Knochenbruch vor 50

Nicht immer tritt Osteoporose erst im Alter auf. Was aber sind die Gründe, wenn schon jüngere Menschen brüchige Knochen haben? Ein interdisziplinäres Team forscht aus unterschiedlichen Perspektiven.


Text: Sandra Wilsdorf, Fotos: Axel Kirchhof, Anja Meyer

Knochendichtemessung
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Knochendichtemessung im Institut für Osteologie
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Knochendichtemessung im Institut für Osteologie

Die Diagnose „Sie haben Osteoporose“ zieht beinahe zwangsläufig die Frage nach dem Ursprung nach sich. Denn diese Frage zu beantworten, ist Voraussetzung für eine wirksame Therapie. Osteoporose ist sehr vielfältig – wahrgenommen wird sie jedoch meist nur als Alterserkrankung. Dabei gibt es auch jüngere Menschen, die unter einer zu geringen Knochenmineraldichte und in der Folge unter brüchigen Knochen leiden. Wird die Osteoporose bei ihnen diagnostiziert, dann häufig nur als „idiopathisch“, die Ursache ist unklar. Behandelt wird sie oft standardisiert – das hilft allerdings nur einem Teil der Patient:innen, kann bei anderen sogar schaden.

Das zu ändern, ist das Ziel der klinischen Forschungsgruppe „ProBone" (KFO 5029) am UKE. Dabei forscht eine interdisziplinäre Gruppe von rund 50 Wissenschaftler:innen aus neun verschiedenen Instituten/Kliniken des UKE und der Universität Hamburg an den Ursachen von Osteoporose bei jüngeren Menschen, bei denen keine klar erkennbaren Gründe für die Krankheit vorliegen. Ihre These: Mit Präzisionsmedizin können bei vielen von ihnen eindeutige genetische oder nicht-genetische Ursachen der Erkrankung identifiziert und diese in der Folge zielgerichtet therapiert werden.

Zitat Prof. Oheim
Zitat Dr. Konnopka
Zitat Dr. Konnopka
Prof. Dr. Ralf Oheim
Prof. Dr. Ralf Oheim

Unklare Ursache für Osteoporose-Erkrankung

„Wir behandeln hier viele Patientinnen und Patienten mit einer sehr früh manifestierten Osteoporose“, erklärt Prof. Dr. Ralf Oheim, Oberarzt am Institut für Osteologie und Biomechanik, der die Forschungsgruppe zusammen mit Institutsdirektor Prof. Dr. Michael Amling leitet. Bei den meisten dieser Unter-50-Jährigen ist die Osteoporose Folge einer anderen Erkrankung, etwa einer Nieren-, Leber- oder einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung. Auch aus Essstörungen kann eine Osteoporose resultieren, ebenso sich als Folge einer Chemotherapie oder einer längeren Einnahme von Kortison entwickeln. „Bei diesen sogenannten sekundären Osteoporosen muss zunächst die Grunderkrankung behandelt werden, damit sich die Osteoporose verbessern kann“, erklärt der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie.

„Aber wir haben auch Patienten, bei denen nichts von alledem vorliegt und die Ursache der Osteoporose unklar ist“, sagt Oheim. Sie einfach als „idiopathische Osteoporose“ zu bezeichnen, deute jedoch eigentlich nur auf eine Wissenslücke hin. „Ursache kann eine noch nicht gefundene Grunderkrankung sein oder eine genetische Form der Osteoporose, die noch nicht diagnostiziert wurde“.

Schon seit 2015 gibt es in dem UKE-Institut, in dem jährlich rund 10.000 Patient:innen behandelt werden, eine Spezialambulanz für seltene muskuloskelettale Erkrankungen (National Bone Board). Dabei konnten inzwischen klinische und genetische Daten von über 1000 Patient:innen dokumentiert werden, die schon in jungem Alter eine erniedrigte Knochenmineraldichte haben und immer wieder Knochenbrüche erleiden, ohne dass sie durch entsprechende Unfälle erklärt werden können. Auf diese Daten und Erfahrungen können Oheim und seine Kolleg:innen für das Forschungsprojekt zurückgreifen, um herauszufinden, warum genau die Knochen bei diesen Menschen so instabil sind.

Gibt es genetische Auffälligkeiten?

Bei den bislang untersuchten Patient:innen konnten die Wissenschaftler:innen in einem Drittel klar genetische Ursachen für die Erkrankung finden. In einem weiteren Drittel gab es keinerlei genetische Auffälligkeiten, und beim letzten Drittel fanden sich genetische Varianten, die möglicherweise die Osteoporose erklärten – die finale Bestätigung steht aber aufgrund der bislang vorliegenden Daten oder fehlender Analysemethoden (noch) aus.

Bei der Forschungsgruppe verfolgen die Forschenden für alle drei Patient:innengruppen und in insgesamt neun Teilprojekten ganz unterschiedliche Ansätze: Eine Gruppe von Humangenetiker:innen prüft beispielsweise, ob es genetische Auffälligkeiten gibt, die sich bei vielen der Betroffenen zeigen. Eine wichtige Rolle spielen bei diesen und anderen Teilprojekten auch die Bioinformatiker:innen, mit deren Hilfe enorme Datenmengen ausgewertet werden können. Biochemiker:innen untersuchen zudem etwa den Einfluss des Energie- und Fettstoffwechsels auf den Knochen. Ein weiteres Projekt fragt nach dem Zusammenhang zwischen Immunsystem und Knochen.

Das Projekt KFO 5029 läuft bis 2028 und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit 6,2 Millionen Euro gefördert. Prof. Oheim sieht weiteren Handlungsbedarf. Denn Osteoporose verursacht – genau wie Arthrose, der altersbedingte Verlust von Muskelkraft (Sarkopenie) oder Knochenmetastasen – nicht nur enormen Leidensdruck, sondern hat aufgrund der großen Verbreitung eine immense gesundheitsökonomische Relevanz. „Wenn die Forschungsgruppe in der ersten Förderperiode die vielfältigen Ursachen von Osteoporose bei jüngeren Menschen erklären kann, wird es anschließend darum gehen, für diese Patient:innen maßgeschneiderte Therapien zu entwickeln“, so Oheim.

Mehr Informationen?

Alles rund um das Forschungsprojekt erfahren Sie unter uke.de/osteo50