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Migräne
Was ist Migräne?
Etwa 10-12% aller Menschen leiden an einer Migräne, wobei Frauen etwa zweimal häufiger betroffen sind. Die Kopfschmerzen treten häufig einseitig und attackenartig auf, dauern 4-72 Stunden und sind von stechendem und pulsierendem Charakter. Meist sind sie begleitet von Übelkeit, Erbrechen, Licht- und/oder Lärmempfindlichkeit. Auch Schwindel und Verschwommensehen können zum klinischen Erscheinungsbild gehören.
Nur etwa 15% aller Migränepatienten leiden an einer Migräne mit Aura (migraine accompagnee). Eine Aura ist ein neurologisches Symptom, das typischerweise kurz vor dem Kopfschmerz auftritt und selten länger als eine halbe Stunde anhält, bevor der Kopfschmerz einsetzt. Meist betrifft die Aura das Gesichtsfeld, das heißt, das Sehen von farbigen Blitzen und Zacken (sog. Fortifikationen), aber auch Ausfälle im Gesichtsfeld (sog. Skotome) und sogar, dass man zu einer Seite nichts mehr sehen kann (sog. Hemianopsie), gehört zu diesen Auraerscheinungen. Ganz selten berichten Patienten von einer kurzfristigen Taubheit des Armes und des Gesichtes, aber auch kurzfristige Lähmungen und Sprachstörungen können auftreten. Ein wichtiger Unterschied zu einer Gefühlsstörung oder Lähmung bei Schlaganfällen ist, dass diese Symptome bei Migräne sich langsam aus- und wieder zurück bilden, während sie beim Schlaganfall i. R. schlagartig auftreten. Eine Aura kann übrigens auch mal ohne Kopfschmerzen auftreten. Wenn Sie an einer Aura leiden, sollte Ihr Arzt davon wissen, um andere Ursachen, z.B. einen Tumor, ausschließen zu können.
Wer bekommt Migräne und warum?
Während man im Allgemeinen häufig nur wenig über die Entstehung von Kopfschmerzen weiß, ist man der Ursache der Migräne in den letzten Jahren ein gutes Stück näher gekommen. Wahrscheinlich handelt es sich bei der Migräne um eine Erbkrankheit, die über verschiedene Chromosome weitergegeben wird, und die nicht, wie früher häufig vermutet wurde, auf eine labile Persönlichkeit zurück geführt werden kann. Sicher ist dies für eine Sonderform der Migräne, der sog. „familiär hemiplegischen Migräne“. Dies bedeutet nicht, dass, wenn jemand in der Familie an Migräne leidet, man selber auf jeden Fall dieselbe Erkrankung hat, sondern nur, dass die Veranlagung eine Migräne zu bekommen, vererbt wird. Zusätzlich müssen noch andere Faktoren hinzukommen, um eine Migräneattacke triggern zu können. Auslöser können sein Stress oder Aufregung, wobei auch erfreuliche Ereignisse zu den Attacken führen können. Auch Wetterwechsel, Schlafmangel, unregelmäßige Nahrungsaufnahme oder Dehydrierung können eine Migräne auslösen. Was beim Einzelnen die Attacken auslöst, kann aber ganz unterschiedlich sein. Ganz sicher spielen Hormone eine Rolle, genau verstanden ist der Zusammenhang jedoch noch nicht. Es gibt auch eine Migräneform, die nur während der Periode auftritt (sog. menstruelle Migräne).
Was kann man selber gegen seine Migräne tun?
Obwohl sicherlich ein wesentlicher Bestandteil der Migränebehandlung in der Einnahme von Medikamenten besteht, gibt es einige Dinge, die man selber dazu beitragen kann, dass die Attacken nicht so häufig auftreten. Hierzu gehört z.B. eine geregelte Lebensführung. Das heißt, man sollte darauf achten, sich vernünftig zu ernähren, möglichst nicht zu Rauchen und regelmäßig zu schlafen. Aber Vorsicht, auch zu viel Schlaf kann u. U. eine Migräneattacke auslösen.
Man vermutet, dass es im Gehirn so etwas wie einen “Migränegenerator“ gibt, denn mittels einer modernen Bildgebungsmethode (PET = Positronenemissionstomographie), die die Funktion des Gehirns während der Migräneattacke untersucht, konnten Forscher ein Areal finden, das nur während, nicht jedoch außerhalb der Attacke aktiviert war (siehe Abb 2).
Abbildung 2:
Der rote Fleck bezeichnet die Stelle im Bereich des Hirnstammes, die während der akuten Migräneattacke aktiviert ist und vermutlich den „Motor“ für die Migräne darstellt.
Was gibt es für Behandlungsmethoden?
Bei der medikamentösen Behandlung der Migräne unterscheidet man zum einen die Therapie der einzelnen Migräneattacke (Akuttherapie) und eine prophylaktische (vorbeugende Therapie) zur Vermeidung häufig auftretender Migräneattacken. Als Akuttherapie der einzelnen Migräneattacke stehen zum einen „klassische“ Schmerzmittel (Aspirin, Paracetamol, Ibuprofen, Naproxen, etc) zur Verfügung. Zum anderen gibt es spezifische Migränemedikamente (Triptane), die nur bei der Migräne und nicht bei anderen Schmerzen helfen. Sollte Übelkeit während der Kopfschmerzen die Einnahme von Tabletten verhindern, sollte man auf andere Darreichungsformen wie Nasensprays, Zäpfchen oder Schmelztabletten ausweichen. Wenn auch das nicht hilft, sollte man mit dem Hausarzt besprechen, ob ein Medikament gegen Übelkeit (sog. Antiemetika) wie zum Beispiel Metoclopramid oder Domperidon vor dem Kopfschmerzmittel eingenommen werden sollte. Man weiß inzwischen, dass der Magen-Darmtrakt während der Migräneattacke vorübergehend „gelähmt“ wird, was auf die Aktivierung spezieller Hirnareale zurückgeführt wird. Das führt dazu, dass Tabletten im Magen liegen bleiben und nicht aufgenommen werden können. Damit kann dann natürlich auch keine, oder nur eine unzureichende Wirkung erreicht werden. Antiemetika können die Aufnahme des Schmerzmittels im Darm verbessern und beschleunigen. Man wartet deshalb etwa 15 Minuten, bis das Antiemetikum wirkt und nimmt dann erst das Schmerzmittel. Man vermutet, dass auch das Metoclopramid eine leicht schmerzreduzierende Wirkung hat.
Somit hilft die kombinierte Einnahme mit sog. „Antiemetika“ nicht nur gegen Übelkeit, sondern erhöht auch die Wirksamkeit der eingenommenen Schmerz/Migränemittel.
Generell ist wichtig, dass Sie nicht zu viele Schmerzmittel einnehmen (wenn dies regelmäßig der Fall ist, sollten Sie das mit ihrem Hausarzt besprechen), da sonst ein medikamenten-induzierter Kopfschmerz droht. Ein Richtwert ist, dass die Einnahme von Schmerzmitteln auf weniger als 10 Tage pro Monat beschränkt sein sollte.
Sinn der medikamentösen Prophylaxe ist eine Reduzierung von Häufigkeit, Schwere und Dauer der Migräneattacken und die Vorbeugung des medikamenten-induzierten Kopfschmerzes. Eine optimale Migräneprophylaxe erreicht eine Reduktion von Anfallshäufigkeit, -intensität und Dauer von mindestens 50%. Zunächst soll der Patient über vier Wochen einen Kopfschmerzkalender führen um die Anfallsfrequenz und den Erfolg oder Misserfolg der jeweiligen Attackenmedikation zu dokumentieren.
Die Indikation zu einer medikamentösen Prophylaxe der Migräne wird individuell gestellt und ergibt sich zum Beispiel bei einer hohen Attackenfrequenz, besonders langen Migräneattacken, insbesondere solchen die nicht auf die Akuttherapie ansprechen, sowie komplizierten und lang anhaltenden Auren.
Das besondere an den Medikamenten, die zur Migränevorbeugung eingesetzt werden ist, dass sie alle nicht zu diesem Zweck entwickelt wurden, sondern dass sich diese Eigenschaft erst im Verlauf herausgestellt hat. Man darf sich also nicht wundern, wenn der behandelnde Arzt ein Medikament gegen hohen Blutdruck oder Epilepsie verschreibt. Etablierte Migränemittel sind die Betarezeptorenblocker Metoprolol und Propranolol, der Kalziumantagonist Flunarizin, sowie die beiden Antikonvulsiva Valproinsäure (off label use) und Topiramat. Trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin haben auch einen positiven Effekt auf die Migräne, insbesondere dann wenn eine Kombination mit einem Spannungskopfschmerz vorliegt, oder wenn, wie häufig bei chronischen Schmerzen, eine zusätzliche Depression besteht.
Was passiert eigentlich genau bei der Migräneattacke?
Das Gehirn selber ist vollkommen schmerzfrei. Nur die Hirnhäute und die darin verlaufenden Gefäße werden vom N. trigeminus versorgt und sind somit in der Lage Schmerzen auszulösen. Man nimmt an, dass es im Hirnstamm Regionen gibt, die bei der Migräneattacke aktiviert werden und durch Fortleitung von Impulsen zu Erregung des N. Fazialis und seiner begleitenden vegetativen Fasern führt, wodurch eine Gefäßerweiterung zustande kommt. Mit dieser Erweiterung kommt es gleichzeitig zu einer vermehrten Durchlässigkeit der Gefäße, so dass entzündungsfördernde Stoffe (Serotonin, Calzitonin gene related peptid) aus den Gefäßen in das umliegende Gewebe übertreten und eine Entzündung auslösen können. Durch diese Entzündung kommt es dann zur Aktivierung des N. trigeminus, dessen Fasern auch in den Wänden der Gefäße verlaufen. Er sendet dann Schmerzimpulse über mehrere Zwischenstationen zur Hirnrinde, wodurch die Schmerzen dann wahrgenommen werden. Entgegen der früheren Annahme, dass die Gefäßerweiterung die Ursache der Kopfschmerzen ist, vermutet man heute, dass die hieraus resultierende Entzündungsreaktion den Kopfschmerz bedingt.
Bei der Aura scheint es s zu sein, dass sich zuvor die Gefäße erst einmal zusammenziehen und hierdurch eine Minderdurchblutung eintritt, die sich mit einer ungefähren Geschwindigkeit von 2-3 mm/ min über das Gehirn ausbreitet. Das erklärt auch, warum sich z.B. Lähmungen oder Sensibilitätsstörungen langsam entwickeln und nicht, wie beim Schlaganfall von jetzt auch gleich vorhanden sind. Weil die Gefäße in diesem Stadium der Migräneattacke ohnehin schon eng sind, sollte in dieser Zeit keine Triptane eingenommen werden, weil diese auch zu einer Gefäßverengungen führen. Nach Abklingen der Aurasymptomatik ist der Einsatz der Triptane (bei Beachtung der Kontraindikationen) unbedenklich.
Besonderheiten:
Als Begleiterscheinung kann eine Allodynie (= eine normale Berührung, die als schmerzhaft empfunden wird) z.B. im Gesicht- oder Kopfbereich auftreten. In dieser Zeit sind Triptane weniger wirksam.
Migräne bei Kindern: Auch kleine Kinder können schon unter Migräneattacken leiden. Hier liegt die Dauer aber häufig nur bei 1-6 h. Kopfschmerzen können völlig fehlen, Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen können im Vordergrund stehen und das Erkennen der Migräne erschweren. Etwa bei 50% der Kinder verliert sich die Migräne mit der Pubertät. Während vorher das Geschlechterverhältnis ausgeglichen ist, sind Mädchen nach der Pubertät doppelt so häufig wie Jungen betroffen. Zunächst sollte versucht werden, die Kinder von Reizen abzuschirmen, Kühlelemente und ätherische Öle einzusetzen. Erst dann werden medikamentöse Therapien erwogen. Diese sollten einem erfahrenen Therapeuten vorbehalten bleiben.
Migräne bei Schwangeren: Häufig kommt es infolge der hormonellen Umstellung häufig zu einer spontanen Reduktion der Migränehäufigkeit. Für die Behandlung gilt grundsätzlich: Medikamente sollten nur eingesetzt werden, wenn sie unbedingt nötig sind. Paracetamol kann zu jedem Zeitpunkt, Aspirin nur zwischen dem 3. und 6. Monat eingenommen werden. Wenn nötig, kann eine Prophylaxe mit Betablockern durchgeführt werden. Auch Magnesium (2x300 mg) kann versucht werden, wobei es langsam aufdosiert werden sollte, um Durchfälle verhindern. Nach der Geburt ist Vorsicht geboten, wenn gestillt wird. Es gilt dann ebenfalls, nur behandeln, wenn unbedingt nötig und am besten auch nur mit Paracetamol.