10. Dezember

Mixed Reality gegen Zwangsstörungen

Zwangsstörungen gehören zu den häufigsten psychischen Störungen. Erkrankte Menschen leiden unter sich aufdrängenden Gedanken und Impulsen. „Ich könnte meine Partnerin oder meinen Partner mit einem Messer erstechen.“ - diese und ähnliche Gedanken greifen bei Menschen mit Zwangserkrankungen tief in ihr Leben ein und lösen meist große Angst aus. In der Folge werden Handlungen ausgeführt, wie gefährliche Gegenstände (Messerblock u.a.) aus dem Haushalt zu entfernen, um die befürchtete Gefahr zu verhindern – sogenannte Zwangshandlungen. Da diese Gedanken den Werte- und Moralvorstellungen der Betroffenen in der Regel stark widersprechen, führen sie zu einem hohen Leidensdruck und großem Schamgefühl. Wissenschaftler:innen des UKE erforschen einen neuartigen Behandlungsansatz mit dem Einsatz von gemischten Realitäten (Mixed reality).

Den Behandlungsleitlinien der Zwangsstörung folgend, ist die Expositionstherapie mit Reaktionsverhinderung die erste Methode der Wahl. In der Umsetzung heißt das, dass Therapeut:innen, während sie ihren Patient:innen mit aggressiven Zwangsgedanken gegenübersitzten, ein Messer auf den Behandlungstisch legen würden, damit sich die Patient:innen mit dem angstauslösenden Reiz konfrontieren. Aus zwei Gründen findet dies jedoch in der Praxis häufig nicht statt: Sowohl die Patient:innen als auch die Therapeut:innen haben Angst, dass die Patient:innen vielleicht doch mit dem Messer zustechen könnten. Um diese Behandlungslücke zu schließen, könnte eine Expositionstherapie in Mixed Reality (MR) eingesetzt werden. In dieser würden die Patienten eine MR-Brille tragen und ein Messer (oder auch ein anderer Stimulus, z.B. eine Waffe) würde virtuell auf den Behandlungstisch projiziert werden, sodass die Expositionstherapie realitätsnah, aber weniger angstbesetzt ist und somit eher Anwendung findet. Expositionstherapien in virtueller Realität haben sich für Zwangsstörungen bereits als wirksam erwiesen, jedoch wird die Effektivität durch die mangelnde Realitätstreue eingeschränkt. Dies kann durch die Anwendung von MR verbessert werden. Eine Pilotstudie zur Evaluation einer Expositionstherapie in MR für Patienten mit Waschzwängen zeigte bereits eine hohe Akzeptanz und eine positive Einschätzung der Realitätstreue.


Die Expositionstherapie in MR soll für Patient:innen mit aggressiven Zwangsgedanken auf der Station für Angst- und Zwangsstörungen getestet werden, um diese Behandlungsmöglichkeit zukünftig in das

Standard-Therapieangebot der Station aufzunehmen und für ambulante Praxen zugänglich zu machen.