Ausführliches Programm

Vorträge am Donnerstag

Problemorientiertes Lernen und subjektive Theorien (Dr. R. Schwarz-Govaers)

Das problemorientierte Lernen (POL) stellt eine Lehr- und Lernmethode, aber zugleich eine Unterrichtsphilosophie dar. Die Lehrenden präsentieren den Lernenden nicht mehr den fertig vorbereiteten Unterrichtsstoff, sondern begleiten diese in ihrem Lernprozess. Dieser beginnt beim problemorientierten bzw. problembasierten Lernen (PBL) mit einer Problemstellung oder einer Situationsbeschreibung, also bevor sich die Lernenden mit dem betreffenden Unterrichtsstoff auseinandergesetzt haben. Sie erarbeiten das Wissen, das für diese Problemstellung erforderlich ist selbstständig in einer Arbeitsgruppe und bedienen sich dazu der Methode des sogenannten "Siebensprungs. Soll das selbst konstruierte Wissen auch im Berufsalltag zum Tragen kommen, sind alle Schritte des Siebensprungs erforderlich. Denn nur wenn das eigene Vorwissen und die eigenen Bilder im Kopf bewusst gemacht werden, können diese korrigiert bzw. mit dem neuen Wissen verknüpft werden. Dies ist besonders bedeutsam bei Berufen (wie den Pflege- und Lehrpersonen), zu denen schon vor Beginn der Ausbildung eigene Erfahrungen und "subjektive Theorien" entwickelt wurden und in der Praxis oft andere "Theorien" gelernt werden als in der Schule.

 

POL in der Fachweiterbildung Anästhesie- und Intensivpflege
(A. Boonen, Prof. Dr. I. Darmann)

In der Fachweiterbildung Anästhesie- und Intensivpflege am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf wird das Problemorientierte Lernen mittlerweile seit drei Jahre in mehreren Kursen praktiziert und weiterentwickelt. Während dieses Implementationsprozesses wurden verschiedene „Kinderkrankheiten“ identifiziert und schrittweise beseitigt. Außerdem wurde das anfangs praktizierte POL-Konzept, bei dem der Erwerb von kontextbezogenem Wissen im Vordergrund stand, ersetzt durch ein POL-Konzept, das stärker auf Deutungswissen und der Förderung hermeneutischen Fallverstehens abzielt. In dem Vortrag wird dieser Entwicklungsprozess nachvollzogen, d. h. es werden die festgestellten Probleme und Begrenzungen gekennzeichnet sowie Handlungsalternativen und Problemlösungen erläutert (z. B. im Hinblick auf die zeitliche und örtliche Organisation oder die Moderation) und dies jeweils unter praktischer (Boonen) und theoretischer (Darmann) Perspektive.

 

Workshops

 

POL erleben (Dr. R. Schwarz-Govaers, I. Stein-Fröhlich, M. Zündel, I. Hintz, U. Meldau)

Im Rahmen dieses Workshops haben Sie die Möglichkeit, die Methode des Problemorientierten Lernens einmal als TeilnehmerIn mit zu erleben. Die eigene Erfahrung ist in der Regel viel intensiver als jeder Vortrag und man kann sehr schnell für sich entscheiden, ob man mit dieser Methode arbeiten möchte.

 

Kreative Methoden zur Förderung des Gruppenprozesses
(G. Stiegler, Dipl. Psych.)

In der Arbeit mit Gruppen können wir kreative Methoden nutzen, um die Gruppe miteinander anzuwärmen, Vertrauen zu schaffen, Lebendigkeit zu fördern und Lernen zu einem Erlebnis zu machen. In diesem Workshop lade ich Sie ein, kreative Methoden kennen zu lernen. Sie können eigene Erfahrungen mit Gruppen oder Fragen mitbringen, wir werden dann gemeinsam ausprobieren, welche Möglichkeiten kreative Methoden bieten, um den Gruppenprozess zu fördern.

 

Fallkonstruktion
(A. Boonen)

Die Konstruktion von Fällen nimmt im Rahmen des Problemorientierten Lernens (POL) eine ganz zentrale Rolle ein. Die Entwicklung des Falles ist abhängig von der Ausrichtung des POL - Konzeptes. So kann es um reinen Wissenserwerb gehen oder aber um die Kombination von Wissenserwerb und Deutungskompetenz. Im Rahmen dieses Workshops stehen POL - Fälle im Mittelpunkt, die zum Erwerb von Wissenserwerb und Deutungskompetenz führen und das Ziel verfolgen, dass die Lernenden eine größere Handlungssicherheit in der Praxis erlangen. Gemeinsam werden wir anhand von Beispielen den Unterschied zwischen offenen und geschlossenen Fällen herausarbeiten. In Kleingruppen sollen offene und komplexe Fälle entwickelt werden, die aus dem eigenen Erfahrungsbereich stammen.

 

Curriculare Einbindung des POL am Beispiel einer lernfeldorientierten Curriculumentwicklung - ein Erfahrungsbericht
(A. Walter, Dipl. Pflegepäd.)

Der Christliche Verband für gesundheits- und sozialpflegerische Bildungsarbeit e.V. arbeitet seit Dezember 2003 an der Entwicklung eines Curriculums. Zum Verband gehören sieben Krankenpflege-, eine Kinderkrankenpflege- und drei Altenpflegeschulen in Berlin (ca. 900 Ausbildungsplätze und 75 hauptamtlich Lehrende). Ziel ist die schulnahe Entwicklung eines lernfeldorientierten, offenen Curriculums entsprechend der gesetzlichen Vorgaben und der Rahmenrichtlinie des Landes Berlin (entspricht der NRW-Ausbildungsrichtlinie). Wir streben eine Ausbildung an, die Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und Altenpflege integriert. Ein weiteres Anliegen ist die Vernetzung von theoretischer und praktischer Ausbildung durch die Einbindung verschiedener Formen der Lernortkooperation in das Curriculum. Neben der fachlichen Qualifikation ist uns die Stärkung der Lernenden als Personen ein besonderes Anliegen. Wir möchten ihnen ein Lernen ermöglichen, das ihre Lebenswelt ernst nimmt, das ihnen Selbst- und Mitbestimmungsräume öffnet und somit berufliche Mündigkeit ermöglicht. Wesentliches Element des Curriculums sind Lernsituationen, die aus authentischen Handlungssituationen des Pflegealltags, der Gesellschaft oder der persönlichen Lebenswelt entwickelt werden. Die Gewinnung der Handlungssituationen vollzieht sich kriteriengeleitet aus selbsterhobenen oder in empirischen Untersuchungen vorgefundenen Erzählungen. Neben den Lernsituationen sind themen- und fächerbezogenes Orientierungswissen, Praxisreflexionsstunden, Lerninselbegleitungen in der Pflegepraxis und "aktuelle Stunden" als Strukturen des Curriculums angelegt. Schulnahe Curriculumentwicklung heißt für uns, dass alle Beteiligten einbezogen sind. So arbeiten zur Zeit acht schulübergreifende Kleingruppen (á 3-5 Lehrende) an der Erarbeitung von Lernsituationen. Die Lehrenden beziehen dabei Lernende, Fremddozenten/innen und Praxisanleitende ein. Unsere Prämissen für die Curriculumkonstruktion - Situations-, Subjekt- und Wissenschaftsorientierung - möchten wir auch in pflegedidaktischer Hinsicht einlösen. Neben der kritisch-konstruktiven Pflegedidaktik (Wittneben) und der subjektorientierten Pflegedidaktik (Ertl-Schmuck) beziehen wir uns auf erprobte Unterrichtskonzepte. Im Rahmen des Curriculumprozesses werden alle Lehrenden zu Fortbildungen zum problembasierten Lernen eingeladen. Auch in den von einigen Mitgliedshäusern angebotenen Fortbildungen für Mentorinnen ist problembasiertes Lernen ein wesentlicher Baustein. In unserem Prozess zeigt sich, dass problembasiertes Arbeiten eine große Herausforderung für alle Beteiligten darstellt. Im Workshop wird zunächst kurz über Erfahrungen bei der Heranführung der Lernenden und Lehrenden an problembasiertes Lernen im Rahmen des Curriculumprozesses berichtet. Des Weiteren soll an konkreten Beispielen gezeigt werden, wie problembasiertes Lernen in unserem Curriculum arrangiert und umgesetzt wird. Freudiges und Problematisches am problembasierten Lernen wird dabei zur Sprache kommen. Gewicht soll aber (gemäß eines Workshops ) auch auf ein gemeinsames Weiterdenken gelegt werden. Erfahrungen, Fragen und Anmerkungen der Workshop-Teilnehmenden sind dabei außerordentlich erwünscht.

 

Mit dem Modified -Essay-Question-Test problemorientiert prüfen (L. Rudolph)

Problemorientiertes Lernen erfordert ein Prüfungsformat, dass nicht nur in der Lage ist, Wissen, Kenntnisse und Fertigkeiten sondern auch Problemlösungsfähigkeit valide zu prüfen. Aus diesem Grund wurde Ende der 60er Jahre das Prüfungsformat Modified Essay Question (MEQ) entwickelt, das sich in den folgenden Jahren insbesondere an den medizinischen Reformfakultäten in Großbritannien, den Niederlanden, Australien und den USA etablierte. Mit der Einführung des Problemorientierten Lernens an deutschen Universitäten u.a. im Rahmen der medizinischen Ausbildung, findet dieses Prüfungsformat auch im deutschsprachigen Raum zunehmend Anwendung. Hierbei geht es um eine Patientenfallgeschichte, zu der fächerübergreifende offene Fragen gestellt werden. Im Workshop wird das MEQ Prüfungsformat ausführlich vorgestellt. In Kleingruppen sollten Fragen, die sich zur Überprüfung der Problemlösungsfähigkeit eignen, entwickelt und im Abschluss besprochen werden.

 

Evaluation curricularer Reformen
(Prof. Dr. I. Darmann)

Mit diesem Workshop werden sowohl Kolleginnen und Kollegen angesprochen, die selbst als Evaluationsforschende tätig sind, als auch solche, die sich in Fragen der Evaluation curricularer Reformen kundig machen wollen. Am Beispiel des problemorientierten Lernens werden Ziele und Verfahren der Evaluation von curricularen Reformen ( z. B. Prozess- und Ergebnisevaluation, vergleichende und nicht-vergleichende Designs, qualitative und quantitative Methoden) im Überblick vorgestellt und diskutiert. Angestrebt wird ein kritischer Umgang mit Evaluationsergebnissen, etwa in Bezug auf Teilnehmer-Befragungen, im Hinblick auf die Sinnhaftigkeit von Vergleichsgruppen oder Einseitigkeiten bei der Methodenwahl. Des Weiteren erhalten die Teilnehmer einen Einblick in das Evaluationsdesign für das Projekt "Neue Lehr-/Lernformen in der Anästhesie- und Intensivpflege" und in zentrale Ergebnisse. Letztere werden anhand von Auszügen aus dem vorwiegend qualitativen Datenmaterial veranschaulicht.

Vortrag am Freitag:

Die Wirkungen des Problemorientierten Lernens - eine explorative, empirische Studie (PD Dr. C. Them)

Nach wie vor gilt der "Frontalunterricht" als die Unterrichtsform mit jahrzehntelanger Anwendung in den meisten Unterrichtsfächern. "Problemorientiertes Lernen" (POL) hingegen stellt eine relativ neue Ausbildungsform dar, die von den Befürwortern als die Unterrichtsform gepriesen wird, die künftig Pflegepersonen heranbilden soll, die autonom arbeiten und prozessbezogen denken können und fähig sind, eigene Entscheidungen zu treffen. In dem Vortrag wird eine explorative, qualitative und quantitative Anteile beinhaltende Studie vorgestellt, mit der beide Unterrichtsformen (durchgeführt im Fachgebiet "Neurologische Pflege" an der "Allgemeinen Gesundheits- und Krankenpflegeschule Innsbruck") vergleichend untersucht wurden. Die wissenschaftliche Evaluation von "Frontalunterricht" und "POL" sollte vor allem Befürwortern oder Kritikern ein realistisches Bild über die Anwendung im Pflegeunterricht vermitteln.