Senkung und Inkontinenz

Als Ausdruck einer Schwäche der Haltestrukturen im kleinen Becken kann es zu einer Senkung (Tiefertreten) der Gebärmutter (Descensus uteri) und/ oder der Scheide (Descensus vaginae) kommen. Dabei gibt es unterschiedliche Ausprägungsgrade der Senkung von leicht über mittel bis schwer. Unter Umständen (zum Beispiel beim Pressen, bei körperlicher Belastung oder auch in Ruhe) kommt es zum Teil-Vorfall (Partialprolaps) oder sogar zum vollständigen Vorfall (Totalprolaps), also zum Hervortreten der Beckenorgane (Blase, Darm und Gebärmutter) bis vor die Scheidenöffnung. Bei der Scheidensenkung, die zum Beispiel nach Entfernung der Gebärmutter auftreten kann, unterscheidet man zwischen einer Senkung der vorderen und der hinteren Scheidenwand (Descensus vaginae anterior und Descensus vaginae posterior). Bei der Senkung der vorderen Scheidenwand kann sich auch der Blasenboden herabsenken, wobei sich die Blase in oder sogar ganz aus der Scheide wölben kann (Cystocele). Bei der Senkung der hinteren Scheidenwand wölben sich Teile des Enddarms in die Scheide hervor (Rectocele). Stülpen sich Anteile des Dünndarms hervor, spricht man von einer so genannten Enterocele.
Wie kann es zu einer Senkung beziehungsweise zu einem Vorfall kommen?
Die häufigste Ursache für die Senkung ist eine Schwäche des Beckenbodens, der den unteren Abschluss des Bauchraumes bildet und die Organe des kleinen Beckens trägt. Der Beckenboden besteht aus mehreren Etagen von Muskeln und Bindegewebsschichten, die hängemattenartig im knöchernen kleinen Becken verankert sind. Bei der Frau gibt es natürliche Aussparungen im Beckenboden für den Austritt der Harnröhre, der Scheide und des Enddarms.
Bei einer Beckenbodenschwäche oder bei einem erhöhten Bauchinnendruck kann es insbesondere im Bereich dieser Aussparungen zum Senken und Hervorwölben der entsprechenden Organe unterhalb der Beckenbodenebene kommen. Mögliche Ursachen für eine Beckenbodenschwäche sind:
Welches sind die Symptome einer Senkung beziehungsweise eines Vorfalls?
Zu den typischen Senkungsbeschwerden gehören ein "Druckgefühl" nach unten und ein Fremdkörpergefühl in der Scheide zum Beispiel beim Geschlechtsverkehr. Einige Frauen leiden unter diffusen Unterbauchschmerzen oder geben möglicherweise auch Schmerzen im Rücken ("Kreuzschmerzen") an.
Häufig gehen Senkungserscheinungen mit Blasenbeschwerden einher. Diese drücken sich bei zirka 50 Prozent der Patientinnen in einem unwillkürlichen Urinverlust (Inkontinenz) aus. Bei anderen kommt es zu einer Blasenentleerungsstörung bis hin zum Harnverhalt. Die vermehrte Restharnbildung birgt die Gefahr von häufigen Harnwegsinfektionen. Bei Frauen nach den Wechseljahren, die häufiger unter Blasenentzündungen oder wiederholten Scheideninfektionen mit vermehrtem Ausfluss und Juckreiz leiden, sollte auch an eine Senkung gedacht werden. Insbesondere bei der Senkung der hinteren Scheidenwand kann es zu vermehrten Stuhlgangproblemen mit Verstopfung oder Schmerzen kommen. Seltener tritt eine Stuhlinkontinenz auf.
Wenn es zum Scheiden- beziehungsweise Gebärmuttervorfall kommt, können Druckgeschwüre an den vorfallenden Organen auftreten. Viele Patientinnen haben Probleme, sich bei den ersten Symptomen ihrem Arzt oder ihrer Ärztin anzuvertrauen. Sie sprechen nicht gerne über sexuelle Probleme wie Schmerzen, Druckgefühl oder Urinverlust beim Geschlechtsverkehr, die durch eine Senkung hervorgerufen werden. Mit zunehmenden Beschwerden entstehen bei manchen Frauen schwerwiegende psychische Probleme. So leiden sie zum Beispiel unter einer ausgeprägten Inkontinenz, schämen sie sich für das Tragen einer Inkontinenzvorlage und fürchten eine eventuelle Geruchsbelästigung. Andere haben Angst davor, dass ihnen in der Öffentlichkeit etwas "aus der Scheide fallen könnte". Die Folge: zunehmende soziale Isolation.
Vorbeugung (Prophylaxe)
Ein wichtiger Punkt zur Vermeidung von Senkungsbeschwerden ist das Trainieren der Beckenbodenmuskulatur. Das Beckenbodentraining kann mit Hilfe von Broschüren selbst oder gezielt durch eine krankengymnastische Anleitung erlernt werden. Wichtig für den Erfolg des Trainings ist ein konsequentes und fortdauerndes Üben. Die täglichen Übungen erfordern ein hohes Maß an Selbstdisziplin, Zeit und Muße. Insbesondere im Wochenbett sollte eine gezielte und geschulte Anleitung zu Beckenbodenübungen erfolgen, die die Frau zu Hause unbedingt weiterführen sollte. In der Folgezeit gilt es, zu schweres Heben und zu schwere körperliche Arbeit zu vermeiden.
Es gibt eine Reihe von Hilfsmitteln, die für das Beckenodentraining eingesetzt werden können, zum Beispiel so genannte Gewichtskonen (Vaginalkegel unterschiedlichen Gewichts), die die Frau sich wie einen Tampon in die Scheide einführt und für einige Zeit aktiv in der Scheide halten muss. Wenn ein Gewicht gut gehalten werden kann, sollte die nächst höhere Gewichtsstufe eingesetzt werden. Auf dem Markt werden auch unterschiedliche Elektrostimulationsgeräte angeboten. Die Frau führt sich eine Vaginal- oder Rektalsonde in die Scheide oder den Enddarm ein, die Elektrostimulationsimpulse unterschiedlicher Frequenzen an die Beckenbodenmuskulatur liefert, um ein Zusammenziehen (Kontraktion) der Muskulatur auszulösen und sie so zu trainieren. Außerdem gibt es so genannte Biofeedback-Geräte, bei denen die Frau selbst die Beckenbodenmuskelaktivier-barkeit steuern und den Erfolg ablesen kann. Wenn eine medizinische Indikation vorliegt, können diese Hilfsmittel vom Arzt auf Rezept verordnet werden.
Ein Nachlassen der Stützfunktion der Scheide ist bei Frauen sehr häufig zu beobachten. Kommt es subjektiv zu einer Verschlechterung mit Auftreten von Symptomen und herrscht ein entsprechender Leidensdruck vor, so sollte eine Behandlung der Senkung in Erwägung gezogen werden. Ein Vorfall bedarf in der Regel immer einer Therapie.
Therapie
Bei der Behandlung der "Senkung" unterscheidet man zwischen konservativen und operativen Therapiemöglichkeiten. Die Wahl des jeweiligen Therapieverfahrens hängt sehr vom Ausprägungsgrad der Senkung, der Symptomatik und dem Leidensdruck der Patientin ab. Bevor eine operative Therapie in Betracht gezogen wird, sollten in der Regel möglichst die konservativen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft werden. Neben dem oben beschriebenen Beckenbodentraining gibt es eine Vielzahl von Hilfsmitteln, die beim Vorliegen einer Senkung oder sogar bei einem Vorfall therapeutisch angewendet werden können. Es gibt zum Beispiel Ring- oder Würfelpessare oder auch spezielle Schaumstofftampons, die vom Arzt angepasst und möglichst von der Patientin selbst gewechselt werden sollten.
Generell ist es wichtig, auf eine ausreichende Versorgung der Scheide mit weiblichen Hormonen (Östrogenen) zu achten (Scheidenöstroge-nisierung). Insbesondere bei Frauen nach den Wechseljahren, die keine Hormone einnehmen, kommt es durch den Hormonmangel im Bereich der Harn- und Geschlechtsorgane (Uro-Genitalbereich) zu einer Verminderung der Gewebesubstanz (Atrophie des Gewebes). Häufige Begleiterscheinungen sind hierbei Scheiden- oder Blaseninfektionen, Juckreiz und Zeichen der verminderten Durchblutung mit Elastizitätsverminderung des Gewebes. Falls keine medizinischen Einwände bestehen, sollte man diesen Frauen zu einer Hormonersatztherapie raten, oder zumindest in der Scheide den Östrogenmangel durch Scheidenzäpfchen oder -salbe behandeln. Erbringen die konservativen Therapieverfahren keine Besserung der Symptomatik, kann der Frau bei entsprechendem Leidensdruck auch zu einer Senkungs-Operation (Descensus-Operation) geraten werden.
Das jeweilige Operationsverfahren richtet sich danach, welches Organ sich gesenkt beziehungsweise vorgefallen ist und nach dem Ausmaß der Senkung beziehungsweise des Vorfalls. Es gibt Operationen, die nur von der Scheide aus durchgeführt werden können. Dazu gehört zum Beispiel die vordere oder die hintere Scheidenplastik - im Volksmund "Scheidenraffung", "Blasenraffung oder -anhebung" genannt. Viele Operationen können auch von einem Bauchschnitt aus erfolgen. Dazu gehören die Gebärmutterentfernung, die seitliche oder hintere Fixierung der Scheide oder des Scheidenstumpfes zum Beispiel an einem Band oder Bändern des Beckenknochens, die Behebung eines Dünndarmvorfalls etc. Einige Operationen können mit Hilfe einer Bauchspiegelung durchgeführt werden.
Falls die Senkung mit einer Inkontinenz einhergeht, oder wenn eine Senkung eine Inkontinenz kaschiert (so genannte larvierte Streßinkontinenz), die Inkontinenz also erst in Erscheinung tritt, wenn man die Senkung behebt, kann neben der Senkungs-Operation auch eine Inkontinenz-Operation erforderlich sein. Um die richtige Indikation für das entsprechende Operationsverfahren stellen zu können, ist es sinnvoll, vor der Operation eine spezielle uro-gynäkologische Untersuchung (in der urodynamischen Sprechstunde) durchführen zu lassen.
Harnverlust, Harninkontinenz, Blasenschwäche
Wie häufig tritt Blasenschwäche auf?
Als Harninkontinenz (Blasenschwäche) bezeichnet man jeden unkontrollierten Urinverlust. Das Auftreten liegt je nach Altersgruppe bei Frauen zwischen sieben und 42 Prozent. Dies ist altersabhängig und steigt mit dem Lebensalter an. Im Jahr 2000 waren zirka 25 Prozent aller Frauen harninkontinent, im Jahre 2030 werden es aufgrund des zunehmenden Anteils alter Menschen in der Bevölkerung zirka 35 Prozent sein. Man geht von einer hohen Dunkelziffer aus, da die Frauen das Problem oft beim Gespräch mit dem Arzt verschweigen. Zur Zeit werden jährlich zirka drei Milliarden Mark für Harninkontinenz-Hilfsmittel, Pflegeheimkosten sowie ambulante Pflegemittel ausgegeben.
Welche Ursachen von Blasenschwäche gibt es?
Risikofaktoren für das Auftreten einer Harninkontinenz sind eine körperliche Überforderung des Beckenbodens wie zum Beispiel bei Übergewicht oder schwerer beruflicher körperlicher Anstrengung. Zusätzliche Risikofaktoren sind eine Bindegewebsschwäche sowie mehrere normale Geburten, vor allem, wenn es zu Geburtsverletzungen kommt.
Welche Formen der Blasenschwäche gibt es?
Die häufigste Form der Blasenschwäche ist die Stressharninkontinenz, bei der ein Harnverlust bei Belastung auftritt, zum Beispiel beim Husten, Lachen, Pressen, Heben. Dies ist mit 75 Prozent auch die häufigste Form der Blasenschwäche bei Frauen. Die zweithäufigste Form ist die so genannte Dranginkontinenz (Urge-Inkontinenz), wobei der Harnverlust mit plötzlich verspürten Harndrang auftritt. Daneben gibt es bei Frauen seltene Formen wie zum Beispiel die Reflexinkontinenz, die Überlaufblase oder die absolute Harninkontinenz bei Fisteln.
Welche Schweregrade der Blasenschwäche gibt es?
Welche Fragen stellt der Arzt, um sich ein genaues Bild über die Art ihrer Blasenschwäche zu machen?
Welche Untersuchungen sind bei Blasenschwäche möglich und wichtig?
Der Frauenarzt sollte eine gynäkologische Untersuchung durchführen. Dabei stellt er fest, ob eine Senkung vorliegt. Daneben kann eine so genannte Blasendruckmessung erfolgen. Bei dieser Untersuchung sieht man, um welche Form der Blasenschwäche es sich handelt und was den unkontrollierten Urinverlust verursacht.
Welche Therapie kann bei Blasenschwäche durchgeführt werden?
Bei Stressharninkontinenz: Übergewichtige Frauen sollten abnehmen. Beckenbodengymnastik ist ebenso wichtig wie das Zuführen von Östrogenen bei Östrogenmangel oder in den Wechseljahren. Die Betroffenen können ferner auf eine Elektrostimulation zurückgreifen. Liegt eine Senkung vor, bietet sich die Einlage von Pessaren an. Gegebenenfalls kann bei einem entsprechenden Befund bei der Blasendruckmessung auch eine medikamentöse Therapie durchgeführt werden. Bei einer Stressharninkontinenz 2. und 3. Grades kann, wenn die Frau es wünscht, auch eine operative Therapie empfohlen werden. Hierbei müssen je nach gynäkologischem Untersuchungsbefund Senkungen behoben oder Aufhängeoperationen in Erwägung gezogen werden. Mitunter reicht schon eine kleine Operation in örtlicher Betäubung. Manchmal muss ein Bauchschnitt erfolgen.
Bei Dranginkontinenz: Falls eine Blasenentzündung, ein Nierenstein oder eine Tumorerkrankung in der Blase die Ursache für die Dranginkontinenz ist, kann diese nach Gabe von Antibiotika, Entfernung des Nierensteins oder des Tumors verschwinden. Auch bei dieser Form der Blasenschwäche ist eine Östrogen-Einnahme zu empfehlen. Als medikamentöse Therapie kommen verschiedene Medikamente zum Entkrampfen der Harnblase infrage. Diese Form der Blasenschwäche sollte in keinem Fall operativ behandelt werden.
Wie erfolgt die Diagnostik und Behandlung der Blasenschwäche in der Universitäts-Frauenklinik Hamburg-Eppendorf?
Ein Ärzteteam, welches sich auf Blasenschwäche spezialisiert hat, bietet eine eigens dafür eingerichtete urogynäkologische Sprechstunde an. Um sich dort vorzustellen, reicht eine Überweisung vom niedergelassenen Gynäkologen, Urologen oder Hausarzt. Für Fragen steht Ihnen dieses Team selbstverständlich jederzeit zur Verfügung. Die Anmeldung zur Sprechstunde für Patientinnen mit Blasenschwäche kann unter der Telefonnummer (0 40) 4 28 03-25 30 oder 25 50 erfolgen. Blasenschwäche betrifft Sie nicht allein, man redet nur nicht darüber.