Depressionen bleiben häufig unerkannt

Fühlen Sie sich niedergeschlagen?

Um eine Depression heilen zu können, muss sie zuvor diagnostiziert werden. Doch in vielen Fällen bleibt diese weit verbreitete psychische Störung unerkannt. Ein in Hausarztpraxen eingesetzter Fragebogen soll dazu beitragen, Anzeichen depressiver Störungen früher festzustellen und so eine effektive Behandlung ermöglichen.

Depressive Störungen gehören zu den häufigsten psychischen Störungen, aktuell sind etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland betroffen. Vielen von ihnen fällt es schwer, anhaltende Symptome wie gedrückte Stimmung, Antriebslosigkeit und Interessenverlust einer depressiven Störung zuzuschreiben. „Dies kann ein Grund dafür sein, dass Betroffene nicht rechtzeitig Hilfe suchen“, erläutert Prof. Dr. Bernd Löwe, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. „Auf diese Weise schreitet die Erkrankung unbemerkt fort.“

Wissen über eigene Erkrankung kann helfen

Einen besonderen Stellenwert beim Erkennen von depressiven Störungen hat die hausärztliche Versorgung. Schätzungen gehen davon aus, dass jeder sechste Patient in einer Hausarztpraxis unter Depressionen leidet. Um die Versorgung depressiver Patientinnen und Patienten zu verbessern, führt Prof. Löwe gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen die multizentrische Studie GET.FEEDBACK.GP durch. Ziel dieser weltweit einmaligen Studie ist es, Betroffene aus hausärztlichen Praxen nicht nur schneller zu identifizieren, sondern Patienten durch direkte Rückmeldung zu einer möglichen depressiven Störung aktiv in die Diagnostik und mögliche Behandlung miteinzubeziehen. Der Ablauf der Studie ist so konzipiert, dass alle Patienten der teilnehmenden Hausarztpraxen mittels eines Fragebogens („Patient Health Questionnaire-9“) hinsichtlich möglicher depressiver Symptome befragt werden. Bei einem positiven Befund erhalten zufällig ein Drittel der Patienten und ihr Hausarzt eine Rückmeldung über das Ergebnis, in einem Drittel der Fälle erhält nur der Hausarzt eine schriftliche Ergebnisrückmeldung und in einem Drittel der Fälle erhalten weder Hausarzt noch Betroffene eine Ergebnisrückmeldung.


Das Team um Prof. Löwe (2.v.r.) untersucht die Versorgung

Die direkte Rückmeldung depressiver Symptome an Patienten soll zu einer Linderung der Depression führen. Diese Hypothese über die Wirkung der Rückmeldung basiert auf der vorangegangenen Studie mit Namen DEPSCREEN-INFO, die einen positiven Effekt einer Rückmeldung über depressive Beschwerden bei Patientinnen und Patienten mit Herzerkrankungen nachweisen konnte. „Nach sechs Monaten hatte sich die Depressivität der Patienten, die eine Rückmeldung erhalten hatten, im Gegensatz zu denjenigen, die keinen Hinweis auf ihre Erkrankung bekommen hatten, signifikant verbessert. Hierbei ist zu beachten, dass in jedem Fall der behandelnde Kardiologe auch eine Rückmeldung erhielt“, kommentiert Prof. Löwe das Ergebnis. „Wir konnten sehen, dass Patienten sich mehr über das Thema Depressionen informierten und wahrscheinlich dadurch als aktiver Partner die Depressionserkennung und -behandlung mitgestalteten.“

Um den positiven Effekt zu verstärken, wurden in der Entwicklungsphase von GET.FEEDBACK.GP Patienten mit depressiven Störungen eingeladen, um die Rückmeldung zu depressiven Beschwerden mitzugestalten. Diese Rückmeldung, die Wünsche und Präferenzen von Betroffenen berücksichtigt, wird jetzt in hausärztlichen Praxen im Raum Hamburg, München, Tübingen, Jena und Heidelberg getestet. Gefördert wird das Projekt durch den Innovationsfonds, erste Ergebnisse
werden Ende 2021 erwartet.

Foto: Axel Kirchhof