Diagnostik

Projektübersicht

Hintergrund

Psychische Störungen stellen eine zunehmende Herausforderung für Betroffene, den Arbeitsprozess und die Gesellschaft dar. Seit der Jahrtausendwende ist der Anteil psychischer Störungen in der Versorgung, die Arbeitsunfähigkeitstage und die Behandlungs- und Produktivitäts-Ausfallkosten (6 % des BIP) deutlich angestiegen. Das Versorgungssystem ist dem nicht gewachsen. Die Wartezeiten für ambulante Termine betragen 6–12 Wochen, die ärztliche Fallkontaktdauer 5–10 Minuten, bei einem hohen Anteil an Fehldiagnosen mit nachfolgenden Fehlbehandlungen und zusätzlichen Folgekosten. Eine signifikante Verbesserung mit dem Potential eines „Game Changers“ kann hier durch die Nutzung digitaler Diagnostika (DDx) erreicht werden, die bisher im Versorgungssystem fehlen.

Innovativer Lösungsansatz: DIACARE

Eine mögliche innovative Antwort auf dieses Problem könnte DIACARE sein, ein vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf entwickelter, algorithmusbasierter, antwortadaptiver Diagnostikprozess. Das Konzept sieht die Nutzung reliabler und valider Screeningfragen sowie die Erhebung von Selbstbeurteilungs- und Risikofaktoren vor und ist darauf ausgelegt, allein auf Patient:inneneingaben zu beruhen. DIACARE ist für die komplexe und vielschichtige Diagnostik psychischer Störungen konzipiert. Der potenzielle Output könnte Haupt- und psychische Begleitdiagnosen, Subtypen, Syndrome, Schweregrade, Risikokonstellationen, neuropsychologische Befunde sowie Prognoseeinschätzungen umfassen.

Zielgruppen und Anwendungsfelder

Zielgruppen sind a) Hausarztpraxen, Kliniken und Psychotherapeut:innen, b) Universitätskliniken für die klinische Forschung und c) pharmazeutische Unternehmen zur Rekrutierung für Studien.

Stand der Entwicklung und technische Grundlage

Eine Machbarkeitsstudie an 16 psychiatrischen Diagnosen wurde erfolgreich durchgeführt. Der Prototyp ermöglicht innerhalb von zwei Content Management Systemen (CMS) die Erstellung von algorithmusbasierten DDx und die Testung deren Gütekriterien innerhalb eines eCase Report Form mit Frontend.

Projektziele und Weiterentwicklung

Ziel des Projektes sind a) die Erweiterung der Diagnostiktools bezüglich Fragetypen, Antworttypen, Sensorik und logischer Verknüpfungen für Kliniker:innen, b) die flexible und valide Anpassung des Diagnostikprozesses an klinische Realbedingungen und Settings, c) die Optimierung der Usability insbesondere für Patient:innen und d) die Vorbereitung zur Integration in die medizinische Telematikinfrastruktur (TI) auf Grundlage einer modularen Architektur.

Partizipation und Einbindung von Betroffenen

Die partizipative Gestaltung des Projekt DIACARE wird von dem 2015 am UKE etablierten, wissenschaftlichen Beratungsgremium EmPeeRie NoW (Nutzer:innenorinterte Wissenschaftsberatung), bestehend aus Betroffenen und Angehörigen begleitet. Stakeholder:innen aus dem Landesverband Psychiatrie-Erfahrener LPE und Angehörige aus dem Landesverband für Angehörige psychisch Kranker LApK sind im Gremium vertreten.