Beim Motocross im Hier und Jetzt

Angie Hückstädt fährt Motocross und rast auf ihrer Enduro durchs Gelände, springt über Hügel und fährt Rennen. Für sie ist das der ideale Ausgleich zu ihrer Arbeit als Stationsleiterin der Heart Failure Unit.


Text: Sandra Wilsdorf
Fotos: Amy Lee Photography, Let´s Rock Photografie, Lucie Kobusch, David Pahlke und Axel Kirchhof

Bei Rennen
ist Angie Hückstädt voll konzentriert

Wenn Angie Hückstädt auf ihrer Motocross-Maschine über einen zehn Meter hohen Hügel springt, sich durch Matschrinnen kämpft oder mit Geschwindigkeiten von bis zu 120 Stundenkilometern über Schotterpisten rast, dann ist sie ganz im Hier und Jetzt. Dann braucht sie jeden Muskel und alle Konzentration, um sich und ihre Maschine sicher über die Strecke zu bringen. Und wenn das gelingt, sie einen guten Sprung schafft, bei einem Rennen vielleicht sogar einen guten Platz erreicht, dann ist das für sie Erholung. Erholung von einem Alltag, der es selten zulässt, nur in einem Moment und nur mit sich zu sein.

Denn als Stationsleitung der Herzinsuffizienzstation, der „Heart Failure Unit“ im Universitären Herz- und Gefäßzentrum des UKE, gibt es nie nur die eine Aufgabe, nie nur das eine Thema. Da sind die Kolleg:innen, denen sie eine gute, eine wie sie selbst sagt „nahbare“ Führungskraft sein will. Da ist die Station, die sie – zusammen mit ihrem Team – so organisieren muss, dass sie jederzeit perfekt funktioniert. Denn für ihre Patient:innen geht es um alles: Sie sind auf der Transplantationsliste mit „High Urgency“, der höchsten Dringlichkeitsstufe gelistet, warten hier auf eine Herztransplantation oder – falls das nicht in Frage kommt – bekommen ein Herzunterstützungssystem, ein Kunstherz. Oder sie haben die ersten Tage nach einer Herztransplantation auf der Intensivstation überstanden, müssen aber noch eine Weile im UKE bleiben, bevor es in die Reha geht. Die Patient:innen von Angie Hückstädts Station bleiben oft Wochen oder Monate, kommen auch im weiteren Verlauf immer mal wieder. „Für viele unserer Patient:innen sind wir Weggefährten“, sagt die 40-Jährige. Wer hier arbeitet, hat mit existenziellen Fragen zu tun. Leben ist hier ein großes Thema. Und Sterben auch.

Seit fünf Jahren leitet Angie Hückstädt die Station, seit 2019 ist sie im UKE. Dass sie eine Führungskraft werden wollte, wusste die gebürtige Wismarerin seitdem sie als junge Pflegefachkraft erlebt hat, welchen Einfluss schlechte Führung hat: „Ich bin damals auf der Intensivstation ziemlich ins kalte Wasser geworfen worden. Dabei wissen wir, wie wichtig eine gute Einarbeitung ist.“ Dafür, es selbst besser zu machen, hat sie viel getan. „Ich wollte eine gute Führungs- und eine richtig gute Fachkraft sein“, sagt sie. Nach der Ausbildung in Schwerin arbeitete sie einige Jahre auf einer Intensivstation in Leezen am Schweriner See, machte ihren Fachwirt für Gesundheits- und Sozialwesen. 2012 zog sie in den Schwarzwald, arbeitete auf verschiedenen Intensivstationen und in der Anästhesie, machte zudem eine Fachweiterbildung zur Intensiv- und Anästhesiefachfrau.

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Noch höher und weiter
Bis zu 20 Meter lang sind die Sprunghügel, die Tables
Enduro Racing Team
Seit drei Jahren ist sie Mitglied

Und sie entdeckt das Motocrossfahren als ihren Sport. Den Motorradführerschein hatte sie schon mit 24 gemacht, mit 25 die erste eigene Maschine gekauft. Im Schwarzwald lernt sie das Offroadfahren kennen – und bleibt dabei. Sie unternimmt Enduro-Touren in Kroatien, Frankreich und Rumänien. Und sie merkt, „Das ist für mich der ideale Ausgleich“. Mit der Enduro geht es eher durchs Gelände, manchmal mit Gepäck, beim Motocross über extra dafür angelegte Rundkurse. Aber beides braucht absolute Konzentration, Geschicklichkeit, Körperbeherrschung.

2019 kommt Angie Hückstädt zurück in den Norden. „Ich wollte nach Hamburg und als ich die ausgeschriebene Stelle der stellvertretenden Stationsleitung gesehen habe, hat das sofort zu mir gesprochen.“ Sie bekommt die Stelle und zieht nach Hamburg. Und sie wird auch hier Teil der Offroad-Community, fährt an den Wochenenden Enduro oder Motocross. An ihrem Sport liebt sie diese Mischung aus vollkommen Mit-Sich- und doch in-Gemeinschaft-Sein. Auf der Strecke muss sie sich jeden Sekundenbruchteil konzentrieren, aber vor oder nach dem Fahren geht es auch um das Zusammensein: Gemeinsam campen, am Lagerfeuer sitzen, kochen. Wenn sie am Ende eines solchen Wochenendes ihre Maschine wieder verlädt und nach Hause fährt, dann war sie wirklich richtig draußen und hat Kraft getankt für die neue Woche. „Das macht mich resilient.“ Gerade hat sie sich einen kleinen Wohnanhänger gekauft, den sie an ihren selbst ausgebauten Bus hängt. „Mit 40 darf es ein bisschen bequemer sein.“ Seit drei Jahren ist Angie Hückstädt Teil des Enduro Racing Teams. Das sind rund 20 Menschen aus Norddeutschland und Sachsen-Anhalt, die zusammen trainieren und bei Rennen antreten. Dafür fahren sie bis nach Dänemark. Der Jüngste ist 14 Jahre alt, der Älteste 60. „Wir sind füreinander da“, sagt Angie Hückstädt. Dieses Wirken im Team ist ihr in der Freizeit genauso wichtig wie bei der Arbeit.

Dass sie als Frau in ihrem Sport in der Minderheit ist, stört sie nicht. „Der Frauenanteil steigt, und es gibt inzwischen auch viel mehr Ladies Trainings.“ Denn Frauen – besonders kleine Frauen wie Angie Hückstädt mit ihren 1,56 Meter – brauchen andere Techniken als große Männer, um ihre Maschinen zu beherrschen. Aber ist der Sport nicht total gefährlich? Sie lacht: „Ja, schon!“ Stürze gehören dazu. Aber damit die keine gravierenderen Folgen haben als blaue Flecke, trainiert Angie Hückstädt. Sie läuft regelmäßig, macht Krafttraining und Yoga. Schlimm verletzt hat sie sich bislang nur einmal: Ausgerechnet kurz nachdem sie die Stationsleitung übernommen hatte, brach sie sich beim Training ein Bein. „Das war eine wilde Zeit. Aber es hat alles gut geklappt, weil mein Team und auch meine Chefin mich so toll unterstützt haben.“

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Angie Hückstädt (M.) mit
ihren Stellvertreterinnen Sarah Jensen (l.) und Jennifer Pohle

Im UKE waren die Bauphase des neuen Herz- und Gefäßzentrums und der Umzug ihrer Station aktuell die größten Herausforderungen. Und beim Motocrossfahren? Da arbeitet Angie Hückstädt daran, mit ihrer Enduro noch höher und noch weiter springen zu können. Bis zu 20 Meter lang sind die Sprunghügel, die Tables. Und sie will Rennen gewinnen. „Aber im Vordergrund steht immer der Spaß.“ Auch das ist eine Parallele zu ihrer Arbeit im UKE: „Pflege ist meine Berufung, und ich komme jeden Tag gern ins UKE.“ Diese Botschaft gibt sie auch an jüngere Kolleg:innen weiter: „Durch unsere Arbeit im Team und unser Know-how können wir hier Großartiges leisten. Man kann einfach Freude an der Arbeit haben, und es gibt immer Möglichkeiten, sich zu entwickeln.“