Gesund alt werden

Alle wollen älter werden – doch alt fühlen will sich niemand. Wie es sich länger gesund und selbstbestimmt leben lässt, zeigt die Langzeitkohorte LUCAS, die im Jahr 2000 startete. Ihr Kern ist das mehrfach ausgezeichnete und seit 2003 offiziell anerkannte Präventionsprogramm „Aktive Gesundheitsförderung im Alter“.

Krafttraining in der Physiotherapiae
Gezieltes Krafttraining
- unter Anleitung einer Physiotherapeutin

Eigentlich ist Traute L. körperlich immer fit gewesen. Bis sie auf einer Rolltreppe stürzt und sich eine böse Knieverletzung zuzieht. Wochenlang leidet die 82-Jährige unter Schmerzen und meidet jede Bewegung.
Ein Teufelkreis, dessen Folgen eine spezielle sensorgestützte Ganganalyse im Albertinen-Haus aufdeckt: Traute L. leidet an einer Fehlbelastung des rechten Beins und Muskelatrophie. „Vielen älteren Menschen ergeht es ähnlich“, weiß UKE-Professor Dr. Ulrich Thiem, Chefarzt der Medizinisch-Geriatrischen Klinik im Albertinen-Haus. „Wenn Körper oder Geist nicht mehr wie gewohnt mitspielen, werden Aktivitäten schleichend eingestellt.“ Dabei gehört gerade die Bewegung neben ausgewogener Ernährung und sozialer Teilhabe zu den wesentlichen Bestandteilen des gesunden Älterwerdens, wie die Ergebnisse der Hamburger Langzeitkohorte LUCAS eindeutig zeigen.

Selbstständigkeit erhalten

„Wovor sich unsere älteren Patienten am meisten fürchten, ist nicht etwa das Lebensende, sondern irgendwann in die Pflegebedürftigkeit zu rutschen“, sagt Prof. Thiem. Laut Bundesministerium für Gesundheit steigt das Risiko dafür ab dem 80. Lebensjahr rapide an. „Daher ist es wichtig, diese Menschen vorher zu erreichen, um ihre Reserven durch gesundheitsfördernde Maßnahmen so auszubauen, dass ihre Selbstständigkeit möglichst lange erhalten bleibt“, erläutert Dr. Ulrike Dapp, Forschungskoordinatorin im Albertinen-Haus.

Senioren im Schwimmbad

Vor knapp 20 Jahren entwickelte ein geriatrisches Expertenteam der Forschungsabteilung im Albertinen- Haus das Konzept der „Aktiven Gesundheitsförderung im Alter“. Die Idee dahinter?
Eine dynamische Gesundheitsberatung für ältere Menschen als Alternative zur üblichen Einzelberatung im Hausbesuch. Das Herzstück des neuartigen Programms? Ein interdisziplinäres, vierköpfiges Team aus Geriater, Physiotherapeut, Ökotrophologe und Sozialpädagoge vermittelt theoretisches Wissen und praktische Tipps für einen gesunden Lebensstil. Anschließend erhalten die Senioren einen individuellen Fahrplan für die eigene aktive Gesundheitsförderung.

Sportraum für senioren

Eigeninitiative zahlt sich aus

Ob der Einsatz für die eigene Gesundheit tatsächlich länger gesund hält, wollten die Forscher im Jahr 2000 über die LUCAS-Langzeitstudie überprüfen.

Dafür rekrutierte das Albertinen-Haus in Zusammenarbeit mit 21 Hamburger Hausarztpraxen mehr als 3300 Senioren. Alle waren mindestens 60 Jahre alt und ohne bekannte dementielle Erkrankung oder Pflegebedürftigkeit im Alltag. Die Art der Gesundheitsvorsorge war frei wählbar. Rund 62 Prozent der Studienteilnehmer entschieden sich für die Kleingruppenberatung „Aktive Gesundheitsförderung im Alter“ am Gesundheitszentrum, etwa 10 Prozent nahmen die Einzelberatung im präventiven Hausbesuch in Anspruch. 28 Prozent fühlten sich über ihre Hausarztpraxen ausreichend präventiv versorgt. Via Fragebogen wurden vorab die Bewegungs- und Ernährungsgewohnheiten der verschiedenen Gruppen sowie in Anspruch genommene Vorsorgeuntersuchungen festgehalten.

man sieht Prof. Dr. Ulrich Thiem und Dr. Ulrike Dapp
Prof. Dr. Ulrich Thiem und Dr. Ulrike Dapp
freuen sich über den Erfolg des Programms

Dass sich Eigeninitiative lohnt, deuteten bereits die Ergebnisse der ersten LUCAS-Follow-ups 2001 und 2007 an. Dass sie am Ende sogar existenziell sein kann, zeigte sich im Langzeitverlauf. „Wir wollten wissen, ob unser Programm Menschen auch auf lange Sicht dabei unterstützen kann, gesund alt zu werden und selbstständig zu bleiben“, so Dr. Dapp. So erlebten die Programmteilnehmer „Aktive Gesundheitsförderung im Alter“ seit dem Jahr 2001 im Schnitt fast 90 Prozent ihrer Lebenszeit behinderungsfrei, 3,8 Prozent wurden pflegebedürftig.Unter den Nichtteilnehmern hingegen verbrachten durchschnittlich 81,2 Prozent ihrer Lebenszeit ohne Behinderungen und 4,3 Prozent in Pflegebedürftigkeit. Die Sterberate hingegen lag in dieser Gruppe mit 14,5 Prozent fast doppelt so hoch. „Da die Ergebnisse die Faktoren Alter, Geschlecht, Bildung und Selbstwahl-Komponente berücksichtigen, können wir davon ausgehen, dass sich Prävention auszahlt“, so Dr. Dapp.

Heute wird das mehrfach prämierte Programm an verschiedenen Standorten in Deutschland angeboten und von den Krankenkassen gefördert. Beste Voraussetzungen also, damit Menschen die Chance erhalten, gesund zu altern.

Text: Nicole Sénégas-Wulf
Fotos: Ronald Frommann