in Italien meist nur zum Frühstück auf den Tisch.