Suizide und Suizidversuche in Hamburg
Hier finden Sie die aktualisierten Daten und Fakten zur Suiziden, Suizidversuchen und Suizidalität in Hamburg im PDF-Format (900 KB).
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Suizide
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Verkehrsunfälle |
43 |
Quelle: Statistisches Bundesamt, 2005 |
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HIV-Infektionen |
124 |
Quelle: Robert Koch-Institut, 2005 |
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Illegale Drogen |
60 |
Quelle: Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung, 2005 |
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Mord und Totschlag |
27 |
Quelle: LKA Hamburger Straftatenübersicht, 2007 |
In Hamburg sterben dreimal so viel Menschen durch Suizid wie durch Verkehrsunfälle. Die Zahl der Suizide überschreitet die Summe der Todesfälle durch Verkehrsunfälle, AIDS, Drogen, Mord und Totschlag. Der Suizid ist die Haupttodesursache für Hamburger zwischen 15 und 40 Jahren.
Die Anzahl der Suizide schwankt zwischen 240 (2005) und 649 (1977) im Jahr. Aussagekräftiger ist allerdings die Suizidrate. Sie ist seit 1977, und besonders im Verlauf der achtziger Jahre, am Sinken, hat sich in den 90er Jahren tendenziell stabilisiert und ist ab 1999 noch einmal deutlich zurückgegangen.
Hamburg hat traditionell hohe Suizidraten und befand sich bis 1999 immer in der Spitzengruppe der Bundesländer. Während die Entwicklung der Suizidraten von 1977 bis 1998 weitestgehend dem Bundestrend folgte, ist der Rückgang in den Jahren 1999 und 2000 bundesweit nicht zu beobachten. Führte Hamburg 1998 noch die Statistik der Bundesländer als „Hauptstadt der Selbstmörder“ (Morgenpost, Feb. 2000) an, liegt die Suizidrate in den Folgejahren näher am Bundesdurchschnitt.
Die offiziellen Angaben über Suizide unterschätzen die tatsächliche Zahl. Es kann von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden. Unter den Todesarten Verkehrsunfälle, Drogen und den unklaren Todesursachen dürfte sich ein erheblicher Anteil nicht erkannter Suizide verbergen. Außerdem gibt es auch Fehlerquellen bei der Erhebung, Dokumentation und Datenübermittlung.
Der Rückgang der Suizidrate in den Jahren nach 1999 ist insofern bemerkenswert, als er – anders als in den Jahren 1972 und 1986 – sich über mehrere Jahre stabilisiert hat. Falls der Trend bestehen bleibt, stellt sich die Frage, ob und in welchem Umfang Hamburg-spezifische Faktoren zu diesem Trend beigetragen haben (z.B. in Teilbereichen verbesserte Versorgung von Suizidgefährdeten und Risikogruppen wie Drogenabhängige, verstärkte Thematisierung der Suizidproblematik in den Medien und der Öffentlichkeit, Verschiebung zu unklaren Todesursachen?).
Innerhalb der Bundesländer gibt es beträchtliche Unterschiede. So hat Nordrhein-Westfalen die niedrigste (9,4) und Sachsen die höchste Suizidrate (16,2). Bei den Männern liegt die höchste Suizidrate ebenfalls in Sachsen (24,2) und die niedrigste in Nordrhein-Westfalen (14,1). Mit 8,6 haben Sachsen und Hamburg die höchsten Suizidraten für Frauen und Mecklenburg-Vorpommern die niedrigste (3,8). Auch das Verhältnis der Suizidrate von Frau-en zu der von Männern variiert erheblich.
Die Suizidraten variieren nach Geschlecht und nach Alter. Mit dem 60. Lebensjahr steig besonders für Männer die Suizidwahrscheinlichkeit. Für Menschen unter 20 ist der Suizid ein seltenes Ereignis. Die meisten Suizide in Hamburg wurden 2005 in der Altersgruppe der 60 - 80jährigen begangen (35%). Darüber hinaus wird vermutet, dass die Dunkelziffer bei den über 60jährigen besonders hoch ist.
Der Anzahl der Suizide der 40-60jährigen war in Hamburg schon immer besonders hoch. Besonders in den 50er Jahren galt dies sowohl für Frauen als auch für Männer (siehe Tabelle 1 und 2 im Anhang). Auffallend ist, dass die Anzahl der Suizide der über 80jährigen in der Tendenz von 1949 bis 1997 zunahm, und zwar im wesentlichen bei den Frauen. Suizide junger Menschen sind seit Ende der achtziger Jahre zurückgegangen. Der Rückgang der Suizide in den Jahren ab 1999 erstreckte sich über alle Altersgruppen mit Ausnahme der 40 bis 60jährigen. Seit der jahrtausenwende ist eine Zunahme in der Gruppe der 60 - 80 jährigen zu beobachten.
Suizidversuche
Die Anzahl der Suizidversuche in Hamburg kann nur geschätzt werden, da sie nicht systematisch erhoben werden. Epidemiologisch unterscheiden sich Suizidversuche von Suiziden. Sie werden häufiger von Frauen als von Männern und häufiger von jungen als von alten Menschen unternommen.
Junge (1987) zitiert die aufgrund des in Hamburg üblichen Meldeverfahrens für „Freitodversuche“ geführte Statistik des Speziellen Kriminaldienstes für die Jahre 1965 bis 1984. Demnach wurden in dem Meldeverfahren 1976 mit 4034 die höchste Anzahl der Suizidversuche und im Jahre 1984 mit 1985 (824 Männer und 1161 Frauen) Suizidversuchen die niedrigste Anzahl erfasst. Die Relation von Suiziden und Suizidversuchen schwankte zwischen 1:3,9 und 1:6,9 Das Meldeverfahren dokumentierte allerdings nur einen Bruchteil der Suizidversuche und wurde 1988 aus Gründen des Datenschutzes eingestellt.
Reimer (1979) erhob 1977 alle Aufnahmen nach Suizidversuch eines halben Jahres in 86 Hamburger Krankenhausabteilungen. Er kam auf 1963 Aufnahmen (nachgerechnet auf 1 Jahr: ca. 4000). Aufgrund von Erhebungslücken schätzt er, dass diese Zahl um 500 bis 1000 Patienten unter der Anzahl derer liegt, die tatsächlich in Hamburger Krankenhäusern behandelt wurden. Die Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da nur Suizidversuche erhoben werden, die zu einer Klinikeinweisung führten.
Götze erfasste in einer bislang nicht publizierten Studie an 8 Hamburger Kliniken im Verlauf eines Jahres vom September 1988 bis zum August 1989 alle Patienten, die nach einem Suizidversuch eingeliefert worden sind. Insgesamt wurden 832 Aufnahmen nach Suizidversuch erhoben: 225 Patienten am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, 171 am AK Barmbek, 155 am AK Altona, 93 am AK Eilbek, 91 am AK St. Georg, 74 am Hafenkrankenhaus und 23 am Amalienkrankenhaus.
Von den aufgenommenen Patienten waren 326 Männer und 506 Frauen. Die Altersverteilung sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen zeigt ein Überwiegen der jungen Altersgruppen. 14,8% der aufgenommenen Patienten mussten intensivmedizinisch behandelt werden, und weitere 70,2% wurden stationär aufgenommen. Über die Hälfte der Suizidversuche (58,9%) wurden von den Untersuchern als „ernsthaft“ eingeschätzt. Auch die Untersuchung von Götze erfasst nur die klinischen Aufnahmen nach Suizidversuch, ebenso nicht alle Hamburger Kliniken und Abteilungen und unterliegt einer Dunkelziffer. Die tatsächliche Anzahl der Suizidversuche dürfte die in dieser Untersuchung erhobene Anzahl bedeutsam überschreiten. Die Studie gibt auch Hinweise auf die bislang kaum untersuchten gesundheitlichen Folgen von Suizidversuchen. Die intensivmedizinische Behandlung und der hohe Anteil stationärer Aufnahmen deuten auf eine längerfristige gesundheitliche Beeinträchtigung hin.
Schlünzen (1999) befragte 475 Hamburger Internisten im II. Quartal 1995 zu suizidalen Patienten. 125 Fragebögen konnten von ihm ausgewertet werden. Insgesamt wurden von den 125 Internisten angegeben, 457 suizidgefährdete Patienten in Behandlung zu haben. Leider wurde ein Suizidversuch als Anlass der Behandlung in dieser Untersuchung nicht erhoben.
Nach einer Untersuchung von Schmidtke (1998) für die Region Würzburg sind 1996 auf jeden Suizid eines Mannes 5,5 Suizidversuche entfallen und auf jeden Suizid einer Frau 18 Suizidversuche. Für Hamburg würde diese Relation auf das Jahr 2000 angewendet bedeuten, dass es 897 Suizidversuche von Männern, 1120 Suizidversuche von Frauen und insgesamt 2017 Suizidversuche gab. Allerdings kann man davon ausgehen, dass in einer Metropole wie Hamburg andere Relationen gelten als in der eher ländlichen Region von Würzburg.
Insgesamt bilden die Untersuchungen jeweils nur einen Teil der suizidalen Handlungen in Hamburg ab. Die Schätzung von Junge (1999; S. 2) von annähernd 10.000 suizidalen Handlungen in Hamburg liegt vermutlich etwas hoch. Vorsichtig geschätzt muss man vermutlich mit 4.000 bis 5.000 Suizidversuchen im Jahr in Hamburg rechnen.
Literatur
Schmidtke, A., Weinacker, B., Fricke, S. (1996): Epidemiologie von Suizid und Suizidversuch. Nervenheilkunde 15, 496-506.
Schmidtke, A., Weinacker, B., Fricke, S. (1998): Epidemiologie von Suiziden und Suizidversuchen in Deutschland. Suizidprophylaxe, Sonderheft, 37-49.
Schmidtke, A, Weinacker, B., Löhr, C. (2000): Epidemiologie der Suizidalität im 20. Jahrhundert. In: Wolfersdorf, M., Franke, C.: Suizidforschung und Prävention am Ende des 20. Jahrhunderts. Roderer, Regensburg.
Schweiberer, L., Ruchholtz, S., Pajonk, F.-G. (1995): Therapieverzicht bei schwerstverletzten suizidalen Patienten, in: Lagenbecks Arch Chir Suppl II (Kongreßbericht 1995), 408-412.
Weiterführende Literatur
Eine Einführung:
Thomas Bronisch (1995): Der Suizid. Urschen, Warnsignale, Prävention. München: Beck.
Quelle des Textes
http://www.suicidology.de/online-text/daten.pdf
Anschrift des Verfassers
Georg Fiedler, Dipl.-Psych
Therapie-Zentrum für Suizidgefährdete
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistrasse 52
20246 Hamburg
email: tzs@uke.uni-hamburg.de
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