| Home > Zentren > Zentrum für Anästhesiologie und Intensivmedizin > Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie > Anästhesie-historische Forschung
Der Erfolg oder Misserfolg chirurgischer Maßnahmen kann wesentlich durch die Qualität der durchgeführten Narkose beeinflusst werden. Diese Zusammenhänge erkannten bereits die Chirurgen des im Jahre 1889 in Betrieb genommenen "Neuen Allgemeinen Krankenhaus Eppendorf", das in der 1920er Jahren in "Universitäts-Krankenhaus Hamburg-Eppendorf" umbenannt und das heute als "Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf" bekannt ist. Wiederholt brachten Eppendorfer Chirurgen zum Ausdruck, dass die Durchführung der Narkose eine "der feinsten ärztlichen Leistungen" sei. Nicht überraschend versuchten sie daher, durch eigene innovative Forschung die Qualität der Narkose zu verbessern.
Zahlreiche uns heute selbstverständlich erscheinende Therapiekonzepte wurden erstmals nach der Jahrhundertwende am Allgemeienen Krankenhaus Eppendorf erarbeitet. Der Chirurg Hermann Kümmell plädierte beispielsweise für eine konsequente präoperative Prämedikation mit einem Gemisch aus Skopolamin und Morphium, wodurch die Inzidenz postoperatives Erbrechens und gefürchteter Ätherpneumonien verringert wurde. Sein Name ist auch mit der Einführung der intravenösen Narkose - er verwandt hierzu ätherhaltige Kochsalzlösungen - verbunden. Sein Mitarbeiter und späterer Nachfolger als Direktor der Chirurgischen Klinik Paul Sudeck machte sich fast gleichzeitig um die Etablierung einer Jahrzehnte lang bewährten Rauschnarkosetechnik verdient.
Nach Gründung der Universität Hamburg im Jahre 1919 und Übernahme der Leitung der Chirurgischen Klinik im Jahre 1923 beauftrage Sudeck seinen Mitarbeiter Helmut Schmidt, den Stellenwert der Lachgas-Sauerstoff-Anästhesie mit neu verfügbar gewordenen Narkosegeräten der Lübecker Firma Dräger zu überprüfen. Die Untersuchungsergebnisse fasste Schmidt 1928 in einer Habilitationsarbeit zusammen, mit der zum ersten Mal im deutschen Sprachraum die venia legendi für Anästhesie verbunden war.
Parallel zum Ausbau der Lachgas-Sauerestoff-Anästhesie bemühte er sich um den Ausbau verschiedener lokalanästhesiologischer Verfahren. Schmidt erwarb sich hierbei insbesondere um die Wiedereinführung der damals nahezu in Vergessenheit geratenen Spinalanästhesie unter Zuhilfenahme neu entwickelter, stumpfer und daher atraumatischer Spinalnadeln und spezieller Lokalanästhetikazubereitungen große Verdienste. Zur genauen Dokumentation intraoperativ erhobenen Vitalparameter entwarf Schmidt 1928 eine sog. "Narkosetafel", der Vorläufer des heutigen Narkoseprotokolls. Die Einführung dieser heute selbstverständlich gewordenen qualitätssichernden Maßnahme in Deutschland geht daher auf die Eppendorfer Klinik zurück
In praxisorientierten Kursen machte Schmidt während der chirurgischen Hauptvorlesung Ärzte und Studenten mit den Facetten unseres Faches vertraut, das damals noch nicht gleichberechtigt neben den anderen anerkannt war. In Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten hatte Schmidt bereits 1928 den ersten deutschen Anästhesiekongress organisiert und an der Gründung einer deutschen Narkosegesellschaft gearbeitet. Vielseitige Vorbehalte führender Chirurgen haben dies verhindert. Erfolgreich verlief hingegen die Herausgabe einer eigenen Fachzeitschrift, die in enger Zusammenarbeit mit dem bereits damals als Berufsnarkotiseur in Hamburg arbeitenden Ernst von der Porten 1928 realisiert werden konnte.
Die skizzierten historischen Zusammenhänge zeigen auf, dass die Geschichte der Anästhesie im deutschen Sprachraum eng mit Beiträgen der Hamburger Klinik verbunden ist. Es überrascht daher nicht, dass man auch nach dem 2. Weltkrieg bemüht war, eine moderne Anästhesie zu praktizieren. Diese Entwicklung ist mit dem Namen von Karl Horatz verbunden, der als Chirurg schon Ende der 1940er Jahre diese Aufgabe übernommen hat und der 1966 auf den ersten in Deutschland geschaffenen Lehrstuhl für Anästhesiologie am Universitäts-Krankenhaus Eppendorf berufen worden ist. Nach seinem Ausscheiden wurde Jochen Schulte am Esch aus Bonn kommend 1982 als Direktor auf den Lehrstuhl am Universitätskrankenhaus berufen. Mit der Neubesetzung des Lehrstuhls trat gleichsam der Wechsel von einem Mitglied der Gründergeneration der deutschen Anästhesiologie zu einem Repräsentanten des stark expandieren Faches ein. Apparative und personelle Erweiterungen ermöglichten eine Intensivierung der Forschungsaktivitäten und den Aufbau neuer Aufgabengebiete, die zu den vier Säulen unseres Faches zählen. Nicht zuletzt durch diese Erweiterungen der medizinischen Versorgung wurde 1998 der längst überfällige Namenswechsel der früheren "Abteilung für Anästhesie" in Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie" vollzogen.
Nahezu zeitgleich mit der Restrukturierung verschiedener Abteilungen und Kliniken in verschiedene Zentren war ein erneuter Namenswechsel in Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf verbunden.
Die eingangs gemachten Anmerkungen machen deutlich, dass die Eppendorfer Einrichtung über Jahrzehnte eine bedeutende Stätte der Anästhesiologie gewesen ist. Mitarbeiter der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie haben sich daher seit Jahren bemüht, die Bedeutung der Eppendorfer Abteilung für die Gesamtentwicklung des Faches in Deutschland darzustellen. Ein besonderer Grund für diese Aktivitäten muss u. a. darin gesehen werden dass im Gegensatz zum angloamerikanischen Raum die Geschichte der Anästhesie im deutschsprachigen Raum bislang nur unzureichend aufgearbeitet worden ist. Daher werden schon seit Jahren in enger Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Arbeitskreis unserer Fachgesellschaft, der englischen "History of Anaesthesia Society" und der amerikanischen "Anesthesia History Association" zeitaufwendige anästhesiehistorische Recherchen durchgeführt. Zahlreiche bislang nur wenig beachtete und unbekannte Zusammenhänge, die für die Gesamtentwicklung des Faches in Deutschland bedeutsam waren, konnten auf Tagungen und Kongressen, in Übersichts- und Buchbeiträgen vorgestellt werden. Sie fanden allgemeine Anerkennung. Ausdruck der Anerkennung, und Ausdruck der zwischenzeitlich weltweit geknüpften Kontakte, die die Mitarbeiter der anästhesiologischen Klinik für ihre Recherchen auf diesem Sektor gefunden haben, war die Durchführung des "Fourth International Symposium on the History of Anaesthesia" in Hamburg. Mit dem Symposium wurde 1997 an die 150. Wiederkehr der Entdeckung der anästhetischen Eigenschaften des Äthers erinnert. Große Beachtung fand die zeitgleich zum Kongress im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg stattfindende Ausstellung mit mehr als 220 Exponaten alter anästhesiologischer Gerätschaften, die auch dem mit der Materie weniger Vertrauten die großen Fortschritte auf dem Gebiet Anästhesie deutlich gemacht hat. Ein eigens für die Ausstellung verfasster Katalog fand nicht nur bei den Teilnehmern große Zustimmung. Wie schon bei früheren Symposien zu Geschichte der Anästhesie wurde 1998 von Mitarbeitern der Klinik ein nahezu 900 seitiger und reich bebilderter Proceedings-Band erstellt werden. Die zahlreichen, zum Teil bislang unveröffentlichten mehr als 140 Beiträge haben das Buch wie den Ausstellungskatalog zu einem "Muß" für jeden an unserem Fach Interessierten gemacht.
Nach dem erfolgreichen Abschluss eines Habilitationsverfahrens, das thematisch die Geschichte der Anästhesiologie am Universitäts-Krankenhaus Eppendorf im Kontext mit den nationalen und internationalen Entwicklungen aufgearbeitet hat, wird derzeit an einer Überarbeitung der Habilitationsarbeit für eine reich bebilderte Buchversion gearbeitet. Parallel hierzu haben Mitarbeiter der Arbeitsgruppe eine englische Übersetzung einer Festschrift der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie anlässlich des 50 jährigen Jubiläums der Fachgesellschaft abgeschlossen.
Gegenstand aktueller Forschungen stellen biographische Recherchen zu den Gründungsmitglieder der Fachgesellschaft einen weiteren Schwerpunkt dar, hinzu kommen Planungen, durch Doktorranden die Entwicklung der Anästhesiologie an den verschiedenen Hamburger Krankenhäusern in der Nachkriegszeit aufarbeiten zu lassen.
Kontakt und aktuelle Literatur
PD Dr. med. Michael Goerig