Medizinische Versorgung im sozialen Brennpunkt

Gesundheit aus dem Kiosk

Billstedt und Horn gehören zu den sozial benachteiligten Stadtteilen Hamburgs. Das spiegelt sich auch in der Gesundheit und medizinischen Versorgung ihrer
110 000 Bewohner wider. Der „Gesundheitskiosk“ soll die Situation verbessern.

Eingerahmt von Gemüseladen und Handyshop, bietet der Gesundheitskiosk am Billstedter Markt ein bundesweit einmaliges Programm: Ein mehrsprachiges Team aus Gesundheits- und Pflegefachkräften berät und unterstützt die Besucher bei Themen wie Gewichtsreduzierung, Raucherentwöhnung, dem besseren Umgang mit chronischen Krankheiten. Da etwa jeder zweite Stadtteilbewohner einen Migrationshintergrund hat, wird die Beratung bei Bedarf auf Englisch, Türkisch, Russisch, Polnisch, Portugiesisch oder Farsi geführt. „Unser Angebot kommt sehr gut an“, sagt Leiterin Andrea Husmann. Seit der Gründung im Herbst 2017 ließen sich bereits rund 5400 Besucher beraten.

Auch die Kurse sind stets schnell ausgebucht: Herzund Diabetes-Sport, Rücken-fit, Yoga XL für Übergewichtige und vieles mehr. Die Teilnahme ist kostenlos, muss zum Teil aber ärztlich verordnet sein. Dr. Jens Stadtmüller, Kardiologe in Billstedt, begleitet im Wechsel mit einem Kollegen die Herz- und Diabetes-Sportgruppen und wacht darüber, dass sich niemand überfordert. Bewegungsmangel sei ein großes Problem, sagt er.


Leute stehen im Kreis undmachen Sport

Wider dem Bewegungsmangel

Bozena Kowalowski, die vor 30 Jahren aus Stettin Nach Hamburg kam, hat vor einiger Zeit einen Bypass erhalten. „Ich will fitter werden“, betont die 65-Jährige, der das Training sichtlich Spaß macht. Der 70-jährige Michael Rak nimmt nach dem zweiten Infarkt nun auf Empfehlung des Hausarztes an dem Kurs teil und ist überzeugt: „Jede Bewegung tut mir gut.“

Der Kiosk, der aus Mitteln der gesetzlichen Krankenversicherung finanziert wird, ist Herzstück eines umfassenden Netzwerkprojekts, das vom „Ärztenetz Billstedt-Horn“, einem Zusammenschluss niedergelassener Ärzte, von Krankenkassen und weiteren Partnern aus der Region, aufgebaut wird.

Arzt mißt Puls

Nur halb so viele Ärzte wie in der City

Das Hamburg Center for Health Economics der Uni Hamburg evaluiert das Projekt wissenschaftlich, das UKE ist mit dem Institut für Allgemeinmedizin beteiligt: Dr. Thomas Zimmermann berät die Pflegefachkräfte und führt regelmäßig Supervisionen durch. Und die Onkolotsin des Universitären Krebszentrums, die Krebspatientinnen und –patienten sowie deren Angehörige betreut, bietet ihre Unterstützung auch im Gesundheitskiosk an.

Der Anteil an Arbeitslosen, Empfängern von Grundsicherung, Bewohnern mit niedrigen Bildungsabschlüssen ist in Billstedt und Horn höher als im Hamburger Durchschnitt, die Lebenserwartung zehn Jahre kürzer, die ärztliche Versorgungsdichte deutlich geringer: auf 1000 Menschen kommen 1,25 Ärzte – nicht einmal halb so viele wie im Schnitt der Hansestadt. „In einer Praxis mit vielen Patienten hat der Arzt nur wenig Zeit, um die Gesundheitsziele zu besprechen, etwa abzunehmen oder das Rauchen aufzugeben“, erläutert Psychologe Zimmermann. Die notwendigen Veränderungen aber seien schwierig und meist nur langsam umzusetzen. „Der Kiosk setzt an dieser Stelle an“, betont Leiterin Andrea Husmann. Das Gesundheitsziel werde ausführlich erörtert und in viele kleine Schritte zerlegt. „So kann man es schaffen.“

Text: Ingrid Kupczik
Foto: Ronald Frommann