Zu den Inhalten springen

Hauptnavigation:

Kontakt | English | Sitemap

| Home > Zentren > Kopf- und Neurozentrum > Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde > Geschichte

Geschichte der Klinik

(Aus: "100 Jahre Universitätskrankenhaus Eppendorf:1889-1989")

Im Jahre 1900 erfolgte die Eröffnung eines sogenannten "Ambulantoriums" für Hals-Nasen-Ohren-Kranke im Neuen Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf. Dieses war aber zunächst nur für stationäre Patienten der Klinik vorgesehen. Es war provisorisch in dem neuen Pavillon für Heilgymnastik untergebracht (1), welcher sich im Bereich der heutigen Orthopädischen Klinik befand. Die Eröffnung dieses Ambulantoriums, welches laut einer Mitteilung der Tagespresse (2) über "vorzügliche Wasch- und Spüleinrichtungen" verfügte, erregte damals großes Aufsehen. Bisher war nämlich die Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde als Gesamtfach noch keineswegs etabliert, sondern in die Disziplinen Otologie einerseits und Laryngo-Rhinologie andererseits gespalten. Ärzte für Otiatrie sind bereits im 18. Jahrhundert in Hamburg bezeugt(3).
Um die Jahrhundertwende wurden die rund 450 000 Einwohner der Freien und Hansestadt Hamburg in einer bereits 1894 im AK St. Georg eingerichteten "HNO-Abteilung" sowie von 20 niedergelassenen Ärzten versorgt, die sich entweder als Otologen oder Laryngo-Rhinologen auswiesen. Die Vereinigung von Otologie und Laryngo-Rhinologie erfolgte erst in den Jahren nach 1900. Im Jahre 1920 wurde die Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde verbindliches Unterrichtsfach und im ärztlichen Staatsexamen geprüft.

1899 hatte der Senat den aus Zwickau stammenden Otologen Dr. Hermann Arthur Thost (1854-1937)

gebeten, sich konsiliarisch um die Patienten des Neuen Allgemeinen Krankenhauses Eppendorf zu kümmern. Thost war weit über Deutschland hinaus fachlich anerkannt und genoß auch in der Hamburger Ärzteschaft aufgrund seiner standespolitischen Tätigkeiten (poliklinische Patientenversorgung, Lösung der Krankenkassenfrage) (4) hohes Ansehen. Ein Zeitgenosse urteilte über ihn: "Thost war eine Persönlichkeit von großem Format..." Die Anerkennung der Fachkollegen fand ihren Ausdruck in der Erteilung der Ehrenmitgliedschaft vieler laryngologischer Gesellschaften, schließlich auch der Gesellschaft Deutscher Hals-Nasen-Ohren-Ärzte (5). Bahnbrechend war seine "Bolzenbehandlung", eine Modifikation der Bougierung bei Stenosen des Kehlkopfes und der Trachea (6). Thost, der bei der Universitätsgründung als Extraordinarius der erste Fachvertreter der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde geworden war, verstarb hochgeehrt 1937 im Alter von 83 Jahren.

Auf den 1924 neugeschaffenen ordentlichen Lehrstuhl für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde berief man Professor Dr. Karl Wittmaack (1876-1972),

einen der brilliantesten Forscher und großen Kliniker dieses jungen Faches, zuvor Ordinarius in Jena, der den Ruf allerdings wegen der unzulänglichen Arbeitsbedingungen zunächst ablehnte. Nachdem die Hochschulbehörde Hamburg daraufhin -vergeblich- mit Wittmaacks Schüler Johannes Zange verhandelt hatte, wandte sie sich erneut an Wittmaack. Erst als man diesem weitreichende Versprechungen für einen Klinikneubau machte, nahm er den Ruf nach Hamburg an. Er begriff es als seine persönliche Tragik, daß nahezu sämtliche Versprechungen, die ihm in den Berufungs- verhandlungen gemacht worden waren, nicht eingehalten wurden (7), weil nicht alle beteiligten Behörden ihre Zustimmung gegeben hatten (8). Wittmaack gilt nicht zuletzt aufgrund seiner Monographien über die Otosklerose und über die Pneumatisationslehre des Warzenfortsatzes (9) als Begründer der modernen wissenschaftlich fundierten Otologie.
Der Verpflichtung, den damals häufigen Verwaltungssitzungen beizuwohnen, entledigte er sich auf seine Art: Er nahm grundsätzlich nie an ihnen teil. Während seiner Tätigkeit war Hamburg das Zentrum der otologischen Forschung. Er richtete eine der größten und vielfältigsten Sammlungen histologisch aufgearbeiteter Felsenbeine in der Welt ein, die auch heute noch im Mittelpunkt wissenschaftlicher Arbeiten stehen (10). Nach seiner definitiven Emeritierung zog er sich aus Hamburg zurück, welches er bis zu seinem Tode im Alter von fast 100 Jahren nicht mehr betrat.

Ihm folgte in den letzten Kriegstagen 1945 Professor Dr. Otto Steurer (1839-1959),

sein Schüler aus Jenaer Tagen und Direktor der Hals-Nasen-Ohren-Klinik in Rostock. Wenige Wochen nach Kriegsende wurde Steurer von der alliierten Militärregierung bereits wieder entlassen, so daß Wittmaack die Klinik erneut leitete, bis sie nach einem Jahr von Steurer endgültig übernommen wurde. Steurer war unter anderem Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina zu Halle. Er war aber in erster Linie Praktiker, kein Wissenschaftler. Sein bewährtes "Lehrbuch der Hals-Nasen-Ohren-Krankheiten" aus dem Jahre 1948 wurde 1969 von seinen ehemaligen Oberärzten Karl-Heinz Vosteen und Burkhard Schlosshauer neu herausgegeben. Steurer etablierte in Hamburg die gerade entwickelten Verfahren der gehörverbessernden Operationen, die heute aus dem Standardprogramm der Hals-Nasen-Ohren-Kliniken nicht mehr wegzudenken sind. Er gehörte zu jener Generation von Ärzten, die den ungeheuren Umbruch der Medizin in der Penicillin-Ära erlebten: Durch die plötzliche Beherrschung von komplizierenden Wundinfektionen konnte die Tumorchirurgie radikal erweitert werden. Im Nachruf hob sein langjähriger Oberarzt Schlosshauer nicht nur seine hohe fachliche Qualifikation hervor, sondern stellte heraus, "daß vor allem seine Menschlichkeit ihm im In- und Ausland hohes Ansehen verschafft hat" (11).

Nachfolger Steurers wurde 1961 Professor Dr. Rudolf Link (1919-1988),

aus Berlin kommend. Link war Mitbegründer des Handbuches für Hals-Nasen-Ohren- Heilkunde (12), welches einzigartig im deutschen Sprachraum ist. Mehrere Lehrstühle und Chefarztpositionen an großen Kliniken wurden von seinen Schülern besetzt.
Auch das Fach Hör-, Stimm- und Sprachheilkunde erlebte in dieser Ära einen großen Aufschwung: Bereits Steurer hatte Anfang der 50er Jahre die Bedeutung der Stimm- und Sprachheilkunde erkannt und zusammen mit dem außerplanmäßigem Professor für Phonetik Giulio Panconcelli-Calzia eine Sprechstunde eingerichtet. Dieser hatte in Paris die Behandlung der Sprachstörungen erlernt und war seit 1910 in Hamburg tätig. Während des Krieges 1914-1918 behandelte er in seinem phonetischem Laboratorium Stimmbandverletzungen. Er war zwar Phonetiker, hielt aber bis 1949 Sprechstunden für Stimm- und Sprachkranke ab.
Aus rudimentären Ansätzen wurde in der Ära Link die Abteilung für Hör-, Stimm- und Sprachheilkunde eingerichtet, die ab 1968 von Professor Dr. Wolfgang Pascher, einem Schüler Links, geleitet wurde. Entsprechend den phoniatrisch-pädaudiologischen Anforderungen werden seitdem Patienten aus dem gesamten norddeutschen Raum betreut, wobei insbesondere an dieser Abteilung Teamansätze in Zusammenarbeit mit Phoniatern, Psychologen und Logopäden Anwendung finden.

1978 wurde Professor Dr. Claus Herberhold,

aus Bonn kommend, Direktor der Eppendorfer Hals-Nasen- Ohren-Klinik. Die von ihm entwickelte objektive Olfaktometrie wurde als neue Untersuchungsmethode in die neuro-otologische Diagnostik mit eingeführt. Er etablierte neue Verfahren der rekonstruktiven Onkochirurgie des Pharynx sowie die endoskopgestützte Nebenhöhlenchirurgie. 1985 folgte er dem Ruf auf den Lehrstuhl für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde nach Bonn.

Sein Nachfolger wurde 1986 Professor Dr. Ulrich Koch.

Schwerpunkte seiner klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit sind die Otochirurgie, die Tumortherapie und die Pathophysiologie des Ohres. Zu Beginn seiner Amtszeit wurde mit dem Neubau des Operationstraktes begonnen, der inzwischen abgeschlossen ist. Bettenschleuse, Räume für Narkoseein- und ausleitung und ein Aufwachraum gehören ebenso zur Ausstattung wie ein Videosystem, das nicht nur die Dokumentation der Eingriffe ermöglicht, sondern auch gewährleistet, daß Operationen zu Fortbildungszwecken in den Hörsaal übertragen werden können. Den modernen Anforderungen entsprechend werden sämtliche endoskopischen Eingriffe im Kopf-Hals-Bereich sowie die Laserchirurgie hier durchgeführt.
Die Oberärzte Prof. Hörmann, Prof. Pau und Prof. Westhofen wurden auf die Lehrstühle in Mannheim, Rostock und Aachen berufen. Prof. Rauchfuß, Prof. Hartwein, Prof. Dr. Kehrl, Prof. Dr. Grundmann und Prof. Dr. Leuwer wurden Chefärzte großer HNO-Kliniken in Saarbrücken´, Pforzheim, Hamburg und Krefeld.

Im März 2008 übergab Prof. Koch die Klinik in die Hände des jetzigen

Direktors Prof. Dr. Rainald Knecht,

der zuvor lange Zeit als leitender Oberarzt an der Hals-Nasen und Ohrenklink der Universität in Frankfurt tätig war.

 

Entwicklung der räumlichen Situation:
Als im Jahre 1900 das Ambulantorium für Hals-Nasen- Ohren-Kranke im Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf eröffnet wurde, waren die operativen Schwerpunkte der neuen Abteilung Tonsillotomien, Radikaloperationen des Ohres bei Cholesteatomen und Aufmeißelungen des Warzenfortsatzes zur Beherrschung entzündlicher Komplikationen. Dabei wurden die Patienten anfangs entweder in die Medizinischen oder in die Chirurgischen Abteilungen verlegt. Dieser Zustand erwies sich aber bei ständiger Zunahme der Patientenzahl als untragbar. Im Jahre 1911 standen der HNO-Abteilung dann zur Unterbringung operierter Patienten 32 Betten in den Pavillons 44 und 47a zur Verfügung(13). Über die Funktionsräume liest man in den Mitteilungen des Senats an die Bürgerschaft vom 30.07.1919: "... besitzt die HNO-Abteilung keine eigenen Arbeitsräume... Der Oberarzt (Dr. Thost) ist gezwungen, in einem Raum zu untersuchen und zu operieren, welcher von direkt von der Straße kommenden Patienten angefüllt ist. Gleichzeitig nimmt man dort die Verabfolgung von Höhensonne unter drei Apparaten vor. Der Arzt ist gezwungen, trotz Unterhaltung der Patienten... Gehörprüfungen vorzunehmen..."(14) Nachdem sich der geplante Aufbau auf den Pavillon für Heilgymnastik als zu kostspielig erwiesen hatte, konnte schließlich nach mancherlei Schwierigkeiten 1921 ein eigener neuer Pavillon in Betrieb genommen werden(15). Bis 1928 wurde die Bettenzahl auf 54 erhöht. Dem Klinikleiter standen damals ein Sekundärarzt und vier Assistenzärzte zur Seite(16). Im selben Jahr wurde auch ein Laboratoriumsanbau an Pavillon 44 fertiggestellt, den man Wittmaack anstelle des versprochenen Klinikneubaus bewilligt hatte(17). Nach der Währungsreform arbeitete Steurer 1949 die Pläne eines neuen Klinikkonzeptes aus. 1953 wurde ein Teil des Gesamtprojekts seiner Bestimmung übergeben. Dem Hamburger Abendblatt vom 29.11.1953 entnimmt man: "Gestern wurde die neue Klinik eingeweiht, die modernste ihrer Art im Bundesgebiet. Die Leitung hat Prof. Dr. Steurer. Sie entstand aus dem Zusammenbau von drei alten Pavillons, die nach und nach ausgebaut und durch einen neuen Querriegel an der Westfront verbunden wurden. Die Klinik hat 110 Betten. Die Patienten sind dort in 2- oder 3-Bett-Zimmern untergebracht, außerdem in wenigen 4- und 5-Bett- Zimmern. Außerdem besitzt die Klinik moderne Operationsräume und Labors, einen Brochoskopieraum sowie eine Röntgenabteilung"(18). Den Neubau der von ihm geplanten Poliklinik konnte Steurer nicht mehr erleben. Er starb 1959.
Dem 1962 eingeweihten Bau gab sein Nachfolger Link den Namen "Otto Steurer-Haus".
Die folgenden Jahrzehnte brachten nur geringfügige bauliche Veränderungen und eine groß angelegte Renovierung der Klinik zwischen 1982 und 1992.
1987 wurde mit dem Neubau des zweigeschossigen Operationstraktes begonnen und bis Anfang 1992 fertiggestellt.
Der heutige OP-Trakt beinhaltet neben dem Einleitungsraum und dem Aufwachraum für die Patienten vier Operationssäle, in denen alle Eingriffe inklusive der mikrochirurgischen- und der laserchirurgischen Operationen durchgeführt werden können. Weiterhin besteht die Möglichkeit zur Videodokumentation und -für Ausbildungszwecke- die Übertragung von mikrochirurgischen Operationen über eine spezielle Videoanlage auf Monitore im Operationssaal sowie in den Hörsaal der Klinik.

 

Anmerkungen:
S. Hildebrand 1901, S. 60 f.
Hamburger Nachrichten Nr. 160 vom 11.07.1900.
Erich Brack: Über allerlei ärztliche Gerätschaften, die so in Hamburg in früherer Zeit im Gebrauch
waren. Hamburg 1930, S. 36.
Arthur Thost: Die Krankenkassenfrage in der Aerztekammer. In: Die Geschichte der
Aerztekammer in Hamburg (ca. 1941),S.79-99; ders.: Die Poliklinikfrage in der Aerztekammer. Ebd. S.100-104.
E. Krüger: Arthur Thost. Zeitschrift für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde 43 (1938), S.267-271, hier S.269.
A. Thost: Die Verengerungen der oberen Luftwege nach dem Luftröhrenschnitt und deren Behandlung.
München 1911. Vgl. o. Beitrag Uhlmann / Weisser.
S. Wolfgang Pirsig, Rolf Ulrich: Karl Wittmaack - His life, temporal bone collections and publications.
Arch. Otorhinolaryngol. 217 (1977) S. 247-262, hier 249.
Karl Wittmaack: Die normale und die pathologische Pneumatisation des Schläfenbeines. Jena 1918, ders.: Die Otosklerose. Jena 1919.
H. F. Schuknecht: Temporal bone collections in Europe and in the United States. Ann. Otol. Rhinol.
Laryngol. (St. Louis) Suppl. 130 (1987) S. 1-19
Burkhard Schlosshauer: Otto Steurer zum Gedächtnis. Laryng. Rhinol. Otol. 38 (1959) S.649-654, hier S. 652.
Julius Berendes, Rudolf Link, F. Zöllner: Handbuch der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. 6 Bde., Stuttgart
1966.
S. Heinrich Rodegra, Wolfgang Pirsig: Zur Geschichte der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde in Hamburg. Hamburger Ärzteblatt 22 (1978), S.203-207, hier S. 205 Zitiert nach Ursula-Maria Sobirey: Die Geschichte der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde in Hamburg unter besonderer Berücksichtigung der hier entstandenen wissenschaftlichen Arbeiten. Med. Diss. Hamburg 1964, S.51 S.
StAH, Baudeputation B1241, Teil D, Bl.38,43,59 ff.,Teil E, Bl 35 ff.
S. Brauer 1928, S. 31, Sobirey (wie Anm. 14), S.56.
S. Brauer 1928, S.58. Zitiert nach Sobirey (wie Anm. 14), S. 61.

 

Seitenanfang    Seite drucken


© Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Impressum
Letzte Änderung: , 07.05.2008