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Der Begriff Myelitis sollte dem Wortsinn
nach nur auf entzündliche Erkrankungen des Rückenmarks angewendet
werden. In der Praxis wird jedoch oft zwischen Myelopathie (enthält
auch nicht entzündliche Ursachen) und Myelitis nicht streng unterschieden.
Das ist aus der Akutsituation heraus verständlich, wo zunächst
eine Differenzierung zwischen infektiöser, autoimmuner, ischämischer
oder Myelopathie sonstiger Genese noch nicht möglich ist.
Akute Myelopathien sind schwerwiegende Erkrankungen, die sofortiges
Handeln erfordern (Kaplan et al. 2004). Neben Traumata als offensichtlicher
Ursache muss zuerst eine Kompression des Rückenmarks (Tumor, Blutung,
Bandscheibenvorfall) durch eine MRT- Untersuchung mit Kontrastmittel
ausgeschlossen werden. Trotz negativer Bildgebung kann eine Meningeosis
mit spinaler Symptomatik vorliegen, die über maligne Zellen im Liquor
erkannt werden kann. Die Untersuchung des Liquors erlaubt in den meisten
Fällen eine Unterscheidung entzündlicher von nicht entzündlichen
Ursachen (spinale Ischämie, epidurale Lipomatose, Strahlenschaden
(de Seze et al., 2001)). Zu beachten ist jedoch, dass spinale Ischämien
auch zu einer (granulozytären) Reizpleozytose führen können.
Zu Beginn einer Myelitis kann der Liquor noch unauffällig sein,
so daß bei entsprechendem Verdacht nach 2- 7 Tagen eine zweite
Punktion vorgenommen werden sollte.
Zwar lassen sich Liquorveränderungen wie Pleozytose, Schrankenstörung
und intrathekale Ig-Synthese, einzeln oder in Kombination, bei den meisten
Fällen mit Verdacht auf Myelitis nachweisen (Harzheim et al., 2004),
doch steht dahinter eine überaus heterogene Gruppe von möglichen
Erkrankungen. Für eine subakute Infektion kommen vor allem Viren
(HSV-1, HSV- 2, VZV, EBV, CMV, Coxsackie, Echo, Polio, FSME, HIV, HTLV-
1), aber auch Staphylococcus aureus und Mycoplasma pneumoniae als Erreger
in Betracht. Mehr chronische Verläufe würde man bei einer Borreliose,
Lues oder Tuberkulose erwarten. Der Erregernachweis ist, wie üblich,
aus dem Liquor über Kultur, PCR und AI Erhöhung zu verizifieren.
Treten AI Anstiege erst bei der Verlaufspunktion auf, so darf eine Beteiligung
des betreffenden Antigens als sicher angenommen werden. Schwieriger wird
die Interpretation, wenn bereits in der akuten Phase, bei der initialen
Punktion, schon eine intrathekale Synthese von IgG, A, M, oder nur positive
oligoklonalen Banden oder gar nur erhöhte AI vorliegen. Eine solche
Konstellation deutet auf ein autoimmunes Geschehen oder ein Nachhinken
der klinischen Symptomatik bei vorangegangener Infektion hin. 30-60
% der Myelitiden sollen parainfektiösen Ursprungs sein, die im Gefolge
von Infektionen der oberen Luftwege oder des Gastrointestinalraumes mit
einer Verzögerung von 2- 4 Wochen auftreten. Wahrscheinlich gibt
es in erheblichem Maße Überschneidungen zwischen den verschiedenen
pathologischen Mechanismen. Auffällige Häufungen von Myelitiden
wurden auch im Gefolge von Impfungen beobachtet.
Eine der wesentlichen Ursachen einer isolierten Myelitis ist eine beginnende
Multiple Sklerose. Diese Diagnose stützt sich außer dem typischen
Liquorbefund auf das Vorhandensein demyelinisierender Läsionen im
Gehirn, die (noch) ohne klinisches Korrelat sind. Neben der MS sind bei
Erstmanifestation einer Myelitis auch eine ADEM oder Neuromyelitis optica
(NMO, Devic Erkrankung) zu erwägen. Während es sich bei der
ADEM in der Regel um eine monophasische Erkrankung handelt, lassen sich
MS einerseits und NMO andererseits an Hand des Liquorbefundes unterscheiden.
Bei der NMO finden sich in der akuten Phase häufig Pleozytosen > 50/µl
und /oder > 5% Granulozyten. Im Gegensatz zur MS verschwinden die
oligoklonalen Banden im Laufe der Erkrankung. Kontrollpunktionen sollten
daher unbedingt durchgeführt werden. Eine große Bedeutung
bei der Differentialdiagnose MS oder NMO könnte in Zukunft dem NMO-IgG
Antikörper im Serum zukommen, der Grenzstrukturen der Hirnkapillaren
und der Pia anfärbt (Lennon et al., 2004).
Eine paraneoplastische Ursache geht ebenfalls oft mit dem Auftreten
von oligoklonalen Banden im Liquor einher. Der direkte Nachweis ist über
antineuronale Antikörper im Serum zu führen, wobei Anti-Hu
die häufigste Varietät darstellt und meistens zur Aufdeckung
eines Bronchialcarcinoms führt. Myelitiden können auch mit
systemischen Grunderkrankungen wie Lupus erythematodes, Kollagenosen,
Sarkoidose, Sjögren Syndrom, Vaskulitis, Phospholipidsyndrom assoziiert
sein und dementsprechende Liquorbefunde zeigen. Unter immunsuppressiver
Therapie ist der Liquor jedoch nicht selten unauffällig bzw. normalisiert
sich im Verlauf.
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Literatur:
Kaplin AI, Krishnan C, Deshpande DM, Pardo CA, Kerr DA: Diagnosis and management
of acute myelopathies. The Neurologist 2005; 11: 2-18
Harzheim M, Schlegel U, Urbach H, Klockgether T, Schmidt S: Discriminatory
features of acute transverse myelitis: a retrospective analysis of 45 patients.
J Neurol Sci 2004; 217: 217-223
Lennon VA, Wingerchuk DM, Kryzer DJ, Pittock SJ, Lucchinetti CF, Fujihara
K, Nakashima I, Weinshenker BG: A serum autoantibody marker of neuromyelitis
optica: distinction from multiple sclerosis. Lancet 2004; 364: 2106- 2112
De Seze J, Stojkovic T, Breteau G, Lucas C, Michon-Pasturel U, Gauvrit J,
Hachulla E, Mounier-Vehier F, Pruvo J, Leys D, Destee A, Hatron P, Vermersch
P: Acute myelopaties. Clinical, laboratory and outcome profiles in 79 cases.
Brain 2001; 124:1509-1521
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