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Vom chirurgischen Nebenfach zum selbständigen Hauptfach
von Dirk W. Rose
Das Wort "Orthopädie" wurde bereits 1741 von Nicolas Andry geprägt (orthos = aufrecht, gerade; paidion = das Kind). Auf ihn geht auch das klassische Symbol des krummen Baumes zurück, der mit einem Strick an einem geraden Pfahl festgebunden ist. Es charakterisiert die beiden Heilprinzipien der Orthopädie: Die Wuchslenkung beim jugendlichen Individuum und die Stütztherapie beim definitiven, irreparablen "Krüppel", wie die offizielle Bezeichnung für körperlich Behinderte noch bis 1945 lautete. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten, häufig privaten, orthopädischen Institute, die meist von Laien, aber auch Ärzten gegründet wurden. Mit Maschinen und Apparaten versuchte man hauptsächlich, Rückgradverkrümmungen und Klumpfüße zu "behandeln".
Das älteste orthopädische Institut in Hamburg lag auf der Hohen Bleichen und wurde 1831 bis 1837 von Gustav Biedermann Günther geleitet, der später Professuren für Chirurgie in Kiel und Leipzig bekleidete. Im Jahre 1852 errichtete Gustav Ross in Altona ein weiteres orthopädisches und augenärztliches Institut. Bekannter noch war das Hamburger Medico-mechanische Zander-Institut, das aus dem 1860 von Adolph Gramcko gegründeten gymnastischen Institut hervorgegangen ist.
Die Orthopäden hatten ihre Kompetenz in der Praxis gegenüber Laien, im akademischen Bereich gegenüber den Chirurgen abzugrenzen und zu erkämpfen. Ende des 19. Jahrhunderts gelang allmählich die Ablösung von der Chirurgie. Äußerungen wie die des Münchener Chirurgen Ottmar von Angerer: "Orthopädie ist noch keine Wissenschaft, sondern ein Handwerk", sind Ausdruck von Spannungen unter den verschiedenen Fachvertretern. Am 23. September 1901 wurde in Hamburg auf der 73. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte die Deutsche Gesellschaft für orthopädische Chirurgie gegründet, die 1913 in Deutsche Gesellschaft für Orthopädie umbenannt wurde. Trotz dieser Entwicklung sollten noch 33 Jahre vergehen, bis am Eppendorfer Krankenhaus eine eigenständige orthopädische Klinik entstand.
Großen Einfluß auf die Orthopädie hatte dort Paul Sudeck, der zwischen 1900 und 1905 das chirurgische Ambulatorium leitete und 1923 Ordinarius für Chirurgie wurde. Fast die Hälfte seiner Publikationen befaßte sich mit Knochenerkrankungen. Weltbekannt wurde seine Arbeit über die akute trophoneurotische Knochenatrophie nach Entzündung und Verletzung der Extremitäten, heute kurz Morbus Sudeck genannt. Zum Ambulatorium gehörte auch der noch von dem ersten Eppendorfer chirurgischen Oberarzt Max Schede initiierte und 1900 fertiggestellte Pendelsaal. Hier waren elektrisch angetriebene Apparate untergebracht, an denen 60 Patienten gleichzeitig unter Aufsicht des ärztlichen Leiters des Ambulatoriums, zweier Wärter und zweier Schwestern behandelt werden konnten. Diese damals sehr propagierten Einrichtungen können als Vorläufer der heutigen Krankengymnastik angesehen werden.
1909 wurde Wilhelm Kotzenberg (1873-1940) nach 3 Jahren sekundärärztlicher Tätigkeit bei Hermann Kümmell zum Leitenden Arzt des chirurgischen Ambulatoriums ernannt. Er schuf die erste orthopädische Abteilung und damit die Grundlage der jetzigen heutigen Orthopädischen Universitätsklinik. Nach der Universitätsgründung wurde Kotzenberg 1922 zum ersten außerplanmäßigen Extraordinarius für Orthopädie ernannt. 1933 wurde sein, wie bei nicht fest angestellten leitenden Oberärzten damals üblich, jeweils nur 6 Jahre laufender Vertrag von der Gesundheitsbehörde wegen Differenzen über seine Nebentätigkeiten nicht verlängert.
Anfang 1934 beantragte die medizinische Fakultät bei der Landesunterrichtsbehörde die Umwandlung des außerplanmäßigen in ein planmäßiges Extraordinat für Orthopädie. Mit seiner Einrichtung war jetzt auch in Hamburg die Ablösung von der Chirurgie gelungen. Nach langen Verhandlungen zwischen Fakultät, Partei und Behörden wurde Carl Mau (1880-1958) am 1.9.1934 zum ersten Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik ernannt. Zur Klinik gehörte der Pavillon 12 mit 35 Betten, die Baracke 4 mit 20 Betten, ein Ambulatorium sowie der oben genannte Pendelsaal. Zur Seite standen Mau anfangs nur ein Assistenzarzt und ein medizinischer Praktikant sowie 14 Schwestern.
1934 kam es zu einer engen Zusammenarbeit mit der Orthopädischen Heil- und Bildungsanstallt "Alten Eichen", die sich in einer schwierigen personellen Situation befand. Die in Stellingen und somit noch in Schleswig-Holstein gelegene Anstalt trug zeitweise auch den Namen "Orthopädische Universitätsklinik Hamburg, Abteilung Alten Eichen". Mau führte hier zweimal wöchentlich Visiten und auch einige Operationen durch. Von besonderem Interesse waren aber die vielen Krüppel mit klassischen orthopädischen Erkrankungen wie Hüftdysplasie, Klumpfuß und Schiefhals, die für die Vorlesungen nach Eppendorf transportiert wurden. Aufgrund eines Kompetenzgerangels zwischen der Landesunterrichts- und der Gesundheits- und Fürsorgebehörde wie auch wegen der unterschiedlichen Interessen Mau's und des Vorstandes von Alten Eichen mußte der Vertrag 1937 gekündigt werden. Hamburg blieb seitdem die einzige Universität, wo der Inhaber des Orthopädischen Lehrstuhls nicht gleichzeitig auch Landeskrüppelarzt war.
Mit zahlreichen Anträgen und in zähen Verhandlungen gelang es, die Klinik schrittweise räumlich, technisch und vor allem personell auszubauen. 1933 war die einzige Orthopädie-Feinmechaniker-Stelle in der Orthopädischen Werkstatt nicht mehr besetzt gewesen; damit war Hamburg die einzige Orthopädische Universitätsklinik ohne eigene Werkstatt. Dank der sich über Jahre hinziehenden Bemühungen der Mechaniker-Innung, die von Mau unterstützt wurden, erfolgte 1938 die Wiedereröffnung der stillgelegten Werkstatt, die dann gleichzeitig als Lehr- und Schulungsstätte der Orthopädie-Mechaniker diente. 1938 schlug Mau einen Ruf nach Münster aus unter der Bedingung einer Verbesserung der räumlichen und personellen Verhältnisse. Außerdem wurde ihm die Umwandlung seiner Stelle in ein persönliches Ordinariat zugesagt, worauf er wegen des Kriegsausbruches freilich noch 12 Jahre warten mußte. 1939 wurden zwei weitere Assitenzarztstellen genehmigt, wovon auf Mau's Drängen eine in eine Sekundärarztstelle umgewandelt wurde. Bis 1940 war die Orthopädie die einzige Klinik Eppendorfs ohne Oberarzt gewesen. Da die Zahl der poliklinischen Behandlungen inzwischen etwa 3500, die der stationären Neuzugänge auf 800 bei 76 Betten angestiegen war, war bis dahin wissenschaftliches Arbeiten fast unmöglich gewesen . 1943 erhielt die Orthopädie die zwischen 1885 und 1889 die für die Chirurgie erbauten Pavillons 1 und 2 mit je 15 Betten.
Durch den ausgedehnten Bombenschaden im Jahr 1943 kam es zu großen Verlusten für die Klinik. Insbesondere durch die Zerstörung der archivierten Krankengeschichten und Röntgenbilder erlitt die gerade aufkeimende wissenschaftliche Tätigkeit einen schweren Rückschlag. Die Versorgung der vielen Kriegsverletzten war bei fast völlig zerstörter Werkstatt, außerdem die erforderlichen Rohstoffe fehlten, ein zusätzliches Problem. 1944 habilitierte sich der erste Oberarzt Oskar Hepp, später Ordinarius in München und Lehrer von Dahmen.
In der schwierigen Nachkriegszeit übernahm der damals 69jährige Gustav Albert Wollenberg, ein aus Berlin kommender Schüler von Altmeister Albert Hoffa, der 1949 Ehrenmitglied der Deutschen Orthopädischen Gesellschaft wurde, die Leitung der Klinik, da Mau von der britischen Militärregierung bis zum Frühjahr 1947 suspendiert wurde. 1945 wurde für die Orthopädie der 60 Jahre alte Pavillon 22 wieder instandgesetzt. 1948 wurde die Röntgenabteilung durch Mau wieder aufgebaut. 1950 wurde er zum persönlichen Ordinarius ernannt. Die Klinik hatte jetzt 106 Betten und Stellen für 1 Oberarzt, 2 wissenschaftliche Assistenten und 2 Volontärassistenten. Im gleichen Jahr geriet die Klinik ins Gerede wegen eines Typhusfalles nach Besuch auf der Kinderstation (Pavillon 22). Weil das Geld für den Einbau von Infektionsboxen mit Sichtfenstern nicht zur Verfügung gestellt werden konnte, erhielten die Eltern schließlich Besuchsverbot. Dringend erforderlich wurden auch andere bauliche Maßnahmen, um solche Risiken einzudämmen. 1952 begann deshalb der Neubau der Orthopädischen Klinik und Poliklinik auf den noch brauchbaren Fundamenten der alten Pavillons 1,3 und 5. Ein Neubau war bereits 1938 geplant, aber aus Kostengründen zugunsten der Chirurgischen Universitätsklinik zurückgestellt worden.
Im September 1955 wurde gelegentlich der 43. Tagung der Deutschen Orthopädischen Gesellschaft in Hamburg die neue Orthopädische Universitätsklinik mit 120 Betten - geplant waren 150 Betten - eröffnet. Mit einem Kostenaufwand von 2 Millionen DM wurde eine der modernsten Anstalten ihrer Art erstellt. Neben modern ausgestatteten Sälen für Krankengymnastik, für Elektromassage und Unterwasserstrahl-Duschtherapie erhielt sie ein Schwimmbad, eine sogenannte Unterwassergehbahn und eine Krankengymnastikschule für 90 Teilnehmer. Im folgenden Jahr wurde der Lehrstuhl für Orthopädie in ein planmäßiges Ordinariat umgewandelt. Als 1958 Mau bei einem Autounfall verstarb, hinterließ er eine große moderne Orthopädische Klinik.
Sein Erster Oberarzt Joachim Harff leitete die Klinik kommissarisch, bis 1961 Herbert Gardemin (1904-1968) aus Hannover berufen wurde. 1962 wurde ein Erweiterungsbau für die Röntgenabteilung, den Gipsraum und den Operationssaal geschaffen. Gardemin versuchte angesichts der Zunahme der Patientenzahlen und der sich immer weiter differenzierenden Diagnostik und Therapiemöglichkeiten den Ausbau der Klinik voranzutreiben und beantragte "dringend" bei der Fakultät zusätzliche Räume für Elektromyographie, eine sogenannte Handschule, eine Gehbahn, ein Schmetterlingsbad sowie erheblich mehr Raum für wissenschaftliche Arbeiten und zusätzliche Räume für die Poliklinik. Doch an chronischen Raummangel sollte die Klinik bis heute leiden. Als Gardemin bereits 1968 starb, wurde Harff bis zu seinem ein Jahr später folgenden Tod erneut kommissarischer Direktor. Paul Otte und Detlef von Torklus übernahmen nacheinander die Geschäftsführung, bis 1971 Günter Dahmen als dritter Ordinarius nach Eppendorf berufen wurde.
Durch Dahmen kam es zu einem Anstieg der operativen Tätigkeit mit dem Schwerpunkt Wirbelsäule. Während in den 60er Jahren durchschnittlich 600 Operationen und 1200 kleinere Eingriffe durchgeführt wurden, kam es im folgenden Jahrzehnt schon zu ca. 2000 Operationen und zu 600 kleineren Eingriffen. In den 80er Jahren wurde mit einer immer noch zunehmenden Tendenz etwa 4000 mal pro Jahr operiert. Weitere Hauptarbeitsgebiete waren und sind Kinderorthopädie, Rheumatologie, Sportorthopädie, Osteologie Tumoren und Biomechanik. Dahmen gelang es auch, dringende Verbesserungen der Behandlungsmöglichkeiten, insbesondere der hygienischen Voraussetzungen, durchzuführen: Trennung des septischen vom aseptischen OP-Bereich (1971), Renovierung der aseptischen Operationsabteilung mit Einbau einer modernen Klimaanlage, Trennung von Operations- und stationärem Gipsraum sowie OP-Schleusen (1972). Diese Maßnahmen wurden dringlich, da im OP-Trakt wegen räumlicher Mängel wiederholt pathogene Keime gefunden worden waren. Ein Dreivierteljahr wurde die Operationsabteilung sogar geschlossen; während dieser Zeit mußte im Bundeswehrkrankenhaus operiert werden. Um die hohe Asepsis bei den infektionsempfindlichen Endoprothesen-Implantaten zu gewährleisten, wurde 1973 die erste Reinraumbox in Norddeutschland in den OP eingebaut. Im folgenden Jahr wurde eine provisorische septische Einheit von der Station 1 nach deren vorübergehender Schließung abgetrennt. Der dringend benötigte Aufwachraum für die postoperative Überwachung der Patienten nach zunehmend größeren Eingriffen wie nach ventralen Wirbelsäulenoperationen, Becken- und Oberschenkelersatz-Operationen wurde 1981 fertig. In den 80er Jahren erfolgten kleinere Verbesserungen an dem inzwischen 30 Jahre alten Gemäuer der Klinik, wie Schaffung von Bettenfahrstühlen, Grundrenovierung der Bettenstation 4. Zur Zeit wird die Kinderstation und die septische orthopädische Operationsabteilung, die sich in der Frauenklinik befindet, renoviert.
Durch die enorme Zunahme der operativen Orthopädie sowie durch die ständige Abnahme der durchschnittlichen Verweildauer bei hoher Bettenauslastung in den letzten 10 Jahren sind die Arbeitsbedingungen der Orthopädischen Klinik in dem heutigen Gebäude durch den bestehenden Raummangel und die ungünstigen baulichen Verhältnisse den Anforderungen an Hygiene, Funktionalität und Wirtschaftlichkeit kaum noch gewachsen. Zu erwähnen ist auch der ständige Mangel an Krankengymnasten, deren Arbeit unbedingte Voraussetzung für das Betreiben konservativer Orthopädie überhaupt ist, die aber auch nötig ist, um gute Ergebnisse bei den operierten Patienten zu erhalten oder gar erst zu ermöglichen. Außerdem ist die Eppendorfer Orthopädie die einzige Orthopädische Universitätsklinik ohne eine Einrichtung für Beschäftigungstherapie.
Trotz all dieser Erschwernisse zeichnet sich für das noch relativ junge Fach Orthopädie entsprechend dem Trend der Medizin die Entwicklung von speziellen Schwerpunkten ab, die in der Zukunft die Bedeutung von Hauptfächern erlangen könnten.