Adipositas
Priv.-Doz. Dr. Jens Aberle (l.) und Prof. Dr. Oliver Mann
Adipositas
Dr. Percy Marshall prüft die Belastbarkeit der Patientin

Taskforce bei Übergewicht

Das Universitäre Adipositas-Centrum des UKE ist eine zentrale Anlaufstelle für Menschen mit krankhaftem Übergewicht. Rund 20 Mediziner und Therapeuten verschiedener Fachrichtungen arbeiten hier eng zusammen, um Patienten eine individuelle Betreuung und eine langfristig angelegte Therapie anzubieten.

Freitagmorgen, 8.15 Uhr: Ein zehnköpfiges Team aus Chirurgen, Internisten, Hormonspezialisten, Ernährungsberatern, Psychotherapeuten und -somatikern diskutiert im Adipositas-Board Therapieoptionen für Bernd H., 63 Jahre alt, 1,75 m groß und 170 Kilogramm schwer. Kommt eine reine Bewegungs- und Ernährungstherapie in Frage? „Schwierig“, referiert eine junge Internistin. Bei der Erstuntersuchung habe der Patient kaum den Weg bis zur Waage geschafft. Zudem leide er an Diabetes und Bluthochdruck. „In der psychosomatischen Sprechstunde haben wir zusätzlich eine schwere Essstörung festgestellt“, ergänzt die Psychosomatikerin.

Soweit die Fakten. Das Adipositas-Team entscheidet sich im Fall Bernd H. für einen multimodalen Behandlungsfahrplan aus Ernährungs- und Psychotherapie sowie ein Antragsverfahren zur operativen Magenverkleinerung. Neun weitere Patientenwerden an diesem Morgen besprochen. Insgesamt lassen sich pro Jahr rund 2500 stark übergewichtige Menschen im UKE helfen – viele von ihnen mit einem Body-Mass-Index (BMI) zwischen 40 und 50.

Fachübergreifend denken und handeln

„Neben dem Übergewicht sind vor allem die daraus resultierenden Begleiterkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen gefährlich“, warnt Priv.-Doz. Dr. Jens Aberle, internistischer Leiter des Adipositas-Centrums. So liegt etwa das Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken, ab einem BMI von 35 bei 90 Prozent. „Diese Patienten benötigen vielfältige Formen der Unterstützung“, so Dr. Aberle. Um für jeden Fall eine individuelle Lösung zu finden, arbeitet das Adipositas-Team nach einem im UKE entwickelten Stufenkonzept (siehe Kasten). „Herzstück des Modells ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die wir Patienten ab dem ersten Termin im Rahmen unserer wöchentlichen Adipositas-Sprechstunde anbieten“, erläutert Prof. Dr. Oliver Mann, chirurgischer Leiter des Adipositas-Centrums. „Kennen wir die Hintergründe für das Übergewicht und die möglichen Begleiterkrankungen, können wir daraus einen passgenauen Therapiefahrplan erstellen.“ Dieser sieht für Patienten mit einem BMI unter 40 meist ein multimodales, auf sechs Monate angelegtes Programm aus Ernährung, Bewegung und Psychosomatik vor.

Wie groß ist eine normale Nudelportion? Und wo verstecken sich die Kalorien? In Ernährungskursen geben Diätassistenten Basiswissen über gesundes Essverhalten weiter. Auch Einkaufstraining im Supermarkt und Kochevents stehen auf dem Programm. Hier geht es primär um das Vermitteln praktischer Tipps. „Zum Beispiel, indem wir Patienten zeigen, wie sich günstig und ohne großen Aufwand eine gesunde Mahlzeit zubereiten lässt“, sagt Inga Petrusch, Diätassistentin im Adipositas-Centrum. Der Erfolg einer Therapie hängt auch stark von der psychischen Verfassung eines Patienten ab. „Nicht selten sind stark Übergewichtige auch seelisch belastet“, erklärt Oberärztin Dr. Verena Faude-Lang, Institut und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. In einigen Fällen können Depressionen oder Angststörungen sogar Auslöser für krankhaftes Essverhalten sein. „In den psychosomatischen Erstgesprächen thematisieren wir mögliche seelische Ursachen der Gewichtsproblematik." Auch psychosomatisch Gruppen sitzungen, in denen das persönliche Essverhalten reflektiert wird, gehören zum Portfolio des Adipositas-Centrums. Ob und inwieweit eine Bewegungstherapie für einen Patienten in Frage kommt, wird im UKE Athleticum ermittelt.„Je nach Fitness führen wir ein Belastungs-EKG per Fahrradergometer oder Handkurbel sowie weitere medizinische Tests durch“, erläutert Sportmediziner Dr. Percy Marshall. Sind die Voraussetzungen gegeben, beginnt der Patient im Ambulanzzentrum ein Gruppen-Trainingsprogramm.

Wenn die Pfunde bleiben

Sinkt das Gewicht trotz Therapie nicht, bleibt die Operation. Rund 300 Patienten werden pro Jahr im UKE operiert. Zu den häufigsten Methoden zählen der Magen-Bypass und der Schlauchmagen. Gewicht und Begleiterkrankungen wie Diabetes entwickeln sich in der Folge zügig zurück. Doch kann eine Operation allein die Kilos besiegen? „Nein“, sagt Endokrinologe Dr. Aberle. „Adipositas ist kein rein körperlicher Zustand. Nachsorge ist ein wichtiges Thema.“ Etwa ein Drittel der Patienten leidet an Depressionen, Angst- oder Essstörungen und wird im UKE intensiv psychologisch weiterbetreut. Auch in der Selbsthilfegruppe, die die frühere Patientin Marlies Wüpper vor 15 Jahren am UKE ins Leben rief, treffen sich Patienten zum Erfahrungsaustausch. „Wer nachhaltig erfolgreich sein will, muss bereit sein, sein Leben umzukrempeln“, sagt Wüpper. „Zu hören, wie dies anderen Teilnehmern gelungen ist, macht Mut“, ergänzt sie und hofft, auch den Patienten Bernd H. bald in der Gruppe begrüßen zu können.

Rundum gut betreut: Multimodales Stufenkonzept

Beim Stufenmodell handelt es sich um ein mehrgleisiges, langfristig angelegtes Therapiekonzept, das im Adipositas-Centrum des UKE entwickelt wurde und nach dem jeder Patient begleitet wird.

Stufe 1: Ärzte und Pflegeexpertin klären Patienten über aktuelle Behandlungsmöglichkeiten auf.

Stufe 2: Entwicklung eines individuellen Therapiekonzepts.

Stufe 3: Interdisziplinäres Adipositas-Board mit Ausarbeitung einer individuellen Therapieempfehlung.

Stufe 4: Therapieplanung mit dem Patienten.

Stufe 5: Bei Indikation zur Operation Unterstützung beim Antragsverfahren zur Übernahme der OP-Kosten durch die Krankenkasse.

Stufe 6: Stationäre Nachsorge. Nach der OP bleibt der Patient in der Regel sechs Tage in der Klinik. Er erhält Beratungen zu Kostaufbau und Ernährung sowie zur Bewegungstherapie.

Stufe 7: Ambulante Nachsorge. Der langfristige Erfolg der Therapie hängt wesentlich von einer kontinuierlichen Nachsorge ab. Verlauf, Ernährungsstatus und Begleiterkrankungen werden engmaschig überwacht; im ersten Jahr alle drei, im zweiten alle sechs Monate.

Mitarbeiter können sich für die Sprechstunde per E-Mail anmelden: adipositas@uke.de . Weitere Informationen im Internet: www.uke.de/adipositas