Geschichte
In früheren Jahren lag die Durchführung der Anästhesie meist in Händen von Schwestern oder operativ tätigen jüngeren Ärzten, da die Narkose als eine untergeordnete und wenig interessante Tätigkeit angesehen wurde. In angloamerikanischen Ländern widmeten sich bereits frühzeitig spezialisierte Narkoseärzte ausschließlich diesem Fach. Dagegen begann sich erst Anfang der 50er Jahre in Deutschland das Fach Anästhesiologie als eine den anderen Fachdisziplinen gleichgestellte Disziplin zu etablieren. Am 10. April 1953 kam es zur Gründung der "Deutschen Gesellschaft für Anästhesie", im selben Jahr wurde durch Beschluß des 56. Deutschen Ärztetages der Facharzt für Anästhesie geschaffen.
Angesichts dieser Entwicklung ist man erstaunt, dass bereits um die Jahrhundertwende 1900 der Breslauer Chirurg Johannes von Mikulicz-Radecki (1850-1905) bezüglich der Durchführung von Narkosen von einer "der feinsten ärztlichen Kunstleistungen" gesprochen hatte, die "vor zu geringer Einschätzung bewahrt werden sollte". Zu diesem Zeitpunkt wurde schon eine Vielzahl von Narkosen an der Klinik, die zu dieser Zeit noch "Neues Allgemeines Krankenhaus Eppendorf" hieß, von Ärzten durchgeführt. Die ärztlich geleitete Narkose hatte an der Eppendorfer Klinik bei einer Reihe von renommierten Chirurgen bereits eine vergleichsweise lange Tradition. Schon Ende der 20er Jahre konnte sich ein Oberarzt der Chirurgischen Klinik über eine anästhesiebezogene Thematik habilitieren und das Fach in Vorlesungen vertreten. Die Bemühungen von Helmut Carl Detlef Schmidt, schon damals eine Deutsche Narkosegesellschaft zu gründen, waren aus vielerlei Gründen vergeblich, sodass es erst nach dem zweiten Weltkrieg zu einer Neuorientierung kam.
Dennoch dauerte es noch bis 1966, bis es auch an einer deutschen medizinischen Fakultät einen eigenen Lehrstuhl für Anästhesiologie gab. Im Gegensatz hierzu hatte man schon 1937 an der Universität Oxford einen Lehrstuhl geschaffen, den Prof. Robert Macintosh (1897-1989) übernahm. Die erste Lehrkanzlei auf dem europäischen Kontinent konnte 1959 in Innsbruck errichtet werden. Zu diesem Zeitpunkt wurde das Fach auch schon an der Hamburger Universität durch einen Mitarbeiter der Chirurgischen Klinik, Karl Horatz (1913-1995), in Vorlesungen des Chirurgischen Hauptkollegs vertreten. Von Haus aus Chirurg, widmete sich Horatz ab 1947 ausschließlich der Anästhesie. 1966 erhielt er dann in Hamburg den ersten Ruf auf einen Lehrstuhl für Anästhesiologie an einer deutschen Universität.
Als Nachfolger übernahm Jochen Schulte am Esch, aus Bonn kommend, 1982 die Leitung der Abteilung. Apparative und personelle Erweiterungen ermöglichten eine Intensivierung der Forschungsaktivitäten und den Aufbau neuer Aufgabengebiete, die zu den vier Säulen unseres Fachgebietes zählen: Notfallmedizin und Schmerztherapie. Nicht zuletzt durch diese Erweiterung der medizinischen Versorgung wurde 1998 der längst überfällige Namenswechsel der früheren "Abteilung für Anästhesie" in "Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie" vollzogen.