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Titelbild Geschichte

Geschichte der Klinik

Vom Mittelalter bis zur ersten Irrenanstalt in Hamburg

Die ersten Zeugnisse über eine öffentliche "Irren-Fürsorge" in Hamburg sind aus dem Jahr 1376. In einem Turm der Stadtmauer ("cista stolidorum" oder "custodia fatuorum") wurden die Kranken "in Gewahrsam" genommen und durch einen Hausverwalter "lebenshinreichend" versorgt. Der Turm hatte vier Stockwerke; der oberste Stock war den Geisteskranken vorbehalten. Dieser als "Tollkiste" bezeichnete Bereich war mit Ketten und Fußblöcken ausgestattet. In den anderen Stockwerken wurden "geringe Verbrecher von der niedrigen Classe" festgehalten. Obwohl es im Verlauf wohl mehrere dieser von der Stadt finanziell getragenen Einrichtungen gab, so war es doch aufgrund der damaligen gesellschaftlichen Organisation so, daß dort nur wenige Menschen verwahrt wurden und die meisten psychisch Kranken innerhalb ihres Standes oder Genossenschaft versorgt wurden bzw. im familiären Verbund verblieben.

Um 1500 wurde die Versorgung der Geisteskranken in das städtische Krankenhaus "Heilig-Geist-Hospital" verlagert, wobei es auch hier keine ärztliche Versorgung gab, und die Inanspruchnahme sehr gering war (zwischen 1526 und 1535 wurde kein einziger "Wahnsinniger" dort verpflegt). Die Eingabe der Brüder Kahlenberg aus dem Jahr 1566 an den Rat der Stadt spricht für sich: Sie bitten um die Freilassung ihres Bruders, "den der allmechtige her Godt an sinen sinnen gekrencket und geschwecket" hat, um "ehna nha siner gelegenheit und unserm gefallen an einen andern und stillern ordt tho bringen, dar he woll beter schall underholden werden. Den wy gedenken keineswegs tho gedulden, noch tho liden ock vor unsern here Godt nicht verantworten konnen, ehne lenger also in dem stanck sitten tho laten".

1607 wurde ein neues Krankenhaus, der "Pesthof", vor dem Millerntor gelegen, eingeweiht. Dieses für 700 - 900 Insassen eingerichtete Hospital wurde von der Kirche getragen. Ab 1679 wurden hier auch die "würklich Tollen" in einer Art von verschlossener Koje untergebracht. Diese standen reihenweise in Sälen und hatten lediglich ein handgrosses Loch nach Außen. Die "Narren und Blödsinnigen" hatten größere Freiheiten.

Der "Pesthof" hatte einen so guten Ruf, daß auch von außerhalb (gut zahlende) Patienten kamen. Derentwegen wurden ab 1764 keine "bösse Tolle" - nach heutiger Sicht psychisch kranke Straftäter - mehr aufgenommen. Diese verblieben im Spinnhaus - einem Gefängnis.

In dieser Zeit blühten auch in Hamburg Hexenwahn und Aberglauben. Psychisch Kranke wurden teilweise als Hexen, Zauberer oder vom Teufel besessen angesehen. Die "Besessenen" gingen in der Regel zum Geistlichen und nicht zum Arzt. In den Krankenhäusern wurden die Patienten schon seit dem 16. Jahrhundert vom "Pest- und Speisemeister" ("der sein Dienst mit grossem Gelde erkaufft") sowie einigen Wundärzten versorgt.

Im November 1700 trat unter Verzicht auf den Doktortitel Dr. Johann Gertmann als erster Arzt die Stelle des "Pest- und Speismeisters" an. Auf Druck der Zunft der Wundärzte und der Pastoren gab er dieses Amt nach drei Jahren wieder auf. Die Verwaltung bestand nun aber auf einem "wissenschaftlich gebildeten Arzt für innere Krankheiten", so daß 1704 der erste Hospitalarzt gewählt wurde. Dieser hatte dreimal wöchentlich die Kranken zu besuchen. Im 18. Jahrhundert wurde das Hospital erweitert, die Bedeutung der Ärzte wuchs. Seit 1797 wurde das Hospital staatlich bezuschusst und 1800 in "Krankenhof" unbenannt. Ab 1804 gab es tägliche Visiten. Trotz der Verwendung als französisches Militärlazarett von 1806 bis 1814 (Inbrandsetzung durch die Franzosen im Befreiungskrieg) wurden weiter psychisch Kranke dort versorgt - 1810 104, davon 40 "Maniaci" und 36 "Epileptische". Bis zum Bezug des "Allgemeinen Krankenhauses" (heute AK St. Georg) 1823 waren die Geisteskranken im ehemaligen Leihhaus, der "Lombard" untergebracht. Da die veranschlagten Gelder für ein eigenes "Irrenhaus" nicht reichten, wurden insgesamt 264 Betten im ersten Stock und verschiedenen Kellern als "Irrenstation" genutzt.

Nun wurde zweimal täglich bei den internierten Geisteskranken Visite gemacht, Ketten wurden nicht mehr verwendet. Stattdessen galt: " .. die bei diesen Kranken oft nöthigen Zwangsmittel, von denen wir den Zwangsstuhl, Sack, Zwangsjacken, Leibriemen, Fussriemen haben, befinden sich in der Verwahrung der Oberkrankenwärter, damit nie Willkür der Wärter sich ihrer bedienen kann". Für die damalige Zeit muß dieser Zustand als sehr fortschrittlich angesehen werden.

Spätestens mit Ludwig Meyer (Schüler von Virchow und Ideler, aktiver Teilnehmer der Revolution von 1848), der 1858 die Stelle des Oberarztes der Irrenstation im Allgemeinen Krankenhaus annahm, wurde Hamburg zum Wegbereiter einer fortschrittlichen Psychiatrie in Deutschland. Meyer ließ, kurz nachdem er seine Stelle antrat, als erster in Deutschland sämtliche Zwangsmittel als überflüssig versteigern.


Friedrichsberg

Bereits 1840 hatte der Senat das auf einem Hügel befindlich Ackerland (28.351ha) des Bauern Friedrich gekauft, in der Absicht dort die erste "Irrenanstalt" Hamburgs zu errichten. Aber erst mit Ludwig Meyer kam ein Arzt, der die Ideen und die Kraft hatte, einem solchen Plan zur Durchsetzung zu verhelfen. Am 5. Juli 1861 war Grundsteinlegung, am 20. Oktober 1864 wurde die Anstalt dem Kollegium übergeben, das der Klinik dem Namen "Irrenanstalt Friedrichsberg" gab (heute AK Eilbek). Meyer hatte ein Hauptgebäude mit 200 Betten ohne Gitter und Zwangsmittel konzipiert und ein "Kostgängerhaus" mit 40 Betten. Auf dem Gelände wurde ein Park im englischen Stil mit Teichanlagen, Wildgehege, Palmengarten und Konzerthaus angelegt.

Es wurden nur die als heilbar eingestuften Patienten aus dem "Allgemeinen Krankenhaus" übernommen. Lediglich Ludwig Meyer als Oberarzt und ein Assistenzarzt versorgten ärztlicherseits die Patienten. 1866 folgte Meyer einem Ruf nach Göttingen, und Wilhelm Reye wurde sein Nachfolger, nachdem er im Allgemeinen Krankenhaus Meyers Assistent war.

Unter Reye wurde die Klinik wesentlich erweitert. 1870 wurden die im Allgemeinen Krankenhaus verbliebenen unheilbaren Männer übernommen, 1881 hatte die Klinik bereits über 1000 Betten. 1893 wurde die "Anstalt Langenhorn" (heute Klinikum Nord - Ochsenzoll) zur Entlastung Friedrichsbergs als landwirtschaftlich ausgerichtete Dependance mit zunächst 200 Betten für ruhige und arbeitsfähige Geisteskranke eingerichtet (bereits 1814 1.800 Kranke). 1897 wurde die Position von Reye von leitendem Oberarzt zu ärztlichem Direktor umbenannt, zwei Oberärzte und vier Assistenten wurden zusätzlich eingestellt.

1908 übernahm Dr.phil. et med. Wilhelm Weygandt die Leitung von Friedrichsberg. Weygandt schaffte zunächst einige Mißstände ab: "Noch war es bis dahin üblich, daß zahlreichen Kranken, dem gesamten Pflegepersonal und selbst den im Festgottesdienst gesanglich mitwirkenden Waisenkindern alkoholische Getränke verabreicht wurden. In der Männeraufnahmestation brannten an den Wänden offene Gasflammen zum Anzünden von Zigarren und Pfeifen". Auch die Isolierbehandlung wurde nicht mehr angewendet. Stattdessen führte Weygandt die damals modernen Dauerbäder in die Behandlung ein und sorgte für grundlegende Um- und Neubauten. 1918 wurde die Klinik umbenannt in "Staatskrankenanstalt Friedrichsberg".1919 wurden je eine offene Station für Männer und Frauen eingerichtet.

In der Zeit des ersten Weltkrieges fiel die Zahl der Patienten "durch Kriegsumstände und erhöhte Verpflegungskosten" von 1242 (1914) auf 750 (1919) ab - konkret bedeutet dies, daß ca. 40% der Patienten verhungerten (Weygandt, 1928), obwohl das gesamte Gelände landwirtschaftlich genutzt wurde (In Langenhorn starben "nur" ca. 25% - vermutlich wg. der größeren Landwirtschaft dort). Was genau mit den Patienten in den Hungerwintern dieser Jahre geschah, wird zur Zeit in unserer Klinik anhand der noch vorliegenden Unterlagen wissenschaftlich untersucht. Es besteht der Verdacht, daß bereits in diesen Jahren eine Geisteshaltung innerhalb der Gesellschaft und unter den Psychiatern erlaubte, den Tod von Patienten tatenlos hinzunehmen. Spätestens hier, als die Schwächsten verhungerten, beginnt der Prozess, der unter der nationalsozialistischen Diktatur aus Ärzten Mörder werden lässt. Die Untersuchungen zu diesen Vorgängen sind noch nicht abgeschlossen.

Es gab aber auch immer Ärzte, die für eine bessere Behandlung ihrer Patienten stritten. Weygandt war der erste ärztliche Leiter, der großen Wert auf wissenschaftliche Tätigkeit in Friedrichsberg legte. Das unter Reye eingerichtete anatomische Labor (1899, Leiter Theodor Kaes, heute Neuropathologie) wurde ausgebaut, 1909 ein serologisches und bakteriologisches (heute ebenfalls zur Neuropathologie gehörig) sowie ein experimental-psychologisches Labor (das erste seiner Art in Deutschland) eingerichtet. 1929 wurde das "Institut für Kulturpsychopathologie" (Leitung Lange-Eichbaum) und 1930 die Abteilung für "Psychiatrische Erblichkeitsforschung" an die Klinik angeschlossen. Neben zwei Hörsälen gab es 32 Räume mit insgesamt 1.500 qm für Forschungszwecke. Zwischen 1914 und 1930 arbeiteten insgesamt 65 Ärzte aus dem In- und Ausland allein im anatomischen Labor, publizierten ca. 150 Arbeiten.

1919 wurde Weygandt auf das Ordinariat für Psychiatrie an der neu gegründeten Hamburger Universität berufen. Ebenfalls führend in Deutschland war Hamburg bei der weitergehenden Ausdifferenzierung der Nervenheilkunde in die Fächer Psychiatrie und Neurologie. Den ersten Lehrstuhl für Neurologie in Deutschland erhielt Nonne, ein Begründer dieses Faches, an der Universität Hamburg.

Bis 1927 war Friedrichsberg alleinige Aufnahmeklinik für das gesamte Hamburger Stadtgebiet, danach hatte Langenhorn zunächst auch einen kleinen Aufnahmebezirk.

Ab 1930, mit der allgemeinen wirtschaftlichen Krise einhergehend, versuchten die Behörden, im Bereich der Psychiatrie Kosten zu sparen - zunächst darüber, daß "geeignete Fälle" in weniger kostenintensive Einrichtungen verlegt werden sollten (95% der Behandlungen wurden von der Wohlfahrtspflege (entspricht der heutigen Sozialbehörde) bezahlt). Ein Beispiel dafür war das "Versorgungsheim der Hamburger Wohlfahrtsbehörde Farmsen", in dem 1.400 Obdachlose, Alkoholiker, geschlechtskranke Prostituierte und sonstige "Asoziale" von 20 Angestellten (davon 1 Arzt) versorgt wurden. Es gab Pläne, Langenhorn komplett in ein Versorgungsheim umzuwandeln (30% Pflegesatzersparnis), vereinbart wurde zwischen Gesundheits- und Sozialbehörde 1931, daß 800 Betten in Friedrichsberg und Langenhorn zu gesonderten Abteilungen ("B-Abteilungen") umgewandelt wurden mit einem Pflegesatz von 3,50 RM statt bisher 5,80 RM.


1933-1945 Nationalsozialistisches Regime

Die Zeit des Nationalsozialismus brachte einschneidende Veränderungen. 1934 beschloß der Senat der Stadt Hamburg:

"Bei der Behandlung der Geisteskranken sollen in Zukunft folgende zwei Gesichtspunkte ausschlaggebend sein:

1.) Die heilbaren Kranken sollen unter größtmöglichem Einsatz ärztlicher Betreuung behandelt werden;

2.) die unheilbaren Kranken sollen in erster Linie in Bewahrung genommen werden. Die ärztliche Betreuung soll auf ein vertretbares Mindestmaß herabgesetzt werden." (StA HH, HW II, G b 13 Bd.1, Bl. 6f).

Zurückgehend auf den Plan des damaligen Präsidenten der Gesundheits- und Fürsorgebehörde Dr. med. Friedrich Ofterdinger, beschloß der Senat, innerhalb des Geländes des Eppendorfer Krankenhauses eine psychiatrische Klinik mit 200-300 Betten zu errichten. Da Wygandt bereits 1928 ähnliche Pläne geäußert hatte, wurde dieser Plan von Klinikseite begrüßt, ebenso von der Fakultät. Ein erster Schritt war die Verkleinerung von Friedrichsberg 1934/ 35 durch Verlegung von insgesamt 1.800 Patienten in andere Kliniken (Langenhorn, Ricklingen, Alsterdorf, Strecknitz) und in Versorgungsheime.

Weygandt mußte trotz nationaler Einstellung und radikalem erbbiologischen Denken sein Amt auf Senatsbeschluß räumen, vermutlich auf Betreiben des Hamburger "Ärzteführers" Willy Holzmann, der für sich einen Konkurrenten in Sachen rassenhygienischer Kompetenz ausschalten wollte. Aus antisemitischen Gründen im Rahmen des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentumes" wurden ferner Professor Hermann Josephy (Prosektor Pathologie), Professor Victor Kafka (Abteilungsleiter des Bakteriologisch-Serologischen Institutes) und Dr. Richard Löwenberg (Assistenzarzt) entlassen. Diesbezügliche Angaben zu anderen Mitarbeitern der Klinik sind nicht bekannt.


Die Psychiatrische und Nervenklinik

Zwischen 1934 und 1936 war Professor Ernst Rittershaus (ebenfalls wie Weygandt ein vehementer Verfechter der Rassenhygiene) kommissarischer Leiter der Klinik. 1936 erhielt die Klinik den neuen Namen "Psychiatrische und Nervenklinik der Universität".

Privatdozent Hans Bürger-Prinz wurde als neuer kommissarischer Leiter eingesetzt - an der Fakultät vorbei, die mit anderen Kandidaten verhandelte, gegen alle üblichen Regeln - vermutlich auf Betreiben des Reichsministeriums des Inneren. Er wurde 1937 zum Ordinarius berufen. 1936 wechselte die behördliche Zuständigkeit für die Klinik von der Gesundheits- zur Landesunterrichtsbehörde über. Die Klinik hatte für ihre nunmehr 300 Betten 13 Arztstellen und 137 Stellen für geprüfte Pflegekräfte.

Erst 1942 erfolgte der Umzug nach Eppendorf. Nach kurzer "Zweiteilung" Hamburgs in zwei gleichgroße Aufnahmebezirke ging am 18.5.36 der Erlaß von Gesundheitssenator Ofterdinger aus, daß die Psychiatrische und Nervenklinik (PNK) die alleinige Aufnahmeanstalt sein soll (Sta HH, HW II, A e 7, Bl. 6). Alle Patienten sollten zunächst in der PNK untersucht und diagnostiziert werden. Je nach prognostischer Einschätzung erfolgte dann die Behandlung in der PNK oder die Verwahrung in der Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn. Dieses Konzept ging im wesentlichen auf Ofterdinger und Bürger-Prinz zurück. Lediglich geisteskranke Straftäter wurden direkt in Langenhorn aufgenommen (Sicherheitsaspekt). 1938 wurde das mittlerweile durch das Großhamburg-Gesetz um 40% gewachsene Hamburg in drei Sektoren aufgeteilt. Zugewiesen wurde in die PNK (Kernbereich der Stadt), nach Langenhorn bzw. in die psychiatrische Abteilung des AK Altona. Die erneute Änderung 1942 mit Bestätigung der alleinigen Aufnahme-Funktion der PNK zeigt, daß um diese Regelung immer wieder neu verhandelt wurde und sich im übrigen auch nicht alle niedergelassenen Ärzte daran gehalten haben.

Zwischen 1936 und 1941 wurden etwa 20% der Patienten der PNK in andere Anstalten verlegt (StA HH, HW II, G b 24, Bürger-Prinz an Staatsverwaltung), 65% wurden nach Hause entlassen.

1937 wurden die sogenannten Schockbehandlungen eingeführt (Insulin, Cardiazol) - 80 Betten wurden ausschließlich für diese Behandlungsform vorgehalten. Neben der Elektrokrampfbehandlung (ab 1938) wurde 1941 die Behandlung mit Pyramidon zur Auslösung cerebraler Anfälle genutzt. Ob der prozentuale Anstieg an Todesfällen im Vergleich zu den Aufnahmen damit zu tun hat, wie Ebbinghaus postuliert, ist unklar. Sicher ist, daß die Sterberate mit 14 Prozent aller Aufnahmen ihren Höhepunkt 1941 erreicht und damit doppelt so hoch lag wie in den Jahren vor Kriegsbeginn. Viele Patienten gingen über Langenhorn in Vernichtungslager, einzelne auch direkt aus der PNK dorthin. Die Rolle der Klinik und ihres ärztlichen Leiters Bürger-Prinz bei "Euthanasie" und Zwangssterilisation ist bis heute noch nicht restlos geklärt. Seine eigenen Aussagen dazu nach dem Krieg sind bezweifelbar. Die Mortalitätsrate der Patienten war während des Krieges extrem hoch. Zur Zeit werden die vorhandenen Unterlagen und Sterbeurkunden untersucht. Es besteht der Verdacht, daß Tötungen innerhalb der Klinik stattfanden.

Vor Kriegsbeginn lag die Verweildauer der Patienten bei 129 Tage, sank bis 1940 auf 64 und bis 1945 auf 31 Tage ab. 1942 zog die Klinik von Friedrichsberg nach Eppendorf in vier Pavillons, sowie Räume der Chirurgischen und der I. Medizinischen Klinik um. Obwohl das UKE zahlreiche Bombentreffer erlitt, blieb die PNK von Verlusten durch Bombeneinwirkung verschont.


Die Universitätsklinik in der Bundesrepublik seit 1945

Bürger-Prinz, der in den ersten zwei Kriegsjahren durch Hans Büssow vertreten wurde, wurde nach dem Krieg von den Briten suspendiert und erneut von Büssow, kurzzeitig auch von Hans Jacob vertreten. 1947 wurde Bürger-Prinz wieder in sein Amt eingesetzt. Die Klinik hatte fortan nur noch 230 Betten, "um mehr Forschung machen zu können". Nach Entwürfen von Bürger-Prinz aus den Jahren 1958/ 59 wurden 1963 Hörsaal, Bibliothek, Station Erdgeschoß und 1968 das Bettenhaus bezugsfertig. Die Klinik profitierte dabei vom Wiederaufbau der Universitäten zu dieser Zeit.

Unter Bürger-Prinz gab es weitere Veränderungen in der Klinikstruktur. 1959 wurde das Institut für Sexualforschung der PNK angegliedert (gegründet von Prof. Giese), 1965 eine Abteilung für experimentelle Hirnforschung. 1966 wurde das Institut für Kinderpsychiatrie als erstes seiner Art in Deutschland unter der Leitung von Prof. H. Albrecht eingerichtet (heute Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters). Seit 1967 besteht an der Klinik die Abteilung für Neurobiochemische Forschung - das heutige Neurobiologische Labor.

Nach der Emeritierung von Prof. Dr. Hans Bürger-Prinz wurde Prof. Dr. Jan Gross Ordinarius der Klinik. Gross war ein demokratischer Sozialist, der nach der Niederwerfung des "Prager Frühlings" 1968 die CSSR verließ. Als tschechoslowakischer Jude überlebte er die letzten Jahre des Zweiten Weltkrieges im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Er prägte die Klinik durch seine umfassende historische, psychiatrische, psychosomatische und gesellschaftswissenschaftliche Bildung, und durch eine tiefe, an eigenem Leiden gewachsene Menschlichkeit im Umgang mit Patienten und Mitarbeitern. Gross übernahm die Klinik Anfang der 1970er Jahre in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. Sein Verdienst war es, den sozialen Veränderungen Raum zu geben für Innovationen in der Psychiatrie: Er etablierte (1) eine schulenübergreifende Psychotherapie in der stationären Psychiatrie und (2) sozialpsychiatrische Versorgungskonzepte (in enger Kooperation mit Klaus Dörner, Ursula Plog u.a.). So übernahm die Klinik als zweite Universität (nach der Medizinischen Hochschule Hannover) einen regionalen Versorgungsauftrag mit nachhaltiger Wirkung auf eine sozialpsychiatrische Versorgungs-struktur, die alle Teile der Bevölkerung einschloss. Daraus erwuchsen Anforderungen an realitätsnahe Lehr- und Forschungsansätze, sei es für chronisch psychisch kranke Menschen, Suchtkranke, sozial benachteiligte Gruppen, alte Menschen u.a., die bis dahin kaum in Universitätskliniken beachtet wurden. Gross hat den Sonderforschungsbereich 115 "Psychosomatik, Psychotherapie" der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf mitbegründet und schuf damit die finanziellen Voraussetzungen für umfangreiche psychotherapeutische, sozialpsychiatrische und Grundlagenprojekte. Er unterstützte den ersten Weltkongress für Sozialpsychiatrie auf deutschem Boden nach der beginnenden Aufarbeitung der NS-Psychiatrie. Im Trialog waren hier Angehörige und Patienten mit den Professionellen erstmals in einem Fachdiskurs.

1995 wurde mit Prof. Dieter Naber ein neuer Ordinarius berufen und mit einer grundlegenden Neuorganisation der Klinik beauftragt. Sowohl in der Krankenversorgung wie in der Forschung sollten neue universitäre Standards erreicht und übertroffen werden. Die Klinik befindet sich zur Zeit durch Neuberufungen, Aufbau neuer Forschungsgruppen und Kooperationen mit neurowissenschaftlichen Fächern sowie dem Ausbau bewährter Strukturen in einer Übergangsphase. Die veränderten gesundheitspolitischen Anforderungen an die Universitätsklinika, die forcierte gemeindenahe Versorgung der Patienten sowie die begrenzteren finanziellen Ressourcen erfordern seit 1995 eine permanente Reorganisation. 1997 ist die Klinik umbenannt worden in "Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie" der Universität Hamburg.

Aus der Klinik wurden bisher sieben Mitarbeiter direkt als Ordinarien berufen: L. Meyer 1866 nach Göttingen, F. Meggendorfer 1935 nach Erlangen, H. Jacob 1959 nach Marburg, H. Albrecht 1966 auf den hiesigen Lehrstuhl für Kinderpsychiatrie, H.J. Bochnik 1967 nach Frankfurt/Main und H.J. Colmant 1967 auf den hiesigen Lehrstuhl für Neuropathologie, Otto Schrappe nach Würzburg.

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Letzte Änderung: Karsten Grzella, 30.01.2014