| Home > Zentren > Zentrum für Psychosoziale Medizin > Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters > Nachruf für Prof. Dr. med. Peter Riedesser
Wir trauern um unseren langjährigen Klinikdirektor und fürsorglichen Chef
Prof. Dr. med. Peter Riedesser
Unter seiner Leitung als Chefarzt, Hochschullehrer und herausragendem Psychoanalytiker zu arbeiten, war für uns alle ein Privileg. Der Fortführung seines unermüdlichen therapeutischen, wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Engagements für das Wohl seelisch belasteter Kinder und ihrer Familien fühlen wir uns nachhaltig verpflichtet. Seine warmherzige Art, Begeisterungsfähigkeit und kreative Energie werden uns sehr fehlen.
Für alle Mitarbeiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie
PD Dr. med. Georg Romer Thomas Meier
Kommissarischer Direktor Leiter des Pflege- und Erziehungsdienstes

Kurzvita
Nachrufe
Radiointerviews
ausgewählte Vorträge zwischen 2001 und 2007
Kurzvita
Peter Riedesser, Prof. Dr. med., geb. 1945, Studium der Medizin, Assistent in der Psychiatrischen- und Nervenklinik der Universität Freiburg i. Br. (Erwachsenenpsychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie).
Ab 1979 Kinder- und Jugendpsychiater an der Universitäts-Kinderklinik Freiburg. Psychoanalytische Ausbildung am Psychoanalytischen Seminar Freiburg.
Mitglied der Deutschen und Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung, Habilitation über "Psychische Gefährdungen und Erkrankungen von Kindern ausländischer Arbeitnehmer in der Bundesrepublik Deutschland".
Weitere Arbeitsschwerpunkte: Psychosomatische Erkrankungen des Kindes- und Jugendalters, psychische Traumatisierung durch Krieg und Verfolgung. Arbeiten zur kritischen Aufarbeitung der Geschichte der Militärpsychologie und Militärpsychiatrie, zuletzt (mit Axel Verderber) "Aufrüstung der Seelen" (1985) sowie "Maschinengewehre hinter der Front - Geschichte der deutschen Militärpsychiatrie", 2004 (2. Auflage).
Von 1991 bis 2008 Inhaber des Lehrstuhls für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und Direktor der Klinik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.
Mitarbeit an Projekten in Südosteuropa, Irak und Mozambik.
Engagement in "Children of Baghdad" und IPPNW für den Aufbau eines Psychotherapiezentrums für Kinder in Bagdad.
Ko-Autor des Buches G. Fischer und P. Riedesser: "Lehrbuch der Psychotraumatologie", Reinhardt-Verlag, München, 4. Aufl. 2004.
Vize-Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
Giordano Bruno Stiftung vom 20.09.2008
UKE Vorstand vom 2.09.2008
Hamburger Abendblatt vom 23.09.2008
Die Welt vom 24.09.2008
Interview mit Eva Lauterbach SWR 2 "Zeitgenossen"
"Zeitportrait: Der Seelenorganisator"
Ausgewählte Vorträge zwischen 2001 und 2007
Trauma, Terror, Kinderschutz: Prävention seelicher Störungen und destruktiven Verhaltens
Welche Kinder will das Land?
Bürgerstiftung "Was macht Kinder destruktiv"
"Beziehungsgesellschaft" Ursula von der Leyen
Trauma - Terror - Kinderschutz: Prävention seelischer Störungen und destruktiven Verhaltens
Vortrag bei der Verleihung des Kinderschutzpreises am 29.10.2001 in Hamburg
Sehr geehrte Frau Ministerin, sehr verehrte Frau Senatorin, Herr Dr. Imeyer,
meine Damen und Herren,
I. Die Wucht der traumatischen Ereignisse vom 11. September hat die Welt verändert. Wie durch einen grellen Blitz wurden die Schwachstellen unserer Zivilisation beleuchtet. Jetzt wissen wir nicht nur, wie störanfällig unsere hochtechnisierte Industriegesellschaft ist, sondern auch, wie verletzlich unser seelisches Gleichgewicht und wie bedroht unser lebensnotwendiger Glaube an die prinzipielle Gutartigkeit des Menschen und des Schicksals sind. Besonders verunsichert sind unsere Kinder, die oft ungefiltert alle Schreckensmeldungen aus den USA, Afghanistan und anderen Ländern in sich aufnehmen müssen. Wie soll jetzt das Vertrauen in eine prinzipiell berechenbare, gutartige Welt, die Hoffnung auf eine friedliche, alle Anstrengungen lohnende Zukunft wieder aufgebaut werden?
II. Wieder einmal ist es den Erwachsenen nicht gelungen, Kinder vor seelischen Traumatisierungen zu schützen. Es gibt ein altes afrikanisches Sprichwort, das heißt: "Wenn die Elefanten streiten, werden die Blumen zertrampelt."
Solche seelischen Verletzungen gibt es seit Menschengedenken durch Krieg und Verfolgung, von den Kinderkreuzzügen bis zu den traurigen Höhepunkten im 20. Jahrhundert durch die beiden Weltkriege, ungezählte Bürgerkriege und den Holocaust, der auch ein Massenverbrechen an Kindern war. Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind Kinder wieder die Hauptleidtragenden, die Waisen in New York, Washington und in Afghanistan. Aus den Lebensgeschichten afghanischer Flüchtlingskinder, die wir seit zehn Jahren in unserer Klinik in Hamburg behandeln, sind wir über das Ausmaß des Leidens afghanischer Familien wohl informiert.
III. Positiv zu vermerken ist, dass - wie noch nie vorher - das seelische Leid der traumatisierten Kinder in New York und Washington, aber auch in Afghanistan selbst und in den Flüchtlingslagern z.B. in Pakistan, zur Sprache kommt. Diese Kinder leiden nicht mehr stumm, sondern ihr Elend wird durch die Medien und UNICEF weltweit bekannt. Dies bedeutet bei allem Elend die Chance, dass sich die Weltöffentlichkeit, besonders in den reichen Industrieländern, verstärkt für die seelischen Gefährdungen und Traumatisierungen von Kindern und Jugendlichen sensibilisieren lässt.
Zunehmen sollte auch unsere Sensibilität gegenüber Traumatisierungen, die nicht von außen kommen, sondern innerhalb der Familie stattfinden, zum Beispiel, wenn die elterliche Schutzperson erkrankt, stirbt oder sogar selbst zum Aggressor wird, indem sie ihre Schutzbefohlenen vernachlässigt, misshandelt oder sexuell missbraucht. Aus unseren klinischen und wissenschaftlichen Erfahrungen wissen wir von der Gefahr, dass Kinder, die Opfer waren, später zu Tätern werden - sei es als delinquente, destruktive Jugendliche oder als später selbst misshandelnde Eltern, sei es als politische Terroristen, welche die selbst erfahrenen sichtbaren und unsichtbaren Verletzungen weitergeben, aufgeladen durch gesellschaftliche Ideologien, die ihnen im Falle fundamentalistischer Glaubenssysteme jegliches Mitleid mit den unschuldigen Opfern und entsprechende Schuldgefühle nehmen. Religiöse Ideologien überwinden sogar die natürliche Todesangst durch das Versprechen, sofort in den Himmel zu kommen. Solche Phänomene sind uns auch aus der Geschichte des christlichen Abendlandes, z.B. vom Kampf der Kreuzritter gegen die Heiden, der Heiligen Inquisiton etc. nur zu gut bekannt.
IV. Wenn wir davon ausgehen müssen, dass sich die Fähigkeit zur Empathie, zum Mitleid, aber auch zur Rücksichtslosigkeit, Unversöhnlichkeit, Skrupellosigkeit und die Anfälligkeit für Militarisierungsbereitschaft und destruktive Ideologien schon in der Kindheit entwickeln, dann ist Kinderschutz nicht nur eine karitative Aufgabe von freundlichen Frauen und psychosozialen Softies und Gutmenschen, sondern wird zu einer zentralen politischen und ökonomischen Aufgabe. Jugendliche Gewalt, Drogenabhängigkeit, Anfälligkeit für militante religiöse und politische Ideologien werden zu einem nur global zu lösenden Problem. Der hohe und weiter steigende Gewaltpegel auch in amerikanischen Großstädten hat einen Kollegen aus Los Angeles veranlaßt, ein Buch mit dem Titel: "War in the Cities" (Krieg in den Städten) zu schreiben. Für Kinder kann das Leben unter solchen Umständen, in Armut und Perspektivlosigkeit, im täglichen Familienkrieg, zu hoher Gewaltbereitschaft führen, was sich Blitzableiter sucht.
Auch wenn wir die Feinheiten der Biografien von Selbstmordattentätern und den sog. Sleepern noch nicht genügend kennen, muss doch davon ausgegangen werden, dass diese nicht vom Himmel fallen, sondern eine individuelle familiäre und soziale Vorgeschichte haben, die sie verführbar macht für mörderische und selbstmörderische Ideologien. Diese Biographie muss geprägt sein von hohem destruktivem Potential, sonst wäre eine so rücksichtslose, zielgerichtete mörderische Planung nicht möglich. Wer eine wirklich gute Kindheit hatte, ist immun gegen die Verführung zum ideologisch motivierten Selbstmordattentat.
V. So schließt sich, aufgerüttelt durch den 11. September, der Kreis der Argumentation:
Kinderschutz ist nicht nur eine humanitäre Pflicht und Vorbeugung von seelischem Leid, sondern auch Prävention von Kriminalität, Drogenmissbrauch, politischem und religiösen Terrorismus und damit auch Schutz von Wohlstand und Demokratie. Trauma-Prävention ist Terror-Prävention, Kinderschutz wird zu einer zentralen Voraussetzung für die Sicherung von Demokratie und ökonomischer Nachhaltigkeit. Der Kinderschutz bei uns wird so zu einem regionalen Standortfaktor, in globaler Perspektive zur Basis für eine friedliche Zukunft ohne Angst vor dem Damoklesschwert von Terrorismus und Krieg.
VI. Was bedeutet dies für unser Handeln?
Wir müssen, statt gelähmt zu resignieren und in hilfloser Angst vor der terroristischen Bedrohung zu verharren, uns gemeinsam engagieren, damit die Lebensbedingungen für Kinder und Jugendliche weltweit rasch und konsequent verbessert werden. Nur dadurch wird den terroristischen Rattenfängern der Nährboden für die Rekrutierung von Nachwuchs jetzt und in der nächsten Generation entzogen. Dazu ist im Zeitalter der Globalisierung des Terrors und der Angst eine gewaltige globale Anstrengung erforderlich. Wir können hier bei uns damit beginnen, daß wir explizit als Ziel proklamieren, dass Deutschland, das im 20. Jahrhundert durch den Nazismus zum kinderfeindlichsten Land der Welt geworden war, jetzt im 21. Jahrhundert das kinderfreundlichsteLand der Welt werden soll, nach innen und nach außen. Eine solche Proklamation wäre ein bedeutendes positives Signal im In- und Ausland und hätte viele erfreuliche Folgen; es würde z.B. bedeuten, daß wir bei drohendem Zerfall sozialer Netze Eltern zum frühest möglichen Zeitpunkt helfen, gute Eltern zu sein und liebevoll gelingende Beziehungen zu ihren Kindern aufzunehmen, damit diese Urvertrauen und Optimismus entwickeln als Puffer gegen die unvermeidlichen Krisen und Gefahren des späteren Lebens, übrigens auch als Panikprophylaxe. Besonders bei Risikokonstellationen gilt es, die empathische Kompetenz der Eltern systematisch zu unterstützen und, wenn diese gefährdet oder schon beschädigt ist, beim Wiederaufbau zu helfen, z.B. schon bei Risikoschwangerschaften, Frühgeburtlichkeit, bei sog. Schreibabys, chronischer Krankheit oder Behinderung, bei Vernachlässigungs- und Misshandlungsgefahr infolge völliger Überlastung der oft jungen, unerfahrenen Eltern.
Das Verbot demütigender körperlicher Bestrafung von Kindern ist ein historisch überfälliger, richtiger Schritt in die richtige Richtung; Ihnen, Frau Ministerin Bergmann und Frau Senatorin Peschl-Gutzeit, gebührt dafür unser Dank, zumal er auch zu der richtigen Konsequenz führt, die Angebote qualifizierter Erziehungsberatung, d.h. besser gesagt: "Beziehungsberatung", für hilflose Eltern von hilflosen Kindern auszubauen.
Ein Deutschland als kinderfreundlichstes Land der Welt würde aber auch Schrittmacher sein für einen globalen Marshallplan für die Kinder Osteuropas und der Dritten Welt mit dem Ziel eines konsequenten Abbaus der skandalösen Diskrepanz zwischen den materiellen Lebensbedingungen in den reichen Industrieländern und der Verelendung von hunderten Millionen Kindern in Osteuropa und in der Dritten Welt. Die Gleichgültigkeit in den reichen Ländern ist auch eine Form von unmenschlicher Härte und grenzt an unterlassene Hilfeleistung, die spätere Generationen uns zu Recht vorwerfen würden.
VII. Ich komme zum Schluß und fasse zusammen:
Je mehr Kinder bei uns und weltweit vernachlässigt, geschlagen, gedemütigt werden und in Hoffnungslosigkeit und Haß abgleiten, desto höher ist das destruktive Potential in unserem eigenen Land und weltweit.
Vor diesem Hintergrund ist Kinderschutz zu einer Frage des Überlebens geworden. Weltweiter Kinderschutz ist der Königsweg zur Prävention nicht nur von seelischem Leid, sondern auch von Kriminalität, Militarismus und Terrorismus. Er sichert die Demokratie und den friedlichen kulturellen und ökonomischen Austausch.
Unsere gesamte Kreativität und Entschlossenheit ist gefragt, dies zu realisieren. Wenn wir alle dies wollten in einem einzigartigen solidarischen Akt, hätten wir dafür auch das Wissen und die Mittel. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
"Welche Kinder will das Land? Thesen zu Kindheit, Beziehungskultur und Demokratie"
Vortrag Hanse-Merkur, 09.10.2000
Sehr geehrte Frau Rau, sehr geehrte Frau Bürgermeisterin, verehrter Herr Dr. Imeyer,
meine Damen und Herren!
Vor genau 100 Jahren gab es Optimisten, die das beginnende 20. Jahrhundert als "Jahrhundert des Kindes" proklamierten. Es sollte Schluss sein mit dem oft unendlichen Leid, das Kinder in der Geschichte der Menschheit erlitten hatten. Die Kinder des 20. Jahrhunderts sollten frei sein von Hunger, Vernachlässigung, Misshandlung, Kinder-arbeit, Krieg und Verfolgung.
100 Jahre später ist die Bilanz ernüchternd: Es war ein Jahrhundert von zwei Weltkriegen, ungezähl-ten Bürgerkriegen, das Jahrhundert des Holocaust und einer fortdauernden, gravierenden Verelen-dung von Milliarden von Kindern in der sog. Dritten Welt.
Dennoch hat die Bilanz auch positive Seiten: Noch nie in der Geschichte der Menschheit ist so viel Wissen über seelische Grundbedürfnisse von Kindern gesammelt und so viel reflektiertes Bemü-hen um die Herstellung gesunder Entwicklungsbedingungen, Heilung und Verhinderung von Kinderleid erfolgt. Die Wissenschaften vom Menschen sind jetzt imstande, Rahmenbedingungen zu formulieren, unter denen sich Kinder hinreichend gut entwickeln können und Faktoren zu definieren, unter denen die Entwicklung Scha-den leidet, blockiert wird oder entgleist. Dazu trugen ungezählte Eltern, Initiativgruppen, Kinderärzte, Psychoanalytiker, Entwicklungspsychologen, Kinderpsychiater, Pädagogen und Juristen, aber auch Journalisten und nicht zuletzt die Politiker bei, die sich systematisch für die Verankerung von Grundrechten von Kindern in Verfassungen und Gesetzen eingesetzt haben, zuletzt in Deutschland für die Abschaffung der Prügelstrafe in Schulen und Familien. Zu dieser positiven Bilanz, die als Gradmesser für die wachsende Humanität unserer Gesellschaft gesehen werden kann, gehört auch das Engagement von Mäzenen und Sponsoren, beispielhaft die Hanse-Merkur-Versicherung.
Was Eltern intuitiv schon immer wussten, ist heute auch durch die tägliche klinische Erfahrung und wissenschaftliche Studien bewiesen: Kinder brauchen von der Säuglingszeit an ein Nest von konstanten Bezugspersonen, die kontinuierlich und verlässlich eine ganze Kindheit lang zur Verfügung stehen und das Fundament und die Struktur für eine stabile Entwicklung bilden. Auf diesem Urvertrauen aufbauend, entwickeln sich Beziehungsfähigkeit und Beziehungsfreude zu anderen Menschen, die Fähigkeit zur Einfühlung und eine stabile Überzeugung vom Wert der eigenen Persönlichkeit. Kinder hingegen, die durch Vernachlässigung, traumatisierende Trennungen, Misshandlung und dauernde kritische Herabsetzung in Familie und Schule in zentralen Entwicklungslinien beschädigt worden sind, geraten in Gefahr, langfristige Folgeschäden zu entwickeln: Diese können psychische Erkrankungen sein bis hin zu Dorgenmissbrauch und Suizidalität. Es kann aber auch geschehen, dass Kinder, die sich eine Kindheit lang als Opfer von offener und subtiler Gewalt fühlen, eines Tages aus unbewussten oder bewussten Gefühlen der Rache der "Gesellschaft" das zurückgeben, was ihnen an frühen Verletzungen angetan worden ist. Oft geschieht dies ohne Gefühle der Schuld, da die Rache ja "berechtigt" ist. Dies kann zu den üblichen kriminellen Karrieren führen, aber auch zu politischem Terrorismus und Vandalismus. Die rechtsradikalen "Glatzen" sind mit ihren destruk-tiven Aktivitäten gegen ausländische und jüdische Mitbürger nicht vom Himmel gefallen, sondern es sind die psychisch verletzten, vernachlässigten, in den Hass abgeglittenen Kinder von gestern. Die vielen Hunderttausend beschädigten, vernachlässigten Kinder von heute sind in Gefahr, die rechtsradikalen "Glatzen", Drogenabhängigen und Delinquenten von morgen zu werden und die erlittenen Traumatisierungen eines Tages an die nächste Generation, nämlich ihre eigenen Kinder, weiterzugeben. Die misshandelnden Eltern von heute sind die misshandelten Kinder von gestern, die traumatisierten Kinder von heute sind die potentiellen Täter von morgen.
Wenn dies so ist, hat es gewaltige Konsequenzen für unser präventives Denken und Handeln; denn jetzt ist es nicht nur ein Gebot der Humanität, dass Kinder gut behandelt werden und nicht geschla-gen, in ihrem Selbstvertrauen nicht beschädigt, in ihrem Bedürfnis nach Verlässlichkeit und Kontinuität nicht enttäuscht, nicht vernachlässigt und nicht Opfer seelischer oder körperlicher Gewalt. Vielmehr ist es auch eine politische und ökonomische Notwendigkeit, das destruktive Potential in unserer Gesellschaft konsequent zu senken. Wenn dies nicht geschieht, bedeutet dies nicht nur eine Zunahme psychischer Erkrankungen und Gewalt in Schulen und Freizeitbereich, sondern auch eine Zunahme von rechtsradikalem Terrorismus, Vandalismus und emotionaler Verführbarkeit zum Militarismus.
In unserer hochverdichteten, verletzlichen Indu-striegesellschaft ist dies fatal und hat gewaltige ökonomische und politische Konsequenzen, einmal in Hinblick auf gesundheitliche Folgeschäden und Sachschäden, u.a. bezogen auf Beschaf-fungskriminalität; es hat aber auch gravierende Konsequenzen für ein Land oder eine Stadt als Standort für regionale und internationale ökonomische Vernetzungen, und es bedeutet auch eine ständige Bedrohung unserer Demokratie. Dies sei denen gesagt, die glauben, sie könnten sich auf die Sharehoulder values konzentrieren und die Kinder den "Gutmenschen", Frauen, karitativen Organisationen, psychosozialen Berufsgruppen und einigen Mäzenen überlassen. Diese "Global Players" tanzen auf einem Vulkan.
Kinderschutz und die Herstellung eines optimalen Entwicklungsklimas für nächsten Generationen ist also nicht nur eine humanitäre, sondern auch eine zentrale ökonomische und politische Aufgabe. So wie in den letzten Jahrzehnten Begriffe wie "ökologische Verantwortung", "Umweltverschmut-zung" und die Notwendigkeit der Organisation "nachhaltiger Strukturen" zunehmend ins Bewusstsein immer größerer Bevölkerungsgruppen getreten ist, so muss jetzt mit derselben Dringlichkeit die Gefahr der Innenwelt-Verschmutzung, ja Innenwelt-Zerstörung der nächsten Generationen in ihrer gesamten Dimension gesehen und deren Verhinderung als gemeinsame Herausforderung erkannt und angepackt werden. Der Fluch der Weitergabe von Gewalt- und Ohnmachtserfahrungen von Generationen von Kindern an die nächste Generation muss durch-brochen werden. Dies sichert langfristig auch unsere Demokratie, die angewiesen ist auf Menschen, die fähig sind zu kreativen, nicht-destruktiven Konfliktlösungen in privatem und öffentlichen Raum. Dies wird schon in der Kindheit erlernt. Dort, wo Diktaturen schon in Familien üblich sind, in der Regel durch einen diktatorischen Vater, sind solche im übrigen gesellschaftlichen und politi-schen Raum wahrscheinlicher. In den Ländern und Epochen, in denen das Rückgrat der Kinder früh deformiert und der aufrechte Gang in Denken und Sprechen blockiert worden ist, haben wir auch später Untertanen zu befürchten, die ihre Würde nur schwer solidarisch gegen Diktatoren verteidigen können, und die sich schlimmstenfalls mit den sadistischen Gewaltherrschern identifizieren, wie aus der deutschen Geschichte nur zu gut bekannt ist. Hingegen sind Kinder, die liebevoll und mit der Fähigkeit zur Einfühlung in andere erzogen worden sind, weitgehend immun gegen Militarismus und Terrorismus.
Es gibt ein afrikanisches Sprichwort, das heißt:
"Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf".
Wenn wir diese Lebensweisheit auf Deutschland übertragen, merken wir, wie klein dieses Dorf oft ist, zum Beispiel für die alleinerziehende alkoholkranke Mutter eines Einzelkindes im 8. Stock einer Sozialwohnung ohne ausreichenden Kontakt im Haus, in der Nachbarschaft oder in der Verwandtschaft. Wir müssten also für jedes Kind in Deutschland als Kompensation für die über viele Jahrzehnte zerfallenen sozialen Bindungen in unserer Gesellschaft ein neues Dorf schaffen. Zu dieser Schaffung einer neuen solidarischen Beziehungskultur in unserer Gesellschaft gehören viele Menschen: Selbstverständlich die Blutsverwandten, die Wahlverwandten, die Nachbarn, aber auch die schon während der Schwangerschaft hellhörigen Frauenärzte, Hebammen, Kinderärzte, Kindergärtnerinnen, Lehrerinnen und Lehrer, Sozialarbeiter, die ehrenamtlich im Freizeitbereich Engagierten, kinderfreundliche Architekten und Städteplaner und viele andere mehr. Der in Hamburg gegenüber sozial dekompensierenden Jugendlichen als Alternative zu geschlossenen Heimen geprägte Satz: "Menschen statt Mauern" muss, wenn es nicht nur ein Slogan sein soll, systematisch entfaltet werden: Es müssen sehr viele Menschen, schon von der Schwangerschaft an, im Sinne dieser afrikanischen Dorfgemeinschaft bereit sein, dem Kind ein hinreichend gutes Wachstum zu ermöglichen, damit Mauern, sei es in geschlossenen Heimen, sei es in Gefängnissen, überflüssig werden. Die Prävention von psychischer Erkrankung, Drogenmissbrauch, Kriminalität, Rechtsradikalismus und Militarismus beginnt also schon während der Schwangerschaft, die wieder zu einer Zeit der "guten Hoffnung" werden muss, bevor die Beziehung früh entgleist.
Die Schaffung eines solchen umfassenden Bewusstseins der Prävention wird viele Jahre dauern. In unserem Bereich geht es um Sensibilisierung der Fachleute und der Öffentlichkeit für die Notwendigkeit, Dringlichkeit und Größe dieser Aufgabe. Angesichts des wachsenden psychosozialen Problemdruckes und Gewaltpegels wird unsere demokratische Gesellschaft jedoch keine Alternative haben, als ausreichende Ressourcen mentaler, personeller und auch letztlich finanzieller Art für diese Aufgabe zur Verfügung zu stellen und gemeinsam unsere gesamte Kreativität zu mobilisieren. Seit 20 Jahren haben die psychosozialen Projekte mit ihren Preisträgern ein Signal in diese Richtung gegeben.
Heute können wir dieses Signal aufnehmen und gemeinsam beschließen, zu fordern und gemeinsam alles dafür zu tun, dass Deutschland, das im vergangenen Jahrhundert unendlich viel Leid über die Kinder in Europa gebracht hat, jetzt Vorreiter im Kinderschutz wird und das kinderfreundlichste Land der Welt. Dies mag für viele utopisch klingen, aber es gilt hier der Satz eines berühmten Philosophen, der voller Optimismus sagte - und damit darf ich schließen - :
"Nichts ist stärker als eine Idee, deren Zeit gekommen ist." Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.