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Psychotherapie und Suizidalität - Vortragsreihe 1997

E. Kittler
Ophelia und Hamlet - Zur Spädadoleszenz von Täterkindern, 15.5.1997

Zusammenfassung

Die Arbeit versucht, die psychische Funktion des Phantoms (das Gespenst, der Untote, der Wiedergänger), das per definitionem solange umgehen muß, bis es erlöst ist, zu bestimmen und geht in Anlehnung an Nicolas Rand/Nicolas Abraham/Andre Green davon aus, daß Hamlet über das Phantom den Auftrag erhält, das ungelöste Problem der Vätergeneration zu aktualisieren und einer Lösung zuzuführen. Dabei geht es vor allem um die Schuld des Vaters. Der phantomatische Auftrag ("räche meinen Mord") trifft Hamlet mitten in seiner adoleszentären Entwicklung und führt zu einer typischen Dissoziation der Person: Hamlet löscht seine eigenen Projekte (Identität, Arbeit, Liebe) aus, um sich mit dem väterlichen Phantom-Phallus zu füllen und sich ganz in dessen Dienst zu stellen: "Dein Wort soll ganz allein in mir nur leben". Mit dem Geister-Wort hat es aber eine ganz besondere Bewandtnis: weil es nicht im öffentlichen Diskurs zirkuliert, hat es keine intersubjektive Wahrheit. Es ist gleichsam weder intra- noch intersubjektiv repräsentiert. D.h. Hamlet kann nicht einfach sagen, was er denkt, weiß, empfindet; wenn er gegen allen Anschein seinen Vater zum Mörder erklären würde, muß er an sich selber zweifeln, sich von andern für verrückt erklären lassen. Er muß Wege suchen, um das Unvorstellbare, das er "in sich hat", darstellen zu können (I have such within, which passes show). Auf dieser Suche entdeckt er die Inszenierung: das Theater - das Agieren - als Möglichkeit der Repräsentation, der Darstellbarkeit des Unvorstellbaren.

Er wird die Tat des Vaters dramatisch reaktualisieren, in Szene setzen, um vor Zeugen eine bezeugbare gemeinsame Wirklichkeit des Geschehenen zu schaffen. Nur so kann er die Geschichte seines Vaters rekonstruieren und von seiner eigenen Geschichte unterscheiden; auch wenn er an der Inszenierung stirbt, ist diese doch der einzige Weg, um seine Wirklichkeit zurückzugewinnen. Zweifel und Verrücktheit sind überwunden, als der sterbende Hamlet das verbrecherisch erworbene Reich seines Vaters an Fortinbras, den rechtmäßigen Erben, übergibt und Horatio die Bezeugung des Geschehens - von der Väter Schuld und der Söhne Sühne - überträgt.

Auf Fallbeispiele wird eingegangen und die Mechanismen solcher transgenerationellen Aufträge, wie etwa den der "entlehnten Schuld", werden beschrieben. Auch wird versucht, die spezifische Form dieses adoleszentären breakdowns näher zu bestimmen.


Zur Person

Psychoanalytikerin, Ärztin für Psychiatrie, langjährige kinderpsychiatrische Arbeit. Seit 1979 Arbeit in eigener psychoanalytischer Praxis mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.
Veröffentlichungen zu Schwangerschaft während der Analayse, zum Problem der Elternschaft, der Adoleszenz, zum Kinderspiel und zur Stellung der Kinderanalyse.
Übersetzungen verschiedener Arbeit von Andre Green. Mitherausgeberin der Zeitschrift "Kinderanalyse". Mitarbeit bei der psychoanalytischen Weiterbildung für Schweizer Kinderpsychiater.


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